Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1981

_Abwechslungsreiche SF-Erzählungen: keine deutsche Beteiligung_

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. von C. J. Cherryh.

_Die Erzählungen_

_1) Brian W. Aldiss: Letzte Bestellung (1976)_

Der letzte Tag des Weltuntergangs. Die Trümmer des Mondes, wo man verhängnisvolle Schwerkraftexperimente durchführte, wird jeden Moment auf die Erde krachen, seine Schwerkraft verursacht Beben und das Zusammenbrechen der Häuser von London und anderswo. Der Hauptmann der letzten Räumungsstreife entdeckt in einer Kneipe die letzten Menschen auf der Erde. Doch entgegen seinem Befehl weigern sie sich, die Erde mit der letzten Fähre zu verlassen.

Die ältere Frau und ihr Begleiter, ein Vertreter für Schwimmbäder auf anderen Welten, trinken fröhlich auf das Ende der Welt, laden Hauptmann Jim ein und widerstehen jedem Räumungsbefehl. Die Welt mag in Trümmer fallen, aber das Trio der Trinker kommt sich stetig näher. Man vertagt sich ins Hinterzimmer.

|Mein Eindruck|

Dass der Tag des Weltuntergangs eine feuchtfröhliche Angelegenheit sein kann, beweist der Autor mit seinem typisch britischen Humor: leicht ironisch, leicht makaber. Immerhin aber erzählen die zwei letzten Trinker auf Erden, wie auf dem Mond alles Unglück begann; als sich die ersten Risse im Boden unter der Mondkuppel der Stadt Armstrong bildeten, da wusste der Schwimmbadvertreter Bescheid und machte sich auf den Weg zur Erde. Nur dass ihm eben der Mond auf dem Fuß folgte.

Mich hat die Story an Larry Nivens Erzählung „Inconstant Moon“ erinnert, die sich im Heyne SF Jahresband 1982 findet. Auch dort stürzt der Mond auf die Erde und verursacht einen gigantischen Tsunami. Der Trick des Autors: Er lässt die Katastrophe erst auf der anderen Seite der Erde erahnen, bevor er die Flutwelle über Kalifornien hereinbrechen lässt. In Aldiss’ Story geht jedoch alles sehr viel zivilisierter zu.

_2) Anthony Burgess: Die Muse (1971)_

Wer schrieb William Shakespeares berühmte Schauspiele wirklich? Um diese Frage ein für alle Mal zu klären, begibt sich der Zeitreisende Paley, selbst ein Theatermann, per Zeitraumschiff zur Welt B-303, wo sich die Erde des Jahres 1595 befindet. Kapitän Swenson setzt sein Ein-Mann-Raumboot bei London ab und will ihn in einem Jahr wieder abholen. Doch das Theater „The Globe“ ist morgens um 4 natürlich leer. Deshalb kommt der Nachtwächter gerade recht, um Paley den Weg zu weisen. Er gibt sich als Kaufmann aus Norwich aus, spart auch nicht mit Gold. Sogleich beeilt sich der gute Mann, ihm den Weg nach Bishopsgate zu weisen: in ein Hurenhaus.

Hier erweist sich, dass die Anatomie der hiesigen Zweibeiner in einigen nicht unbedeutenden Punkten von Paleys eigener abweicht. Die Lady hat Augen statt Brustwarzen. Doch Paley wird wenigstens der Weg zu jenem Mann gewiesen, der als Maister Shairkspeyr bekannt ist. Dort erwartet ihn eine weitaus unangenehmere Überraschung: Er wird bereits erwartet – und ebenso willkommen sind die fünf Schriftstücke mit Schauspielen, die Shakespeare erst nach 1595 geschrieben haben soll. Musen sollte man nicht abweisen, lästige Besucher wie diesen Paley allerdings schon …

|Mein Eindruck|

Die Story ist sehr ironisch und hat einen bitterbösen Schluss. Aber was Burgess wirklich leistet, besteht darin aufzuzeigen, wie relativ doch die Erden sind, die man als Zeitreisender besuchen könnte. Auf einer anderen Erde (G-9) des 14. Jahrhunderts herrschen Ektoplasma-Ungeheuer über die Bauern; auf Paleys B-303 sind es ebenfalls Gestaltwandler. Was aber absolut den historischen Tatsachen entsprechen dürfte, sind die bestialischen Gerüche der Abwasserkanäle von London sowie die Allgegenwart von Pest verbreitenden Ratten.

Nur an einer Stelle auf S. 195 gestattet sich der Autor einen Ausrutscher. Die Rede ist von Tyburn – heute Marble Arch. Aber diese Erklärung ist nicht Paley zugewiesen, sondern kommt direkt von einem allwissenden Erzähler, quasi als Einmischung.

|3) Thomas M. Disch: Abwärts (1968)|

Er, eine Pleite gegangene Leseratte, geht ins Kaufhaus Underwood, kauft Lebensmittel und Bücher auf eine abgelaufene Kreditkarte Underwoods, trinkt einen Kaffee und betritt sodann im Dachrestaurant die Rolltreppe nach unten. Vertieft in seinen Thackeray, merkt er nicht, wie er immer weiter nach unten fährt. Als er aufschaut, befindet er sich im 152. Kellergeschoss. Kein Mensch weit und breit. Und keine einzige Rolltreppe, die hinaufführt.

Zuerst versucht er noch, die Rolltreppe entgegen der Fahrrichtung hinaufzugehen. Das klappt ganz gut, aber nach etwa 20 treppen streckt ihn der erste Muskelkrampf nieder. Lieber essen, am Brünnlein trinken, Wasser abschlagen, dann noch ein Anlauf. Wieder Muskelkrämpfe. Oh Hölle, Dantes Hölle! Er stellt fest, dass es weitaus einfacher ist, abwärts zu fahren, immer weiter abwärts …

Eine Woche später. Halluzinationen. Dieser Keller hat keinen Boden, die Rolltreppe kein Ende. Vielleicht kann er bis zum Mittelpunkt der Erde fahren, überlegt er, und von dort geht es ja automatisch wieder aufwärts. Am Mittelpunkt der Erde, so heißt es, gebe es keine Schwerkraft mehr. Aber der Hunger streckt ihn vorher nieder. Schmerzlos schält ihm die Rolltreppe das Fleisch von den Handknochen. Wie der Scherkopf eines Rasierapparats …

|Mein Eindruck|

Die Story ist gruselig und surreal, aber sie ergibt einen vollständigen Sinn. Er, der abgebrannte Konsument ohne Kredit, steht für die konsumierende Menschheit, die ihren Planeten ausbeutet und das Konto gnadenlos überzieht. Noch auf den letzten Drücker prassen, die besten Bücher lesen – darunter Dantes „Göttliche Komödie“. Die Kellergeschosse kommen unserem Mann bald vor wie Dantes Kreise der Hölle, und der Abstieg ist ebenso endlos.

Welches Verbrechen hat er begangen? Ewig und gewissenlos zu konsumieren, auszubeuten, nicht an morgen zu denken, andere anzupumpen, statt selbst etwas zu leisten. Nun ist die Stunde der Bestrafung gekommen: ein ewiges Abwärtsgleiten, ohne Rast und ohne Ruh, bis zu jenem Punkt, an dem die eigenen Kräfte versagen, der Halt an die Realität verlorengeht und der Schmerz keinen Schrecken mehr bietet.

|4) Alain Dorémieux: Der Turm (1978)|

Larcan lebt als letzter Mensch in den Wohntürmen, die als Einzige noch aus dem Sandmeer herausragen, das inzwischen die Stadt Paris bedeckt. Alle anderen sind bereits fortgezogen, doch er braucht seine gewohnte und angestammte Umgebung. Es herrscht Endzeitstimmung in einem ewigen Sommer, den das Treibhausklima verursacht hat.

Der Sand hat inzwischen das 10. Stockwerk erreicht, wo Larcan direkt die Wüste betreten könnte, die Europa nunmehr bedeckt. Doch immerzu weht der starke Wind stechende Sandkörner auf die Haut des Wanderers, selbst wenn er auf seinem Lieblingsplatz steht: oben auf der Dachterrasse. Doch selbst dort zeigt der Beton bereits Risse, und es ist abzusehen, dass auch der Turm der stumme Wächter, eines nicht allzu fernen Tages einstürzen und sich zum Sandmeer gesellen wird.

|Mein Eindruck|

Obwohl kein einziges Wort gesprochen wird und es mangels Akteuren auch keine Handlung gibt, so beeindruckt diese Erzählung doch durch ihren ausgefeilten Stil, mit dem der Autor einen Endzeitzustand beschreibt und die dazugehörige Stimmung evoziert. An nichts erinnert die Geschichte so sehr wie an J.G. Ballards „Der ertrunkene Riese“ mit seiner statischen Zustandsbeschreibung, allerdings ohne die makabren Seitenaspekte, oder an seinen Roman „Kristallwelt“.

In „Der Turm“ eine besondere Stimmung des Dazwischen: Das, was wir für selbstverständlich gehalten haben, die globale Zivilisation, ist vergangen, und etwas anderes hat noch nicht angefangen. Aber es erweist sich als ein Trugschluss des subjektiven Beobachters, dass er bzw. die Türme auf etwas warten sollen. Es wird nie eintreten, denn da draußen ist außer dem Wind und dem Sand nichts mehr. Keine Reiterhorden werden von Osten heranstürmen, allenfalls eine Kamelkarawane.

Was der Autor nie erklärt, ist die Frage, wie sich Larcan überhaupt in einer Umwelt ernähren kann, die a) völlig verlassen ist und b) unter Sand begraben. Offenbar lebt er von der frischen Luft und den zur Neige gehenden Tabakvorräten. Das ist allerdings ein bisschen wenig.

_5) Rudyard Kipling: Die schönste Geschichte der Welt (übersetzt 1925)_

Der Ich-Erzähler bietet sich dem jungen Bankangestellten Charlie Mears als offenes Ohr für dessen dichterische Ergüsse an. Eines Tages kommt Charlie hereingestürzt und behauptet, die genialste Idee aller Zeiten zu haben. Unser Erzähler, selbst ein Schriftsteller von hohen Graden, stöhnt innerlich auf, gibt sich aber hörbereit. Charlie versucht, seine Geschichte in Worte zu fassen, doch schon bald versiegt deren Strom. Statt dessen bietet er die Geschichte, deren Grundzüge er skizziert, seinem Mentor an. Dieser bietet die astronomische Summe von fünf britischen Pfund – heutzutage etliche Dutzend Euro – für die Idee (nicht die Story).

Aber als ihm Charlie die Story weiter ausmalt, beginnt er ihn zu fragen, woher er denn wissen wolle, wie sich einst Galeerensklaven auf dem dritten Unterdeck fühlten. Wie es scheint, sind Charlie alle diese Eindrücke im Traum zugeflogen, als habe ihn die Muse geküsst. Oder etwas anderes ist der Fall. Unser Chronist grübelt, je detaillierter Charlie seine Geschichte vom Galeerensklaven ausschmückt, und zwar bemerkenswert realistisch.

Als er dann auch noch von einem „rotbärtigen Helden in einem Boot mit bemalten Segeln“ anfängt, ist unser Chronist überzeugt, es mit Seelenwanderung zu tun zu haben. Charlie erzählt, ohne es zu wissen, eindeutig von Thorfin Karselfnis Fahrt mit Erik dem Roten ins sagenhafte Weinland, das von den Wikingern um das Jahr 1000 entdeckte Amerika. Er hat keinen Zweifel, mit dieser Story ein Vermögen machen zu können – falls Charlie endlich von den Klischees wegkommt und mal etwas Besonderes erzählt.

Doch die Schicksalsgöttinnen haben etwas anderes vorgesehen. Wie sein bengalischer Freund einwendet, gibt es kein Kraut, das a) gegen den Willen der Götter und b) gegen die Liebe einer Frau, für die Charlie Mears entbrennt, gewachsen ist. So kommt es auch. Und deshalb wird die „schönste Geschichte der Welt“ nie geschrieben.

|Mein Eindruck|

Geschichten über die Abenteuer von Galeerenruderern oder kühnen Wikingerpiraten gab es schon unter den Viktorianern und erst recht in den 1920er Jahren wahrlich wie Sand am Meer, denn an kühnen Abenteurern à la Argonauten bestand noch nie Mangel. Das ist der Grund, was unser Schriftsteller so erpicht darauf ist, mehr über Charlies Figuren zu erfahren. Das Bemerkenswerte an Charlies „Methode“ ist jedoch, dass er die Erinnerungen zweier früherer Seelen einsehen kann. Normalerweise löschen die Schicksalsgöttinnen, wie der Chronist diese metaphysischen Kräfte nennt, diese Erinnerungen, wenn eine neue Seele auf die Welt kommt. Das Phänomen bei Charlie scheint Seelenwanderung bzw. Metempsychose zu sein.

Nun sagt sich der Chronist, wäre es nicht großartig, könnte Charlie noch auf weitere Seelenerinnerungen zugreifen, auf solche, die etwas weniger klischeehaft sind als Piraten und Ruderer? Doch dazu müsste er bzw. Charlie die Schicksalsgöttinnen überlisten, und das lassen diese leider nicht zu. Als sich Charlie verliebt, ist die Quelle vollends versiegt.

Die Story handelt vom tragikomisch inszenierten Frust, den man im Ringen mit der Muse erleben kann. Dieser Grundkonflikt ist so wunderbar aufgedröselt und auf verschiedene Figuren verteilt, dass es wirklich Spaß macht, mit Spannung dem Ausgang der Geschichte entgegenzufiebern.

_6) Arkadi & Boris Strugatzki: Der Knirps (Malys, 1973; illustriert)_

Fern von der Erde formen Arbeitsgruppen irdischer Raumfahrer die Natur eines Planeten um. Er soll zur neuen Heimat für eine menschenähnliche, doch noch wenig entwickelte außerirdische Zivilisation werden. Der beispiellosen Größe dieser kosmischen Hilfsaktion sind die technischen Möglichkeiten angemessen, für die im 22. Jahrhundert interstellare Reisen kein Problem mehr sind.

Kein Wunder also, wenn der Robotertechniker Sta Popow zu Beginn seiner Erzählung mitteilt, wie wenig aufregend ihm die Arbeit am Übersiedlungsprojekt erschien. Was konnte auf solch einem leeren, öden, fast leblosen Planeten denn schon passieren?

Doch gerade er, Sta Popow, Herr über drei halborganische Arbeitsroboter, wird mit dem Unbekannten konfrontiert: Er hört unheimliche Geräusche, sieht Phantome, zweifelt an seinem Verstand, bis auch andere Kosmonauten seiner Arbeitsgruppe unerklärliche Vorgänge bemerken und schließlich der Urheber jener Rätsel selbst auftaucht: „der Kleine“ (der titelgebende Knirps), ein Menschenkind, das als einziger Überlebender eines vor Jahren gescheiterten Raumschiffs auf dem Planeten aufgezogen wurde. Von wem denn? Wer hat seinen Körper so grotesk deformiert und ihn mit Fähigkeiten ausgestattet, über die kein Mensch verfügen kann? Ist der scheinbar leere Planet etwa doch bewohnt?

Er ist es, und weil dies natürlich megapeinlich ist, setzen die Menschen alles daran, den Kontakt zu den Planetenbewohnern zu erzwingen – ebenso hartnäckig, wie diese dem Kontakt ausweichen. Sta Popow kann nur mit dem Kleinen Kontakt aufnehmen, doch für diesen ist es ein schwieriger Konflikt, denn sein Unterbewusstsein gehört den Eingeborenen, sein Bewusstsein jedoch den Menschen.

Der Kommandant des Unternehmens versucht, diesen Konflikt zu lösen, den Kleinen für die Menschheit zu gewinnen und durch ihn Kontakt zu den fremden Wesen aufzunehmen. Die Mitglieder der Kontaktmission entscheiden sich gegen den Plan des Kommandanten, denn die humanistische Verantwortung der Menschheit lässt nicht zu, dass der Kleine, der jetzt als dritte Zivilisation, zwischen den beiden anderen steht, geopfert wird.

(Die Menschen verlassen den Planeten, der Kleine bleibt zurück. Sie bleiben jedoch in Verbindung mit ihm, die Hauptkontaktperson bleibt Stas Popow, den der Kleine besonders in Herz geschlossen hat.)

|Mein Eindruck|

Die Begegnung mit Außerirdischen verläuft diesmal friedlich. Das liegt aber nur an den humanistischen Grundsätzen für die Einmischung der Menschen auf einer anderen Welt. Vor dem Hintergrund dessen, dass im Jahr 1973 immer noch denkbar kältester Krieg zwischen den beiden Blöcken West und Ost herrschte, ist diese Darstellung schon ziemlich idealistisch zu nennen.

Eine sehr interessante Figur ist der Mittler zwischen den Menschen, die den Planeten terraformen wollen, und den meist unsichtbaren Einheimischen: der Kleine. Wie ein Wolfskind hat er sich den Existenzbedingungen des Planeten angepasst und Fähigkeiten der Aliens erworben. Diese bilden nun bei der Begegnung mit Menschen eine Chance, aber auch ein Handicap für ihn: halb Mensch, halb Alien, fühlt er sich zerrissen. Das ist für einen diplomatischen Vermittler eine denkbar undankbare Rolle. Dass er sich opfert, ist aber für Stas Popow unannehmbar, eben aufgrund der humanistischen Maximen der Expedition.

Für diesen schönen Roman, der 1975 in Ost-Berlin als illustrierte Ausgabe unter dem Titel „Die dritte Zivilisation“ erschien, wurden sehr schöne, fantasievolle Zeichnungen beigesteuert, die auch in der deutschen Ausgabe hier beigefügt wurden. Dafür gebührt dem Herausgeber ein herzliches „Dankeschön“.

_7) James Tiptree jr.: Geburt eines Handlungsreisenden (1968)_

T. Benedict leitet die Kontrollstelle für den Export in Xenokulturen, kurz KEX. Heute ist hier mal wieder der Teufel los, er selbst und seine „Bürohäschen“ müssen auf Hochtouren schuften. Das optische und das auditive Telefon stehen nicht mehr still. Das terranische Imperium ist ebenso groß, seine Handelsbeziehungen reichen bis zu Deneb, Altair und Fomalhaut. T. Benedicts Job ist es, Ausfuhrgenehmigungen auszustellen, allerdings nur für sichere Güter. Der Haken dabei: Auf jeder Welt, auf jeder Umladestation gelten andere Normen für das, was „sicher“ bedeutet.

Ein Tintenfisch ist für andere Sinneswahrnehmungen empfänglich als ein Mensch (männlich/weiblich), ein Denebianer wiederum für andere als ein Tintenfisch usw. Von Qualität ganz zu schweigen. Die erste Kontrolle führt die KEX mit ihren eigenen (menschlichen und außerirdischen) Wissenschaftlern im Labor durch. Dort arbeiten Jim, Splinx und Freggleglegg. Letzterer hat an den Chargen, die Mr. Marmon vorgelegt hat, fünf verschiedene Gefühlsregungen festgestellt. Offenbar hat ein Telepath in der Herstellung von Mr. Marmon die Kisten als K-Objekte benutzt und sie mit entsprechenden Emotionen aufgeladen: Hoffnung, Glück, sexuelle Erregung, schwere Depression und schließlich Heimweh. Ein Wunder, dass der arme Freggleglegg diesen Gefühlssturm überhaupt überlebt hat.

Vor Anfechtungen erotischer Natur bleibt T. Benedict ebenfalls nicht verschont. Miss Krupp von der Joanna Lovebody AG sieht aus wie eine rothaarige Gazelle in einem Silberanzug. TB bricht der Schweiß aus. Miss Krupp oder Klapp oder Krepp – TB kann sich keinerlei Namen merken – möchte ihre weltberühmten Hautcremes zur Nachbarwelt verschiffen. Nach eingehender Analyse und der Zusage, dass die Döschen in die KEX-Standardverpackung umgeladen wird, erteilt TB die Ausfuhrgenehmigung. Allerdings erlebt er damit am Ende dieses langen Tages eine böse Überraschung. Als das Licht ausgemacht wird, beginnen die Döschen, erotische Liebeslieder zu singen …

|Mein Eindruck|

Dies ist die erste Erzählung, die Tiptree veröffentlichen konnte, und es ist eine ihrer verrücktesten, unbekümmertsten obendrein. Der Text liest sich zwar wie eine Soap Opera auf Speed und besteht fast nur aus Mono- und Dialogen, doch die zahlreichen Einfälle machen die Lektüre zu einem erfrischenden Vergnügen. Man denke beispielsweise an die „Star-Trek“-Episode „The trouble with Tribbles“. Ungefähr so lustig geht es hier ab.

_8) Roger Zelazny: Der Former (He Who Shapes, 1965, NEBULA) _

Bedeutende Forschungen auf dem Gebiet der Psychiatrie haben zur Einführung einer neuen Technik, der Neuro-Partizipations-Therapie, geführt. Mit ihrer Hilfe kann der Therapeut direkt in das Unterbewusstsein des Patienten eindringen, von dort aus den Heilungsprozess beginnen und den Patienten langsam umformen. Ein solcher „Former“ ist Charles Render. Er spielt Gott, indem er realistische Traumwelten in der Psyche seiner Patienten modelliert, die, richtig angewendet, zur allmählichen Gesundung führen sollen. Bis eines Tages …

Dr. Eileen Shallot, eine blinde Psychiaterin, bittet Charles Render, ihr über den Umweg der Geistesverbindung das Sehen zu ermöglichen, ein lang gehegter Wunsch der Blinden. Trotz der Gefahren, welche die Therapie bei willensstarken Personen mit sich bringt – die von Geburt an blinde Eileen verfügt über ein Realitätsempfinden, das stark von der tatsächlichen Realität abweicht – ist Render bereit, die Therapie zu beginnen. Um Eileens geistige Gesundheit zu erhalten, muss er ihre ‚idyllische‘ Weltsicht durch das Aufzeigen realer Dinge korrigieren. Aber sie erweist sich als stärker als er und zieht ihn in ihre Traumwelt hinein, bis es für Render kein Entkommen mehr gibt. Der Psychiater endet im Wahn. Aber in einem schönen.

|Mein Eindruck|

Ist dies nun eine Drogenstory, die sich auf einen Trip begibt, wie ihn Timothy Leary mit Hilfe von LSD verwirklichen wollte und anpries? Oder geht es doch „nur“ um den „Inner space“, also die Bewusstseinwelt, die ähnlich bizarr ausfallen kann wie eine fremde Welt? Darin folgt Zelazny der britischen New Wave und ihrem wichtigsten Autor J. G. Ballard.

Der Autor zieht C. G. Jungs Psychologie heran, um den Leser durch eine Galerie mythischer Elemente zu führen, die teils aus der Artussage, teils aus der nordischen Götterdämmerung stammen. Es ist ein ganz schön bunter Trip, voll faszinierender Erlebnisse, und manchmal wünschte ich mir, auch so einen Former zu kennen, der mal mein eigenes Unterbewusstsein aufräumen würde. Zelazny hat die Novelle zu einem Roman ausgebaut: „The Dream Master“ erschien 1966 und wurde 1986 von Bastei Lübbe unter dem Titel „Ein Spiel von Traum und Tod“ veröffentlicht.

_9) Jack Vance: Die letzte Festung (The Last Castle, 1966, HUGO Award)_

In ferner Zukunft, als die Menschheit wieder auf die 3000 Jahre lang verwaiste Erde zurückgekehrt ist, haben die Menschen neun Festungen errichtet, in denen sie sich bislang 700 Jahre lang gegen Nomaden usw. verteidigt haben. Jede Burg verfügt über Diener in Form von Meks und Bauern, wobei die Meks halborganische Blecksklaven sind, die im Gegensatz zu den Bauern selbständig denken können. Vor einem halben Jahr nun haben alle Meks, die ursprünglich von Etamin 9 stammen, die Burgen verlassen. Um was zu tun, fragen sich die Aristokraten.

Die „Herren“ der Erde sehen sich bald einem Aufstand der „Meks“ gegenüber. Burg Janeil ist die Vorletzte aller neun Festungen, doch ihre hochherrschaftlichen Bewohner stehen dem Angriff ratlos gegenüber. Ihre einzige Energiewaffe steht nutzlos und verrostet im Keller. Und überhaupt: Wäre es nicht unter ihrer Würde, sich dem Pöbel entgegenzustellen? Nur die jungen Hitzköpfe – natürlich, wieder mal die Jugend! – stellen sich den Blechkumpeln entgegen, die einen Erdwall errichtet haben, der genauso hoch ist wie die Mauern der Burg. Die jungen Krieger, ach, sie werden hingeschlachtet in der Blüte ihrer Jugend! Burg Janeil muss fallen. Und das nach 700 Jahren!

Nun ist die letzte Festung dran, Burg Hagedorn. Sie wird von O.C. Charle verwaltet, einem willenlosen Kompromisskandidaten, weil sich nicht genügend Unterstützer für O.Z. Garr und für Claghorn, seinen Rivalen, gefunden haben. Während der konservative Garr für seinen Esprit und seine Zivilisiertheit bewundert wird, kann der unorthodoxe Claghorn aufgrund seines Wissens über Meks und seine Entschlossenheit punkten.

Clanältester Xanten hat sich der Partei Claghorns angeschlossen und neigt eher zum Handeln als zum Debattieren. Im Kriegsrat ist er dafür, sofort alle Raumschiffe dem Zugriff der Meks zu entziehen. Bevor er abfliegt, bekommt er per Funk mit, dass Burg Delora angegriffen werde. Es ist höchste Zeit! Am Abend erstattet er dem Ältestenrat Bericht: Er habe jede Meks getötet, die dabei waren, die Raumschiffe zu sabotieren, und nahm einen von ihnen, der selbständig handelte, gefangen. Doch als er Beistand von den Nomaden und den vor der Burg lebenden Außenseitern erbat, sei er nur abgewiesen worden.

Die Burg ist also auf sich gestellt, erkennen die Adeligen messerscharf. Doch darf sie nicht abhalten, sich dem Pöbel zu widersetzen und eine feine Schau der hochgezüchteten, grazilen Nymphen abzuhalten. Xanten, der keine Nymphen züchtet, ist angewidert. Er sucht sich ein Mädchen unter den Außenseitern, doch Glys Meadowsweet hat schlechte Erfahrungen mit Herrn O. Z. Garr gemacht und Vorbehalte gegen alle Adeligen. Die gilt es nun zu überwinden. Er schließt sich ebenso wie Claghorn den Außenseitern an, um den Widerstand gegen die anrückende Mekarmee zu organisieren.

Keinen Tag zu früh, denn sofort beginnen die Meks Tunnel zu graben, um die Fundamente der Burgmauern zum Einsturz zu bringen. Xantens Leute können den Meks nun nach Manier einer Guerilla in den Rücken fallen. Doch wird dies ausreichen?

|Mein Eindruck|

Die Novelle erhielt sowohl den Nebula als auch den Hugo Gernsback Award, die zwei wichtigsten amerikanischen Auszeichnungen für Science-Fiction. Natürlich fragt man sich heute, was denn an einer gewöhnlichen Freiheitskampfstory so großartig sein soll. Man muss allerdings berücksichtigen, dass nicht die Adeligen um Freiheit kämpfen, sondern die Meks. Und die Adeligen müssen erst einmal zur Einsicht gebracht werden, dass es nicht um ihren Besitz geht, sondern um ihr Überleben.

Der Verlauf der Handlung ist doch ein klein wenig überraschend. Wie sich zeigt, ist es genau die Burg, an der die konservativen Adeligen hängen, die ihr Verderben wird. Und jeden, den sie für einen Verräter halten, wollen sie umbringen. Xanten hat erkannt, dass die Burg selbst nur ein unnötiger Klotz am Bein ist, doch er ist es dann auch, der für einen Verräter gehalten wird – zumindest von O.Z. Garr und Seinesgleichen.

Viele wichtiger als dieser Kampf umd Besitz, Tradition, Freiheit und Umsturz ist vielleicht noch die Debatte um die moralische Begründung des Kämpfens und tötens an sich. Xanten führt dazu mit dem Nomadenhäuptling sowie einem Sprecher der Außenseiter heftige Diskussionen. Dem Hetman ist es angeblich egal, ob sich Meks und Aristos die Schädel einschlagen, doch Philidor von den Außenseitern lehnt als Pazifist sogar die Selbstverteidigung als Anlass zum Töten anderer Wesen ab. Zwischen diesen beiden extremen Standpunkten muss Xanten seinen eigenen suchen.

Ich selbst konnte nicht umhin, die Novelle vor dem Hintergrund des 1965 ausgebrochenen Vietnamkrieges zu betrachten (d.h. 1965 griffen erstmals reguläre US-Truppen in diesen Jahrzehnte dauernden Konflikt aktiv ein). Es wäre zu viel gewagt, würde man die Meks den Nordvietnamesen zuweisen und die Adeligen den Amerikanern zuschlagen. Das wäre zu stark vereinfacht. Aber auch das Muster eines Befreiungs- und Unabhängigkeitskampfes trifft zu. Die Meks wollen lediglich keine Sklaven mehr sein und zurück auf ihre eigene Welt Etamin 9. Am Schluss wird ihnen dies gestattet. Die Burg aber wird zu einem Museum. Das wachsende Leben findet außerhalb ihrer Mauern statt.

_Die Übersetzungen_

Ich habe in allen Texten zahlreiche Flüchtigkeitsfehler gefunden, angefangen von Kommafehlern, bis zu fehlenden Buchstaben und Zeichen bis hin zu Drehern und falschen Kasusendungen. Das ist leider kein Glanzpunkt in der editorischen Geschichte der SF-Reihe.

_Unterm Strich_

Die Mischung dieses Auswahlbandes finde ich nicht so gelungen wie seinen Vorgänger aus dem Jahr 1980. Der Band mag ja mit 5,80 D-Mark damals supergünstig gewesen sein (und würde heute locker an die 20 Euro kosten), doch eigentlich ragen nur die amerikanischen und russischen Beiträge in der Auswahl heraus. Sehr gelungen fand ich „Der Knirps“ mit seiner friedfertigen Botschaft, aber noch wesentlich witziger ist „Geburt eines Handlungsreisenden“ und „Der Former“ mit seinen poppigen Versatzstücken aus der Inner-Space-SF.

Etwas Besonderes ist „Die letzte Festung“ in ihrer Verbindung aus mittelalterlicher Denkweise der Adeligen und der Entwicklung zu einer amerikanischeren Lebensanschauung, die Claghorn und Xanten annehmen und in die Tat umsetzen. Man kann hier auch die Abkehr von der Alten Welt herauslesen, welche in den verkalkten Adeligen als überlebt und lächerlich erkennbar ist.

Apropos Alte Welt: Von dort stammen die Beiträge des Franzosen Dorémieux und der Briten Kipling, Burgess und Aldiss. Einen deutschen Vertreter der Phantastik sucht man hier leider vergeblich. Das änderte sich aber mit späteren Auswahlbänden.

|Taschenbuch: 475 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern|
http://www.heyne.de

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