Jeschke, Wolfgang (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 1982

_Preiswerte Qualitäts-Phantastik auch für Nicht-SF-Leser_

Der inzwischen in Rente gegangene Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe, Wolfgang Jeschke, pflegte von 1980 bis 2000 eine schöne Tradition: Jedes Jahr präsentierte er seinen Lesern eine Anthologie von guten phantastischen Geschichten zu einem sehr erschwinglichen Preis. Lag dieser 1980 noch bei schlappen 4,80 DM, so war der Preis im Jahr 2000 bereits bei 18,00 DM angelangt – und wäre heute überhaupt nicht mehr bezahlbar. (Man könnte man die Preissteigerungsrate ausrechnen: Sie ist astronomisch hoch.)

Wie immer jedoch lieferten die SF-Jahresbände Erzählungen, die von der ersten Liga der Autoren und Autorinnen stammte. Stets war ein kleiner Ausreißer dabei, sei es ein Autor aus dem früheren Ostblock – zu dem Jeschke von jeher gute Kontakte pflegte -, oder ein Kurzroman, z. B. hier von C. J. Cherryh. Der Herausgeber schrieb in den frühen Jahresbänden stets ein kurzes Porträt des jeweiligen Autors dazu, inklusive eines Fotos. In späteren Bänden wurde dieses Schmankerl aufgegeben, wahrscheinlich aus Zeitmangel.

_Die Erzählungen_

_1) Ray Bradbury: April 2000: Die dritte Expedition (1950)_

Die dritte Marsexpedition forscht im Jahr 2000 nach dem Verbleib der ersten beiden Expeditionen. Als das Raumschiff landet, trauen die Männer ihren Augen nicht: Die Landschaft ist die des idyllischen Illinois aus der Zeit ihrer Großeltern. Und als Kapitän John Black mit Arzt und Navigator zur Erkundung hinausgeht, ist auch die Atmosphäre exakt so wie auf der Erde.

Noch unheimlicher wird die Sache, als sie eine alte Frau fragen, welches Jahr man schreibe: Na, 1926 natürlich! Einer der Begleiter sieht seine Großeltern und wird von ihnen herzlich begrüßt – obwohl sie schon vor 30 Jahren starben. Und Black selbst entdeckt seinen Bruder Ed und seine Eltern, die auch schon tot sind.

In der Nacht, als er in seinem alten Jugendzimmer neben seinem Bruder liegt, kommen seine aufgewühlten Gefühle endlich zur Ruhe und er kann nachdenken, was dahinterstecken könnte. Er macht eine schreckliche Entdeckung. Leider ein paar Momente zu spät. Die Erde wird eine vierte Expedition schicken müssen.

|Mein Eindruck|

Wie Philip K. Dick nach ihm traut Bradbury dem Anschein nicht. Für ihn ist die Wirklichkeit des Mars nur ein Trugbild, ein erkenntnistheoretisches Verwirrspiel. Dick sollte später die sogenannte Wirklichkeit zunehmend radikaler zertrümmern und letztlich – in „VALIS“ – bei den „höheren Instanzen anlangen. So weit geht Bradbury noch längst nicht. Seine Story aus dem Zyklus „Die Mars-Chroniken“, der just im Jahr 1982 mit Rock Hudson verfilmt wurde, spiegelt uns eine Idylle vor, die er selbst noch, als Junge in Waukegan, Illinois, kennengelernt hatte: alles zu schön, um wahr zu sein. Aber gerne hätten wir, dass die Idylle wahr wäre!

_2) Catherine L. Moore: Shambleau (1933)_

Der am Rande der Legalität lebende Northwest Smith gerät in einer marsianischen Siedlerstadt in eine Verfolgungsjagd. Doch er kann sich davor rechtzeitig in Sicherheit bringen und wartet ab, wer denn da verfolgt wird: Es ist eine junge Frau in einem scharlachroten Lederdress, die einen Turban trägt – eine recht ungewöhnliche Aufmachung. Der Mob schreit: „Shambleau!“, als ob sie eine Hexe wäre und verbrannt werden müsste. Smith nimmt die Frau in Schutz und sagt, den Anführern, sie gehöre ihm. Man schaut ihn voll Mitleid und Verachtung an, geht dann fort. Smith ist erstaunt. Was hat die Leute so aufgebracht?

Er nimmt sie mit sich nach Hause in seine schäbige Absteige. Dort merkt er, dass sie eine fremde Lebensform sein muss, denn sie hat Katzenaugen, und unter ihrem Turban lugt im Dämmerlicht eine scharlachrote Locke hervor – die sich bewegt! Hat er sich getäuscht? Etwas in ihm sträubt sich dagegen, sie zu küssen. Zu groß ist der Abscheu vor dem absolut Fremden. In der Nacht hat er seltsame Träume voller Lust und Ekel.

Nachdem er am nächsten Tag seine Erledigungen gemacht hat, kehrt er heim und bemerkt, dass Shambleau nichts gegessen hat. Hm, wovon ernährt sie sich denn dann, will er wissen. Von … anderen … Dingen, meint sie ausweichend. Sie spricht die terranische Sprache sehr schlecht, und so hält sich Smith zurück.

Doch mitten in der Nacht erwacht wegen einer Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Im schwachen marsianischen Mondlicht sieht er, wie Shambleau, die Frau mit dem verführerischen Mädchenkörper, ihren Turban abwickelt. Darunter kommen Dinger zum Vorschein, die er zunächst für rote Locken hält, doch sie krümmen sich, wachsen, glänzen schleimig und bedecken bald ihren ganzen Körper. Er kann seinen Blick nicht abwenden, fasziniert und entsetzt. MEDUSA, schreit sein Geist, doch ein telepathischer Befehl von der Kreatur verhindert, dass der Mann die Flucht ergreift. Und als sie ihren mit ihrem Katzenauge anschaut, ist es für ihn zu spät, um zu fliehen.

|Mein Eindruck|

Als diese Erzählung 1933 veröffentlicht wurde, hatte sie weitreichenden Einfluss auf das Schaffen vieler Autoren im phantastischen Umfeld. Ohne sie wären geniale Storys wie „Black Destroyer“ von A.E. van Vogt, diverse „Star-Trek“-Episoden und der Roman „Die Feuerschneise“ von James Tiptree jr. nicht denkbar gewesen. Denn diese schildern wie „Shambleau“ die Essenz des absolut Fremdartigen, das mit dem Menschen nichts gemeinsam hat – außer vielleicht der äußerlichen Gestalt.

Das Besondere an der Kreatur Shambleau ist zudem, dass sie die Verkörperung eines uralten Menschheitsmythos ist – ja, sogar dessen Grundlage, weil die Rasse der Shambleaus schon uralt ist. Somit schließt sich also ein Kreis, und die Idee, dass Aliens unsere Vorbilder für gewisse Ideen sein könnten, ist ebenso folgenreich wie die Darstellung des Fremdartigen.

Drittens berührt das Shambleau einen tiefen Zwiespalt in Northwest Smith, der in allen Menschen existiert: Die Lust, die die Gorgo erzeugt, ist dem Fleisch willkommen und erfüllt das Bedürfnis nach Befriedigung der Libido. Doch die Begegnung mit dem absolut Fremden jagt unserer Seele eine grundlegende Angst ein, die den Geist zum Kontrahenten des Fleisches macht. Dieser Zwiespalt bringt Smith fast um. Nur sein Freund kann ihm das Leben retten, doch er selbst ist dazu nicht mehr imstande: Das Shambleau hat ihm die Lebensenergie ausgesaugt ….

_3) C.J. Cherryh: Hestia (1979)_

Hinweis: Hestia war die griechische Göttin des Herdes und des Herdfeuers, wie die Altphilologin Cherryh sehr wohl wusste. Hestia wurde bei jedem Essen zuerst mit einem Gebet bedacht, auch von Gästen. Im Gegensatz zu ihrer römischen Nachfolgerin Vesta, einer Staatsgöttin, war Hestia eine Familien- und Hausgöttin.

Der Name des regelmäßig überfluteten Planeten Hestia weist auf die Notwendigkeit der ersten Voraussetzung für erfolgreiche menschliche Ansiedlungen hin: das Herdfeuer, Trockenheit, schützende Wärme. Leider wird die menschliche Bevölkerung, die sich hauptsächlich im Hauptstromtal niedergelassen hat – weil die einheimische intelligente Spezies ihr das Vordringen auf die Höhen verwehrt – jeden Frühling beinahe weggeschwemmt: Die Schmelzwasser des Stroms spülen die Haustiere und Hütten ebenso weg wie die Bodenkrume.

Nach 100 Jahren Siedlung sieht es für Hestia ziemlich mies aus. Die Kolonialbeamten der Erde machen sich „vom Acker“. Als ihr Chef, Sam Merritt, die Gelegenheit nutzen will, die ein Sternenschiff mit seiner früheren Geliebten Lilith bietet, verwehrt ihm der lokale Gouverneur Lee die (illegale) Abreise und zwingt ihn, noch mindestens ein Jahr Hestia sein Ingenieurswissen zur Verfügung zu stellen. Merritt muss widerwillig mitmachen und fährt den Strom hinauf, in einem Boot, das von Amos Selby und seinem unehelichen Sohn Jim gesteuert wird.

In Burns Station lernt er die Tochter des Hauses, die hübsche Meg, kennen. Er erklärt ihr jedoch, dass aus ihnen beiden wohl nichts unter den aktuellen Umständen werden würde. Sie ist Hestianerin, und er hat seinen Platz noch nicht gefunden. An der Grenze zum wilden Teil Hestias soll Sam mit einem Damm die Wasser des Stromes zähmen. Der Bau des Damms wird jedoch von den intelligenten Ureinwohnern sabotiert, so dass der Bau zahlreiche Opfer an Menschen, Vieh, Hunden und Material fordert.

Eines Tages gelingt es Sam und Jim, ein Weibchen einzufangen. Sie nehmen Sazhje gegen den Widerstand der Grenzsiedler in ein Zimmer des Haupthauses und ketten sie an. Eine Art inter-rassischer Kommunikation sowie Verständnis kommt in mehreren Wochen zustande. Als der Widerstand zu groß wird, muss Sam Sazhje wieder freilassen, obwohl die anderen sie lieber tot sehen würden. Er trifft sie weiterhin im Wald und schläft mit ihr. Meg ist ebenso abgestoßen von Sams Verhalten wie die anderen Grenzer.

Beim Versuch, Sazhjes Volk vor den Folgen des Damms zu warnen – der Stausee wird seinen Lebensraum überfluten – wird er von ihrem Volk gefangengenommen. Heftige Diskussionen und Mordversuche bedrohen sein Leben. Man nimmt ihn zu der Truppe von Ghair mit, der zahlreiche Grenzer getötet hat. Ghair hat Sprengstoff erbeutet und will den Damm sprengen, sodass die Grenzer am Strom ertrinken würden. Es geht also auf beiden Seiten um „Sie oder wir“.

Sam kann zurück zu den Menschen fliehen. Zusammen mit Amos und Jim kann er fast den Anschlag auf den Damm vereiteln, doch der Damm bricht und ertränkt dabei Ghairs Volk. Doch Sazhjes Stamm bietet den Grenzern nun Land am ungefährdeten Oberlauf an. Eine friedliche Koexistenz liegt im Bereich des Möglichen.

Abspann: Sam verzichtet in Hestias Hauptstadt auf das Recht auf den Abflug in einem Sternenschiff und reist mit Meg und Jim zurück zur früheren Grenze, nach Burns Station. Sie kommen an einem angelnden Ureinwohner vorbei, der sich in die nunmehr verlassenen Menschengebiete vorgewagt hat. Genau ein Jahr ist vergangen, seitdem Sam diesen Strom erstmals hinauffuhr.

|Mein Eindruck|

„Hestia“ zeigt ganz klar bereits in den Anfangskapiteln die krassen Unterschiede zwischen Erdgeborenen, Hestiasiedlern und Sternenfahrern auf. Ihre geistigen Einstellungen sind inkompatibel. Sternenfahrer würde niemals mit den verachteten Weltlingen siedeln, und Erdgeborene sind zu vernünftig und finanzbewußt, um die heimatverbundenen, sturen Hestianer wirklich verstehen zu können. Und für die Hestianer sind die anderen entweder Ausbeuter und völlig Fremde, die bald wieder verschwinden.

Und dann sind da noch die Nichtmenschen. Für sie geht es ebenso wie für die Kolonisten um das nackte Überleben, sollte Sam den Damm fertigstellen. Erst als Samm gegen alle Widerstände die Verständigung mit Sazhjes Volk gelingt, gibt es für die Grenzer wie auch für das Volk wieder eine Perspektive, an die vorher niemand zu glauben gewagt hat.

In „Hestia“ ist Cherryh eine spannende Grenzer-Story gelungen, in der die Sackgasse der gewaltsamen Konfrontation überwunden wird.

_4) Lino Aldani: Das andere Ufer (1979)_

Auf der Kolonialwelt Igea leben die „Kindus“, intelligente und menschenähnliche Zweibeiner. Udo ist ein junger Kindu-Jäger, aber Loa, seine neue Freundin, ist geschickter im Fischen. Eines Tages verspürt Udo den dringenden Wunsch, den Fluss zu überqueren und auf das andere Ufer zu gehen: zu den weißen Engeln.

Bruce Edgeworth ist ein steinreicher Großindustrieller von der Erde. Er ist nach Igea gekommen, wo ihm Doktor Killpatrick durch ein Videosystem den Kindu beim Jagen gezeigt hat. Dass dieser Kindu intelligent zu sein scheint und offenbar zu menschlichen Beziehungen fähig ist, hat Edgeworth ein echtes Problem. Denn er braucht eine neue Leber, und der Kindu soll sie ihm spenden – dafür hat die Firma Igea die Kindus gezüchtet. Ein wenig weibliche Überredungskunst räumen allerdings Edgeworths Bedenken vollständig aus.

|Mein Eindruck|

1979 war die Idee der Züchtung von Organspendern wahrscheinlich noch etwas sehr Anstößiges, denn der Vorgang war etwas sehr Amoralisches. Ob er es heute noch ist, lässt sich an der Diskussion über die Stammzellenforschung ablesen. Klone sind ebenso tabu wie die Verwendung ungeborenen Lebens. Die Haltung der Gesellschaft ist also unverändert so wie damals. Nur dass sich heute kaum noch jemand darüber aufregt.

_5) John Brunner: Die Behrendt-Umwandlung (1975)_

Nach fünf Kriegen sind alle Erdteile von Hungersnöten heimgesucht. Alle Lebensmittel sind rationiert, aber was ist das für eine Nahrung, die die Suppentanker ranschaffen und verteilen? Ein junger Polizist, der bereits unter den ersten Anzeichen von Skorbut leidet, kommt mit dem Piloten eines Hubschraubers der Regierung ins Gespräch. Der Pilot erzählt ihm, während er ihm etwas zu essen gibt, woher die Nahrung stammt: aus dem Behrendt-Umwandler.

Wie der Name schon sagt, wurde der Umwandler von dem Wissenschaftler Behrendt erfunden und zur Produktionsreife geführt. Der Konverter wandelt Gras und andere organische Materie in Lebensmittel um: Früchte, Gemüse, sogar Wein. Damit wollte der Erfinder den Hunger in der Welt abschaffen – eine noble Absicht Doch bevor er sein Gerät vermarkten konnte, wurde er von seinen geldgebern ausgebootet, enteignet und in den Ruin getrieben. Er soll sich selbst aus Verzweiflung in seinen Umwandler gestürzt haben, lautet die Legende.

Tragischerweise bewirkte der Umwandler das Gegenteil von dem, was er bewirken sollte. Denn da nun die betuchteren Bevölkerungsschichten, die sich den Umwandler leisten konnten, keine Agrarerzeugnisse mehr kaufen, verloren die Bauern ihren Absatzmarkt. Wozu sich noch den Rücken krumm schuften? Auch Maschinen konnten sie nicht mehr anschaffen. Sie gingen zugrunde. Der Umwandler machte sie überflüssig.

Nun gibt es keine Landwirtschaft mehr, sondern nur noch Unkraut, das man in den Konverter wirft. Vielleicht auch die eine oder andere Ratte, meint der Pilot, und vielleicht auch den einen anderen Angehörigen derjenigen zwei Drittel der Menschheit, die inzwischen verhungert sind. Dem Polizisten dreht es schier den Magen um. Besonders als er den fettleibigen Vertreter der Regierung wieder in den Hubschrauber steigen sieht …

|Mein Eindruck|

Die Geschichte soll zeigen, wie sich eine unüberlegt eingesetzte wohlwollende Maßnahme in ihr genaues Gegenteil verwandeln kann, wenn man die Folgen ihres Einsatzes nicht bedacht hat. Davon hat man ja im Bereich der Biologie schon viel gehört, z. B. beim Einsetzen des Nilbarsches im Viktoriasee. Der See ist nun kurz vorm Exitus, und sogar sein Wasserpegel sinkt deshalb.

Der Autor hat seine Story allerdings nur als Dialog aufgezogen, und das macht sie ein klein wenig zu einem Essay-Ersatz, bei dem nur die Argumente und Fragen ausgetauscht werden. Von erzählerischer Raffinesse also leider keine Spur.

_6) Larry Niven: Wechselhafter Mond (Inconstant Moon, 1971)_

Der freie Schriftsteller Stan ruft nachts um zwölf seine Freundin Leslie, die Astronomin, in Los Angeles an, um zu fragen, ob sie das Gleiche beobachtet wie er: den unnatürlich hell strahlenden Mond über dem Pazifik. Auch sie wundert sich über dieses Phänomen, und als Astronomin weiß sie ja, woher der Glanz des Mondes kommt: von der Sonne, die er reflektiert. Was also ist mit der Sonne passiert?

In dieser Weltuntergangsstimmung machen sich die beiden ein paar schöne Stunden in Bars, Restaurants, beim Schaufenster-Shopping auf dem teuren Rodeo Drive. Was, wenn dies wirklich der letzte Tag der Erde ist, weil die Sonne zur Nova geworden und explodiert ist? In wenigen Stunden wäre es dann aus mit allen Menschen in Kalifornien. Doch ganz so schlimm komm es dann doch nicht. Denn ein gelber Fixstern wie die Sonne kann gar nicht zur Nova werden, weil sie nicht genügend Masse besitzt.

Was ist aber dann passiert? Stan und Leslie finden heraus. Zum Glück haben sie sich für eine Woche mit Lebensmitteln und Wasser eingedeckt, denn nun brechen alle Einrichtungen der Zuvilisation zusammen …

|Mein Eindruck|

Diese berühmte Weltuntergangsgeschichte ist ein Vorspiel, eine Fingerübung für den Megaseller, den Niven bald danach schreiben sollte: „Luzifers Hammer“. Es ist eine Studie darüber, welche Gefühle Menschen bewegen, wenn sie den sicheren Untergang der Welt vor Augen haben und zu welchen Handlungen sie dann bereit sind. Aber was passiert, wenn die Natur ihnen noch eine Gnadenfrist einräumt? Haben sie vorgesorgt oder stürzen sie sich aus dem Fenster?

_7) Walter M. Miller jr.: Der Darsteller (1954)_

In der nahen Zukunft hat das von programmierbaren Schaufensterpuppen ausgeführte „Autodrama“ das traditionelle Theaterschauspiel abgelöst – und mit ihm auch die menschlichen Darsteller. Thornier, der einst große Mime, hat dadurch seine Berufung verloren, doch er arbeitet immer noch im Theatergebäude: als Reinigungskraft. Dass er sich erniedrigt fühlt, versteht sich von selbst. Sein Kumpel Rick erklärt, wie das Autodrama im einzelnen funktioniert, und ein tollkühner Plan.

Als das neue Stück namens „Der Anarchist“ seine Premiere hat, will er die Puppe der Hauptfigur ausfallen lassen und für sie einspringen. Soweit klappt sein Plan auch hervorragend, denn die Koproduzentin spielt mit, ist sie doch eine alte Bekannte von Thornier. Doch dann taucht auch seine frühere Geliebte Mela auf, die ebenfalls in diesem Stück durch eine Puppe verkörpert wird. Und an diesem Punkt beginnen die Dinge schiefzugehen …

|Mein Eindruck|

In jeder Zeile verrät der Autor seine genaue Kenntnis des Theaters, und zwar nicht nur von dessen äußerer Mechanik und Verwaltung, sondern auch vom Innenleben der Schauspieler – wie sie „ticken“, was sie motiviert, was sie zum Versagen und zum Weitermachen bringen kann. Diese Psychologie erfüllt den Charakter der Hauptfigur der Geschichte auf glaubwürdige Weise und bringt den Leser dazu, mit ihm zu fühlen: sich zu freuen, mit ihm zu bangen.

Der Autor verschließt auch nicht die Augen vor der Notwendigkeit der Veränderung durch neue Technik: Rechner, Fernsehen, Schreibmaschine, was auch immer – nun ist es eben Autodrama. Doch er sagt auch, dass jede unabwendbar erscheinende Veränderung nicht immer zum Besten ausschlagen muss. Die Hauptsache ist doch meist, dass sie Geld einbringt. Wenn dadurch einige tausend Leute ihren Job verlieren – nun ja, dann müssen sie eben umsatteln. Leichter gesagt als getan.

Was die Geschichte inzwischen antiquiert erscheinen lässt (anno 1982 wohl nicht so sehr als jetzt, 2007), sind natürlich die technischen Details. Die Programmierung der „Mannequins“, die wie frühere Stars aussehen, erfolgt noch mit Lochstreifenbändern wie anno dazumal und noch nicht mit magnetischen (Festplatte) oder optischen Medien (mit Laserabtastung) wie heute. Auch das ein paar verwirrende Druckfehler den Leser stören, gehört zu den Schwächen dieses Textes. Auf Seite 388 muss es z. B. statt „mit einem … Federhütchen und dem Kopf“ natürlich „auf dem Kopf“ heißen.

_8) Arthur C. Clarke: Die neun Milliarden Namen Gottes (1953)_

Britische Computerwissenschaftler erhalten vom Lama eines tibetischen Klosters (denn damals war Tibet noch nicht von den Chinesen besetzt) den Auftrag, einen Rechner mit einem speziellen Programm zu liefern und vor Ort in Tibet zu betreiben. Der Mark V solle keine Zahlen knacken, sondern mit lediglich neun Zeichen die neun Milliarden Gottes buchstabieren. Den Zweck der Übung erfragt der Vertriebsbeauftragte lieber nicht. Der religiöse Charakter des Auftrags ist offenkundig.

Doch vor Ort machen sich die zwei Techniker nach Monaten des Buchstabendruckens allmählich Sorgen. Der Abt hat einem von ihnen gesagt, schon in wenigen Tagen werde der Auftrag beendet sein. Ja, und was passiert dann? In einem Anfall von Redseligkeit verriet es der Abt: Der Auftrag der Mönche, die Namen Gottes zu buchstabieren sei erfüllt, Gott sei’s zufrieden und der Zweck seiner Schöpfung somit erfüllt. Ja, und was kommt danach, will der Techniker wissen? Wieso, fragt der Abt, danach kommt ein neues, ein anderes Universum …

|Mein Eindruck|

Hm, neun Milliarden: Das sind 9×10 hoch 9. Kann man diese hohe Zahl wirklich mit nur neun Zeichen erreichen? Dafür gibt es einen simplen Algorithmus, der mit neun hoch neun beginnt, womit die erste Permutation ausgeführt wird. Und danach folgen noch viele, viele weitere.

Aber das ist nebensächlich. Interessant ist an der Kurzgeschichte, dass der Autor, ein damals bekannter Ingenieur und Erfinder des Satelliten, hier modernste Rechentechnik (der Mönch rechnet allerdings noch mit einem Abakus) und Religion bzw. Mystik miteinander verknüpft. Computer als Mittel zur Erkenntnis der Schöpfung? Das kann offenbar auch ins Auge gehen, allerdings mal wieder anders als erwartet.

_Unterm Strich_

Diese Zusammenstellung bietet dem SF-Interessierten eine gesunde Mischung aus kurzen und langen Geschichten. An keiner Stelle verlangen die Autoren, dass der Leser irgendwelches technisches Wissen mitbringt. Es gibt keine einzige Hard-Science-Story, und daher kann man sich auch als Leser von Mainstream-Geschichten ohne Probleme mit den Inhalten dieser Geschichten befassen.

Mit Ray Bradbury, dem Drehbuchautor von John Hustons Film „Moby Dick“, ist sogar ein sehr bekannter Klassiker darunter. Die Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem, Kurzem und Langem macht den besonderen Reiz der Jahresbände aus. Sie waren daher innerhalb der Heyne-SF-Reihe stets die auflagenstärksten Titel. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie für sehr wenig Geld sehr viele Seiten von hochkarätigen Autoren boten.

Je höher die Papierpreise kletterten, desto weniger ließ sich dieses Erfolgskonzept aufrechterhalten. Die letzten Best-of-Bände waren die Anthologien „Ikarus 2001“ und „Ikarus 2002“ sowie „Fernes Licht“, in denen Jeschke seine absoluten Lieblinge versammelte. Wir können nur hoffen, dass die Zeiten zurückkehren, in denen Erzählungen noch gefragt waren. Der Kurd-Laßwitz-Preis prämiert lediglich Storys aus deutschen Landen, doch internationale Produktionen muss man in Magazinen wie „Alien Contact“ suchen, die reine Zuschusspublikationen sind.

|Taschenbuch: 461 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453307568|
http://www.heyne.de

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