Jones, Diana Wynne – Spielleute von Dalemark, Die (Dalemark 1)

_Versetzt Berge: die Magie der Musik_

Das Königreich Dalemark ist seit Jahrhunderten gespalten. Nur fahrenden Spielleuten wie Clennen und seinen Kindern ist es gestattet, zwischen dem Süden und dem Norden hin und her zu reisen. Manchmal nehmen sie in ihrem Wagen auch Passagiere mit. Ein solcher ist Kialan, ein geheimnisvoller junger Mann, der der Familie nur Unglück zu bringen scheint. Als Clennen getötet wird, sind die Kinder in einer feindlichen Welt ganz auf sich alleine gestellt.

_Die Autorin_

Die Britin Diana Wynne Jones, geboren 1934, veröffentlichte ihren Debütroman „Changeover“ bereits 1970, also mit 36 Jahren. Bis 1975 suchte sie ihre eigene, originäre literarische Stimme und fand sie ab 1975 mit dem Dalemark-Quartett (s. u.). Die meisten Elemente sind traditioneller Fantasy wie etwa von Tolkien und C. S. Lewis verpflichtet, doch gibt es bereits eigenständige Ansätze, so etwa die Magie der Musik.

Der zweite Zyklus konzentriert sich um den Magus Chrestomanci, der als |deus ex machina| in Alternativwelten interveniert, wenn die Dinge zu brenzlig werden. Italien, das viktorianische Zeitalter und eine Highschool, an der eine Hexenjagd stattfindet, sind die Schauplätze.

Der folgende „Howl“-Zyklus wurde zum Teil in einen Zeichentrickfilm verarbeitet: „Howl’s Moving Castle“ erschien 1986, gefolgt von dem Roman „Castle in the Air“ (1990). Eine junge Frau wird von dem Zauberer Howl in den Körper einer alten Frau gehext und muss sich befreien. Für seinen Animationsfilm erhielt der japanische Regisseur Hayao Miyazaki („Chihiros Reise“) mehrere Auszeichnungen.

Ihre anderen Romane stehen für sich und belegen Jones‘ großen Einfallsreichtum. Dabei schreckt sie nicht davor zurück, SF-Begriffe wie Zeitparadoxa in eine Fantasywelt einzuführen, und erzielt damit allerlei interessante Effekte. Das kann bis zur Parodie der bisherigen Fantasyklischees führen. In den neunziger Jahren setzte sie sich mit Themen des Feminismus auseinander, so etwa in „A sudden wild Magic“ (1992) und „Black Maria“ (1991).

Weitere Tipps sind „The Time of the Ghost“ (1981, erzählt aus der Sicht des Gespenstes), „Archer’s Goon“ (1984, mit verborgenen Herrschern) und „Hexwood“ (1993), in dem ein kleiner britischer Wald den Sturz eines galaktischen Reiches herbeiführt. Geht nicht? Selber lesen!

Das Dalemark-Quartett:

1) Die Spielleute von Dalemark (1975)
2) Die heiligen Inseln (1977)
3) Der Fluss der Seelen (1979)
4) Die Krone von Dalemark (1993)

Jeder Band ist in sich abgeschlossen. Daher kann man jeden Band einzeln lesen und muss keine Reihenfolge einhalten.

_Handlung_

Seit Jahrhunderten ist das einstige Königreich Dalemark in den freien Norden und den unterdrückten Süden gespalten. Seit die letzten Könige keine Erben mehr hatten, herrschen auf beiden Seiten nur die Grafen. Doch während im Norden auch die Bevölkerung ein Mitspracherecht erkämpft hat, unterdrücken die Grafen des Südens und ihre Vasallen jeden Widerstand gegen ihre brutale Herrschaft im Keim. Spione und Informanten lauern an jeder Ecke der Dörfer. Man munkelt, dass ein Geheimagent mit dem Decknamen „Der Pförtner“ geheime Botschaften zwischen Nord und Süd austausche, doch manche halten ihn für tot.

Nur fahrende Spielleute wie die Familie des Barden Clennen dürfen mit einem Freibrief die Grenze in beiden Richtungen passieren. Clennens Frau ist die adlige Lenina, sein Sohn Dagner sechzehn, die Tochter Brid ist vierzehn und sein Sohn Moril erst elf Jahre alt. Zusammen treten sie in den Dörfern des Südens auf, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber manchmal nehmen sie auch einen Fahrgast mit, so etwa den jungen Kialan. Durch seine hochmütige Art zieht sich Kialan schnell den Zorn von Brid und Moril zu, bis sie sich derart in die Wolle kriegen, dass Clennen dazwischengehen muss.

Aber warum sagt Kialan immer dann, wenn sie auftreten, er werde außerhalb des Dorfes warten? Offenbar will er nicht gesehen werden. Moril wird misstrauisch und bemerkt, dass Kialan manchmal in der Zuhörermenge zu sehen ist, ganz hinten natürlich. Doch Kialans Geheimnis wird erst offenbar, als sechs adlige Männer aus dem Wald treten und nach Kialan suchen. Als sich Clennen ihnen in den Weg stellt, wird er einfach mit einem Schwerthieb niedergestreckt. Moril sieht es ungläubig mit an, dann gehen die Männer weiter, um Kialan und Dagner zu suchen.

Mit seinen letzten Worten erteilt der sterbende Barde seiner Familie Aufträge und übergibt Moril die große Quidder, eine große Laute mit angeblich magischen Eigenschaften. Und er bittet Moril, endlich die beiden Hälften seines Wesens, in die er gespalten ist, zusammenzufügen. Dann werde er sein wahres Ich entdecken. Wie Clennen hofft, ist Moril ein direkter Nachfahre des magiebegabten Barden Osfameron aus alten Legenden. Und die große Quidder könnte ihm zu seiner angestammten Magie verhelfen.

Zu Morils nicht geringem Schrecken gedenkt die recht gefasst wirkende Witwe Lenina keineswegs, ein Jahr lang zu trauern, sondern will vielmehr sofort ihren Ex-Verlobten Ganner, einen Lehnsmann des Süd-Grafen Tholian, heiraten. Dessen Gutshaus ist passenderweise nicht weit entfernt. Zunächst verhätschelt der onkelhafte Ganner auch die drei Stiefkinder in spe, doch die entdecken auf seinem Hof einen der sechs Mörder Clennens: Es ist Graf Tholian selbst, wie Moril später erfährt. Und wo ein Mörder ist, da ist der Rest nicht weit. Schnell suchen die vier Kinder mit dem Wagen das Weite, und ihre Mutter bleibt bei Ganner zurück.

Nun müssen sie erst einmal einige Fragen klären. Die wichtigste betrifft Kialans Identität: Er ist der Sohn eines Nord-Grafen, den angeblich ein Süd-Graf gefangen hält, um damit Lösegeld zu erpressen. Folglich ist es eine wichtige Aufgabe, Kialan über die bewachte Grenze in den Norden zu schmuggeln, wo sein Vater sich bestimmt schon große Sorgen um ihn macht. Und außerdem müssen sie Kialans Vater vor den Kriegsvorbereitungen Graf Tholians warnen.

Vorerst aber haben sie zu viert ihren Lebensunterhalt zu verdienen – und das mitten in Graf Tholians Hauptstadt. Überall lauern Gefahren, und als Dagner Clennens letzten Auftrag ausführt, verrät er sich und wird verhaftet. Nun ist es an Moril, Mumm zu zeigen und seinen älteren Bruder aus dem Kerker zu holen. Denn wenn er es nicht schafft, baumelt am Galgen vor dem Gefängnis bald nicht bloß ein Gehenkter …

_Mein Eindruck_

Magie kann offensichtlich viele Formen annehmen – Hauptsache, sie wirkt. Vom legendären Barden Osfameron behaupten die Dalemarker, er habe Berge versetzen können. Dazu brauchte er lediglich auf seiner Quidder die richtigen Töne anzuschlagen. Doch wie Moril herausfinden muss, ist es die genaue Art des Zusammenwirkens von Musikspiel, geistiger Haltung und Instrument. Dass die Quidder, die ihm sein Vater vererbt hat, magische Kräfte hat, wird ihm vom Instrument öfters demonstriert, doch diese Kraft auch bewusst und gezielt einzusetzen, erfordert zunächst eine geistige Anpassung. Der Prozess, wie sich Morils Geist verändert, ist langwierig und mit Überraschungen gespickt. Aber darum ist er umso spannender zu verfolgen. Wir wollen erfahren, wozu Moril und seine Quidder noch alles fähig sind. Kann er wirklich wie Osfameron Berge versetzen? Mehr darf hier nicht verraten werden.

In kleinen Scheiben offenbart uns die Autorin, welche verborgenen Eigenschaften in Clennen, Kialan, Brid, Lenina und Moril stecken. Ja, auch die tatkräftige und selbstbewusste Brid, die nach einer legendären Gestalt benannt ist, findet eine neue Rolle: Sie ist der Impresario der kleinen Truppe, die nach Clennens Tod auftritt, und singen kann sie natürlich auch. Dagner komponiert neue Lieder, die hoffentlich nicht unter die verbotenen Publikumsäußerungen fallen, und Moril, der dritte Musikant, spielt die alten Klassiker, zu denen auch die Lieder über Osfameron und einen legendären Herrscher, den Adon, gehören. Mit seiner alten Quidder muss er sich allerdings noch etwas besser anfreunden. Schon bald fühlt der Leser große Sympathie mit der Familie, besonders dann, wenn er selbst etwas für Musik übrighat.

Nun könnte der Leser meinen, dieser ganze Hintergrund und die komplexen Herrschaftsverhältnisse müsse er selbst ergründen. Keine Sorge, so schlimm ist es nicht. Denn die Autorin (oder das Lektorat des |Bastei Lübbe|-Verlags) hat in weiser Voraussicht jedem Buch des Dalemark-Quartetts ein umfangreiches Glossar mitgegeben, das alle fremden Ausdrücke erklärt, selbst so harmlose wie „Der zweite Marsch“. Damit ist natürlich ein Marschlied von Soldaten gemeint. Aber selbst Marschlieder können von der Gedankenpolizei der südlichen Grafen missverstanden werden.

Das Schicksal der Clennen-Familie und ihres Passagiers Kialan ist keineswegs ungefährlich oder gar trivial. In den hier geschilderten Vorgängen entscheidet sich das Geschick Dalemarks, oder zumindest die erste Phase des Wandels, der in Gang gesetzt wird. Die Geschichte ist ausgezeichnet erzählt, sehr lebendig durch die Dialoge, und mit etlichen Enthüllungen und Konfrontationen. Die Autorin scheut sich nicht, Konflikte herbeizuführen und aufzulösen. Denn nur dadurch lassen sich Veränderungen herbeiführen.

_Unterm Strich_

Mir hat dieser erste Band des Dalemark-Quartetts sehr gut gefallen, und ich werde die anderen drei Bände gerne lesen. Allerdings ist nur dieser Band in einer übergroßen Schrifttype gesetzt, wohingegen die anderen in normaler Schrift gedruckt sind. Daher wird es wohl ein wenig dauern, bis ich alle durchgelesen habe. Die Autorin ist eine erstklassige Erzählerin für Kinder und Jugendliche.

Der vorliegende Band eignet sich für Leser ab elf Jahren und bietet keinerlei brutale Szenen, vor denen Eltern ihre Kleinen beschützen müssten. Der Mord an Clennen ist die einzige Bluttat in „Großaufnahme“, doch sie wird keineswegs offensichtlich, sondern eher als nicht ganz begriffene Aktion aus der Sicht Morils geschildert. Da ist das Verhör durch Graf Tholian schon eine Nummer nervenaufreibender. Nun darf ich aber wirklich nicht mehr verraten. Weniger gefallen haben mir die allfälligen Druckfehler in |Bastei Lübbe|-Taschenbüchern.

|Originaltitel: Cart and Cwidder, 1975
Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt|
http://www.bastei-luebbe.de

Schreibe einen Kommentar