Joyce, Rachel – unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, Die

_Harold Fry ist 60 Jahre alt_ und seit einem halben Jahr pensioniert. Er lebt gemeinsam mit seiner Frau Maureen in einem netten Haus mit Garten, versteht sich gut mit seinen Nachbarn und verbringt seine Tage stets auf dieselbe Art und Weise. Augenscheinlich sind er und seine Ehefrau glücklich, doch der Schein trügt und die perfekte Maske von Harold Frys Leben beginnt eines Tages zu bröckeln, als er einen Brief von seiner alten Freundin Queenie Hennessy erhält. Darin erfährt er, dass sie Krebs hat und in Kürze sterben wird. Ergriffen und schockiert schreibt Harold ihr sofort eine Antwort, währenddessen seine Frau Maureen, wie so oft, nicht weiß, wie sie mit ihm umgehen soll und nicht die richtigen Worte findet, und möchte den Brief nur kurz zum Briefkasten bringen. Dann allerdings läuft er weiter, am Briefkasten vorbei, am Postamt vorbei und findet sich an einer kleinen Tankstelle wieder. Inspiriert von einem Gespräch mit einer jungen Frau dort beschließt Harold schließlich, einfach weiter zu laufen. 1000 Kilometer durch ganz England, um bei seiner alten Freundin Queenie zu sein und sie zu retten.

Doch will er durch diese Pilgerreise nicht nur seine Freundin Queenie retten, er rettet, wenn es ihm auch zunächst nicht bewusst ist, vor allem sich selbst und seine Ehe. Auf seinem langen Fußmarsch trifft Harold Fry die verschiedensten Menschen, die ihn positiv und negativ beeinflussen, denkt über seine Vergangenheit und sein festgefahrenes Leben nach und räumt mit allem auf. Immer wieder gerät er an seine Grenzen und muss sich überwinden, weiter zu machen, immer wieder holen ihn verdrängte Erinnerungen ein, die er bewältigen muss. Doch Harold Fry hat sich in den Kopf gesetzt, die 1000 Kilometer hinter sich zu bringen.

_Rachel Joyce hat mit ihrem Debüt_ wahrlich ins Schwarze getroffen und ein Werk verfasst, dass seinesgleichen vergeblich sucht. Und dabei ist „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ nicht einmal besonders spannend oder packend, dafür aber umso berührender. Die Geschichte des Mannes, der sein Leben Revue passieren lässt und sich all seinen Fehlern stellt, regt zum Nachdenken an, geht sofort tief unter die Haut und sitzt noch lange nach Genuss des Buches dort fest. Auch werden sich viele Leser zumindest ein Stück weit in Harold hinein versetzen können, dessen Leben größtenteils aus jeder Menge kleinerer Sorgen, unausgesprochenen Vorwürfen an sich selbst und andere, stets denselben kleinen Streitereien sowie zahllosen Fragen, wie es so kommen konnte, ob man aus diesem Teufelskreis jemals wieder herauskommt oder ob man nicht schon früher hätte etwas anders machen können, besteht. Harolds Leben bietet einfach so viele kleine Aspekte, die auf den ersten Blick alltäglich und durchschnittlich erscheinen, das Buch auf den zweiten Blick aber gerade dadurch so interessant machen, dass sich jeder ein Stück weit in ihnen wieder findet.

Aus diesem Grunde kann ich auch nur zum Kauf von „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ raten. Für manch einen hat die Lektüre vielleicht sogar ähnlich heilsame Wirkung wie die Pilgerreise für Harold Fry.

|Gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten
Originaltitel: The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry
Ins Deutsche übersetzt von Maria Andreas-Hoole
ISBN-13: 978-3810510792|
http://www.fischerverlage.de/verlage/krueger__verlag

Schreibe einen Kommentar