Jünger, Ernst – Gläserne Bienen

_Gute deutsche Science-Fiction_

Ein hoch verehrter Schriftsteller und Schmetterlingsforscher, dieser Ernst Jünger. Er schrieb neben Kriegserinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg („In Stahlgewittern“), Gedichten und Romanen auch recht phantastische Sachen wie etwa „Auf den Marmorklippen“. Oder dieses Science-Fiction-Buch: „Gläserne Bienen“ – eine Zukunftsvision von künftiger Hochtechnologie.

Der Roman entstand bereits 1957 und wurde 1990 aus Anlass des 95. Geburtstages seines Schöpfers wieder aufgelegt. Jünger setzt sich hier mit dem Vordringen der Maschinenkultur in Wirtschaft und Beruf auseinander.

_Handlung_

Der preußische Rittmeister Richard, der autobiografische Züge trägt, will sich, auf Vermittlung eines ehemaligen Kriegskameraden hin, um eine Stelle im Unternehmen des Konzernchefs Zapparoni bewerben. Zapparoni stellt miniaturisierte Maschinen und Spielzeuge her. Die Stelle soll auf PR-Tätigkeit hinauslaufen, was Richard in einen Gewissenskonflikt stürzt. Die Rückbesinnung auf den Werdegang seiner Kameraden, die in seinen Augen durch Maschinen erniedrigt worden sind, führt ihm die Fragwürdigkeit der Technik und der sie Erzeugenden, der Ingenieure, vor Augen.

Im Garten von Zapparonis Villa meditierend, beobachtet Richard gläserne Bienen, wie sie von Blüte zu Blüte fliegend Nektar saugen, aber nicht bestäuben. In diesem symbolträchtigen Bild wird ihm die ausbeuterische Natur des Maschinenmenschen klar: Er nimmt, ohne zurückzugeben.

In einem nahen Moor entdeckt Richard abgeschnittene menschliche Ohren zu Hunderten. Einer von Zapparonis sonderbaren Ingenieuren hatte sie in einem Racheakt seinen automatenhaften „Marionetten“ abgeschnitten. Als Erzeugnissen des Demiurgen Mensch sind diese ihm völlig ausgeliefert. So wie die Natur den gläsernen Bienen und die Arbeiter den Ingenieuren.

Schließlich zerstört Richard einen der Miniroboter und lehnt die angebotene Stelle ab. Auf Zapparonis Dringen erklärt er sich aber doch bereit, eine Rolle als Vermittler zwischen den Ingenieuren und den Arbeitern in Zapparonis Fabrik zu übernehmen. Ein Zugeständnis, das im Epilog ad absurdum geführt wird: Richard hält an einem historischen Institut die vorstehende Erzählung als Vortrag zum Thema „Probleme der Automatenwelt: Der Übergang zur Perfektion“. Wenn er wirklich annimmt, dass diese Welt zur Perfektion geführt werden kann, dann ist er bereits korrumpiert und der Faszination des Technischen erlegen.

Ein Zitat zum Schluss: |“Es gibt Prognosen, die behaupten, dass unsere Technik eines Tages in reine Zauberei ausmünden wird … Lichter, Worte, ja fast Gedanken würden hinreichen. Ein System von Impulsen durchflutete die Welt.“| Zum Vergleich ein Axiom von Arthur C. Clarke: |“Eine ausreichend fortgeschrittene Technik ist von Zauberei nicht mehr zu unterscheiden.“|

_Fazit_

Die Zukunft, in die Jünger den Leser entführt, erinnert in manchen Zügen an die Anfänge des Silicon Valley, und in anderen könnte man Disneyland oder die Unterhaltungselektronik erkennen. In „Gläserne Bienen“ hat Ernst Jünger zentrale Probleme der westlichen Wirtschaft und Kultur bereits frühzeitig erkannt und diskutiert, die uns heute, nach der 3. Industriellen Revolution, der Mikroelektronik und des Internet, und vor der 4. Revolution durch die Gentechnik, geradezu auf den Nägeln brennen …

An welchem Punkt steht denn der technische Schöpfermensch, der Homo faber? In Bezug zu sich selbst, zu seinen eigenen Schöpfungen und zur Welt um sich herum? Die ‚gläsernen Bienen‘ liegen nicht mehr allzu weit in der Zukunft – die Chips werden immer billiger, die Roboter immer kleiner und ‚intelligenter‘. Sie machen die Arbeit der Menschen, und eines Tages werden sie sogar die Ingenieure ablösen. Und bis es so weit gekommen ist, sollten wir uns beizeiten überlegen, welche Rolle wir Menschen noch auf der Welt zu spielen gedenken. Oder sollten wir nicht gleich ganz abhauen?

Jüngers Einfälle, die doch um einiges ernster zu nehmen sind als die von unterhaltender Science-Fiction, bringt er uns in der stilistisch vollendet gehandhabten Tagebuchform nahe, die dem Leser die Gedanken des Protagonisten (= Jünger?) in direkte und anschauliche Nähe rückt.

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