Kaltenbrunner, Gerlinde / Steinbach, Karin – Ganz bei mir: Leidenschaft Achttausender

Als Extrembergsteiger ständig in den Medien präsent zu sein, war vor drei Jahrzehnten noch undenkbar. Seien es Kammerlander, Messner oder jüngst die Huber-Brüder: Sobald neue Extreme erprobt oder Erstbesteigungen im unkonventionellen Stil durchgeführt wurden, waren die entsprechenden Meldungen auch jenseits der Fachpresse von Interesse. Dennoch ist es erstaunlich, dass die Leistungen der österreichischen Bergsportlerin Gerlinde Kaltenbrunner nicht in größerem Rahmen gewürdigt wurden. Immerhin ist die in Kirchdorf aufgewachsene Profi-Bergsteigerin auf dem besten Weg, als erste Frau alle 8000er bestiegen zu haben – und das wohlgemerkt ohne Unterstützung durch zusätzlichen Sauerstoff und dergleichen.

Für Kaltenbrunner waren die Erfolge aber nicht alleine ausschlaggebend, ihren harten Weg, der seinerzeit in den Alpen begonnen hat, für die Nachwelt festzuhalten. Ihre Grenzerfahrungen, die Dramen, aber auch die Leidenschaft für die Extreme haben in den vergangenen zwei Dekaden genügend Inspiration hinterlassen, das Leben in der Welt der höchsten Gipfel der Welt zu dokumentieren und zu beschreiben, woher die Faszination rührt bzw. wie selbst plötzliche Todesfälle niemals die Motivation stoppen konnten. In „Ganz bei mir“ analysiert Kaltenbrunner letzten Endes nicht nur die Bergwelten des Karakorum und des Himalaya – sie reflektiert auch ihr eigenes Tun, ihre Entscheidungen, potenziellen Leichtsinn, andererseits aber auch die Entschlossenheit und den Ehrgeiz, der nötig ist, um an der Schwelle zwischen Leben und Tod die Nerven zu behalten.

Dabei offenbart der Lebenslauf der unscheinbaren Österreicherin schon eine ständige Suche nach dem eigenen Ich. In einer großen Familie aufgewachsen, schnell auf sich selbst gestellt und schließlich fest entschlossen, der großen Schwester nachzueifern, machte Kaltenbrunner früh die Ausbildung zur Krankenschwester und lernte unterdessen auch ihren ersten Lebensgefährten kennen, mit dem sie erstmals auch im höheren Alpenraum unterwegs war. Dessen Erfahrung und vor allem die Erzählungen von den asiatischen Gebirgen trieben sie sehr früh dazu, nach Pakistan zu reisen, um dort eine größere Expedition zum Broad Peak zu begleiten, die zwar nur bis zum Vorgipfel führte, aber zum ersten Mal – im zarten Alter von 23 Jahren – das Gefühl von bestiegenen 8000 Metern offenbarte.

Kaltenbrunner war infiziert, trainierte hart und entschloss sich, ihre Stelle als Krankenschwester langfristig aufzugeben, um weitere Expeditionen in ihren Zeitplan einflechten zu können. Nach einigen finanziellen Startschwierigkeiten wurden erste Sponsoren gefunden, der Job in einen Outdoor-Vertrieb angeboten und die Rahmenbedingungen geschaffen, weitere Gipfel zu stürmen. Doch schon die ersten Expeditionen zeigten der jungen Dame die Schattenseiten des Extrembergsteigens. Der Tod in Gestalt von Höhenkrankheit, überraschenden Abstürzen, Lawinen und Erschöpfung wurde zum unangenehmen Begleiter ihrer neuen Herausforderungen, und spätestens mit der Dhaulagiri-Expedition 2006, bei der sie hauchdünn am Tod vorbeischlidderte, ist das Bewusstsein eingetreten, dass Schicksal und Bestimmung im Akutfall die Oberhand behalten.

Die Art und Weise, wie Kaltenbrunner und ihre Co-Autorin Karin Steinbach die letzten zwei Dekaden im Gebirge beschreiben, ist allerdings erst das, was „Ganz bei mir“ zusätzlich zu allen Erfolgsdokumentationen und grenzwertigen Erfahrungen auszeichnet. Kaltenbrunner glorifiziert weder ihr eigenes Können, noch verschönert sie die dramatischen Situationen. Es ist der stete Kampf am Berg, gegen das Wetter, gegen den inneren Schweinehund, gegen Schmerzen, Kälte und Willenlosigkeit und zuletzt gegen die Vernunft. Dass zwischendrin sehr detaillierte Beschreibungen über die extremsten Gipfel der Erde stehen, viele persönliche Anekdoten Platz finden und schließlich auch das innige Verhältnis zwischen der Autorin und ihrem langjährigen Wegbegleiter und mittlerweile Ehemann Ralf Duijmovits erwähnt werden, macht die gesamte Lebensgeschichte greifbarer. Anders als bei den Ausführungen eines Reinhold Messner verkommt das Ganze außerdem nicht zum Politikum, sondern bleibt Erlebnisbericht, Kulturreise und atemberaubende Biografie in einem – eben das, was man erwartet und lesen will, wenn ein Mensch schildert, was er auf mittlerweile zwölf Achttausendern erlebt hat!

Doch am Ende ist es vielleicht noch ein bisschen mehr als all das, insbesondere für diejenigen, die das Bergsteigen selber aktiv praktizieren, in den höheren 3000er-Gebieten Erfahrungen gesammelt haben, sich aber mangels Ideen zur Umsetzung nie mit den gewaltigsten Gesteinsmassiven beschäftigt haben. In diesem Fall sind Worte hier mindestens genauso aussagekräftig und ehrfurchterweckend wie ein Diavortrag Kammerlanders oder eine Lesung Messners – und das über eine Krankenschwester zu sagen, die irgendwann die Passion für die Berge entdeckt und angefangen hat, sie zu leben, ist fast schon mehr, als man sich von einem solchen Unterfangen erhoffen kann. Wer sich im Anschluss dabei ertappt, selber Informationen einzuholen, welche Voraussetzungen nötig sind, was technisch gefragt ist und wie der finanzielle Kraftakt Achttausender bewältigt werden kann, der ist nicht nur vom Himalaya und Karakorum infiziert, sondern bei dem hat Kaltenbrunner alles herausgeschlagen, was „Ganz bei mir“ zu bewirken imstande ist!

|320 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3890293325|
http://www.piper-verlag.de/malik/

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