Kammerer, Iris – Varus

„Varus, gib mir meine Legionen zurück“, soll Kaiser Augustus gerufen haben, als er von der Vernichtung seiner drei Legionen im fernen Germanien hörte. Im Herbst 2009 jährt sich die [Varusschlacht]http://de.wikipedia.org/wiki/Varusschlacht zum zweitausendsten Male. Die Diskussion um den Schauplatz der Schlacht wird immer wieder kontrovers geführt. Die heutige Forschung favorisiert Kalkriese bei Bramsche im Landkreis Osnabrücks als den Ort, an dem die dreitägige Vernichtungsschlacht stattgefunden haben soll. Doch auch andere Landkreise und Gemeinden lassen die Diskussion um die Lokalisierung immer wieder aufleben.

Spektakulär und aufregend sind in jedem Fall die Funde an Waffen, Münzen, Ausrüstung und Alltagsgegenstände in Kalkriese, die auch dort im Museum zu bestaunen sind. Auch Knochen von Tieren und Menschen hat man in verschiedenen Gruben auf dem Gelände in der unmittelbaren Nähe eines künstlich errichteten Walles gefunden. Diese Schädel tragen eindeutige Kampfspuren – ein Beweis für die Theorie des endlich gefundenen Schlachtfeldes oder nur ein Indiz dafür, dass hier eine kleinere Gruppe von versprengten Legionären den Tod fand?

Als gesichert kann es angesehen werden, dass drei Legionen des Statthalters [Publius Quinctilius Varus]http://de.wikipedia.org/wiki/Publius__Quinctilius__Varus sowie Hilfstruppen und ziviles Personal, Handwerker, und auch der Tross des Zuges, der aus Frauen und Kindern der Legionäre bestand, bis auf wenige Überlebende abgeschlachtet wurden. Drei Legionen zusammen mit den Hilfstruppen (drei Reiterabteilungen und sechs Kohorten) entsprechen ca. 20.000 Mann, wie es die Quellenlage berichtet, dazu kommt noch der Tross mit mehreren tausend Zivilisten. Römische Historiker berichten von einer beispiellos grausamen Schlacht, in der keine Gnade gewährt wurde. Römische Offiziere, die lebend in die Hände der Germanen fielen, wurden als Blutopfer den germanischen Göttern geweiht. Es gehörte wohl zur Strategie des Arminius, die besiegten Gegner abzuschrecken.

Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist jedoch: Wie konnte diese Vereinigung der germanischen Stämme, die auch untereinander, alles andere als friedlich miteinander umgingen, gelingen? Welch tiefes Vertrauen muss Varus gegenüber [Arminius]http://de.wikipedia.org/wiki/Arminius – der immerhin die römische Staatsbürgerschaft besaß und dort den Rang eines Ritters innehatte – empfunden haben, galt Varus doch als politisch erfahrener Stratege, der schon im fernen Osten ein Gebiet sozusagen ‚befriedet‘ hatte? War es Blindheit, Dummheit oder pure Arroganz und Überheblichkeit?

Die Autorin Iris Kammerer hat sich in ihrem Roman „Varus“, erschienen im |Heyne|-Verlag, genau diese Frage gestellt und nach einer Antwort darauf gesucht.

_Inhalt_

Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. war Germanien mit seinen vielen unterschiedlichen Stämmen zwar nicht befriedet, aber doch von der römischen Weltmacht unterworfen. Es entstanden die ersten Siedlungen, die sich später zu großen Städten entwickeln sollten, z. B. Bonna (Bonn), Confluentes (Koblenz) und Bingium (Bingen). Germanische Hilfstruppen dienten an der Seite der römischen Legionen, und selbst junge Anführer aus den Reihen der Germanen erhielten hohe Dienstgrade, Macht und Geld, so dass sie juristisch faktisch römische Bürger, gar Ritter wurden.

Arminius, ein Fürst der Cherusker, wurde schon als Jugendlicher den Armen seiner germanischen Eltern entrissen und als Geisel einer römischen Erziehung unterzogen. Als ausgebildeter römischer Offizier erkämpfte er sich in einigen Feldzügen Loyalität und hohes Ansehen in den Augen seiner Vorgesetzten und Gönner. Trotz seiner militärischen Ausbildung und seiner in Kämpfen erlernten römischen Strategien und Taktiken vergaß er doch nie seine cheruskerischen Wurzeln.

Als er den römischen Staathalter Publius Quinctilius Varus in Germanien kennenlernte, gewann er nach und nach das Vertrauen des älteren und erfahrenen römischen Senators und Politikers. Varus setzte in Germanien unter seinem Oberbefehl strikt seinen eigenen Willen durch; Gesetze, Steuern und Tribut wurden von den Stämmen eingefordert, und ehemalige Bundesgenossen wurden durch die Repressalien zunehmend kritischer und unzufriedener.

Als Segestes, ebenfalls ein Fürst der Cherusker, Varus davor warnt, dass germanische Fürsten vereint unter Arminus den Aufstand gegen die römische Besatzung planen, glaubt Varus ihm kein Wort. Im Gegenteil, er wird sogar ärgerlich, und auch seine hellhörigen Stabsoffiziere, die diese Warnung ernster als der Statthalter nehmen, werden ignoriert. Selbst als Varus den vermeintlichen Verräter zur Rede stellt und dieser die Anklage ins Lächerliche zieht, kommen dem Statthalter keine Zweifel.

Annius, ein ehemaliger römischer Legionär, der nach einer Verletzung nun als Schreiber im Generalsstab tätig ist, findet ebenfalls Hinweise und ihm fallen Merkwürdigkeiten auf, und auch einzelne ihm bekannte Offiziere sehen sich hilflos einem möglichen Aufstand ausgesetzt. Als Annius Mitleid mit der germanischen Sklavin Thiudgif hat und diese bei einem Würfelspiel gewinnt, sieht er endlich in seinen Leben wieder eine Aufgabe, vielleicht sogar eine Zukunft, für die es sich zu leben lohnt.

Trotz aller Warnungen, Anzeichen, Hinweise und laut ausgesprochenen Zweifeln der Offiziere setzt sich Varus durch und zieht mit seinen drei Legionen und den germanischen Hilfstruppen in das Winterhauptquartier in der Nähe von Xanten. Langsam und schwerfällig setzen sich die Legionen mitsamt dem Tross in Bewegung. Der Weg ist beschwerlich und führt über schmale Pfade durch Moore und an Sümpfen vorbei. Dichte Wälder machen es unmöglich, das Gelände strategisch klug überblicken zu können. Hinzu kommt noch der anhaltende Regen, der die Wege schlüpfrig und die Kleidung der reisenden Legionen schwer und klamm macht.

Es kommt zu schweren Kämpfen, die Nachhut der Legionen wird immer wieder in kleinere Kämpfe verwickelt. Germanische Bogenschützen nehmen aus dem Schutz der Wälder heraus den Tross und die Soldaten unter Beschuss und machen keinen Unterschied zwischen Römern und Germanen, die als Angehörige den Zug begleiten.

Diese Taktik erschrickt die römischen Veteranen, und sie ahnen, dass sich die Warnungen des Segestes nun bewahrheiten. Das mitgeführte Kriegsgerät und die Wagen mit Materialien für eventuelle Befestigungsanlagen werden von den aufständischen Germanen vernichtet. Angst macht sich breit, nicht nur unter den Legionären, denn auch ihre Frauen und Kinder sind Ziel der brutalen und rücksichtslosen Angriffe, die oftmals aus dem Hinterhalt kommen.

Auch Annius wird in die Kämpfe verstrickt und muss sich vom Tross und von Thiudgif trennen, um einen letzten Befehl des Varus zu befolgen. Thiudgif dagegen flieht zusammen mit einer Schar Frauen in die Wälder, um auf eigene Faust entweder zu ihrem Vater zu gelangen oder aber eine römische Festung erreichen zu können. Die Verluste an Soldaten und Ausrüstung nehmen dramatisch zu, und durch einen Boten des Arminius wird Varus nun auch klar, dass er zusammen mit über 20.000 Männern, Frauen und Kindern mit einer gnadenlosen Schlacht konfrontiert werden wird, die in einer tödlichen Falle enden muss, und er allein ist dafür verantwortlich …

_Kritik_

Iris Kammerer hat der Tragödie um Varus eine erzählerische Wucht verliehen, die unter die Haut geht. Eher langsam, aber vielseitig konfrontiert sie die Leser mit dem Verdacht eines Verrats und führt ihre dramatischen Protagonisten konzentriert und wohlüberlegt in die Handlung ein.

Aus fast jeder Perspektive kommen die Einzelschicksale vor dem Leser zur Entfaltung. Annius, der sich nach Ruhe innerhalb einer Familie sehnt und nach seiner Verletzung noch immer nicht weiß, welchen Weg er gehen muss, ist genauso verloren wie seine Vertraute Thiudgif, die zwischen den Kulturen leben muss und langsam ihre Sympathie für den Feind entdeckt. Anfänglich wirkt sie hilflos, verloren, unselbständig, aber mehr und mehr gewinnt sie an Selbstvertrauen hinzu, und als sie auf der Flucht in die Wälder eine Gruppe von Frauen anführt, erwachen ihre Stärke und ihr couragiertes Selbstbewusstsein.

In vielen kleinen Nebensequenzen wird dem Leser aus der Sicht von römischen Offizieren die Verzweiflung und die Angst bildlich vor Augen geführt, wenn beispielsweise ein Speerhagel auf die römischen Legionäre niedergeht oder der fast hilflose Tross unter vielen zivilen Opfern aufgerieben wird. Die Handlung, die stets spannende Dialoge bereithält, wechselt auch immer wieder in die Perspektive der kämpfenden römischen Soldaten, die atemberaubend geschildert wird.

Es gibt Momente im Buch, die den Schrecken in unserer Fantasie zum Leben erwecken. Sicherlich fehlen uns Zeitzeugen und Texte, welche die Grausamkeit dokumentieren, die die Legionäre erleben mussten, aber Iris Kammerer fängt die wahrscheinlichsten Empfindungen auf und beschreibt diese so atmosphärisch dicht, dass man fast glauben mag, selbst diese Hoffnungslosigkeit zu empfinden. Aber nicht nur die Kampfszenen, die im Detail erzählt werden, sind spannend dargestellt, sondern ebenso die Dialoge der Offiziere und einfachen Legionäre.

Arminius, der ja in seiner militärischen Laufbahn die Taktik und die Strategie der römischen Militärmacht kennengelernt und selbst erlernt hat, weiß auch um ihre Fehler und Schwächen. Selbst die psychologische Komponente ist ihm dabei nicht fremd, und er setzt gerade dieses Element skrupellos, aber bewusst ein. Eine Szene soll Beispiel von dieser Kampfsituation geben: Man stelle sich vor, es ist Nacht und die Legionen haben mehr schlecht als recht in dem unwegsamen Gelände versucht, ein Lager zu errichten; der Wald ist nur wenige hundert Meter entfernt, es regnet und ist stockfinster. Im Schein von Fackeln sieht man am Waldrand die Leichen der Frauen und Kinder in den Bäumen im Wind schaukeln, man hört die Schmerzensschreie von Frauen und Kindern, die vielleicht die eigenen sind; unter Folter werden diese verstümmelt und zur Schau gestellt. Die Legionäre können nicht viel tun; hilflos, wütend und erschreckt stehen sie erstarrt da und lauschen den letzten Lauten hilfloser Angehöriger. Ein Römer fragt den anderen: „Woher haben sie diese Grausamkeiten?“ Woraufhin der römischer Gesprächspartner und Freund leise erwidert: „Von uns!“ Wenig später werden die campierenden römischen Truppen von erbeuteten Katapulten mit Leichenteilen der Gefangenen beschossen.

Was diese Menschen durchmachten mussten in dieser mehrtägigen Schlacht, können wir uns nicht vorstellen, aber Iris Kammerer formt den Schrecken in erzählerischen Bildern, obwohl die Wahrheit noch schrecklicher gewesen sein mag, wenn wir den Historikern Glauben schenken möchten.

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ – das ist eine Botschaft, die deutlich auch in „Varus“ transportiert wird. Die Eroberungspolitik und der Versuch, fremden Ländern seine Politik, Religion und gesamte Kultur aufzuzwingen, kann einfach kein gutes Ende nehmen. Die Selbstkritik der römischen Protagonisten und die Erkenntnis begangener Fehler treten auch in diesem Roman sehr hervor.

Für manche Menschen mag Arminius – oder „Hermann“ wie er manchmal genannt wird – ein Held sein, ein heroischer Freiheitskämpfer, der sich der Besatzungsmacht entledigte. Diese Meinung allerdings wird im vorliegenden Buch nicht vertreten. Arminius wird ohnedies nur wenig Raum gegeben, was auch gut so ist. In „Varus“ geht es primär um den titelgebenden Feldherrn, dessen Fehler, Dummheit oder Überheblichkeit tausende von Menschen das Leben kostete. Es geht aber auch um die Legionäre als Menschen, die feststellen, dass sie die nächsten Tage nicht überleben werden. Für Arminius empfindet man keinerlei Sympathie oder gar Verständnis, zu deutlich sind die von ihm hervorgerufenen Schrecken. Trotzdem weist die Autorin aber auch daraufhin, dass die Römer alles andere als unschuldig sind. Diese Botschaft hat Frau Kammerer wirklich großartig übermittelt.

Einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass nicht erzählt wird, wie es weitergeht nach der Varusschlacht, welche Politik und welche Reaktionen es nach dieser Tragödie gibt und welchen weiteren Weg Arminius geht. Aber das könnte auch noch Inhaltsstoff für weitere Romane ergeben, auch wenn Frau Kammerer diese Geschichte eigentlich nicht weitererzählen möchte, beispielsweise aus der Sicht des Cheruskerfürsten Arminius. Wer mehr über die Zeit nach der Schlacht erfahren möchte, dem empfehle ich die Trilogie um den Tribun Cinna, der vor der eigentlichen Schlacht von Germanen gefangen genommen und festgehalten wird.

_Fazit_

„Varus“ ist ein historischer Roman, der wirklich gut anhand der vorliegenden Quellen recherchiert und erzählt wurde. Er ist abwechslungsreich und spricht mit einer atmosphärischer Stimme, die nicht zu überhören ist. „Varus“ ist kein leiser Roman, sondern ein Buch, das zwar Unterhaltung bietet, aber doch vielschichtig, informativ und spannend auf Aktion und Reaktion eingeht. So still auch die Einleitung zunächst erscheinen mag, so explosiv wuchtig eskaliert die Erzählung im Hauptteil, und auch der Schlussakt bildet ein gutes und nachvollziehbares Ende. Ein Nachwort, eine kleine Zeittafel und Erklärungen von Waffen und Ausrüstung sowie Alltagsgegenständen runden den Roman hervorragend ab.

Im Lauf der nächsten Monate wird es viele Romane, Sachbücher und auch Reportagen über die „Varusschlacht“ geben, die immer noch Stoff für Mythen, Legenden und geschichtlichen Überraschungen bereithält. „Varus“ von Iris Kammerer kann ich zu diesem Thema beruhigt weiterempfehlen, denn die Autorin versteht es, erzählerische Freiheiten mit Fakten zu vermischen, ihrer Leserschaft Hochspannung zu kredenzen und im Leser das Interesse daran zu wecken, mehr über das Schicksal des Publius Quinctilius Varus zu erfahren.

_Die Autorin_

Iris Kammerer, 1963 in Krefeld geboren, arbeitete nach dem Studium der Klassischen Philologie und Philosophie als Texterin, Redakteurin und Beraterin. Seit 2004 ist sie freie Autorin. Bisher erschienen die erfolgreiche Trilogie um den römischen Offizier Cinna („Der Tribun“, „Die Schwerter des Tiberius“ und „Wolf und Adler“) sowie der im Mittelalter angesiedelte Roman „Der Pfaffenkönig“. Iris Kammerer lebt zusammen mit ihrem als Sachbuchautor tätigen Mann Helmut Kammerer in Marburg.

|Taschenbuch, 464 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-47089-7|
http://www.iris-kammerer.de/
http://www.heyne.de

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[„Die Schwerter des Tiberius“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3539 (Tribun 2)
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