Kastner, Jörg – Engelsfürst

Mit „Engelsfürst“ legt der deutsche Autor Jörg Kastner bereits seinen dritten Vatikanthriller rund um den ehemaligen Schweizer Gardisten Alexander Rosin und die engagierte Vatikanjournalistin Elena Vida vor. In den beiden Vorgängerromanen „Engelspapst“ und [„Engelsfluch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=808 standen sowohl der reformerische Papst Custos als auch der Geheimorden Totus Tuus im Zentrum der Erzählung. Über zwei Jahre ist es her, seit Alexanders geliebter Onkel ermordet wurde und Papst Custos an die Macht kam, der über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt und daher unter dem Namen Engelspapst bekannt wurde. Aber auch der Gegenpapst Lucius, der sich in „Engelsfluch“ einen Namen gemacht hat, besitzt heilende Fähigkeiten und stammt von einem bekannten Engel ab. Im Engelsfürsten nun regieren beide Päpste in trauter Zweisamkeit, bis das Übel seinen Lauf nimmt …

Zu Beginn des vorliegenden Buches begibt Elena Vida sich zu später Stunde an einen abgelegenen Treffpunkt, um sich dort mit dem stellvertretenden Direktor der Vatikanbank, Monsignore Picardi, zu treffen, der am Telefon nervös klang und offensichtlich geheime Informationen für Elena hat. Doch am vereinbarten Treffpunkt wartet nicht Picardi auf Elena, sondern zwei gefährliche Männer, die Elena bewusstlos schlagen. Kurz darauf findet Elena Vida sich in Polizeigewahrsam wieder, da sie neben der Leiche Picardis gefunden wurde und nun des Mordes verdächtigt wird.

Alexander Rosin dagegen wird in den Vatikan gerufen, um dort ebenfalls unglaubliche Neuigkeiten zu hören. Kardinal Mandume nämlich ist nicht, wie offiziell bekannt gegeben, an einem Herzschlag gestorben, sondern er ist durch die so genannte Selbstverbrennung gestorben, bei der innerhalb von Sekunden oder wenigen Minuten von einem Menschen nur noch ein Häuflein Asche übrig bleibt. Als Alexander dann auch noch erfahren muss, dass Elena, von der er inzwischen getrennt lebt, nur knapp einem Anschlag entkommen konnte und nun selbst des Mordes verdächtigt wird, befindet sich auch Rosin mitten in der Geschichte.

In einem zweiten Handlungsstrang treffen wir auf Enrico, den Sohn des zweiten Papstes Lucius, der sich in einem Kloster in San Gervasio aufhält und von merkwürdigen Träumen heimgesucht wird. Der Abt des Klosters bietet Enrico an, eine Rückführung zu versuchen, damit Enrico seine Träume besser deuten kann und vielleicht herausfindet, ob es sich dabei nicht vielmehr um eigene Erinnerungen aus einem früheren Leben handelt. Bei seinen Sitzungen mit dem Abt muss Enrico schließlich feststellen, dass er vor 2000 Jahren tatsächlich bereits unter dem Namen Vel gelebt hat und er aus diesem Leben schreckliche Erinnerungen ans Tageslicht holen wird …

In zwei parallelen Handlungssträngen erzählt Jörg Kastner temporeich die Geschichte des Engelsfürsten. Während recht schnell Elenas Unschuld bewiesen ist und Alexander Rosin ebenfalls nur knapp einem Mordanschlag entkommen kann, versuchen Stelvio Donati und Alexander zusammen herauszufinden, welche Zusammenhänge es zwischen den beiden toten Kirchenmännern Picardi und Mandume gibt. Umrahmt wird die Erzählung durch die tragische Liebesgeschichte zwischen Alexander und Elena, die ein Ende fand, als Alexander aus Neid vor Elenas journalistischen Erfolgen eine Affäre begann. Doch damit nicht genug, erfährt Alexander nun auch noch, dass Elena ein Kind von ihm erwartet. Die Beziehung der beiden ist somit gespickt von Streit, Zwistigkeiten und Eifersucht. Elena kann Alexander seine Untreue einfach nicht verzeihen, obwohl dieser seinen Fehler gerne ungeschehen machen würde. Aber für viel Liebesgeplänkel ist glücklicherweise nicht viel Zeit, da sich im Kloster von San Gervasio etwas Schreckliches zusammenbraut.

Nach gleichem Strickmuster schon wie in „Engelsfluch“ lässt Kastner den besiegt geglaubten Geheimorden Totus Tuus wieder auferstehen, der mächtige Männer auf den Plan treten lässt, die ähnlich prominente Ahnen haben wie Papst Lucius und sein Sohn Enrico, die vom Engel Uriel abstammen und daher als Engelssöhne bezeichnet werden.

Schnell wird klar, dass das so genannte Engelsfeuer entfacht werden soll, um den Engelsfürsten auferstehen zu lassen, doch mit welchen Mitteln dies geschehen soll und worum es sich dabei genau handelt, das enthält Jörg Kastner uns über weite Strecken des Buches vor. Doch wer sich noch an den Vorgängerband erinnern kann, wird einige Parallelen entdecken, die ziemlich offensichtlich sind. Insbesondere beim Showdown erwartet den Leser ein unangenehmes Déjà-vu – man meint, fast genau die gleiche Szene bereits zu kennen.

Nun ja, ein paar neue Komponenten sind durchaus enthalten und es fehlen auch nicht die atemberaubenden Verfolgsjagden und Mordanschläge, die immer wieder die Spannung steigen lassen und das Tempo anziehen, obwohl Jörg Kastner durch die steten Schauplatzwechsel von vornherein ein ziemlich hohes Erzähltempo anschlägt. So bleibt dem Leser wenig Zeit zum Durchatmen und glücklicherweise oft auch wenig Zeit zur Reflektion über das gerade Gelesene, was dem Roman sicher zugute kommt.

Insbesondere die personellen Schwächen sind schnell aufgedeckt, denn wir treffen wieder auf unsere alten Bekannten, den ehemaligen Gardisten Alexander Rosin und seine nunmehr Exfreundin Elena Vida, die beide unerschrocken zu Werke gehen und sich von keinem Killer den Mut nehmen lassen. Immer wieder stürzen sie sich in gefährliche Situationen und treffen daher mehrfach auf die beiden unbekannten Mörder. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch permanent Elenas Sorge um den ungeborenen Sohn anhören. Natürlich vergisst Kastner es auch nicht, immer wieder Alexanders Schuldgefühle auszubreiten, von denen er aufgrund seiner Untreue heimgesucht wird, aber wer hätte es nicht geahnt? Am Ende – so viel sei verraten, ohne zu viel preiszugeben – erwartet unsere beiden Helden natürlich ein schmalztriefendes Happyend, das ebenso gut aus der Feder einer Rosamunde Pilcher hätte stammen können.

Doch bleiben wir beim Inhalt – und da hat Jörg Kastner leider wenig Neues zu bieten; es treten kaum Charaktere auf, die wir nicht bereits aus den Vorgängerbänden kennen, auch ist der Roman nach exakt dem gleichen Schema konstruiert wie sein Vorgänger und dadurch zu leicht durchschaubar. Thematisch entfernt Kastner sich rein gar nicht von seinem eingeschlagenen Pfad, sondern geht gerade mal ein, zwei Schritte weiter, um einige winzige neue Aspekte ins Spiel zu bringen, die aber wenig Sensationelles zu bieten haben. Als dann schließlich die Söhne verschiedener Engel im großen Finale aufeinander treffen, hoffen wir eigentlich nur noch eins: und zwar, dass Totus Tuus nun endlich ausgerottet sein möge, damit kein weiteres Feuer entfacht werden kann.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Kastner mit „Engelspapst“ ein überzeugender Start in seine Vatikanreihe gelungen ist, die er leider mit dem zweiten Band nicht völlig gelungen fortgesetzt hat, „Engelsfürst“ ist nun nur noch ein müder Abklatsch von „Engelsfluch“ und damit der schwächste der drei bisher erschienenen Bände. Natürlich ist das Buch rasant geschrieben, nett zu lesen und auch ganz unterhaltsam, aber man sollte schon einen Hang zum Mystischen haben, um diesem Buch etwas abgewinnen zu können; logische Gedanken und der Wunsch zur Realitätsnähe sind hier fehl am Platze.

http://www.knaur.de

Schreibe einen Kommentar