Katzenbach, John – Patient, Der

In den USA ist John Katzenbach schon seit Jahren ein Name, der für spannende Thrillerlektüre steht. Bereits zehn Romane sind von ihm erschienen, von denen es viele in die Bestsellerlisten schafften. Zweimal brachte er es obendrein auf eine Nominierung zum Edgar Award. In Deutschland war John Katzenbach dagegen bis vor kurzem noch ziemlich unbekannt. Erst durch seinen Psychothriller [„Die Anstalt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2688 wurde er populär. Nun schiebt der |Knaur Taschenbuch Verlag| mit „Der Patient“ den nächsten Katzenbach hinterher.

Thematisch bewegen sich beide Bücher auf etwa gleichem Terrain. Während „Die Anstalt“ sich um die sonderbaren Vorkommnisse in einer Nervenheilanstalt dreht, in deren Zentrum die Patienten stehen, dreht sich „Der Patient“ um einen Psychoanalytiker.

Dr. Frederick Starks begeht seinen 53. Geburtstag – in der Gleichförmigkeit von Starks tristem Alltagsleben ein Tag wieder jeder andere auch. Dennoch krempelt dieser Tag Starks Leben völlig um, als ihn die Glückwünsche eines sehr sonderbaren Gratulanten erreichen. |“Herzlichen Glückwunsch zum 53sten Geburtstag, Herr Doktor. Willkommen am ersten Tag Ihres Todes.“| Mit diesen Worten leitet der unbekannte Absender seinen Brief ein.

Der Unbekannte, der sich selbst Rumpelstilzchen nennt, lädt Starks zu einem Spiel ein. Starks soll innerhalb von 15 Tagen herausfinden, wer er ist. Findet er die Lösung, hat er gewonnen. Findet er sie nicht, so muss er am Ende dieser 15 Tage entweder Selbstmord begehen oder Rumpelstilzchen wird einen beliebigen Menschen aus Starks Verwandtschaft umbringen.

Rumpelstilzchen behauptet, irgendwo in Starks Vergangenheit zu existieren. Starks hat angeblich sein Leben zerstört und dafür will er nun Rache nehmen, die er anhand seines perfiden Spiels vollzieht. Und während Starks sich mangels Alternativen daran macht, seine Vergangenheit auf der Suche nach der Identität des Unbekannten zu durchforsten, nimmt das Spiel seinen Lauf. Doch schon bald muss Starks erkennen, dass Rumpelstilzchen ihm stets einen Schritt voraus ist …

Hat er eine Chance, in 15 Tagen Rumpelstilzchens Identität zu lüften? Wird Frederick Starks in 15 Tagen noch am Leben sein? Ist in Rumpelstilzchens Spiel überhaupt vorgesehen, dass Starks überlebt?

Was John Katzenbach auf den 668 Seiten seines Romans inszeniert, ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das es wirklich in sich hat. Raffiniert zieht er die Geschichte auf und lässt sich dabei nicht in die Karten gucken. Rumpelstilzchens „Spiel“ ist bis ins letzte Detail durchgeplant. Starks beschaulichem, eintönigem Leben haftet auch eine gewisse Durchschaubarkeit seines Verhaltens an, das sich der Täter zunutze macht.

Mit jedem Tag, der im Laufes der gesetzten Frist verstreicht, arbeitet Rumpelstilzchen darauf hin, Starks keine andere Möglichkeit zu lassen, als am Ende den Freitod zu wählen. Man staunt, mit welcher Leichtigkeit das Leben eines Menschen aus den Angeln gehoben wird und wie gering die Chancen für Dr. Starks sind, sich dem Unvermeidlichen zu entziehen.

Doch würde alles so laufen, wie Starks Kontrahent es vorgesehen hat, bräuchte der Roman wohl kaum über 600 Seiten, um in einem finalen Selbstmord zu enden. Katzenbach baut diverse Wendungen in die Geschichte ein, die stets aufs Neue die Spannungsschraube anziehen. Doch um nicht zu viel zu verraten und dem potenziell interessierten Leser die Spannung vorwegzunehmen, verkneife ich mir hier weitere Details. Es reicht zu wissen, dass Katzenbach die Geschichte wesentlich komplexer ausbaut. Die Handlung macht so manche Wendung mit, die die Geschehnisse in anderem Licht erscheinen lässt.

Und so reicht es, an dieser Stelle zu sagen, dass die meisten der vollzogenen Wendungen durchaus glaubwürdig und nachvollziehbar sind – und oft sind sie auch wirklich überraschend. Katzchenbach packt die Erzählperspektive durchaus spannungssteigernd an. Oft lässt er den Leser selbst über Dr. Starks Pläne im Dunkeln. Er lässt ihn Starks Aktivitäten beobachten und seine eigenen Schlüsse ziehen. Erst im weiteren Verlauf der Ereignisse sieht der Leser dann, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt. Das macht den Roman zu einem wahren „Page-Turner“.

Für mich persönlichen gab es nur einen einzigen konkreten Fall, in dem ich wirklich Schwierigkeiten hatte, die Glaubwürdigkeit der Handlung beziehungsweise die Motivation einer Figur nachzuvollziehen. Das hinterlässt im Gesamteindruck einen kleinen Makel, kann den Lesegenuss aber nur geringfügig schmälern.

Insgesamt sind der Romanaufbau, die Erzählweise und der Spannungsbogen immer noch so gut durchdacht ausgearbeitet, dass die Lektüre durchweg fesselnd ist. Katzenbach zieht den Leser schnell in seinen Bann und lässt ihn bis ganz zum Ende nicht mehr los, denn zu jeder Zeit gibt er dem Leser ein Dutzend Fragen an die Hand, die ihn auf Trab halten, so dass man das Buch kaum beiseite legen mag.

Beachtlich ist auch, wie wenig Gewalt und Brutalität Katzenbach braucht, um einen spannungsgeladenen Plot aufzubauen. Der beste Teil der Spannung spielt sich komplett auf der Ebene der Psyche ab, im Hin und Her zwischen den Figuren, im Vorausahnen der Aktivitäten des Gegners und im gedanklichen Konstruieren der Person, die sich hinter dem Namen Rumpelstilzchen verbirgt. Zwar geht auch „Der Patient“ nicht ganz ohne Gewaltanwendung über die Bühne, aber der Schwerpunkt ist eindeutig anders gesetzt. Sprachlich ist das Ganze so formuliert, dass sich das Buch ganz flott runterlesen lässt. Katzchenbachs Stil ist recht einfach und eingängig, aber dennoch nicht ganz so simpel gestrickt, wie es bei Thrillern von der Stange oftmals der Fall ist.

Bleibt unterm Strich festzuhalten, dass „Der Patient“ spannungsgeladene Lektüre ist, die den Leser zu fesseln weiß. Katzchenbach inszeniert einen verzwickten und raffinierten Plot, den der Leser nicht so leicht durchschaut. Sieht man von der Glaubwürdigkeit einer einzelnen Nebenfigur ab, ist „Der Patient“ durchaus nachvollziehbar konstruiert. Fazit: Spannend, raffiniert und voller interessanter Wendungen. Wer ausgeklügelte Psychothriller mag, der kommt hier voll auf seine Kosten.

http://www.john-katzenbach.de/
http://www.knaur.de

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