Katzenbach, John – Rätsel, Das (Hörbuch)

_Im 51. Bundesstaat: Wild West oder Faschismus?_

Eine junge Frau wird grausam ermordet – in einem von der State Security streng überwachten Territorium, das seinen wohlhabenden Bewohnern absolute Sicherheit verspricht. Jeffrey Clayton, Psychologieprofessor und Profiler, soll bei der Aufklärung des geheim gehaltenen Mordes mithelfen. Die Suche nach dem Täter führt Clayton zurück in seine eigene, dunkle Familiengeschichte, zurück zu dem Mord in seiner Nachbarschaft, der sich vor 25 Jahren ereignete. Damals zählte sein Vater zu den Verdächtigen – bis dieser kurz darauf auf mysteriöse Weise ums Leben kam … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Katzenbach ist der Sohn einer Psychoanalytikerin und des früheren US-Justizministers Nicholas deB. Katzenbach. Er war ursprünglich Gerichtsreporter für den „Miami Herald“ und die „Miami News“ und hat mittlerweile elf Spannungsromane veröffentlicht. Katzenbach ist mit der Journalistik-Professorin und Pulitzer-Preisträgerin Madeleine Blais verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Die Familie lebt im westlichen Massachusetts, USA.

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[„Das Rätsel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4627
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[„Der Patient“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2994
[„Die Anstalt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2688

_Der Sprecher_

Simon Jäger, geboren 1972 in Berlin. Seit 1982 arbeitet er als Synchronsprecher bei Film und TV. Er lieh u. a. Josh Hartnett, James Duvall, Balthazar Getty und River Phoenix seine Stimme, aber auch „Grisu dem kleinen Drache“, und war auch in TV-Serien wie „Waltons“, „Emergency Room“ zu hören. Seit 1998 arbeitet er zudem als Autor und Dialogregisseur. (Homepage-Info)

Regie führte Tanja Geke.

_Handlung_

Susan Clayton entwirft die Rätsel für die lokale Zeitung und bedient sich dabei des Pseudonyms „Mata Hari“, nach der berühmten Spionin. Sie besitzt standesgemäß eine halbautomatische Pistole und ein vollautomatisches Sturmgewehr, das sie in dem Haus, in dem sie mit ihrer Mutter Diana lebt, versteckt hat. Die Zeiten sind hart und rau, denn gewalttätige Jugendbanden beherrschen die Straße. Sogar vor ihrem Bürogebäude bekommt sie bewaffneten Geleitschutz, wenn sie zu ihrem geparkten Auto will.

Heute bekommt Susan einen anonymen Brief, den ersten von dreien: „Die erste Person besitzt das, was die zweite Person versteckt hat.“ Einfaches Rätsel! Lösung: „Ich habe dich gefunden.“ Susan läuft ein Schauder über den Rücken. Denn vor rund 25 Jahren hat ihre Mutter Diana Susan und ihren Bruder Jeffrey geschnappt und ihren gewalttätigen Mann Joseph Mitchell verlassen. Diana nahm als Tarnung den Namen ihrer Großmutter mütterlicherseits an: Clayton. Sie versteckte sich im südlichsten Florida, wo Joseph sie nie vermutet hätte. Wie konnte er sie jetzt nur aufspüren? Susan versucht Jeffrey zu erreichen, doch er scheint verreist zu sein …

Jeffrey Clayton, Professor der Psychologie, bekommt Besuch von einem Agenten der Staatssicherheit. Der Mann nennt sich Robert Martin. Jeff ist keineswegs entzückt, diesen Besucher in seiner Vorlesung über psychopathische Serienmörder zu finden, noch dazu bewaffnet. Der stille Alarm des Metalldetektors an der Tür seines Hörsaals hat Jeff gewarnt und nun zielt Jeff nach der Vorlesung auf ihn. Der Typ bleibt jedoch eiskalt. Er sagt, er gehöre der Regierung des geplanten 51. Bundesstaates an, einem Hochsicherheitsgebiet, das den ganzen Mittleren Westen durchzieht und in dem nur Privilegierte leben dürfen. Und er will Jeffs Mitarbeit an der Aufklärung dreier Mordfälle, die unangenehmerweise in einem Gebiet stattfanden, wo Waffen für Normalbürger streng verboten sind.

Jeff, der zunächst ablehnt, muss einsehen, dass er keine Wahl hat. Denn Martin macht ihm klar: Wenn er ablehnt und die Abstimmung im Kongress über die Einrichtung des 51. Bundesstaates wegen der Publikation der Morde scheitert, dann wird er Jeff die Hölle heiß machen. Und so wie Jeff den Typ Serienmörder kennt, um den es geht, hat der Killer gerade erst angefangen. Die religiöse Motivation ist unverkennbar, denn die jungen Mädchen liegen mit ausgebreiteten Armen da und ihnen wurden Haare als Trophäen abgeschnitten. Nach der postmortalen Vergewaltigung. Und eine davon war eine Studentin Jeffreys. Obendrein: Der Hauptverdächtige ist sein Vater. Bei diesem Argument kapituliert Jeffrey.

Jeff richtet sich in der Hauptstadt New Washington ein. Aber der Auftrag hat auch eine politische Dimension, und deshalb wird er in dem Gespräch mit dem Chef der Staatssicherheit und dessen Stellvertreter zusätzlich noch von einem Regierungsbeamten auf Verschwiegenheit vergattert. Jeff benennt die namenlosen Herrschaften nach drei berühmten Massenmördern. Das tangiert sie nicht; Hauptsache, er macht seinen Job.

Doch schon bald merkt er, dass jemand in sein maximal gesichertes Büro eingedrungen ist. Es kann nur jemand vom autorisierten Personal sein. Sein Vater, den er als Ersten verdächtigt, hat also einen Komplizen, wahrscheinlich eine Ehefrau, die er als Tarnung benutzt und die entsprechende Zugangsberechtigungen besitzt. Jeff ist also nirgendwo sicher.

Als er Susan endlich am Telefon erreicht, erfährt er, dass sein Vater seine krebskranke Mutter und seine Schwester bedroht hat. Daher lässt er sie umgehend zu sich kommen. Zusammen ziehen sie in ein Haus der Staatsregierung. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass seine Familie der ideale Lockvogel für den Mörder in New Washington darstellt. Er erkennt ein wenig spät, dass es Agent Robert Martin von Anfang an darauf angelegt hat, den Mörder in dieser Falle zu fangen. Mit den Claytons als Köder.

_Mein Eindruck_

Wie man sicher schon gemerkt hat, gibt es den hier vorgestellten 51. Bundesstaat mit seiner Hochsicherheitspolitik (noch) nicht. Denn es handelt sich nicht um einen Zukunftsroman im klassischen Sinne, sondern um eine Spekulation, wie sie jedem frei erfindenden Schriftsteller erlaubt ist. Erzählen bedeutet schließlich stets auch Erfinden, Erdichten.

Diese spekulative Wirklichkeit erscheint zunächst denkbar erschreckend, wenn sie auch in dieser Hinsicht wesentlich hinter anderen Schreckensvisionen der sogenannten Science-Fiction zurückbleibt. Wie Susans Beispiel zeigt, kann man auch in den von Jugendbanden beherrschten Straßen leben, wenn auch nur schwer bewaffnet. Diesen Zustand haben gewisse Viertel von US-amerikanischen und lateinamerikanischen Metropolen schon längst erreicht, so dass es für den Autor anno 1998 kein großer Gedankensprung war, sich diese Zukunft vorzustellen.

Doch wie sieht es nun im Paradies aus, das totalen Schutz bietet? Um totale Freiheit von Gewalt zu erlangen, müssen die Bürger, die sich hier niederlassen wollen, etlicher ihrer Freiheiten entsagen. Es ist ein wenig wie in China unter der Kulturrevolution oder in einem faschistischen oder stalinistischen System. Jeder wird maximal registriert und reglementiert. Fehlt nur noch die Heirats- und Kindergenehmigung, aber darüber lässt sich der Autor leider nicht aus. Jeffrey, der liberale Ami, nennt den Staatssicherheitsdienst, dem Bob Martin angehört, jedenfalls „SS“, und damit liegt er nicht weit von der Wahrheit entfernt (die echte SS verstand sich als Eliteorden, und davon kann bei Martin keine Rede sein).

Und dennoch kommen mir all die Sicherheitseinrichtungen, die sich der Autor hier ausmalt, wie Pippifax vor im Vergleich zu dem, was heute, nach dem 11. September, der Fall ist. Eine Vision à la Orwells [„1984“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1373 lag aber auch gar nicht in der Absicht der Autors, denn schließlich will er mit einer Thrillerhandlung unterhalten. Nach Vorstellung des Polizeistaates wendet er sich der Familie Clayton alias Mitchell zu. Im letzten Drittel gerät das Buch deshalb schier zu einem Familiendrama.

Auftritt Joseph Mitchell, Jeffs Vater. Er ist ein psychopathischer Killer, so viel ist auch Jeff klargeworden. Doch interessanterweise betrachtet sich Mitchell keineswegs als durchgeknallt, sondern vielmehr als Freiheitskämpfer, quasi als Ein-Familien-Guerilla, zusammen mit Frau und Sohn. Und er bekämpft den Polizeistaat auf dessen Territorium da, wo es meisten wehtut: in puncto Sicherheit. Die Abstimmung im Kongress, bei welcher der 51. Staat gegründet werden soll, droht wirklich auf der Kippe zu stehen, wenn die Morde Mitchells publik werden.

Es sind nicht irgendwelche Opfer, die er sich aussucht, sondern junge Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren, Marke „All American Girl“ und Cheerleader, sozusagen der ganze Stolz und die Hoffnung ihrer behütenden Eltern. Wenn es der Polizeistaat nicht einmal schafft, diese künftigen Mütter stolzer Söhne des Vaterlandes zu beschützen, wer dann? Moralisch gesehen ist der Polizeistaat im Recht, sich zu wehren, aber in der fiktiven Wirklichkeit tritt Robert Martin als dessen Vertreter um keinen Deut moralischer auf als der Killer selbst. Das ist die eigentliche Kritik des Autor am Polizeistaat.

Der Showdown ist dann thematisch gesehen nur noch eine notwendige Fußnote. Aber man möchte sie in einem Thriller auf keinen Fall missen. Wie sich zeigt, ist das Warten auf dieses packende Finale die Mühe wert. Es geht nicht nur um das Töten Mitchells, sondern auch um die Rettung seines jüngsten Opfers aus seinem Folterkeller. Und wie sich herausstellt, fällt dabei Diana, Mitchells todkranker Exfrau, eine besondere Aufgabe zu: die der Nemesis, deren moralische Berechtigung keiner infrage stellen kann.

|Der Sprecher|

Simon Jäger, die deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett, ist ein sehr fähiger Sprecher für diesen gruseligen Text. Er lässt sich jede Menge Zeit, spricht deutlich und kitzelt die unterschwelligen Bedeutungen des Textes hervor. So entsteht ein deutliches Bild der Vorgänge.

Indem er die Figuren mit einer individuellen Ausdrecksweise und Stimmhöhe ausstattet, macht er sie leicht erkennbar. Doch erst in emotionalen Situationen erwachen sie zum Leben, wenn der Sprecher sie rufen, klagen und brüllen lässt. Simon Jägers Vortragsweise ist zwar nicht so emotional wie die von Johannes Steck, doch viel fehlt nicht mehr.

Und ab und zu macht er sich auch mal einen Spaß und lässt einen Professor nuscheln oder jemand anderen lispeln. Zum Kichern fand ich die doofe Sekretärin im Polizeiministerium, die Jeff so bereitwillig Auskunft erteilt. Andere mögen dies klischeehaft nennen, doch dieser ganze Roman strotzt nur so vor Klischees, wozu also noch ein weiteres beklagen?

_Unterm Strich_

Als der Autor seinen Thriller im Jahr 1998 veröffentlichte, mag er gedacht haben, seine Schreckensvision eines Polizeistaates auf US-amerikanischem Boden sei abschreckend. Seit dem 11. September 2001 ist sein Szenario jedoch von den Ereignissen rasch überholt worden. Tatsächlich sind die gesamten USA heute ein 51. Bundestaat und nicht nur die Behörden bis an die Zähne bewaffnet. Insbesondere Muslime dürfen sich heute glücklich schätzen, überhaupt im Land bleiben zu dürfen – oder hineingelassen zu werden. Der Patriot Act sorgte für die maximale Bespitzelung und die Wahl Barack Obamas für die maximale Individualbewaffnung.

Katzenbach wollte mit seinem Thrillerszenario wahrscheinlich abschrecken. Denn unsere Sympathien gelten sofort Jeffrey Clayton, der ja den Polizeistaat und die Staatssicherheitspolizei Robert Martins als faschistisch ablehnt. Und tatsächlich legt Martin genauso wenig Skrupel an den Tag, Bürger wie die Claytons als Köder zu benutzen, wie bei der Jagd auf den eigentlichen Killer. Die Obrigkeit und ihre Vertreter legen also keine höhere Moral als Verbrecher an den Tag. Das reicht, um die Kritik vernichtend werden zu lassen. Doch angesichts heutiger Bedrohungen hat der Patriot dieses Szenario als veraltet erscheinen lassen: Die Behörden in den USA gehen noch weiter als Robert Martin. Siehe Guantanamo.

Und was die Individualbewaffnung anbelangt, so wird sie in Katzenbachs Thriller in jeder Hinsicht gerechtfertigt, weil nur mit entsprechenden Waffen die Familienmitglieder ihren Showdown erfolgreich ausfechten können. Ob dieser Aspekt so vorbildlich ist, möchte ich jedoch stark bezweifeln. Wer die Wahl zwischen Wild West und Faschismus hat, würde wohl am liebsten auswandern.

|Das Hörbuch|

Simon Jägers Vortrag ist lebhaft und emotional, er kann die Figuren in den emotionalen Szenen wirklich zum Leben erwecken. Dass es weder Geräusche noch Musik gibt, finde ich weniger schön, aber wahrscheinlich würden sie bloß stören.

|Originaltitel: State of Mind
Aus dem US-Englischen übersetzt von Anke Kreutzer
399 Minuten auf 6 CDs
ISBN-13: 978-3-86610-451-8|
http://www.argon-verlag.de
http://www.john-katzenbach.de

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