Kaul, Johannes – Höhenrausch und Atemnot

Das Extrembergsteigen hat sich in den letzten zwei Dekaden kontinuierlich und immer mehr zum Volkssport entwickelt. Die riesigen Giganten im Himalaya sind längst keine unbezwingbaren Illusionen mehr, die 8000er haben sich gleichermaßen vom puren Phantasiegebilde in erreichbare Kultgipfel verwandelt. Und da man auch als leicht trainierter Hobby-Alpinist problemlos in die für europäische Verhältnisse enormen Höhen aufsteigen kann, haben sich in besagter Zeit viele Mythen schleppend aber doch effektiv in Luft aufgelöst.

Ein Berg, für den diese Form der Vermarktung mehr als jede andere zutrifft, ist sicherlich der Kilimandscharo, kurz Kibo, den vor ungefähr 30 Jahren höchstens drei Personen jährlich zu besteigen wagten. Heute ist er zum Zentrum eines eigenartig ausgelegten Massentourismus geworden, welcher mit 25.000 Mensche in jedem Jahr mehr Leute anzieht als einige namhafte Gipfel im Gebiet der Alpen. Dass der Kilimandscharo deshalb aber längst kein Berg ist, den man im spielerischen Alleingang meistern kann, steht außer Frage, und wird von ARD/WDR-Reporter Johannes Kaul in seinem Erlebnisbericht noch einmal mit vielen schlagkräftigen Argumenten und einschlägigen Erfahrungen untermalt.

Dabei stellt sich aber erst einmal die Frage, ob Kaul lediglich ein weiterer Hobby-Schreiber ist, der dieses Medium nutzt, um sich und seinen Gipfelerfolg abzufeiern. Der Markt boomt, und gerade weil der Kibo einer jener Berge ist, der diesbezüglich immer mal wieder gerne in Augenschein genommen wird, ist eine gewisse Skepsis durchaus angebracht. Bei 25.000 Besteigungen jährlich erscheint die Leistung Kauls bei allem Respekt nämlich nicht mehr ganz so grandios wie beispielsweise in den Himalaya-Tagebüchern einer Gerlinde Kaltenbrunner.

Doch „Höhennot und Atemrausch“, so der Titel des Buches, ist weitaus mehr als das Tagebuch eines medienpräsenten Menschen, der seine Expedition für wichtig genug hielt, sie auch in literarischer Form abzufassen. Es ist gleichzeitig die Dokumentation eines ausgefallen TV-Projekts, dessen Ziel darin bestand, als erster Trupp live von der Gipfelbesteigung des höchsten Berges in Afrika mit der Kamera zu berichten. Ferner ist es ein in eindringliche Worte gefasster Motivationsschub für die ältere Generation, da der weniger sportliche Kaul zeigt, dass man mit einem bekämpften inneren Schweinehund und einer Menge Willenskraft und Entschlossenheit selbst vermeintlich unerreichbare Ziele wie etwa diesen knapp 6000m hohen Berg erreichen kann. Immerhin ist der Autor des Buches zum Zeitpunkt der Besteigung schon stolze 67 Jahre alt.

Als Letztes ist „Höhennot und Atemrausch“ aber auch eine sehr persönliche Analyse der Vorgänge am Kilimandscharo, angefangen bei den manchmal recht dramatischen Background-Storys der Träger, über den Umgang mit Leichtsinn, Überheblichkeit und Fehleinschätzungen in den Gipfelregionen, bis hin zur sehr authentischen Umschreibung der Aufstiegsbedingungen und den eher bedenklichen hygienischen Zuständen vor Ort. Kaul erlebt seine Expedition durchaus als Abenteuer, bleibt aber dennoch kritisch und setzt bei seinen kleinen Sticheleien auch auf politischer Ebene an. Die Frage danach, wohin das Geld wandert, das der Nationalpark dank seiner enorm hohen Besucherzahlen Jahr für Jahr einfährt, steht vornan. Ebenso hinterfragt der Autor das Trägersystem, welches für die Beteiligten Geringverdiener alles andere als gesundheitsförderlich ist, das gleichzeitig aber auch viel zu schlecht von Seiten der Regierung Tansanias unterstützt wird.

Und dann – und dieser Einblick gefällt mitunter am besten – nutzt der Autor am Ende seine Position als Reporter immer wieder, um den Menschen in der direkten Umgebung einige persönliche Geschichten zu entlocken und ihr Leben am Berg bzw. mit dessen religiösen Verbindungen besser zu verstehen. Als Kaul beispielsweise eine Frau anspricht, deren Sohn als Träger an der Höhenkrankheit umgekommen ist, erfährt man aus erster Hand, dass die Besteigung des Kilimandscharo bei weitem nicht so glanzvoll arrangiert ist, wie man es in der ersten Euphorie gerne mal beschreibt. Ebenso häufig bringt der Berg nämlich auch seine Schattenseiten hervor und stellt den Wahn, der mittlerweile um ihn und seine kontinuierlich schmelzende Gletscherfläche betrieben wird, deutlich in Frage.

Dennoch: „Höhennot und Atemrausch“ bleibt in erster Linie ein Erfahrungsbericht, der trotz der geringen Seitenzahl sehr detailliert ist und die Route zum Gipfel viel transparenter darstellt, als man es in vergleichbaren Titeln bislang lesen konnte. Kaul spart auch nicht an Kleinigkeiten und gibt einem gerade im letzten Drittel des Buches das Gefühl, leibhaftig an diesem Trek teilgenommen zu haben.

Der letzte Punkt, der noch lobenswert hervorgehoben werden muss, ist die sehr praxisnahe Aufstellung des logistischen Aufwandes für einen solchen Trip. Die Vorbereitungen in der Heimat werden in diesem Zusammenhang in aller Ausführlichkeit angeschnitten, weiterhin wird aber auch mit Informationen nicht gespart, welche die nötige Ausrüstung für eine solche Mammuttour betreffen. Man gewinnt einfach schnell eine Vorstellung davon, was das Abenteuer Kilimandscharo bedeutet, was an persönlichem Einsatz erforderlich ist und welche Grundvoraussetzungen mitzubringen sind, um das Wagnis einzugehen, es mit dem Berg der Götter aufzunehmen – und letzten Endes ist es ja auch gerade das, was man in einem solch abenteuerlich präsentierten Erlebnisbericht lesen will.

Ergo: „Höhenrausch und Atemnot“ ist informativ auf der einen, unterhaltsam auf der anderen Seite, darüber hinaus mit vielen persönlichen Anekdote geschmückt und in Sachen Erzählatmosphäre in diesem Genre eine absolute Bereicherung. Nicht nur passionierte Alpinisten sollten daher dringend mal einen Blick riskieren; denn was man aus diesem Buch mitnehmen kann, ist in der Summe schon eine ganze Menge!

|Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-13: 978-3517085425|
[südwest-Verlag]http://www.randomhouse.de/suedwest/verlag.jsp?men=537&pub=32000

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