Ketchum, Jack – Beutezeit

Die junge Lektorin Carla hat sich in die Einsamkeit der Wälder von Maine zurückgezogen, um einmal richtig auszuspannen. Zu diesem Zweck lädt sie zugleich ihren Geliebten Jim ein sowie ihre Schwester Marjie mit deren Freund Dan und ihren Ex-Freund Nick mit dessen Geliebten Laura. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, bis die Katastrophe über die sechs Menschen hereinbricht. Eine Familie verwilderter, degenerierter Kannibalen macht seit Jahren die Gegend unsicher und hat sich ausgerechnet jene Wälder als Jagdrevier auserkoren. Carla und ihre Freunde sind für die Menschenfresser die ideale Beute, und so beginnt eine Nacht des Grauens für die jungen Leute …

Der Roman ist bereits über 25 Jahre alt und erinnert wohl nicht ganz zufällig an Filme wie [„The Hills Have Eyes“]http://www.powermetal.de/video/review-911.html oder „Wrong Turn“. Mittlerweile ist man als Freund des härteren Horrors an solche Szenarien gewöhnt, und dennoch ist dieses Buch verstörend und grausam. Das Unterbewusstsein des Lesers ist zu einer viel eindringlicheren Auseinandersetzung mit der Thematik gezwungen, als es bei einem Film möglich ist, der nach gut 100 Minuten in der Regel vorbei ist. Vor einem Vierteljahrhundert waren derartige Storys jedoch noch eine echte Rarität, und so verwundert es nicht, dass Ketchum sein Manuskript ein wenig entschärfen musste. Die vorliegende Version ist jedoch die unzensierte Fassung des Romans und wird vom Verlag nicht zu Unrecht in der Reihe |Heyne Hardcore| publiziert.

Der Roman beginnt mit einer Hetzjagd, bei der eine Frau von einer Horde wilder Kinder gejagt und wirklich nur in letzter Sekunde gerettet wird, indem sie sich über die Klippen ins Meer stürzt, wo sie völlig verstört und schwerverletzt geborgen wird. Eine Szene, die durch ihren brutalen Charakter sehr real und bedrohlich wirkt, aber auch in anderen Werken gut darin vorkommen könnte. Auch auf den nächsten hundert Seiten, auf denen die Personen vorgestellt werden und man einen ersten Einblick in die Gesellschaftsstruktur der Wilden bekommt, sind noch nicht sonderlich hart und gewalttätig, so dass man sich unweigerlich fragt, wieso dieses Buch in der Reihe |Heyne Hardcore| erscheint und Psycho-Autor Robert Bloch sogar mit dem Satz zitiert wird: „Eines der erschreckendsten Bücher, die ich je gelesen habe.“

Bis dahin ist das Buch zwar auch spannend und kurzweilig geschrieben und man muss sich nicht durch zähe Einleitungskapitel quälen, aber der angepriesene Hardcore-Schrecken beginnt erst im dritten Teil – und zwar richtig. Der Terror bricht schlagartig und ohne Vorwarnung über die Menschen herein, und selbst der Leser, obwohl er das nahende Unglück bereits hautnah miterlebte, wird überrascht davon, wie schnell und brutal die Kannibalen zuschlagen. Was dann folgt, ist eine Belagerung der Überlebenden, die nicht ohne Grund an George A. Romeros Kultfilm „Die Nacht der lebenden Toten“ erinnert. Im Nachwort schreibt Ketchum, dass dieser Vergleich durchaus gewollt war, nur dass seine Opfer eben nicht durch Untote bedroht werden, sondern durch Menschen, die sämtlicher Zivilisiertheit beraubt nur noch instinktgetriebene Bestien sind. Und hier liegt auch das Erschreckende, Verstörende des Romans verborgen. Das Grauen ist real und der Schrecken kein aus dem Grab auferstandener Toter, kein blutgieriger Vampir aus Transsylvanien und auch kein zottiger Werwolf, sondern eine Bande Zurückgebliebener, die ihre Leidenschaft für menschliches Fleisch entdeckt hat. Wer vermag zu sagen, was in der Einsamkeit riesiger Wälder alles auf den Menschen wartet?

Die Folterungen und Gräueltaten sind realistisch und schonungslos, und der entsetzte Leser weiß, dass außerhalb seines Bettes, seiner Badewanne oder seines Wohnzimmers, wo immer er auch gerade dieses Buch liest, Menschen solche Qualen durchaus erlitten haben und erleiden werden. Und warum eigentlich immer die anderen? Was sollte einen selbst vor einem solchen Schicksal bewahren? Und wie würde man selbst in einer solchen Situation reagieren? All diese Fragen beschäftigen bei der Lektüre des Romans.

In einem Buch, welches seine Figuren und Charaktere so lebensecht nahebringt, wie Ketchum dies gelingt, ist es unumgänglich, dass man sich mit der einen oder anderen Person identifiziert, und dann hat man das Problem, sich mit dem auseinanderzusetzen, was diese Leute im Roman erdulden müssen oder wozu sie gezwungen werden. Und für all diejenigen, die meinen zu wissen, wie es ausgeht, sei an dieser Stelle verraten, dass es sicherlich ganz anders enden wird. Ketchum zeigt, wie das Leben spielt, für Hollywood-Phantasien ist dabei kein Platz. Menschen reagieren hier menschlich; das gilt selbst für den zurückgebliebenen, kannibalischen Aggressor.

Der Leser wird nach diesem Horror-Trip glücklicherweise von einem Nachwort des Autors aufgefangen, so dass er mit seinen Gedanken und Emotionen nicht allein gelassen wird und erfährt, wieso und weshalb der Autor diese und jene Formulierung wählte und was er damit versucht hat auszusagen. Im Vorwort berichtet Douglas E. Winter über den Roman, darüber, was er empfand, als er ihn las, und was sich hinter einer so grausamen, ja menschenverachtenden, Geschichte verbirgt.

Das Cover ist fast schon gediegen, zeigt lediglich den muskulösen Arm eines Mannes mit einem blutigen Jagdmesser in der Hand. Doch die riesigen blutroten Lettern des Titels schleudern dem Betrachter ihre Botschaft mitten ins Gesicht: Jetzt ist „Beutezeit“, und wie die Opfer im Roman wird der Leser zur Beute der unerträglichen Spannung, bis zuletzt muss man weiterlesen, selbst wenn man die Gewaltdarstellungen nicht gutheißen will, aber man muss einfach wissen, ob die fiesen Menschenfresser am Ende nicht das erhalten, was sie verdienen.

_Fazit:_ Ein verstörender, gewalttätiger Horror-Roman, der einen echten und durchaus denkbaren Schrecken für den Leser bereithält. Ein Buch, welches zu Recht in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen ist und zeigt, wie dünn die Fassade der Zivilisation wirklich ist.

|Originaltitel: Off Season
Übersetzer: Friedrich Mader
285 Seiten|
http://www.jackketchum.net
http://www.heyne-hardcore.de

_Florian Hilleberg_

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