Kinsella, Sophie – Charleston Girl

Seit ihren Romanen rund um die Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood hat sich Sophie Kinsella in die Herzen der Frauenroman-Fans geschrieben – so auch in meines. Entsprechend gespannt war ich auf ihr neuestes Werk, denn jede Figur, die Kinsella ins Leben ruft, misst man doch unweigerlich an der sympathischen und völlig chaotischen Becky Bloomwood.

In „Charleston Girl“ steht Lara Lington im Mittelpunkt des Geschehens. Sie ist Anfang 30 und stolpert gerade von einem Unglück ins nächste. Erst hat ihr Freund Josh aus unerfindlichen Gründen mit ihr Schluss gemacht und reagiert nun nicht einmal auf ihre immer verzweifelter werdenden SMS und dann ist auch noch ihre Freundin Natalie nach Goa entschwunden, mit der sie kürzlich eine Headhunting-Agentur aufgemacht hat. Nur leider ist Natalie die Expertin auf diesem Gebiet, nicht aber Lara. So klingeln immer mehr erboste Kunden an, die Lara kaum noch besänftigen kann. Schließlich muss Lara zum Begräbnis ihrer Großtante Sadie, die im gesegneten Alter von 105 gestorben ist. Die Beerdigung wird zum Wendepunkt in Laras Leben, erscheint ihr dort doch plötzlich der Geist ihrer verstorbenen Großtante – und zwar nicht im Greisenalter, sondern als putzmuntere und sehr aufsässige 23-Jährige, die Hände ringend eine Perlenkette mit einem Libellenanhänger sucht, die ihr vor Jahrzehnten abhanden gekommen ist.

Zunächst zweifelt Lara an ihrem Verstand – handelt es sich bei Sadies Geist um eine Halluzination? Doch dafür ist die Erscheinung zu lebendig und allzu präsent, denn lautstark fordert Sadie ihr Recht ein und kommandiert Lara fortan herum. Ohne diese spezielle Kette kann Sadie keine Ruhe finden, und so macht sich Lara auf die Suche nach der verschollenen Kette und verhindert dafür zunächst einmal unter einem sehr abstrusen Vorwand Sadies Einäscherung. Und wo Sadie schon einmal in Laras Leben getreten ist, verändert sie dieses gehörig: Sie sagt Lara ihre ehrliche Meinung über Josh und sorgt dafür, dass Lara einen wildfremden Mann – Ed – um ein Date bittet – nur damit Sadie mit ihm zum Tanzen gehen kann. Und da es ja Sadies Verabredung ist, stylt sie Lara ganz nach ihren Wünschen – mit wasserfestem 20er-Jahre Make-up, Brennscheren-gewellten Haaren und einem Flapper-Kleid. Auch die Kommunikation bei dem Date mit dem spießigen Typen mit der dicken Sorgenfalte auf der Stirn übernimmt Sadie und bringt Lara damit manchmal ziemlich in Verlegenheit. Als Sadie dafür sorgt, dass Ed Lara zu einer zweiten Verabredung einlädt, ahnt sie nicht, wie sie damit Laras Leben auf den Kopf stellt …

_Dein ständiger Begleiter_

Zunächst war ich völlig irritiert von Sophie Kinsellas Idee, ihrer Hauptfigur Lara einen Geist an die Seite zu stellen, der permanent dabei ist und sich in jede Unterhaltung lautstark einmischt. Manchmal ging mir Sadie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geist mit ihrer Penetranz, ihrem mangelnden Einfühlungsvermögen und ihren ständigen Einmischungen. Und auch Lara hat sie mit diesem Verhalten häufig auf die Palme gebracht. Irgendwann aber gewinnt man Sadie lieb, wenn sie beginnt, auch an andere zu denken, sich um Lara zu kümmern und ihr Leben in die richtige Bahn zu lenken. Doch die Gratwanderung, die Sophie Kinsella hier unternimmt, ist aus meiner Sicht nicht immer gelungen. Bis man an den Punkt kommt, an dem man Sadie ins Herz schließt, hat man vor Ärger bereits einige graue Haare bekommen.

Lara Lington trägt die gleichen Züge wie die meisten Heldinnen in Frauenromanen: Sie ist Anfang 30, unglücklich verliebt, unzufrieden mit ihrem Job und ziemlich naiv, wenn es darum geht zu akzeptieren, dass der Ex einen vielleicht doch nicht zurück haben möchte und es auch nichts bringt, ihm nach der Trennung alle fünf Minuten eine verzweifelte SMS zu schicken, bis der Ex gezwungen ist, sich eine neue Handynummer zu besorgen. Diese Phase macht auch Lara durch, glücklicherweise aber übertreibt es Kinsella nicht. Diese nervigen und naiven Charakterzüge, die einer über 30-jährigen Frau im übrigen nicht sonderlich gut anstehen, treten relativ selten in den Vordergrund. Daher dauert es nicht lange, bis Lara beim Leser (bzw. bei der Leserin) Sympathiepunkte sammelt, denn sie muss dank Sadie zunächst einiges ertragen und auch im Job läuft es alles andere als rund, da ihre Partnerin Natalie sie unverhofft im Stich gelassen hat und Lara keine geeigneten Marketing-Direktoren auftreiben kann.

Im Laufe des Buches emanzipiert Lara sich sichtbar: Sie schickt Josh endgültig in die Wüste, kümmert sich herzensgut um Sadie und hängt ihren Job an den Nagel, obwohl sie all ihre Ersparnisse in die Firma gesteckt hat. Diese Wendung kommt zwar nicht völlig überraschend, passt aber wunderbar zu der Geschichte, die Sophie Kinsella erzählt.

_Erfrischend anders_

Auch wenn Lara Lington sich kaum von anderen Figuren in der Frauenliteratur unterscheidet, so schafft es doch die Geschichte, sich vom Durchschnitt deutlich abzuheben. Natürlich geht es auch hier um Männer, Liebe und Karriere, aber gewürzt hat Sophie Kinsella diese alltägliche Geschichte mit dem Geist Sadie, der für allerlei Trubel in Laras Leben sorgt und auch die ganze Handlung belebt. So befremdlich ich es zunächst fand, hier einen Geist präsentiert zu bekommen, so erfrischend anders fand ich diese Wendung im Laufe der Zeit. Zudem sorgt Sadie für allerlei komische, merkwürdige und abstruse Situationen, die mir immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert haben. Allein die Vorstellung, dass Lara zu ihrem Date in voller 20er-Jahre-Montur erscheint und sich dafür in Grund und Boden schämen muss, war schon ziemlich komisch. Aber auch die vermeintlichen Selbstgespräche, die Lara mit Sadie führt, machen die Geschichte lebendig, da natürlich in Laras Umfeld niemand ahnen kann, dass sie mit einem Geist kommuniziert.

_Unter dem Strich_ gefiel mir „Charleston Girl“ mit kleinen Abstrichen sehr gut. Als ich mich an Sadie und ihre Eigenarten gewöhnt hatte und Sadie vor allem nicht mehr ganz so egoistisch in alle Gespräche und Verabredungen hinein geplatzt ist, wurde das Buch zu einer echten Wohlfühllektüre, die mich wunderbar unterhalten und mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Es bleibt dabei: Sophie Kinsella ist in ihrem Genre eine sichere Bank!

|Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3442546473
Originaltitel: |Twenties Girl|
Deutsch von Jörn Ingwersen|

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