Kizer, Amber – Meridian – Dunkle Umarmung

_Meridian war schon immer anders_ als andere Kinder. Sie hat ständig Schmerzen, ihr ist ständig übel. Und sie ist ständig von sterbenden Tieren umgeben. Niemand kann ihr sagen, warum das so ist. Nicht, dass sie je danach gefragt hätte … Als jedoch an ihrem sechzehnten Geburtstag direkt neben ihr ein Unfall geschieht, überstürzen sich die Ereignisse, und Meridian findet sich nach einem körperlichen Zusammenbruch plötzlich auf dem Weg zu einer Tante wieder, die sie lediglich von einem Photo kennt, und das in dem Bewusstsein, dass sie in Gefahr schwebt und ihre Familie nie wieder sehen wird! Doch als sie am Zielort aus dem Bus steigt, ist das grüne Auto, das sie abholen soll, nicht da …

_Eigentlich ist Meridian_ ein intelligentes und zähes Mädchen. Sie beißt sich durch einen halben Schneesturm, lernt innerhalb von zwei Wochen, eine Fenestra zu sein, und bietet einem an sich übermächtigen Gegner die Stirn. Umso verwunderlicher, dass ein Kind mit solchen Eigenschaften bis zu seinem sechzehnten Geburtstag wartet, um endlich Fragen darüber zu stellen, warum es so seltsam ist.

Meridians Tante ist eigentlich eine Urgroßtante und über hundert Jahre alt. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – strahlt sie ungeheure Lebensfreude aus, sie ist fröhlich, freundlich … und sie ist ebenfalls eine Fenestra. Allerdings bleibt ihr nicht mehr viel Zeit, Meridian beizubringen, was sie wissen muss, denn obwohl ihr Geist noch rege und lebhaft ist, lassen ihre körperlichen Kräfte täglich nach.

Tens, der ebenfalls bei der Tante lebt, wirkt zunächst ein wenig wankelmütig. Mal ist er schweigsam und in sich gekehrt, mal gibt er zu allem seinen Senf dazu, ob gewünscht oder nicht. Im Grunde ist er einfach ein unsicherer Teenager, genau wie Meridian, und genau wie ihr schlägt auch ihm vonseiten der einfachen Leute Ablehnung und Mißtrauen entgegen. Denn auch er hat eine besondere Gabe …

Perimo, der örtliche Priester, ist ein gutaussehender, charismatischer Mann, der es versteht, die Leute zu begeistern. Leider bestehen seine Predigten ausschließlich aus Hetzreden gegen alle, die sich nicht seinen Doktrinen beugen wollen, und Meridians Tante steht dabei ganz oben auf der Liste.

Insgesamt ist die Charakterzeichnung etwas durchwachsen geraten. Perimo besitzt zu wenig Eigenständigkeit und rutscht deswegen etwas ins Klischee ab. Auch Tens hätte etwas mehr Tiefe vertragen können. Meridians Tante fand ich dagegen sehr gelungen, und auch Meridian ist abgesehen von dem seltsamen Knacks in ihrer Persönlichkeit ganz in Ordnung.

_Dieser besagte Knacks_ war ein Zugeständnis an die Dramaturgie des Buches. Der turbulente Einstieg in die Geschichte wäre nicht möglich gewesen, hätte Meridian schon vor diesem Tag mehr über ihre ungewöhnliche Gabe gewusst. Meridians Überrumpelung weckt natürlich auch im Leser die Neugier und animiert zum Weiterlesen. So weit, so gut.

Auch die Idee, die der Geschichte zugrunde liegt, ist interessant und neu: Die Fenestrae sind für die sterbenden Seelen das Tor zum Jenseits. Dort ruhen sich die Seelen aus, bis sie irgendwann erneut ins irdische Leben zurückkehren. Leider gibt es nicht nur die Fenestrae, die den Schöpfern dienen, sondern auch die Aternocti, Anhänger des Zerstörers. Der Name – finstere Nächte – ist Programm, denn diese Gegenspieler der Fenestrae führen die Seelen nicht ins Jenseits, sondern in die Hölle. Wie das Wort Gegenspieler schon sagt, machen sich die beiden Seiten massiv Konkurrenz. Die Entscheidung darüber, ob eine Seele ins Jenseits oder in die Hölle gelangt, hängt deshalb nicht davon ab, ob sie gut oder böse war. Sie ist vielmehr davon abhängig, ob beim Tod eines Menschen eine Fenestra oder ein Aternoctus zugegen ist.

Allerdings hat dieser Entwurf auch einige Haken. Wie die Tante Meridian erklärt, kann Energie niemals verloren gehen, sie wandelt sich nur. Das bedeutet automatisch, dass Energie auch nicht einfach mehr werden kann. Die Tante sagt aber auch, dass die Aufgabe der Fenestrae früher von Engeln wahrgenommen wurde, bis die Bevölkerung so groß wurde, dass es nicht mehr genug Engel gab. Hier tauchte bei mir bereits das erste Fragezeichen auf. Wie konnte die Bevölkerung überhaupt anwachsen, wenn die Energie immer gleich bleibt? Und wieso haben die Schöpfer anstelle der Fenestrae nicht einfach noch ein paar Engel erschaffen? Zumal die Fenestrae den Aternocti gegenüber ziemlich wehrlos zu sein scheinen, während die Engel offenbar spielend mit ihnen fertig werden.

Hier hat jemand einfach das christliche Weltbild ein wenig umgemodelt, ist dabei aber nicht sehr gründlich zu Werke gegangen. Der Entwurf ist zum einen nicht konsequent zu Ende gedacht und weist zum anderen logische Schwächen auf.

_Auch die Handlung_ hat nicht ganz gehalten, was sie versprochen hat. Nachdem Meridian erst mal das Haus ihrer Tante erreicht hat, nimmt das Erzähltempo spürbar ab. Meridian erhält nach und nach die Antworten auf ihre Fragen und natürlich auch Unterricht. Außerdem entwickelt sich eine zarte Romanze zwischen Tens und Meridian, die angenehm unaufdringlich und natürlich in die Geschichte eingebaut wurde. Was nicht funktioniert hat, war der Aufbau eines neuen Spannungsbogens, der von Perimo getragen werden sollte. Zwar hat Amber Kizer ihren Antagonisten ein paar wirklich fiese Tricks anwenden lassen, und es ist ihr auch gelungen, ihn in den wenigen kurzen Sequenzen, in denen er mit Meridian kurz allein ist, tatsächlich bedrohlich wirken zu lassen. Tatsächlich aber haben gerade diese kurzen Sequenzen dazu geführt, dass der Leser sehr frühzeitig weiß, um wen es sich bei Perimo tatsächlich handelt. Dadurch wird Perimos Taktik zu durchschaubar, der Ausgang der Geschichte größtenteils vorhersehbar. Nur eine kleine Überraschung ist für den endgültigen Showdown übrig geblieben. Das Happy End wirkt dann fast etwas aufgesetzt und gekünstelt, vor allem in Bezug auf Tens.

_So ganz der große Wurf_ ist das Buch also nicht geworden. Schade, die Idee war wirklich nicht schlecht. Hätte die Autorin diese noch etwas präziser umgesetzt und die enthaltenen Widersprüche bereinigt, dazu noch etwas mehr Hintergrund für den Antagonisten Perimo, seine Absichten und Beweggründe, hätte das Buch richtig gut werden können. In der vorliegenden Form dagegen empfand ich es als zu oberflächlich und zu blass.

Vielleicht kommt ja noch eine Fortsetzung. Die Drohungen Perimos während seiner Konfrontation mit Meridian und das relativ offene Ende lassen eine solche durchaus zu.

Dem Verlag darf ich dagegen ein gelungenes Cover und ein hervorragendes Lektorat bescheinigen. Warum dem Originaltitel „Meridian“ allerdings der seltsame Zusatz „Dunkle Umarmung“ angehängt wurde, hat sich mir nicht erschlossen.

_Amber Kizer_ schreibt seit sieben Jahren. Außer „Meridian“ hat sie mit „One Butt Cheek at a Timeden“ den ersten Band eines Mehrteilers veröffentlicht. Zu ihren Hobbys gehören Rosenzüchten und Kuchenbacken. Sie lebt mit zwei Hunden, zwei Katzen und einer Schar Hühner in der Nähe von Seattle.

http://www.pan-verlag.de
http://www.amberkizer.com

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