Koch, Boris – adressierte Junge, Der

|-Beinahe hatte ich den Willen verloren, doch jetzt werde ich es tun, und morgen schon bin ich kein Sterblicher mehr, sondern fast ein Gott, der unbemerkt unter euch Menschen lebt.-|

_Inhalt_

Ein Okkultist versucht den Tod zu überlisten, indem er vorher Selbstmord begeht. Ein Griechenlandreisender entdeckt einen geheimen Ort, der ihn nicht wieder loslässt. Der Tod des Sohnes und das gleichzeitige Erscheinen einer geheimnisvollen Madonna zerreißen eine Familie.

| 5 Kurzgeschichten von Boris Koch:|

Todestag
Der adressierte Junge
Poteideia
Aus den Reisenotizen des Jonathan Mommsen
Die Mutter der Tränen

_Rezension_

Nun ist „Der adressierte Junge“ zugegebenermaßen nicht mehr der frischste, bedenkt mein sein Erscheinungsjahr, aber man sollte dennoch nicht versäumen, auch 2007 noch einmal auf diesen Band hinzuweisen. Denn wieder einmal überrascht Boris Koch durch Einfallsreichtum und Abwechslung. Langweilig wird es bei ihm wirklich nie.

Die fünf Kurzgeschichten könnten von den Plots her nicht unterschiedlicher sein. Nun mögen Niggelsköpfe vielleicht anmerken, dass der Band einen roten Faden vermissen lasse, eine Linie, die die Storys verbindet – für mich macht gerade |das| die Besonderheit des dünnen Büchleins aus, bei dessen Lesen mir schwer nach mindestens doppelt so vielen Erzählungen des „lebendigen Berliners“ war. Gerade als ich wieder voll an der Koch-Nadel hing, war ich bereits am Ende angelangt und es setzten, bevor ich das Buch zuklappte, Entzugserscheinungen ein.

Vor allem, weil die letzte Geschichte mich besonders zu fesseln vermochte. Sie zeigt einmal mehr das enorme Einfühlungsvermögen von Boris Koch und seine gesellschaftliche Beobachtungsgabe. Er legt verbal den Finger in die Wunden, die wir uns gegenseitig schlagen, zeigt menschliche Abgründe, aber auch psychische Grenzen auf, ohne allzu überspitzt daherzukommen oder gar zu dick aufzutragen. Das ist die wahre Kunst – deutliches Aufzeigen ohne Holzhammermethode oder reißerisches Vokabular. Man möge mir verzeihen, aber ich gerate wieder einmal ins Schwärmen.

Kommen wir also zu meinem Favoriten, der letzten Geschichte: In |Die Mutter der Tränen| leiden wir mit den Eltern, die ihren Sohn durch ein brutales Verbrechen verlieren und jeder auf seine Art – in sich zurückgezogen – damit umzugehen versucht. Während die Mutter hinter einer Mauer aus Aggression Schutz sucht, findet der Vater seinen ganz besonderen „Trost“ in einer madonnenhaften Erscheinung, die aber nur seiner Phantasie entsprungen scheint.

Ebenso unter die Haut gehend ist die Titelstory |Der adressierte Junge|, die ein perfektes Spiegelbild mancher Familienverhältnisse ist – barbarisch und fesselnd. Gesehen durch die Kinderaugen des Jungen, dessen Vater ihm eine kanadische Adresse auf die Stirn ritzt, mit der Drohung, ihn bei Ungehorsam dorthin zu schicken.

|Todestag| erzählt grandios von einem Kriegsflüchtling, der eine mystische Maschine baut, mit deren Hilfe er dem Tod ein Schnippchen schlagen will.

Mehr sei über den Inhalt des Titels nicht verraten – es wäre eine Schande, dem Leser zu viel vorwegzunehmen. Außer dass es wirklich längst an der Zeit – nein überfällig ist, dass die großen Verlage auf Boris Koch aufmerksam werden. Er hat das Zeug dazu, ein Großer zu werden. Nein, er ist es bereits – die breite Leserschaft muss ihn nur endlich entdecken und wird dann ebenso schnell erkennen, welches Potenzial in ihm steckt!

Kommen wir noch zum Handwerklichen des Bandes: Das Papier ist einwandfrei, das Lektorat korrekt (was auch daran liegen mag, dass drei der fünf Geschichten bereits veröffentlicht waren), und das Covermotiv stimmig, wenngleich es nicht die Brillanz der Texte widerspiegelt. Leider ist es auch nicht folienkaschiert, und ich vermisse die Vita des Autors (für die Leser immer von Interesse). Aber das kann man mit einigem Wohlwollen in die Kategorie „Geschmacksache“ einordnen.

Ich gebe es zu, ich habe extreme Bedenken, einen 102-Seiten-Band von stolzen 10 € zu empfehlen, aber ein Autor wie Boris Koch ist das allemal wert. Daher: Wer alle Koch-Werke sein Eigen nennen möchte, greife zu, solange es den Band noch gibt – textlich ist da jeder gut beraten!

http://www.eloyed.com/
[Interview mit Boris Koch, Christian von Aster & Markolf Hoffmann]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=73 im |StirnHirnHinterzimmer|

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