Körber, Joachim (Hg.) – dritte Buch des Horrors, Das

Zehn Kurzgeschichten aus der großen Zeit der klassischen Gespenstergeschichte:

_W. W. Jacobs: „Die Affenpfote“_ (The Monkey’s Paw, 1902), S. 11-24 – Drei Wünsche erfüllt sie dir, die verzauberte Affenpfote aus dem Morgenland, aber bedenke, dass der Teufel noch jeden ausgetrickst hat, der ihn versuchte …

_Hanns Heinz Ewers: „Die Topharbraut“_ (1903), S. 25-58: Ein Schriftsteller lernt einen mysteriösen Privatgelehrten kennen, der sich als waschechter „mad scientist“ mit ausgeprägtem Pharaonenwahn entpuppt …

_William Hope Hodgson: „Tropischer Horror“_ (A Tropical Horror, 1905), S. 59-72: Aus den Tiefen des Meeres schwingt sich der personifizierte Horror an Bord des kleinen Schiffes, um dort ein Tod bringendes Schreckensregiment zu errichten …

_Algernon Blackwood: „Die Weiden“_ (The Willows, 1907), S. 73-144: Zwei Abenteurer verschlägt es auf ihrer Kanufahrt die Donau hinab auf eine einsame Insel, die eine Art Relaisstation zwischen dieser und einer anderen, recht feindseligen Welt darstellt …

_Georg von der Gabelentz: „Der gelbe Schädel“_ (1909), S. 145-200: Aus einer verfallenen Gruft nimmt ein junger Mann das Haupt des Magiers Cagliostro als makaberes Souvenir mit nach Haus, was die zu erwartenden Folgen zeitigt …

_M. R. James: „Das Chorgestühl zu Barchester“_ (The Stalls of Barchester Cathedral, 1911), S. 201-224: Gar nicht fromm hat der Dechant seinen allzu langlebigen Amtsvorgänger aus dem Weg geräumt, doch was in dieser Welt womöglich unbemerkt bleibt, setzt in der nächsten einige unangenehme Rachegeister in Marsch …

_E. F. Benson: „Wie die Angst aus der langen Galerie verschwand“_ (How Fear departed from the Long Gallery, 1912), S. 225-244: Grausam sicherte sich einst ein verschlagener Landjunker das Familienerbe, aber die gemeuchelte Konkurrenz rächte sich noch aus dem Grab und verschont auch die Nachfahren nicht …

_Karl Heinz Strobl: „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“_ (1914), S. 245-278: Die exzentrische, vor einiger Zeit verstorbene Gräfin vermacht dem ein Vermögen, der ein Jahr in ihrem Mausoleum haust. Ein armer Gelehrter schlägt ein und hat bald die Gelegenheit, seine Gönnerin persönlich kennen zu lernen …

_Gustav Meyrink: „Meister Leonard“_ (1916): Der Nachfahre eines gotteslästerlichen Geschlechts von Tempelrittern wehrt sich erbittert gegen den Familienfluch, der ihn immer wieder einholt …

_Sax Rohmer: „Die flüsternde Mumie“_ (The Whispering Mummy, 1918): In Kairo lasse die Finger von Frauen, deren Verlobte als mächtige Zaubermeister bekannt und gefürchtet sind …

Teil 3 einer auf vier Bände angelegten „Geschichte der unheimlichen Literatur“, die Anfang der 90er Jahres des vergangenen Jahrhunderts unter der Herausgeberschaft von Joachim Körber erschien. Den ehrgeizigen Obertitel sollte man am besten gleich wieder vergessen, da er den Anschein eines gewissen literaturwissenschaftlichen Anspruches erwecken könnte, der sich – dem Genre wohl angemessen – im hellen Licht der Kritikersonne rasch in Nichts auflöst. Aus den kargen Körberschen Vorworten lernt der Wissbegierige jedenfalls herzlich wenig über das Wesen des geschriebenen Horrors. Aber das sollte man dem Herausgeber nachsehen, denn sein Plan ist es ohnehin, besagte Geschichte „in meisterhaften Erzählungen“ nachzuzeichnen – und das gelingt auf jeden Fall!

Dieser Band versammelt Erzählungen aus dem Zeitraum 1900 bis 1920 – eine scheinbar recht willkürliche Einteilung, die jedoch durch historische Realitäten gestützt werden kann: Der Tod der Königin Victoria 1901 leitete in der Tat das Ende einer Ära ein, und dieser Prozess war mit dem Ende des I. Weltkriegs 1918 quasi abgeschlossen. In Europa verschwanden die seit Jahrhunderten prägenden Monarchien oder verloren ihre reale Macht, die alten Gesellschaftsordnungen zerbrachen. Die Naturwissenschaften feierten Triumphe, die Lösung noch der letzten Rätsel schien zum Greifen nahe. Das menschliche Gehirn wurde entschlüsselt, die Wunder der Psyche wurden gedeutet.

Diese hier nur skizzierten historischen Prozesse lassen sich – mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung – im „Dritten Buch des Horrors“ nachvollziehen. William Wymark Jacobs (1863-1943) markiert mit „Die Affenpfote“ den Auftakt. Die viktorianische Gespenstergeschichte, die wie kaum eine andere Epoche die unheimliche Literatur prägte, zeigt sich mit ihm noch auf ihrem Höhepunkt. Systemkonformität und Schicksalsergebenheit sind das Gebot der Stunde; Verstöße gegen die göttliche Ordnung werden umgehend mit schrecklichen Strafen geahndet. Diese Haltung ist typisch und wird es bleiben; noch heute erscheint es dem Gruselfreund völlig richtig, dass Michael Myers die allzu lebenslustigen Teenies schlachtet und die Langweiler verschont. Ungeachtet dessen ist „Die Affenpfote“ zu Recht ein Klassiker des Genres, der meisterhaft eine Atmosphäre des stetig wachsenden Grauens beschwört.

Montague Rhodes James (1862-1936) scheint mit „Das Chorgestühl zu Barchester“ zunächst in dasselbe Horn zu stoßen. Tatsächlich ist er der Erzähler klassischer englischer Gespenstergeschichten par excellence; vielleicht sogar ihr König. James‘ Gespenster sind immer schlecht gelaunt und bösartig, und ihr Zorn trifft jeden, der ihn herausfordert. Eine persönliche Schuld, wie sie der allzu ehrgeizige Dechant dieser Geschichte auf sich geladen hat, ist dabei nicht zwangsläufig der Auslöser. Das erklärt den Erfolg der James-Geschichten, deren ungeheuerliche Popularität im Heimatland des Verfassers bis heute ungebrochen andauert: Sie sind nicht verankert in ihrer Entstehungszeit, sondern Kunst-Werke im eigentlichen Sinn. James hat sie zum Zeitvertreib und unter Anwendung handwerklicher Regeln und Nutzung seines immensen historischen Fachwissens geschrieben. So spiegeln sie nur bedingt den Zeitgeist wider, sondern sind zeitlos, ohne echtes Herz vielleicht, wie die James-Kritiker schimpfen, aber vergoldet durch Nostalgie und erschreckend unterhaltsam.

Auch Edward Frederic Benson (1867-1940) haut zunächst in dieselbe Kerbe. „Wie die Angst aus der langen Galerie verschwand“ ist viktorianischer Grusel als Maßarbeit. Noch meisterlicher als James präsentiert ihn Benson dabei im Verbund mit knochentrockenem, britischem, schwarzem Humor und erinnert damit daran, dass Schreien und Lachen sich nicht so fremd sind, wie man gemeinhin annimmt. Aber Benson ist auch barmherziger als James: Das Grauen der langen Galerie wird gütlich und ohne weitere Opfer beendet – und siehe da: Es funktioniert!

William Hope Hodgson (1877-1918) ist der (hierzulande kaum bekannte) Meister der Seespuk-Geschichte. Die Amok laufende, vor geiler Fruchtbarkeit berstende, Schleim und Schimmel über ihre unglücklichen oder allzu neugierigen Besucher ergießende, aber nie willentlich bösartige Natur, die den Gentech-Horror des späten 20. Jahrhunderts bereits vorwegnimmt, ist Hodgsons Passion. „Tropischer Horror“ ist keine seiner besten Geschichten, weil zwar sehr effizient, aber ein wenig grobschlächtig und ganz sicher nicht raffiniert.

Ganz anders dagegen Algernon Blackwood (1869-1951) mit „Die Weiden“, einer der besten unheimlichen Novellen aller Zeiten. Bei aller Hingabe an die Moderne war das frühe 20. Jahrhundert auch eine Hochzeit okkulter Moden. Wenn sich die sichtbare Welt durch Naturgesetze erklären und bannen ließ, dann vielleicht auch die bisher unsichtbare, weil jenseitige oder x-dimensionale. Blackwood mag nicht an eine quasi unbelebte, starren Regeln gehorchende Natur glauben. Er bevölkert sie mit Geistwesen, die seit Urzeiten neben der Menschenwelt existieren. Kontakte erfolgen eher zufällig und enden in der Regel katastrophal, aber sie haben ihren Platz in der natürlichen Ordnung der Dinge, die sich eben doch nicht immer rational erfassen lassen. H. P. Lovecraft hat Blackwood aufmerksam gelesen und wird ihn zitieren, wenn er seinen „Cthulhu“-Zyklus schöpft.

Erfreulicherweise nimmt Körber auch vier deutschsprachige Gruselgeschichten auf. Im Zeitalter des Jason-Dark- und Hohlbein-Dumpfhorrors ist es in Vergessenheit geraten, aber bis die Nazis ihr 1933 ein Ende machten, gab es eine deutsche Phantastik, die sich vor der angelsächsischen nicht verstecken musste. Hanns Heinz Ewers (1871-1943) liefert mit „Die Topharbraut“ eine grundsolide Schauermär ab. Georg von der Gabelentz (1868-1940) kann da mit „Der gelbe Schädel“ nicht mithalten – der Horror wird hier eher behauptet als beschworen, und das mit ziemlich angestaubten literarischen Tricks. Karl Heinz Strobl (1877-1946) glänzt mit [„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=583 einer straff komponierten, effektvollen Vampir-Story, und Gustav Meyrink (1868-1932) beeindruckt durch „Meister Leonard“. Obwohl die phantastischen Elemente aufgesetzt wirken, kann die meisterhafte Darstellung der manischen Mutter wirklich erschrecken.

Sax Rohmer (eigentlich Arthur Henry Ward, 1883-1959) ist der geistige Vater des diabolischen Dr. Fu-Manchu. Dieser stellt seinen Schöpfer inzwischen als moderner Mythos längst in den Schatten und lässt dadurch vergessen, dass Rohmer kein wirklich guter Schriftsteller war. „Die flüsternde Mumie“ ist daher nicht nur des Themas wegen ziemlich angestaubt und keine glückliche Wahl als Ausklang dieser Sammlung – es sei denn, Körber wollte eine Überleitung finden zum sich nun schon abzeichnenden Zeitalter der „Pulp“-Magazine, die in den 1920er Jahren ihren Siegeszug antraten.

|Ergänzend:| [Rezension zum „zweiten Buch des Horrors“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3783

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