Koinegg, Karlheinz – König Artus und die Ritter der Tafelrunde

_Story_

Uther Pendragon, der britische König, ist besessen von dem Gedanken, eine Liebschaft mit Ygerne, der Gattin des Herzogs von Gorlois, einzugehen. Sein Berater, der Zauberer Merlin, ist bereit, ihm hierbei zu helfen, stellt jedoch auch einige Bedingungen an den Herrscher. Doch Pendragon, ganz wild auf die Möglichkeiten, die ihm der mächtige Magier verschaffen kann, lässt sich zu diesem Zweck auf jedes Bündnis ein und gelangt, von Merlin in die Gestalt des Herzogs verzaubert, in die Gemächer der nichts ahnenden Herzogin.

Einige Monate später gebiert die Herrin von Gorlois ihren gemeinsamen Sohn und tauft ihn auf den Namen Artus. Er ist das Produkt einer verbotenen Liebschaft, geboren als Resultat einer fiesen, lustgesteuerten Intrige, aber dennoch ein Sohn des Königs. Doch genau dieser Status wird ihm als Jüngling nicht gewährt. Stattdessen wird er von seinem Stiefbruder Kay getrieben und angeleitet, bis zu dem Tag, als Artus völlig überraschend und ohne zu wissen, was er da gerade tut, ein geheimnisvolle Schwert aus einem Stein zieht und somit genau das schafft, was unzähligen Vorgängern nie gelungen ist.

Von diesem Moment an ändert sich das Leben von Artus schlagartig. Er wird als König vereidigt und soll trotz seiner Jugend das Land in den Frieden führen, bekommt aber bei seiner Ernennung zum neuen König nicht den Respekt, der ihm als führender Monarch zusteht. Doch Artus geht seinen Weg, beruft die legendäre Tafelrunde von Camelot ein und erweist sich als vorbildlicher König. Allerdings ist sein Leben nicht ausschließlich von positiven Entwicklungen gezeichnet. Seine Halbschwester Morgan LeFay hat ihn in einer leidenschaftlichen Nacht hinters Licht geführt und ihm einige Zeit später einen Sohn geboren, von dem Artus lange Zeit gar nichts wusste. Und hiermit ist laut Aussage des Hofzauberers Merlin auch ein sehr pessimistisches Omen verbunden, denn es heißt, dass Artus’ Nachwuchs, Mordred genannt, eines Tages den Tod des Königs inszenieren wird.

_Meine Meinung_

Es ist immer wieder unglaublich festzustellen, wie viel Potenzial sich nach all den Jahren und unzähligen Abhandlungen noch immer hinter der Artus-Sage verbirgt. So viele Autoren haben sich bereits an der Geschichte versucht, und wie ich unlängst schon bei der Jugendbuch-Fassung von Kevin Crossley-Holland vom |dtv|-Verlag andeutete, ist es deswegen auch schwer vorstellbar, dass es einem Schreiber tatsächlich noch gelingen kann, der Handlung aus dem Reiche Camelot etwas Neues abzugewinnen.

Nun, dass dies dennoch möglich ist, hat Karlheinz Koinegg mit seiner Fassung bewiesen. Unter dem Titel „König Artus und die Tafelrunde“ hat er eine recht moderne Version der Geschichte entwickelt, die sich nicht ganz so steif an den groben Umrissen der bekannten Überlieferung orientiert. Er hat stattdessen Charaktere entwickelt, die in ihrem Auftreten lebendiger wirken, und diese in eine Geschichte integriert, in der geschickt alle sich bietenden Freiräume mit neuen Ideen und etwas lockeren Dialogen gefüllt werden. |Der Hörverlag| hat ebendiese Variante der legendären Sage als Hörspiel veröffentlicht und mit dem gut 3,5 Stunden andauernden Werk wohl eines seiner besten Produkte dazu auf den Markt gebracht.

Dass dies der Fall ist, hat man in erster Linie den hervorragenden Sprechern und der sprachlich verjüngten Umsetzung der Geschichte zu verdanken. Koinegg und Hörspielregisseurin Angeli Backhausen haben nichts dem Zufall überlassen und sich in den Hauptrollen mit einiger Prominenz verstärkt, die sich wiederum kaum bitten lässt und eine sprachlich sowie dramaturgisch absolut astreine Performance abliefert. Neben Konstantin Graudus in der Hauptrolle des Thronfolgers liefert diesbezüglich ganz besonders Peter Nottmeier in der Rolle des stets zerstreuten Sir Kay einen spitzenmäßigen Job ab. Nottmeier zeigt gerade für die lustigeren Stellen ein besonderes Feingespür bei der Umsetzung des umfassend eingefügten Humors und schafft es in diesem Sinne zum Beispiel, trotz sehr lockerer Zunge die Nerven des Hörers angenehm zu schonen. Kay mag vielleicht in der Erzählung ein unverschämtes Plappermaul sein, doch seine Reden werden nicht penetrant und kommen zudem auch noch sehr ehrlich herüber.

Der Einsatz solcher Leute macht sich allerdings auch an vielen anderen Punkten der Handlung bemerkbar, weil sie in ihrer individuellen Vielfalt für angenehme Kontraste sorgen, sowohl auf die jeweilige Person selber bezogen als auch auf den zwischenmenschlichen Bereich, in dem es unter den miteinander agierenden Charakteren einige deutliche Gegensätze gibt. Prädestiniert für ein hiermit verbundenes Beispiel sind ganz besonders Artus und Kay. Während der König eher als ruhiger, gutmütiger und besonnener Herrscher auftritt, ist Kay ein stets aufbrausender Zappelphilipp, auffällig durch kesse Bemerkungen und seine seltsamen Vorlieben. Sie sind in diesem Sinne auch ein Brüderpaar, wie es im Buche steht, nämlich grundlegend verschieden und sich andererseits doch wieder so ähnlich, und alleine die Darstellung dieses Umstands ist in „König Artus und die Ritter der Tafelrunde“ schon ein echter Höhepunkt.

Bezogen auf die Story zeigt sich Koinegg als ein unberechenbarer Inszenator, der sich nur sehr vage an die Vorgaben der klassischen Geschichte um die Tafelrunde hält. Stattdessen legt er in seiner Ausführung größeren Wert auf die verschiedenen Beziehungsgeflechte in Camelot und betont erst danach die politischen Entwicklungen bzw. die Zusammenkunft der Tafelrunde. Statt des herkömmlichen Abenteuers kommt so zum Beispiel ein ganzes Stück der Kindheitsgeschichte – und zwar ein wenig humorvoll und lebendig porträtiert – zum Zuge. Außerdem bleiben viele Spielräume für die Personen in Artus’ Umfeld offen und werden genutzt, um die etwas losgelösten Geschichten von der Begegnung zwischen dem Grünen Ritter und Sir Gawain zu erzählen oder etwas tiefer in die Beziehung von Sir Kay und der mit knapp 30 Jahren schon als alt abgestempelten Zofe von Artus’ neuer Gemahlin Guniver einzudringen.

Unabhängig vom Handeln der Tafelrunde werden hier die Schwerpunkte der bekannten Handlung zugunsten neuer, erfrischender Aspekte ausgetauscht, die man in dieser Form wohl kaum irgendwo anders so ausführlich vorgesetzt bekommt wie in Koineggs endgültiger Fassung. Dennoch bleibt das Treiben am Hofe des Königs natürlich das vorgegebene Konstrukt und damit auch unverändert der wesentliche Teil der Artus-Sage, wobei verglichen mit dem Gros der bislang bekannten Abhandlungen schon starke Schwankungen zwischen der individuellen Prioritätenverteilung zu erkennen sind. Der Autor hat dadurch aber auch einen sehr wichtigen Schritt in die richtige Richtung gewagt und nicht bloß das nacherzählen lassen, was man grob mit der Artus-Sage in Verbindung bringt. Dies ist zwar ein Wagnis, aber wie sich herausstellt, auch ein sehr Erfolg versprechendes, weil es sich bewusst und bisweilen gar revolutionär von den vereinheitlichen Varianten dieses keltisch-christlichen Klassikers distanziert, ohne dabei die wichtigsten, wesentlichen Inhalte zu vernachlässigen.

Darüber hinaus muss man dem Team, das dieses Hörspiel eingespielt und produziert hat, ein großes Lob aussprechen. Es ist nämlich gar nicht mal so einfach, die Spannung der Dialoge über einen so langen Zeitraum aufrecht zu erhalten, aber dies haben die Sprecher bzw. die Regisseurin tadellos umgesetzt, indem sie plötzlich neue Figuren in die Hauptrolle verfrachten und ihnen auch die hierzu erforderlichen Voraussetzungen geschaffen haben. Ich mag mich hierin wiederholen, aber mir ist es einfach wichtig, dass noch einmal herausgestellt wird, dass es sich nicht bloß um eine schlichte Nacherzählung, sondern um eine recht moderne Interpretation handelt, die dem angestaubten Thema deutlich neue Impulse verleiht und die ansonsten oft so angespannte Stimmung aufgrund der etwas lustigeren Darbietung spürbar auflockert.

Mit anderen Worten: „König Artus und die Ritter der Tafelrunde“ ist ein vollkommener, jugendlich gebliebener Hörgenuss mit erstklassig auftretenden Sprechern und einer superben Aufarbeitung des klassischen Themas. Gerade diejenigen, die eigentlich schon längst genug von Artus und der Tafelrunde zu Camelot haben, sollten sich einmal mit diesem Hörspiel beschäftigen, da es handlungstechnisch ganz anders als all das ist, was man von vornherein erwartet hätte. Und das ist dann auch nur einer von vielen Gründen, den mit 14,95 € (|amazon.de|: 11,95 €) auch noch erschwinglichen Preis in dieses herrlich aufgemachte Hörspiel (Digipak mit eingeklebtem Booklet und ausführlichen Linernotes zu den wichtigsten Sprechern) zu investieren. Das ist definitiv Camelot in neuer Frische!

http://www.hoerverlag.de/

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