Korte, Lea – Maurin, Die

_Hintergrundinformationen_

[Andalusien]http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/ff/Localizaci%C3%B3n__de__Andaluc%C3%ADa.svg im Süden Spaniens ist durch die Straße von Gibraltar nur 14 Kilometer von Afrika entfernt und stand von allen Regionen des Landes am längsten unter islamischer Herrschaft. Noch immer sieht man dort eindrucksvolle architektonische Zeugnisse dieses Einflusses, unter anderem prachtvolle Moscheen und ganz besonders die weltberühmte Alhambra, eine bedeutende Stadtburg in Granada und vielleicht das schönste Beispiel des Maurischen Stils in der islamischen Kunst. Noch heute gehört die Burganlage als Weltkulturerbe zu den imposantesten Attraktionen in Europa.

Unter der Herrschaft der Kalifen war Granada ein blühendes und reiches Land gewesen. Wissenschaften und auch die Kunst waren ebenso wie das Handwerk weltberühmt und galten in ganz Europa als Vorbild. Die Mauren bauten Schulen für die Einwohner der Städte, Krankenhäuser, Freizeitzentren und Bibliotheken. Im christlichen Europa war solch ein Luxus gänzlich unbekannt.

Die religiösen Volksgruppen der Mauren, Christen und Juden lebten untereinander in relativ friedlicher Eintracht. Der Koran predigt nicht umsonst den Respekt gegenüber anderen Religionen und Ansichten und ist damit toleranter, als es das Christentum in seinen zumeist sehr starren Ideologien jemals war.

Die katholischen Könige sahen in der Herrschaft Granadas unter den Mauren eine Gefahr und die Eskalationsspirale drehte sich zunehmend um dieses Problem. Einzelne Städte, aber auch ganze Regionen wechselten ständig ihre Zugehörigkeit zu Mauren und Christen. König Ferdinand II. und Isabella I. von Spanien gingen mit aller Schärfe und unbeschreiblicher Brutalität gegen die jüdische und muslimische Bevölkerung vor. Ihre Vorstellung von einem Spanien unter ihrer Herrschaft ging über die bestehenden Grenzen hinaus, noch heute nennt man diese Epoche „Reconquista“ (= Rückeroberung). Die Einrichtung der Inquisition gehört zu den besonders dunklen Kapiteln des spanischen Königshauses.

Die deutsche Autorin Lea Korte, die selbst in Südspanien lebt, hat in ihrem aktuellen historischen Roman „Die Maurin“ die Geschichte der fiktiven Zahra as-Sulami innerhalb dieser Epoche niedergeschrieben.

_Inhalt_

Granada – 12. Juli 1478. Die sehr junge Zahra as-Sulami, Tochter einer ehemaligen Sklavin und eines maurischen Edelmannes, führt ein wohlbehütetes und geordnetes Leben. Doch Zahra verfügt über Neugierde und Mut und findet sich mit dem ihr zugewiesenen sittsamen und eintönigen Leben nicht immer ab. Ihr strenger Vater ist der Berater des amtierenden Sultans und lässt seine Familie gern spüren, wer innerhalb der Familiengrenzen das Sagen hat.

Doch drei Tage in der Woche kann sich Zahra von ihrer Familie lösen und verbringt diese Zeit als Vertraute und Hofdame der Sultanin Aischa in der Alhambra. Zahra genießt das Vertrauen von Aischa, die sich als Zweitfrau des Sultans eher als Gefangene denn als dessen Frau betrachtet. Zahra erhält einen Eindruck der Intrigen am Hof, und auch die Politik und die sich langsam entwickelnden Feindseligkeiten zwischen Christen und Mauren bleiben ihr nicht lange verborgen.

Als am Hofe zwei Botschafter von Königin Isabella I. von Spanien zur Unterredung auftauchen, erhält Zahra von Aischa den Auftrag, als Spionin die Verhandlungen zu beobachten. Es ist ihre erste Begegnung mit Gonzalo Fernandez de Cordoba, einem Vertrauten der spanischen Königin, und dem Feldherren Juan de Gongora. Aber die anfangs friedlichen Verhandlungen eskalieren und ein kleiner Schwertkampf zwischen Yazid, Zahras älterem Halbbruder, und dem Botschafter Juan entbrennt.

Nur mit Mühe können die beiden Kontrahenten getrennt werden, und dies ist der Anfang vom Ende der maurischen Herrschaft über Granada. Hassan, der Emir von Granada, verweigert die Tributzahlungen an das Königshaus, und das Land wird überzogen mit den Schrecken des Krieges. Nicht wenige Dörfer wechseln beständig die politische Seite, je nachdem, ob gerade wieder die Mauren oder die Christen gewonnen oder verloren haben. Die Gefangenen werden jeweils zu Sklaven der Sieger und sind damit einer brutalen Willkür ausgesetzt.

Auch Zahra und ihre Familie werden in die Machtkämpfe und kriegerischen Auseinandersetzungen verwickelt. Die Religion spaltet nicht nur ein Land, das in voller Blüte stehen könnte, sondern auch ganze Familien. Die Familie des Sultans ist sich längst nicht einig: Aischa, die zweite, verstoßene Frau des Sultans Hasan, strebt an, ihren Sohn Muhammad XII., auch genannt Boabdil der Unglückliche, auf den Thron des Emirats zu bringen. Zahra wird von Aischa auf die heikle Mission geschickt, Boabdil aus seinem Exil zu befreien und sicher nach Granada zu führen. Für kurze Zeit hat Zahra die Möglichkeit, selbst über Schicksal zu bestimmen, und die temperamentvolle junge Frau kann der von ihrem Vater geplanten Hochzeit und seinen Zwängen entfliehen.

Zahras Familie steht dabei auf beiden Seiten des Krieges, wenn auch nicht offensichtlich. Raschid, ihr Bruder, ist ein besonnener Mann, der sich, wie auch Gonzalo auf spanischer Seite, für den Frieden einsetzt, der aber Wohlstand und respektvolles Miteinander voraussetzt. Raschid ist selbst mit der Jüdin Deborah verheiratet, die sich immer wieder sorgt, wenn Raschid vom Sultan oder von seinem Vater auf eine gefährliche Mission geschickt wird. Yazid, Zahras Halbbruder, hingegen ist ein verblendeter Kriegstreiber, ein intoleranter junger Mann, der seine Worte gern durch das Schwert unterstreicht. Auch Zahras Vater, einer der engsten Ratgeber des Sultans, muss immer wieder innerhalb seiner Familie Auseinandersetzungen schlichten. An seiner Seite agiert Zahras Mutter Leonor, eine gütige und sanfte Frau, die selbst das Leiden der Sklaverei kennt, aber aus Liebe zu ihrem Ehemann zum Islam konvertiert ist.

Zahra, die es immer wieder schafft, ihrem Leben einen Sinn von Selbstverwirklichung zu geben, gerät dabei in den Krieg zwischen die maurischen und kastilianischen Fronten. Die religiösen und kulturellen Grenzen beider Völker lernt sie dabei kennen, und immer wieder kreuzen sich ihre Wege mit denen des spanischen Adligen Gonzalo und seines Bruders Jaime, die beide eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie ausüben. Zahra findet zwischen den beiden Kulturen doch noch ihr Glück, aber ihre Liebe und ihr Drang zur Selbstbestimmung bringen nicht nur sie und ihre Familie in größte Gefahr …

_Kritik_

1492 wurde das Alhambra-Edikt der katholischen Herrscher Ferdinand und Isabella von Spanien in Kraft gesetzt. Die Juden und Mauren mussten das Land verlassen, sofern sie nicht gewillt waren, zum Christentum überzutreten. Erst 1992 entschuldigte sich der noch heutige amtierende König Juan Carlos I. für das brutale und rücksichtslose Vorgehen seiner königlichen Vorgänger, die so viel Leid über die Bevölkerung brachten.

Wer in „Die Maurin“ von Lea Korte einen seichten Liebesroman erwartet, der vor allem mit Klischees und Vorurteilen aufwartet, der wird enttäuscht sein. Die Autorin schildert eine ungemein realistisches und farbenprächtiges Drama des maurisch-kastilianischen Krieges. Ihre Recherchearbeit ist vorbildlich ausgefallen, und viele Autoren/-innen historischer Romane dürfen sich gern ebenfalls solche Mühe damit machen, die Vergangenheit vergleichbar realistisch zu schildern. Lea Korte wirft den Leser schon auf den ersten Seiten mitten ins Geschehen und stößt ihn in die kulturelle und religiöse Welt beider Volksgruppen.

So anders auch der maurische bzw. islamische Glaube den Christen vorkommen mag – der Hass und die Vorurteile sowie das Verhindern jeglichen Konsens wirken vertraut und werden in jedem Kapitel ersichtlich. Ebenso schafft es die Autorin mit Unterstützung historischer Persönlichkeiten, die hier viel Raum einnehmen, zu verdeutlichen, dass es auf beiden Seiten durchaus auch vernünftige Menschen gab, die sich für Toleranz und Frieden zwischen den Völkern einsetzten.

Betrachten wir die Protagonisten in „Die Maurin“, so ist auch hier zu loben, dass einzig Zahra und ihre Familie fiktiv sind. Die Autorin stellt die Konflikte im Süden von Spanien anhand von Fakten dar und lässt dabei Zahra als aktive Beobachterin von diesem Konflikt erzählen. Zahras Figur ist recht realistisch, auch wenn sie manchmal etwas viel er- und überlebt, aber die Autorin schafft es dann immer wieder, kleinere Klippen mit spannenden und abwechslungsreichen Szenen zu umschiffen.

Lea Korte, die sich intensiv mit dem Land und seiner kulturellen wie auch kriegerischen Vergangenheit beschäftigt hat, bezieht zu keiner der beteiligten Seiten eindeutig Stellung. Als neutrale Berichterstatterin erzählt sie vom Fanatismus und dem Streben nach Macht beider Völker und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie beschreibt, wie egoistisch die Herrscher Politik und Religion einsetzen, um ihre Macht zu vergrößern. Das Wohl der Menschen steht für sie an letzter Stelle, und Toleranz gegenüber Andersgläubigen kennen sie nicht.

Doch die Autorin beschreibt auch solche intensiven Szenen, in denen die Menschlichkeit siegt, die Vernunft sich durchsetzt und Verstand und Gefühl miteinander in Einklang stehen. Auch wenn in diesem Roman „Sinn und Sinnlichkeit“ nicht zu kurz kommen, so ist „Die Maurin“ doch viel mehr als ein klassischer Liebesroman, der auf der historischen Bühne spielt. Nicht nur die weibliche Zielgruppe wird hieran Gefallen finden – Leo Korte beschreibt die Schlachten und Kämpfe so detailreich, dass es spannender nicht sein könnte.

Das Tempo der Geschichte verläuft steigend, die Dramatik nimmt in jedem Kapitel zu, so dass der Leser den Konflikt beider Völker begleiten kann und dabei nicht aus dem Auge verliert, worum es im Eigentlichen geht. Die einzelnen Erzählstränge sind dabei abwechslungsreich und erzählen aus der jeweiligen Perspektive der Protagonisten, allen voran natürlich Zahra. „Die Maurin“ versetzt den Leser direkt in die Handlung, so dass man sich nur schwer zu lösen vermag und der Wunsch entsteht, mehr über diese Zeit und deren kriegerischen Konflikt zu erfahren.

_Fazit_

„Die Maurin“ ist ein absolut empfehlenswerter Roman, der gedanklich lange nachwirkt. Eindrucksvoll realistisch dargeboten, ist „Die Maurin“ ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz gegenüber Andersgläubigen – eine Mahnung, die Kultur und Lebensweise eines Landes zu achten und zu verstehen zu versuchen, anstatt mit Waffengewalt anderen Völkern seinen Willen aufzuzwingen.

Abwechslungsreich und sensibel, zugleich temperamentvoll und ehrgeizig erzählt uns Leo Korte von der Vergangenheit einer Region, die praktisch vor unserer Haustür liegt, uns aber dennoch nur wenig vertraut ist. Nie ist die Vergangenheit dieser südlichsten spanischen Region spannender und nachhaltiger erzählt worden. „Die Maurin“ legt auf menschliche Weise Zeugnis ab von einer Epoche, die weit in der Vergangenheit liegt, aber dennoch nicht in Vergessenheit geraten darf.

_Die Autorin_

Lea Korte, geboren 1963, wanderte nach Abschluss ihres Studiums nach Spanien aus, wo sie zuerst in Katalonien und später im Baskenland und in Valencia als Übersetzerin und Autorin lebte. Zusammen mit ihrem französischen Ehemann und ihren beiden Kindern lebt sie heute in Südspanien.

|Siehe ergänzend dazu auch unser [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=105 mit der Autorin.|

|663 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3426502303|
http://www.leakorte.com
http://www.leakorte.wordpress.com
[facebook: Lea Korte – Historische Romane, Lea Korte]http://www.facebook.com/pages/Lea-Korte-Historische-Romane/274631567914
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