Kühn, Lotte – Elternsprechtag

Vor einiger Zeit erschien „Das Lehrerhasser-Buch“ von Lotte Kühn alias Gerlinde Unverzagt und wurde in seinem polemischen Anklageton zu einem großen Aufreger, der bei Lesern und Medien sehr gefragt war. Und wie immer, wenn sich etwas gut verkauft, wird ein zweiter Teil veröffentlicht. Mit „Elternsprechtag“ bringt Lotte Kühn nun eine Auswahl aus den zahlreichen Leserbriefen, die sie seit dem „Das Lehrerhasser-Buch“ erreichten, heraus.

Und leider wird man den Eindruck, dass hier noch mal schnell nachkassiert werden soll, so lange das Feuer noch heiß ist, das ganze Buch über nicht los. Kühns herausgeberische Leistung ist äußerst bescheiden. Sie hat die ausgewählten Leserbriefe auf zehn Kapitel verteilt, deren Motivation und damit Zusammenstellung meist unklar bleibt und durch die Überschriften eher verschleiert als erhellt wird; jeweils eine eifernd-polemische Einleitung geschrieben, das Ganze zwischen ein entsprechendes Vor- und Nachwort gepresst, und fertig ist die Laube. Im 5. Kapitel ‚Seit hundert Jahren dasselbe?‘, das Briefe Erwachsener über die eigene vergangene Schulzeit enthalten soll, mischt sich die Anfrage eines Schulzeitungsredakteurs um Erlaubnis zum Nachdruck. Dafür finden sich Briefe, die hierhin gehört hätten, auch in anderen Kapiteln. Das Kapitel 7 ‚Der Fehler liegt im System‘ beginnt zwar mit Zuschriften, die sich mit grundsätzlichen Problemen im Schulalltag auseinander setzen, aber dann folgt der Bericht über einen anmaßenden Hausmeister, dessen Verhalten sich gut in der Fernsehserie „Hausmeister Krause“ machen würde, und der Abschnitt endet mit dem kurzen Dank einer gestressten Mutti, die keinen einzigen eigenen Gedanken oder ein Erlebnis beisteuert.

Was hätte man mit dem Datenmaterial dieser vielen Briefe nicht alles leisten können! Man hätte systematisch die Einzelfälle von ständig wiederkehrenden Problemen trennen können, man hätte diese nach Schulformen und Bundesländern gliedern können, man hätte die (in den Schreiben tatsächlich vorhandenen) Lösungsvorschläge analysieren können, oder man hätte zumindest die Anschriften der Schulaufsichtsbehörden angeben können; schließlich ist in einem Rechtsstaat niemand irgendjemandem hilflos ausgeliefert. Aber das alles hätte natürlich einiges an Zeit gekostet, in welcher der Wirbel um ihr vorheriges Buch wieder verraucht wäre. Die einzigen konstruktiven Vorschläge (S. 151f) sind aus Kurt Singers Buch „Wenn Schule krank macht“ stichpunktartig abgepinnt.

Lesenswert sind die vielen sachlichen, differenzierten Zuschriften, die selbstverständlich vorhandene Fälle von Lehrerversagen schildern, die zwischen guten und schlechten Lehrern zu unterscheiden wissen, die sich dazu äußern, dass vielleicht auch Bildungspolitiker, Schüler und – |horribile dictu| – Eltern ihr Scherflein zu den Schulproblemen beitragen könnten.

Unfreiwillig aufschlussreich sind aber auch die übrigen Briefe. Maßgeblich ist hier nicht, was, sondern wie geschrieben wird. Insofern liefert „Elternsprechtag“ ein interessantes Psychogramm, denn was sich hier an hilfloser, unreflektierter Wut auskotzt, ist schon atemberaubend. Das Bezugsbuch heißt völlig zu Recht „Das Lehrer|hasser|-Buch“ und nicht etwa „Das Lehrer|kritisierer|-Buch“. Endlich hat mal eine bekannte Buchautorin die „faulen Säcke“ (Gerhard Schröder) als Wurzel allen Übels identifiziert, nun darf man auch selbst alle Hemmungen fallen lassen und ungeniert loskeulen. In der Tat widersinnige Lehrvorschriften, z. B. die Nichtkorrektur von Rechtschreibfehlern, und weltfremde Kuschelpädagogik? Das wird nicht etwa Politikern und Behörden angekreidet, sondern den Lehrern. (Nur nebenbei: In den Leserbriefen kritisieren auch etliche Pädagogen diesen Unfug.) Übergroße Klassen und ausländische Mitschüler mit mangelhaften Deutschkenntnissen? Natürlich sind die Lehrer schuld. Und wenn eine devote Mutter einer Lehrerin regelmäßig Blumen zu schenken vorschlägt, richtet sich der Zorn selbstredend nicht gegen die Mutter, sondern mit Lotte Kühns Zustimmung gegen die Lehrerin (S. 75). Eine Variante dazu ist der schnöselige Abiturient, der sich über seine ehemalige – zugegebenermaßen konfuse und kritikwürdige – Lehrerin auslässt, der aber nicht den Hauch von Selbstkritik zeigt, wenn Schüler dieses Kurses regelmäßig über zehn Minuten zu spät kamen oder Hausaufgaben „als gleichgültig erachteten“ (S. 140).

Was weiter auffällt, ist, dass ausgerechnet diejenigen nicht zu Wort kommen, um die es doch eigentlich geht: die Kinder (abgesehen von dem erwähnten Nachwuchsjournalisten, der jedoch nicht über seine Erfahrungen aus dem Unterricht schreibt). Die wenigen anderen als „Schüler“ angegebenen Absender entpuppen sich, wenn man ihre Briefe tatsächlich liest, als junge Erwachsene, deren Schulzeit lediglich noch nicht allzu lange zurückliegt. Überhaupt scheint die unverzagte Lotte Kühn ihren Leserbriefen nicht immer die angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen: In der Einleitung zum 2. Kapitel trompetet sie, dass es sich beim geschilderten Versagen von Lehrern keineswegs um „schwarze Schafe“ und „bedauerliche Einzelfälle“ (S. 35) handele, aber genau das sagen etliche der in diesem Kapitel zitierten Briefeschreiber aus, die differenziert über fähige wie unfähige Lehrer berichten.

Lotte Kühn ist ehrlich genug, ihr „Lehrerhasser-Buch“ selber als „Polemik“ und „Pamphlet“ zu bezeichnen, und das kann man auch über den „Elternsprechtag“ sagen. Wer ein konstruktives Sachbuch zum Thema Bildungskrise und Schulalltag sucht, kann sich sein Geld im Fall „Elternsprechtag“ getrost sparen. Wer aber ein Dokument über – berechtigte wie unberechtigte – Angst- und Zorngefühle in Deutschland beim Stichwort Schule lesen oder einfach nur seine Aversionen gegen Lehrer und Schule ohne lästige Zwischentöne und Gegenargumente bestätigt sehen will (und das dürfte die eigentliche Zielgruppe von Lotte Kühn sein), der mag hier zugreifen.

http://www.knaur.de

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