Kugelberg, Johan / Beste, Peter – True Norwegian Black Metal

Das Feuer der norwegischen Black-Metal-Szene scheint in den vergangenen Jahren ein wenig erloschen. Die Protagonisten haben sich partiell zurückgezogen oder aber in den Sumpf der fragwürdigen Comebacks begeben, die wenigen verbliebenen Originale wiederum nutzen ihren Explorationswillen, um ihren Sound in die Moderne zu rücken; und auch wenn noch eine gute Handvoll Individualisten die Flamme der zweiten Generation am Lodern hält, so ist das, was vor gut anderthalb Dekaden noch als faszinierende Subkultur gestartet war, heute eher ein Teil des nordischen Mainstreams und größtenteils sogar salonfähig geworden.

Dennoch, der Mythos bleibt unvergessen, die Ereignisse um die Mordserien, Kirchenverbrennungen und die Hatz gegen das Christentum haben nicht nur die dortige Kultur und das soziale Wesen, sondern auch die internationale Metal-Szene nachhaltig geprägt – sei es nun in visueller Form durch das Corpsepaint, im rohen Ausdruck der rauen, hasserfüllten Musik oder eben auch in der inhaltlichen Grundaussage der schwarzmetallischen Lyrik, die auch heute noch häufig aufgegriffen wird, aber eben nicht mehr derart provokant und außergewöhnlich daherkommt wie dies eben zu Beginn des letzten Jahrzehnts der Fall war.

Peter Beste, seines Zeichens passionierter und studierter Fotograf, hat sich im Laufe seiner Ausbildung und Studienzeit ebenfalls von diesem Phänomen beeindrucken und prägen lassen und vor allem die ungewöhnliche Optik der Musiker zur Faszination schlechthin erklärt. Gleichzeitig hat er gedanklich bereits ein Projekt ins Leben gerufen, das in dieser Form längst überfällig war und die eigenwillige Ästhetik der Szene wiedergeben sollte – nämlich einen Bildband aus der direkten Umgebung, der nicht nur die Darsteller selbst, sondern auch ihre direkte Umwelt, die inspirative Natur und auch die Klischees, die auch im Back Metal eine große Rolle spielen, einfängt. Unter dem Titel „True Norwegian Black Metal“ erscheint nun ein monströses Bildwerk, für das Beste einen großen Teil der letzten sechs Jahre aufbrachte und gleich dreizehnmal nach Norwegen reiste, Freundschaften knüpfte und schließlich in das Mysterium der Musik eintauchte.

Und in eben diesem Werk beschäftigt sich der Fotograf vorwiegend mit den noch verbliebenen Helden der Szene, wobei er es besonders auf Bands wie |Gorgoroth| abgesehen hat, deren Frontmann Gaahl er hier gleich in mehreren Posen zeigt. Dazu gibt es haufenweise Material von Bands wie |Carpathian Forest|, |Darkthrone|, |Mayhem|, |Enslaved| und |1349| nebst einigen Dokumentationen der Szenerie zu Beginn der Neunziger, als die ersten Kirchen brannten und Protagonisten wie Euronymus der Unmenschlichkeit mancher Mitglieder zum Opfer fielen.

Hier gibt es abseits der vielen gelungenen Ablichtungen der Musiker in ihrer privaten und beruflichen Umgebung (also der Bühne) reproduzierte Zeitungsausschnitte, die sich vor allem mit der brisanten Blütezeit des Genres beschäftigen. Die |Mayhem|-Morde werden nachgezeichnet, das Schicksal des zwielichtigen Varg Vikernes noch einmal aufgenommen, aber auch einige Original-Briefe eingeflochten, um noch näher in das Mysterium jener Zeit abzutauchen. Ergänzend gibt es schließlich noch Fotos, die jedoch anderen Quellwerken entnommen sind, aber eben einige der Leute zeigen, zu denen Beste nicht mehr vordringen konnte. Um die Sache rund zu machen, kommt auch ein langjähriger Wegbegleiter von Bands und Szene zum Wort, nämlich Metalion vom norwegischen |Slayer|-Mag, der von Anfang an dabei war und gerade die Krise aus nächster Nähe miterlebte. Auch wenn ihm gerade einmal eine Doppelseite geschenkt wird, so ist der Informationsgehalt doch immens – zumal sein Bericht tatsächlich aus erster Hand stammt.

Das Problem an diesem Werk besteht lediglich in seiner mangelnden Vollständigkeit. Beste hat relativ spät mit den Aufnahmen begonnen und ist zu einer Zeit gestartet, als die große Welle bereits vorüber war. Daher muss er gerade im Hinblick auf die eigentlichen Vorreiter der Szene Einbußen hinnehmen und auf Archivaufnahmen zurückgreifen, was natürlich insofern nicht so glücklich ist, als von ihnen erst diese ganz spezielle Faszination ausging, von der die nun porträtierten Musiker erst im Nachhinein zehren konnten. Gerade diesbezüglich kann der Mann hinter diesem Bildband den hohen Ansprüchen an ein solches Projekt nicht ganz gerecht werden.

Andererseits sind manche Bilder, die Beste hier veröffentlicht gibt, wirklich genial getroffen und strahlen genau jenen Mythos aus, von dem die meist maskierten Musiker profitieren und der letztendlich auch die Szene ausmacht. Es sind ebensolche Momentaufnahmen wie das definitive Chaos im letzten Jahrzehnt, vielleicht diesmal aus einem anderen Blickwinkel, aber dennoch nicht weniger majestätisch und elegant als die rauen Visualisierungen der ersten Stunde. Damit ist dem Autor und Fotografen trotz des inhaltlichen Einschnitts ein wahrhaft grandioses Porträt einiger Menschen gelungen, deren Äußeres bereits faszinierend ist und deren unnachahmlichem Ausdruck man sich auch in Zeiten, in denen der Black Metal nur noch eine Nebenrolle in der Szene spielt, kaum entziehen kann. Der Preis für das Werk mag zwar ein wenig abschreckend sein, aber der Gegenwert dieser teils einmaligen Aufnahmen rechtfertigt die Investition in jedem Falle und macht „True Norwegian Black Metal“ zu einer ganz besonderen Veröffentlichung, die man sich als passende Ergänzung zur „Lords of Chaos“-Chronik nicht entgehen lassen sollte.

|ISBN-13: 978-0-95580-151-8|

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