Laymon, Richard – Keller, Der

_Das geschieht:_

|I – Im Keller (S. 7-252)|

Malcasa Point, ein Nest irgendwo in Kalifornien, 400 Einwohner – und das Horrorhaus, eine zwiespältige Touristenattraktion. Vor über 70 Jahren soll ein Serienmörder in dem viktorianischen Gebäude sein Unwesen getrieben haben, aber auch jetzt, im Jahre 1978, ist es dort nicht geheuer. Wer sich des Nachts dort umschauen will, stößt auf die Bestie, die hier ihr Lager aufgeschlagen hat.

Donna Hayes strandet auf der Flucht vor ihrem gerade aus der Haft entlassenen Ex-Gatten Roy, der für seine minderjährige Tochter Sandy ganz und gar nicht wie ein Vater empfand. Als sie ihn deshalb anzeigte und man ihn verurteilte, schwor Roy Rache und kündigte an, sie zu finden, wo immer sie sich verstecken würden. Genau das setzt er sechs Jahre später in die Tat um und hinterlässt eine Spur aus Folter und Mord, während er sich zielstrebig seiner ‚Familie‘ nähert.

Lawrence Maywood gehört zu den wenigen Menschen, die eine Begegnung mit der Bestie überlebten. Trotzdem für sein Leben gezeichnet, will er Rache und die Bestie zur Strecke bringen. Dafür heuert er den Söldner Judgment Rucker an, der an kein übernatürliches Treiben glauben mag.

Die Wege dieser fünf Personen werden sich im Horrorhaus kreuzen, ihre Schicksale sich dort entscheiden. Als Schiedsrichter tritt die Bestie auf, die – wer oder was sie auch sein mag – auf jeden Fall anwesend sein wird …

|II – Das Horrorhaus (S. 253-578)|

Ein Jahr später: Tyler vermisst Dan, einst die Liebe ihres Lebens. Kurz entschlossen packt Nora, ihre energische Freundin, die jammernde Schöne in ihren Wagen. Nachforschungen ergeben, dass Dan als Polizist in einem abgelegenen Ort namens Malcasa Point gelandet ist, wohin sich die beiden Frauen folglich aufmachen.

Den alternden Schriftsteller Gorman Hardy zieht die Geschichte des „Horrorhauses“ nach Malcasa Point. Er findet dort eine wertvolle Verbündete in der jungen Janice, die im Besitz des Tagebuchs der Lilly Thorn ist, die 1903 die Bestie im Keller des Hauses entdeckte – und lieben lernte! Das ist eine Bombenstory, die Hardy sich keinesfalls entgehen lassen möchte.

Jack und Abe, zwei Ex-Marines, die sich an Tylers und Noras Fersen (bzw. Hinterteile) heften, lassen sich von Hardy als Helfershelfer anheuern. Nachts sollen sie ins Horrorhaus einbrechen und Fotos schießen. Auch sie glauben nicht an die Bestie, was sich rasch ändert, da diese nicht nur sehr lebendig ist, sondern sich auf gänzlich unerwartete Unterstützung verlassen kann …

|III – Mitternachtstour (S. 579-1232)|

Wieder ein Jahr später: Sandy, die das Massaker im Horrorhaus vom Vorjahr überlebte, verlässt mit ihrer neuen Freundin, der Diebin und Mörderin Libby, sowie Eric, ihrem ganz besonderen Sohn, Malcasa Point und versucht ein neues Leben zu beginnen, was jedoch katastrophal fehlschlägt. Seitdem jagt Sandy erbittert aber erfolglos hinter Eric her.

1997: Das Horrorhaus ist nach mehreren Büchern und einer erfolgreichen Filmserie zu einer überregional bekannten Sehenswürdigkeit geworden. Es gehört jetzt Janice, die ihre grausame Geschichte so gut vermarkten konnte, dass sie nun mehrfache Millionärin ist. Tuck, ihr Stiefsohn, leitet eine ganze Schar von Fremdenführern, die routiniert durch das nun monsterfreie Horrorhaus führen.

Doch schon längst ist eine neue Generation gefräßiger und sexsüchtiger Kreaturen herangewachsen. Bisher haben sie sich im Hintergrund gehalten. Jetzt bricht die alte Wildheit durch. Die Bestie ist zurück und liefert den Mitgliedern der legendären Mitternachtstour durch das Horrorhaus eine Vorstellung, die nur wenige vergessen bzw. überleben werden …

_Drei Besuche im Haus der Bestie_

1232 recht ordentlich bedruckte Seiten: Diese Bestie hat ihren Verfasser, der nie Schwierigkeiten hatte, dicke Bücher mit neu ersonnenen Geschichten zu füllen, offensichtlich nachhaltig beschäftigt. Das bestätigt auch die Tatsache, dass Laymons letzte vor seinem überraschend frühen Tod 2001 fertiggestellte Arbeit der Kurzroman „Friday Night in Beast House“ war, der in diese Sammlung leider nicht aufgenommen wurde. Wie (oder ob) die Geschichte des Horrorhauses letztlich endet, bleibt auch nach der Lektüre dieses ziegelsteinstarken Werkes offen.

„Richard Laymons legendäres Meisterwerk“ soll dies sein, eifert der Klappentext. Tatsächlich liefert der Autor wie üblich wüste Kolportage. Mit nach einiger Lesezeit ermüdender Regelmäßigkeit verstößt er gegen möglichst jede politische Korrektheit, was er als beinahe ununterbrochene Folge von Splatter, Sadismen & Sex umsetzt. Mit dem Plot hält er sich dagegen nicht lange auf. „Im Keller“ gibt die Story vor: In einem von bizarren Hinterwäldlern bewohnten Städtchen – es wurde anscheinend um das „mal casa“, das „böse Haus“, herum gebaut – steht das „Beasthouse“, in dem es umgeht. Immer neue und neugierige Besucher kommen und werden zerschnetzelt oder geschändet oder beides. Wer oder was das Monster ist, wird bereits im ersten Teil enthüllt; Laymon hält nichts von Subtilität, sondern bevorzugt Vollgas und aufgeblendete Scheinwerfer.

_Das Original hat gruselige Momente_

Mit seinen nur 250 Seiten Umfang wird „Im Keller“ dem „Beasthouse“-Plot am besten gerecht. Die dünne Story gibt im Grunde gar nicht mehr her. Hier ist sie noch unbekannt und wird flott und nicht ungeschickt entwickelt. Laymon bemüht sich um Stimmung, ihm gelingen durchaus spannende Passagen, während er sich in seinen späteren Romanen oft damit begnügte, Dialogzeilen aneinanderzureihen.

1980 dürfte die Figur des Roy Hayes noch ziemlich starker Tobak gewesen sein – ein Psychopath, Folterknecht und Kinderschänder, wobei Laymon nicht ausblendet, wenn Hayes seine Triebe auslebt. Auch heute berühren diese Schilderungen den Leser so unangenehm, wie der Verfasser es geplant haben dürfte.

Laymon stellt dem ‚echten‘ Monster die „Bestie Mensch“ gegenüber. Der Mensch gewinnt, d. h. die Bosheit des Roy Hayes wirkt weitaus überzeugender, was Laymon veranlasste, die klassischen Gestalten der Dunkelheit in seinem späteren Werk mehr und mehr zugunsten sadistischer Schreckgestalten fallenzulassen.

Wie ‚böse‘ ist das Monster eigentlich? Ohne die Hilfe von Menschen, die auf seine besonderen ‚Fähigkeiten‘ nicht verzichten wollen, hätte es längst das Zeitliche gesegnet, denn es verfügt nur über geringe Intelligenz. Meist springt es als Buhmann durch seine eigene Geschichte und wird erst durch die Heimtücke seiner Spießgesellen zur Gefahr.

Schon im ersten „Beasthouse“-Roman stört indes Laymons Schlampigkeit. Er war ein schneller Schriftsteller, um es neutral auszudrücken. Was er einmal zu Papier gebracht hatte, überarbeitete er offenbar ungern. Wie sonst lässt sich das ständige Auftauchen von Figuren erklären, die kaum ordentlich eingeführt oder sogleich wieder sang- und klanglos aus der Handlung verabschiedet werden?

_Der Quark wird breiter_

„Das Horrorhaus“ entstand 1986, die Handlung knüpft indes an die Ereignisse des Jahres 1978 an. Faktisch wiederholt sich diese sogar – und das passagenweise wortwörtlich. Die dramaturgischen Grenzen des „Beasthouse“-Konzepts werden dadurch schmerzlich deutlich. Mit „Im Keller“ wurde die Geschichte eigentlich erzählt. Jetzt wird sie nur noch aufgewärmt. Die Bestie drückt sich weiter im Horrorhaus herum und tut, was sie halt nicht lassen kann. Einmal mehr geht die Gefahr vor allem von den Menschen aus.

Natürlich dürfte das auch Laymon aufgefallen sein. Er gedachte freilich nicht, dem Geschehen neue Impulse zu geben. Stattdessen lud er sie einfach mit Sexszenen an der Grenze zur Pornografie auf. Schöne, junge, stets geile Frauen machen die Mehrheit der Hauptfiguren im „Horrorhaus“ aus. Wie in seinen Gewaltschilderungen nimmt Laymon dabei kein Blatt vor den Mund. In den puritanischen USA mag er die Ideenarmut der Story seinem Publikum auf diese plumpe Weise verborgen haben. Dort, wo des Durchschnittsbürgers Hirn einer weniger eindimensionalen Gebrauchsanleitung folgt, lässt sich mit ausführlichen Waschlappen-Waschungen milchweißer Brüste und pseudo-ekstatischen Laken-Tollereien jedoch kein Blumentopf gewinnen.

Das erklärt auch, warum man um die Figuren nicht bangt, wenn ihnen die Bestie hinterhertobt: Sie sind sämtlich unsympathisch, nur Pappkameraden, die nach Schema F(uck) ‚denken‘ und handeln, wobei sich Letzteres im „Horrorhaus“ aufs Bluten & Töten beschränkt. Fast obsessiv beschreibt Laymon diese Dreiheit immer wieder in allen Details und unterstreicht die Einschätzung seiner Werke als Fastfood für knapp alphabetisierte Rednecks. Viel zu selten gelingt ihm im „Horrorhaus“ wirklich Finsteres, das ihn als Verfasser ehrt; so erschreckt die Beiläufigkeit, mit der Gorman Hardy zum Mörder mutiert und die Bestie an planvoller Bosheit leicht übertrifft. Und das Finale ist eine Splatter-Orgie, die an Dynamik und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

_Ein Neuanfang nach altem Rezept_

Mit seinen 650 Seiten ist „Mitternachtstour“ umfangreicher als die ersten beiden Teile der „Beasthouse“-Serie zusammen. Für Laymons Verhältnisse ist die Geschichte komplex, spielt sie doch auf zwei Zeitebenen. Nach mehr als zehn Jahren schloss der Verfasser einerseits noch einmal an die ursprünglichen Ereignisse an, während er andererseits einen Sprung ans Ende des 20. Jahrhunderts wagte. Diese Schere schließt er langsam und führt die beiden Handlungsstränge zusammen.

Die „Beasthouse“-Saga schlägt scheinbar eine neue Richtung ein, was zu begrüßen ist, da ein weiterer Aufguss selbst den langmütigsten Gruselfreund erzürnen dürfte. In Malcasa Point sind seit dem Massaker von 1979 fast zwei Jahrzehnte verstrichen. Das Horrorhaus ist zu einem Grusel-Disneyland und einer Geldmaschine geworden, was Laymon die Gelegenheit zu sarkastischen Seitenhieben auf die Sensationsgier der ‚Nachgeborenen‘ gibt, für die das blutige Schlachten der Vergangenheit zum Freizeitvergnügen geworden ist.

Laymon wäre freilich nicht Laymon, würde er nicht bald bekannte Pfade einschlagen. Selbstverständlich ist das Monster nicht tot. Es gibt zwar keinen logischen Grund für die Kreatur, ausgerechnet nach Malcasa Point zu gehen; sie könnte ungestörter dort morden, wo man sie nicht kennt. Doch die Story fordert die ‚Heimkehr‘, wobei Laymon zugestanden werden muss, dass er viel Spannung aus der Konfrontation des „Beasthouse“-Mythos mit der ‚Realität‘ der Bestie herausholt.

Erneut ist viel Schriftstellerei per Autopilot im Spiel. Laymon traut sich tatsächlich, die sattsam bekannte Horrorhaus-Historie ein drittes Mal ausführlich und wortwörtlich zu wiederholen. Mit neuen Figuren wird auch der Leser auf einen Rundgang durch das Haus genommen, der nur dann Neues bringt, wenn man die Teile eins und zwei nicht kennt. Ein vierhundertseitiger Mittelteil und viele gesichtslose Hauptdarsteller könnten problemlos und zum Wohle der Geschichte gestrichen werden. Erneut schwelgt Laymon in dümmlichen Sex-Getümmeln, die mit der Story selbst nichts zu tun haben und heftig anöden.

Erst im Finale geht es wieder hoch her. Ein drittes Mal wird ohne Rücksicht auf etablierte Hauptfiguren gekillt, werden die Karten noch einmal neu gemischt. Das Ende ist nicht happy, und selbstverständlich öffnet es die Hintertür zu einer weiteren Fortsetzung. Auf die ist man nach dem „Keller“-Hattrick indes nicht wirklich neugierig.

_Laymon-Salven, bis die Munition ausgeht?_

„Der Keller“ ist der Höhepunkt der aktuellen Laymon-Welle, die der |Heyne|-Verlag tsunamiartig auf seine Leser zurollen lässt. Man hat den Eindruck, die angekauften und übersetzten Werke des fleißig Verfassers sollen mit aller Macht unters Volk gebracht werden, bevor dessen Aufmerksamkeit sich anderen Attraktionen zuwendet. Dazu zwingt man es allerdings förmlich, weil man ihm die Möglichkeit gibt zu erkennen, wie limitiert der Laymon-Faktor ist: Die Tricks wiederholen sich, wirklich Neues gibt es nicht. „Der Keller“ belegt, dass Laymon die Masse der Klasse vorzog, obwohl er schreiben, d. h. an tiefen, unangenehmen, normalerweise lieber unerwähnten Dingen rühren konnte. Leider ließ er viel lieber die Hormone wüten und pubertäre Kleinhirne anschwellen …

_Der Autor_

Richard Carl Laymon wurde 1947 in Chicago, Illinois, geboren, wo er auch aufwuchs. Ein Studium in Englischer Literatur begann er an der Willamette University, Oregon, und schloss es mit einem Magistertitel an der Loyola University, Los Angeles, ab. Anschließend arbeitete Laymon u. a. als Schullehrer, Bibliothekar sowie Rechercheur für eine Anwaltskanzlei.

Als Schriftsteller debütierte Laymon 1980 mit den Psychothrillern „Your Secret Admirer“ und „The Cellar“ (dt. „Haus der Schrecken“/“Im Keller“). In den folgenden beiden Jahrzehnten veröffentlichte er mehr als 60 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Genres Horror und Thriller, sondern schrieb u. a. auch Romanzen oder Westernromane. Laymons Erfolg hielt sich in den USA lange in Grenzen; seine eigentliche Fangemeinde hielt ihm in Europa die Treue. Dafür dürften seine ungeschminkt derben und an blutigen Effekten nicht sparenden, die puritanische Sexfurcht der US-Gesellschaft ignorierenden und anklagenden Geschichten verantwortlich sein. Dennoch wurden Laymon-Werke mehrfach für renommierte Buchpreise nominiert. Im Jahre 2000 wurde „The Travelling Vampire Show“ (dt. „Die Show“) mit dem „Bram Stoker Award“ für den besten Horror-Roman des Jahres ausgezeichnet.

Den Preis konnte Richard Laymon nicht mehr selbst in Empfang nehmen. Er starb am 14. Februar 2001 an einem Herzanfall. Über sein Leben, vor allem jedoch über sein Werk informiert die Website http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm.

|Originaltitel: The Cellar/The Beasthouse/The Midnight Tour
Übersetzt von Kristof Kurz
Paperback, 1232 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-43351-9|
http://www.heyne.de

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3491
[„Die Insel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2720
[„Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2507
[„Vampirjäger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1138
[„Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4127
[„Das Treffen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4499

Schreibe einen Kommentar