Le Guin, Ursula K. – Rocannons Welt

_Verhängnisvoll: Vampire, als Engel verkleidet_

Dieser Roman gehört zu den frühen Science-Fiction-Romanen des Hainish-Zyklus der mehrfach preisgekrönten amerikanischen Schriftstellerin.:

1) Rocannons Welt (1966)
2) Das zehnte Jahr (1966)
3) Stadt der Illusionen (1967)

_Die Autorin_

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist meiner Ansicht nach eine bessere Schriftstellerin als C. S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Ihr Stil zeichnet sich durch anmutige Eleganz aus. Sie gehört zu den höchstdekorierten amerikanischen Schriftstellern überhaupt.

Am bekanntesten wurde sie durch ihren – kürzlich verfilmten – Erdsee-Zyklus, in dessen Universum sie immer neue Romane spielen lässt. Aber da sie von Haus aus einen anthropologischen Hintergrund hat (s. o.), spielen ihre frühen SF-Geschichten verschiedene Szenarien für die Weiterentwicklung des Menschen oder von alternativen Kulturen durch. Dazu gehört der frühe Hainish-Zyklus, der Roman [„Die Geißel des Himmels“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2696 und die preisgekrönten Romane „Die linke Hand der Dunkelheit“ (1969) sowie „Der Planet der Habenichtse“ (1974). In „Linke Hand“ beschreibt sie eine Kultur, die nicht von zwei verschiedenen Geschlechtern und deren determinierter Sexualität beherrscht wird. „Habenichtse“ entwirft die große Utopie der Anarchisten: keine Herrschaft, keine sozialen Unterschiede, nur Nächstenliebe und Freiheit – in Armut.

In zahlreichen Storysammlungen hat sich Le Guin sowohl in der Fantasy wie auch in Mainstream und SF als scharfsinnige Theoretikerin und Beobachterin erwiesen. Zu diesen Collections gehören besonders „Die zwölf Striche der Windrose“, „Die Kompassrose“, „Ein Fischer des Binnenmeeres“, „Four Ways to Forgiveness“ und zuletzt „Changing Planes“ (2005).

Le Guin hat auch Gedichte und Kinderbücher geschrieben, mit der Norton-Anthologie zur Science-Fiction erwies sie sich als wichtigste – und umstrittene – Initiatorin weiblicher Science-Fiction in den siebziger Jahren. Eine interessante und aktuelle Würdigung ihres Werks findet sich in Thomas M. Dischs Sachbuch „The dreams our stuff is made of. How science fiction conquered the world“ (1998). Diese kritischen und kenntnisreichen Essays werden sukzessive im „Heyne SF Jahr“ veröffentlicht. Relevant zu Le Guin sind die Kapitel „Can girls play too? Feminizing science fiction“ und „The third world and other alien nations“.

_Handlung von „Rocannons Welt“_

Die Liga der Welten befindet sich im Krieg gegen eine fremde Rasse, die ebenso über Überlichtgeschwindigkeitsschiffe verfügt wie sie selbst. Auch dieser Feind verfügt über die Ansible-Funkgeräte, die verzögerungsfreie Telekommunikation ermöglichen. Der Frontverlauf ist im Krieg unsicher, und so kann es vorkommen, dass eine Welt, die heute noch sicher schien, schon morgen bombardiert wird.

Der Ethnologe Gaverel Rocannon, 43 Jahre alt, hat vor fünfzig Planeten-Jahren eine sehr schöne Frau kennengelernt, die das Museum mit Artefakten besucht hat, in dem er sich aufhielt. Es war Semley, die Frau eines streitbaren Burgherrn auf dem Planeten Fomalhaut II, und sie begehrte das Erbe ihres Volkes, der Angyar, zurückzubekommen: das „Auge des Meeres“, einen großen, blauen Saphir, der an einer von Zwergen geschmiedeten Kette hing. Es war Rocannon persönlich, der ihr das Geschmeide aushändigte.

Doch als Rocannon 50 Jahre später selbst auf Fomalhaut II mit seiner Expedition eintrifft, muss er erfahren, dass Semley nicht bedacht hat, welche Zeit bei ihrem Flug von der Museumswelt in ihre Heimat (und auch auf dem Hinweg) verstrichen ist: Sie war 16 Jahre fort, und als sie zurückkehrte, war ihre Tochter Haldre bereits eine junge Frau, ihr Gatte, für den sie das Geschmeide holte, jedoch bereits im Kampf umgekommen. Semley verfiel dem Wahnsinn.

Seitdem sind für Rocannon nur wenige subjektive Jahre vergangen, doch Haldre ist inzwischen eine alte Frau. Und keine besonders glückliche, denn die Feinde der Sternenfahrer haben die Nachbarburg zerstört und drohen nun auch Hallan, ihren Familiensitz, zu vernichten. Nur ihr Sohn Mogien ist Haldre noch geblieben. Auch Rocannon selbst ist verbittert. Der Angriff der Feinde hat die Basis seiner Kollegen wie auch das Schiff, mit dem er mit ihnen gekommen ist, völlig zerstört. Er, der nur durch Zufall der Vernichtung entging, kann das Hauptquartier der Weltenliga nicht warnen, da er nicht einmal ein Ansible hat.

Aber er verfügt noch über ein kleines, leistungsschwaches Funkgerät, und mit dessen Hilfe schnappt er Funksprüche des Feindes auf. Dessen Operationsbasis befindet sich im Süden, auf der anderen Seite der Welt. Wenn er dort per Ansible einen Funkspruch absetzen könnte, so könnten die Raketen der Weltenliga die feindliche Basis zerstören und die Bewohner des Planeten vor dem Untergang bewahren. Haldre wünscht ihm auf dieser Mission viel Glück und gibt ihm Semleys Geschmeide als Glücksbringer mit.

Mit den Gefährten Mogien, Yahan und einem telepathiebegabten Elfenwesen namens Kyo macht er sich auf den Weg. Sie kommen schneller voran als zu Fuß, denn sie reiten auf Flugrossen, die wie Raubkatzen aussehen. Das Schiff, mit dem Semley einst zur Museumswelt flog, wollen die Zwerge, die es damals steuerten, nämlich nicht herausgeben.

Die Welt, die die Gefährten überfliegen, ist ihnen feindlich gesinnt, und beileibe nicht nur menschliche Wesen greifen sie an. Die Menschen, egal ob sie auf der Stufe des Mittelalters oder auf der der Bronzezeit stehen, sind längst nicht so schlimm wie jene engelsgleichen Wesen, die in der Nacht kommen, um die nichtsahnenden Gefährten mit einem Biss zu lähmen, zu verschleppen und auszusaugen …

_Mein Eindruck_

In diesem alten Ace-Books-Klassiker verbindet die damals 28 Jahre junge Autorin auf ungewöhnliche Weise zwei grundverschiedene Kulturen und Weltanschauungen: die der technikorientierten Science-Fiction und die der mythologisch orientierten Fantasy. Der Fremdweltler Rocannon wird von den Einheimischen erst für einen mächtigen Menschen, einen „Sternengebieter“, gehalten, schließlich für einen Helden und für einen Gott. Das Aufeinandertreffen dieser verschiedenen Anschauungsmöglichkeiten ein und desselben Wesens vermittelt dem Leser die Relativität der Betrachtungsweise und die Ambiguität, die die Wirklichkeit annehmen kann. Beide Weltanschauungen sind bei Le Guin gleichberechtigt, auch wenn sie mit völlig unterschiedlichen Wörtern und Begriffen umgehen.

Auf diese Weise wird aus dem auf Fomalhaut II – der Planet hat (noch) keinen eigenen Namen – gestrandeten Wissenschaftler ein Sucher und Wanderer, in der Sprache Kyos ist er ein „Olhor“, ein Wanderer. Mit diesem Beinamen wird er in die Legenden eingehen. Ein kurzes Vorwort des ungenannten Chronisten warnt vor dem Unterschied zwischen Wahrheit und Legende. Doch letzten Endes ist es dem Leser überlassen, was er ins Reich der Legende verweist. Zunächst ist Olhor / Rocannon nur ein Held, doch als er auch telepathische Fähigkeiten erhält, wird er für die Einheimischen zum Gott.

|Vom Helden zum Gott|

Dass das Gottsein keineswegs ein erstrebenswerter Zustand ist, macht die Autorin mit jeder Zeile über Rocannon deutlich. Er hat seine Gabe von einem „Hüter des Brunnens“ um einen hohen Preis erhalten. Weil er mit ihr den ebenfalls telepathisch begabten Feind anlockte, opferte sein Gefährte Mogien sein Leben, um Rocannon zu retten. Der „Hüter des Brunnens“ hat ihn vor einem hohen Preis gewarnt, doch Rocannon war bereit, ihn freiwillig zu bezahlen. Dass Rocannon nun auch Mogien rächen muss, versteht sich von selbst. Doch diese Rachetat ist nicht Selbstsucht, sondern bedeutet zugleich auch die Befreiung des Südkontinents von der Unterdrückung durch den Feind – dies ist die Aufgabe eines Helden.

Danach muss Rocannon noch acht Jahre warten, bis Hilfe von der Weltenliga kommt. (Warum Raketen mehr als überlichtschnell sein können, aber Raumschiffe nicht, bleibt leider unerklärt. Technische Finessen sind nicht unbedingt Le Guins Stärke.) Folglich hat er zwar schon 140 Jahre objektive Zeit gelebt, aber nur 43 Jahre subjektive Zeit, und die restlichen acht Jahre wären sehr einsam, wäre da nicht eine freundliche Burgherrin, die ihn aufnimmt. Die Relativität der Zeit ist eng verknüpft mit der Relativität ihrer Erfahrung.

|Was will uns die Autorin sagen?|

Ursula Le Guin liebt es, fremde Kulturen zu entwerfen – das hat sie von ihrem Vater, dem Anthropologen Kroeber, der den letzten freien Indianer an der amerikanischen Westküste (Ishi) aufspürte und beschrieb. Allein in dem vorliegenden Roman entwirft sie ein System von nicht weniger als vier Spezies, die eng beieinander leben, und beschreibt sie schon auf der ersten Seite wissenschaftlich. Hinzukommen noch die erwähnten engelhaften Vampire in ihren Städten und ein paar Wilde auf der Bronzezeitstufe. Rocannon & Co. betätigen sich über weite Strecken hinweg als eine Art Lewis-&-Clark-Expedition in unbekannte Weiten dieser Welt. So wird er zum Alter Ego seiner Schöpferin.

Aber ihr Interesse geht übers pure Erkunden hinaus. Rocannon setzt sich auch mit den elfenhaften Telepathen, den Fiia, auseinander, die eine ganz eigene Art haben, die Welt zu sehen. Diese Fiia sind den Eingeborenen nah verwandt, die in Le Guins Kurzroman „Das Wort für Welt ist Wald“ fast ausgerottet werden, dabei aber über eine mystische Verbundenheit mit ihrer Welt verfügen, die dem modernen Gaia-Konzept entspricht: Die Welt hat ein Bewusstsein und ist ein Wesen, das reagieren kann. So weit gehen die Fiia nicht, aber wenn die Angyar auf das kleine Volk stoßen, nennt sie sie „kleine Herrscher“. Kyo, einer Fiia, erklärt Rocannon ein paar Begriffe, doch dies wird leider nicht besonders weit ausgeführt. Zu den Gründen dafür gleich mehr.

|Schwächen|

Obwohl die Autorin kaum jemals psychologische Entwicklungen, ja nur selten Gemütsbewegungen beschreibt, erhält die Titelfigur dennoch auf indirektem Weg eine psychologische Tiefe, die sich dem Leser erst allmählich im Laufe der Geschichte erschließt: Die Art, wie die Umwelt auf ihn reagiert und er antwortet, ist recht aufschlussreich. Viele andere Wesen bleiben zweidimensional, so dass nur Rocannons Schicksal uns am Schluss zu rühren vermag. Dieser Mangel an Charakterisierung ist die augenfälligste Schwäche dieses Romandebüts, doch Le Guin hat sie bekanntlich sehr schnell überwunden, so etwa in ihren preisgekrönten Romanen „Der Magier der Erdsee“ (Fantasy) und besonders in [„Die linke Hand der Dunkelheit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=785 (SF).

Ein weiteres Problem, dem sich der heutige Leser gegenübersieht, ist das äußerst rasche Fortschreiten der Handlung. Dieser knappe Erzählstil ist uns heute sehr ungewohnt, doch damals war es eben der Stil, der in den Ace Books, vor allem in den „Ace Doubles“ (zwei Romane von unterschiedlichen Autoren in einem Buch, das man von beiden Enden her lesen kann) gepflegt wurde. Man könnte fast auf den Gedanken kommen, dass Papier damals rationiert worden sei. Das war zumindest in England in den fünfziger Jahren der Fall. Die Romane, die der britische SF-Autor John Brunner in den 1960ern für Ace Books schrieb, sind genauso kurz. Später überarbeitete er sie und baute sie aus. Le Guin hat sich dafür nie die Zeit genommen. Sie hatte Wichtigeres zu tun und verdiente viel besser als Brunner.

_Unterm Strich_

Für ein Erstlingswerk liest sich „Rocannos Welt“ erstaunlich abwechslungsreich und flüssig, mit genügend Action, um männliche Leser zu unterhalten, und doch genügend Tiefgang hinsichtlich der Ethnologie, um auch heute noch interessant sein zu können. Chauvinistische Untertöne, wie sie auch 1966 zu hören waren, etwa von Robert Heinlein, fehlen hier völlig. Das ist einer der Gründe, warum man Le Guins Romane in Zukunft länger lesen wird als die von Heinlein.

|Originaltitel: Rocannon’s World; 1966
128 Seiten
Aus dem US-Englischen von Birgit Ress-Bohusch|

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