Llull, Ramon – Buch über die heilige Maria, Das

Mallorca war mehr als drei Jahrhunderte islamisch bevölkert mit einer jüdischen Minderheit, die aber friedlich zusammenlebten, bis 1229 Jakob I., König von Aragón, unter christlicher Flagge die Insel eroberte und die ganze Inselgruppe zu einem „Königreich Mallorca“ zusammenfasste. Bis dahin gab es keine christlichen Gemeinden auf der Insel. Die Christen waren gegenüber den vorhandenen Religionen nicht mehr so tolerant, wie es zuvor umgekehrt der Fall war. Die Muslime, deren Kapitulationsangebot abgelehnt wurde, wurden unterdrückt. Sie konnten sich nicht wie die Juden in eigenen Stadtvierteln zusammentun und auch ihre Gottesdienste waren fortan verboten. Die gesamte Bevölkerung wurde zu Leibeigenen. Die Juden dagegen wurden zunächst noch einige Zeit toleriert (bis ca. 1300). Es herrschte also eine sehr interreligiöse Landschaft, die aber nicht friedlich miteinander zusammenlebte.

In dieses Klima kam Ramon Llull, der nach einer Kreuzesvision und folgender Pilgerschaft nach Santiago de Compostella vorhatte, die Muslime zu bekehren, und dabei auch auf große jüdische wissenschaftliche Gelehrte in den Künsten der Kabbalah, Astrologie und Kartographie traf. Seine Missionsarbeit scheiterte im Kern allerdings an dem noch heute hinderlichen Problem der christlichen Trinität. Die Welt dreifaltig zu erklären, gelang ihm aber auf recht einfache Weise, und diesen Ansatz konnte er dann auf die gemeinsamen göttlichen Eigenschaften der abrahamitischen Religionen aufsetzen. Er stellte aber die beständige Aktivität des Göttlichen als wesentlich in den Vordergrund, was sehr passend zu seiner Auslegung der Dreifaltigkeit war. Wie Augustinus machte er diese an der menschlichen Liebe deutlich, denn eine echte, tätige Liebe setzt einen Liebenden, einen Geliebten und die Liebe voraus, die sie verbindet. Mit dieser Idee versuchte er die Ungläubigen zu bekehren.

Die Fleischwerdung Gottes – also den Übergang von der aktiven göttlichen Struktur zu den Geschöpfen – lehrte er durch die Eigenschaften der vier Elemente, die ein Spiegel des dreifaltigen Wirkens sind. Mit Christus als Abbild des „Vaters“ entwickelte sich aber sehr schnell eine mariologische Lehre. Maria bekam eine herausragende Stellung in seiner Dreifaltigkeitslehre und der Fleischwerdung. Ihre Position als Mutter Gottes macht sie zur Herrin und Mutter aller Geschöpfe. Er ändert damit die ganzen Erbsünde-Geschichten von Adam und Eva, und mit dieser Fleischwerdung Gottes entwickelt er eine komplett neue „Wiedererschaffungs-Theorie der Schöpfung“. Alles Gute in der Welt kommt von nun an nur durch Maria. Mit ihr hatte er auch ein gutes Werkzeug für seine Missionierungsversuche in der Hand, denn diese wird auch im Islam verehrt. Er vergleicht sie mit dem Morgenlicht, die die neue Schöpfung ankündigt und vollbringt. Die Morgenröte, die Licht in der Dunkelheit spendet, gilt im Koran als „das Zeichen unter den größten Zeichen“ und die Seele der Welt, die sich in der mystischen islamischen Tradition, speziell im schiitischen Islam, in der Figur Fatimas, der Tochter des Propheten manifestiert.

Über die Argumentationskette Maria-Fatima-Jungfrau-Mutter hatte er die Bezüge, die er brauchte. Maria ist die Quelle der göttlichen Materie, die Mutter des Unendlichen in der Materie und als Maria-Morgenröte das Glied zwischen Geschöpf und Schöpfer, zwischen dem Freund und dem Geliebten, so wie das Erwachen in der Morgenröte, das Tod ist und Leben. Bei Llull ist Maria der absolute Bezugspunkt seines ganzen Systems, das sich um die Seele, die Jungfrau und Mutter ist und fähig, Gott in sich zu gebären, dreht. Das beeinflusste die Frauenmystik des 13. Jahrhunderts und wird noch später im Werk Meister Eckharts erscheinen. Zur Zeit Llulls war sein Marien-Denken allerdings noch völlig unüblich in scholastischen Kreisen. Sein Buch über die heilige Maria, das nach dreißig Prinzipien strukturiert ist, richtete sich ausdrücklich an Frauen. Es handelt von einem Eremiten und seiner Auseinandersetzung mit drei Frauen, die ihn belehren.

Zum ersten Mal liegt eine deutsche Übersetzung zusammen mit dem vergriffenen katalanischen Urtext des wichtigen Marien-Buches von Lllull vor, das später die Gedanken von Nikolaus von Kues, Giovanni Pico della Mirandola, Meister Eckhart, Gottfried Wilhelm Leibnitz und vielen anderen so sehr beeinflusste.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ramon__Llull

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