Loers, Veit (Hrsg.) / Kunsthalle Schirn – Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900 – 1915

Was ist typisch für die historischen Avantgardebewegungen? Ihr politisches Engagement? Ihre Versuche, Kunst in den lebenspraktischen Raum zu überführen? Oder ihr radikales Programm und die auf Schockwirkung setzende Kunst?

Gewiss sind dies Forderungen, die Futurismus, Surrealismus, Dadaismus & Co. für sich beanspruchen, doch gibt es weitere Anknüpfungspunkte, die viele Avantgardisten mit den Vertretern jenes gesellschaftlichen Phänomens teilen, das Okkultismus genannt wird. Dabei erscheinen die pseudowissenschaftlichen und ersatzreligiösen Bestrebungen von Theosophie und Spiritismus innerhalb der Kulturwissenschaften keinesfalls nur als Kompensation auf den zunehmenden Materialismus, sondern können gerade als immanent für die Kunst der Moderne beschrieben werden.

Der umfassende Katalog der gleichlautenden Ausstellung „Okkultismus und Avantgarde“ der Frankfurter Kunsthalle Schirn 1995 ist Zeugnis für eine historische Analyse und Darstellung der bedeutenden Gemeinsamkeiten und gegenseitigen Inspirationen von Avantgardisten aller Couleur und Okkultisten des frühen 20. Jahrhunderts.

In keinem mir bekannten Werk wird derart deutlich an Text und Bild gezeigt, wie eng die okkulten Strömungen und Weisheitslehren Künstler und Okkultisten gleichermaßen beeinflussten. Diese wichtige Verbindung scheint mir für die historischen Betrachtungen der gesellschaftlichen Umbrüche (z. B. Beginn der Modernen Kunst, Lebensreform, Neue Mystik usw.) des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bisweilen vergessen. „Okkultismus und Avantgarde“ besitzt den Umfang eines Werkes, welches diese Lücke im kulturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Kanon zumindest anzudeuten im Stande ist. Die erwähnten Verbindungen von Okkultismus und künstlerischer Avantgarde sind allzu vielfältig und tief greifend, als dass sie nur ein Werk abdecken könnte. Der Katalog kann aber als wichtige Referenz für weiterführende Arbeiten und Forschungen auf diesem Gebiet dienen.

Auch wenn die postmoderne Kunst dem Reflex der klassischen Moderne, die Ursachen künstlerischer Potenziale entdecken zu wollen, nicht mehr in dem Maße zu folgen scheint, gibt es doch bis heute vereinzelte Überlegungen dieser „geistigen Haltung“, wie es Teio Meedendorp (in: Der Okkultismus als praktische Wissenschaft: Der Archeometer, in: „Okkultismus und Avantgarde“) bezeichnet, zuteil zu werden. Von Zeit zu Zeit schließen sich daher Künstler zusammen, die sich der Erforschung des künstlerischen Ausdrucks verschrieben haben (z.B. der Kunstorden O.T.R.D.).

„Okkultismus und Avantgarde“ beinhaltet neben Fachtexten und Essays auch zahlreiche Farbabbildungen der Kunstwerke, die in der Ausstellung gezeigt wurden. Verblüffend wirkte vor allem der Umstand auf mich, dass Künstler, deren Werke nie den Anschein zulassen würden, dass sie spirituelle oder okkulte Ideen inspiriert haben könnten, in einem Atemzug mit Vertretern der „spirituellen Kunst“ wie Rudolf Steiner oder August Strindberg genannt werden.

_Die „Bibel“ des modernen Okkultismus!_

http://www.tertium.de/

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