Lohner, Alexander – Jesustuch, Das

Der Zweifel an Festgelegtem und Bestehendem ist momentan eines der Kernthemen der modernen Literatur. Vor allem die Geschichte des Neuen Testaments wird derzeit in Form verschiedener Verschwörungstheorien angegriffen und angezweifelt. Illuminaten, Katharer und andere mysteriöse Gruppen sind die Helden der aktuellen Bestseller-Autoren, und es ist noch kein Ende dieser Entwicklung in Sicht. Alexander Lohner schlägt in seinem Roman „Das Jesustuch“ jedoch einen etwas traditionelleren Weg ein, der aufgrund der anhaltenden Religions- und Glaubenskriege nach wie vor auf dem aktuellen Stand ist. Hier thematisiert er die von Vorurteilen behaftete Kritik an fremden Glaubensrichtungen und wandert dafür zurück ins 13. Jahrhundert zur Zeit der Kreuzzüge. Nun sind gerade die Kriege aus dieser Ära ein sehr populäre literarisches Gebiet, das auch immer mal wieder gerne erkundet wird. Und eigentlich arbeitet Lohner in „Das Jesustuch“ auch keine grundlegend neuen Erkenntnise heraus. Aber dennoch ist dieser Roman ein echtes Goldstück, bei dem Historisches wunderbar in einen fiktiven Plot eingeflochten wurde, ohne in irgendeine klischeebesetzte Schublade hineinzurutschen. Hut ab, kann man da bereits einleitend sagen!

_Story_

Wir schreiben das Jahr 1270, als König Ludwig IX. zum siebten Kreuzzug aufruft, dem zahllose ehrfürchtige junge Menschen folgen. Unter ihnen ist auch der adelige Jüngling Jean-Pierre, der ein Stück der verloren gegangenen Familienehre durch seinem Einsatz im Krieg wieder gutmachen möchte. Gegen den Willen seiner Angehörigen macht er sich auf den Weg nach Tunis, von wo aus die Befreiung der heiligen christlichen Stätten losgetreten werden soll.

Doch schon auf der Überfahrt gerät der junge Franzose in Schwierigkeiten, als sein Schiff durch einen Sturm von der restlichen Flotte getrennt und schließlich von Piraten erobert wird. Die gesamte Mannschaft wird von den Gefolgsleuten des Emirs in Gefangenschaft genommen und als Druckmittel benutzt, um den Rückzug des französischen Heeres zu erwirken. Jean-Pierre kommt durch seinen gehobenen Stand eine Schlüsselrolle zu, die ihm jedoch auch gewisse Freiheiten ermöglicht. Vom Status her eine Geisel, genießt er im Palast des Emirs immer mehr Freiheiten. Infolgedessen lernt er auch den Prinzen Khalid näher kennen, mit dem er fortan einige sehr philosophische Diskussionen über die Unterschiede und Motivationen ihres Glaubens führt. Die beiden werden schließlich zu sehr guten Freunden und vergessen dabei gänzlich die Umstände, unter denen Jean-Pierre in die ‚Obhut‘ des muslimischen Herrschers geraten ist. Besonders Jean-Pierre bekommt, nach wie vor von den Vorurteilen des Christentums beherrscht, bald eine ganze andere Meinung vom islamischen Glauben und lernt, ihn zu akzeptieren, denn in gewissem Sinne verfolgen sowohl die Christen als auch die Muslime die gleichen Ziele.

Über Khalid lernt Jean-Pierre dann auch Nathanael kennen, mit dem er nach Jerusalem aufbricht, um die legendären heiligen Orte zu erkunden, die er einst befreien sollte. Durch weitere Gespräche und neue Meinungen erlangt der französische Christ letztendlich ein komplett anderes Bild vom Islam als jenes, das man ihm vor den Kreuzzügen auferlegt hatte. Doch dies hat seinen Preis: Jean-Pierre wird von seiner Religion als Ketzer und Verräter am eigenen Glauben angeklagt!

_Meine Meinung_

Intoleranz, Starrsinn und blinde Gefolgschaft – die Attribute, die der Autor den Vertretern des christlichen Glaubens im 13. Jahrhundert auferlegt, sind keineswegs erstrebenswert, aber dennoch in ihrer Darstellung sehr realistisch. Dabei ist „Das Jesustuch“ beileibe keine grundlegende Kritik gegen das Christentum, geschweige denn eine direkte Anklage gegen das kriegerische Volk, das aus Unwissenheit und fehlender Bereitschaft zur Akzeptanz einer weiteren Religion wahllos Menschen umgebracht hat. So etwas hätte man schließlich auch auf 200 Seiten abhandeln können, ohne dabei zu sehr in bereits erprobte, klischeetriefende Fußstapfen zu treten.

Stattdessen nähert sich Lohner dem Thema auf eine eher zurückhaltende, unterschwellig auch spirituelle Art, die besonders durch die sehr tiefgreifenden Diskussionen zwischen Jean-Pierre und Khalid sowie später auch Nathanael geprägt wird. Natürlich sind derweil die Kreuzzüge in vollem Gange und die Kriegshandlungen werden in diesem Roman sicher nicht minder umfassend behandelt wie die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Glauben, doch das Buch ist insgesamt von einer sehr angenehmen Ruhe durchwirkt, von der man sich gerne anstecken lässt.

Der Autor beweist hierbei allerdings auch sein ausführliches Hintergrundwissen, durch das es ihm ziemlich leicht fällt, seine Darstellungen der verschiedenen Religionen bzw. das Pro und Kontra mit schlagkräftigen Argumenten zu belegen. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Interesse für den Islam und später für das Judentum durch eine klug inszenierte Verschwörung gegen das ‚böse‘ Christentum zu wecken und die in Europa verbreitete Glaubensrichtung an den Pranger zu stellen, indem lediglich die von ihr erzeugten Missstände verurteilt werden, aber eine solche Herangehensweise liegt Alexander Lohner fern.

In seinem Buch stehen nämlich immer noch die fiktiven Charaktere und somit auch die erzählte Geschichte im Vordergrund, und erst danach folgen die historische Einarbeitung sowie die sehr frei gestaltete Diskussion, bei der allerdings auch die Eigenschaften der Hauptfiguren und deren derzeitige Stellung eine bedeutende Rolle spielen.

Dadurch, dass sich Lohner im Verlauf der Geschichte zahllose Möglichkeiten zur weiteren Entwicklung offen lässt, gelingt es ihm zudem, von einem Spannungshöhepunkt zum nächsten zu gelangen. Wichtig ist diesbezüglich, dass die befürchteten Ausschweifungen der Gespräche, von denen ich denke, dass sie durch die Inhaltsangabe in ihrem Umfang überschätzt werden, gänzlich ausbleiben. Sie sind der Kern der Entwicklung von „Das Jesustuch“, beeinträchtigen aber nicht die sich fortlaufend wandelnde Erzählung.

Und dennoch ist es im Endeffekt nicht die Handlung als solche, sondern verstärkt die aus ihr resultierende Botschaft, die einem in Erinnerung bleibt, die man gleichzeitig als moralischen Aufruf verstehen darf, nicht mit blinder Fahrlässigkeit gegen Unbekanntes, in diesem Falle Religionen, zu wettern, wenn man die wahren Hintergründe nicht aus erster Hand kennt. Es hat etwas von dieser „erst denken, dann handeln“-Mentalität, allerdings viel schöner verpackt und facettenreich inszeniert.

Es ist auf jeden Fall überaus interessant, welche Einzelheiten der Autor der Historie entlockt und wie er sie in das Gerüst seiner Erzählung integriert. „Das Jesustuch“ ist demzufolge auch ein sehr empfehlenswertes Buch, das in einer Zeit, in der Djihad auf einem ganz anderen, bedrohlicheren Level ausgeführt wird, aktueller denn je ist. Und außerdem wird hier bewiesen, dass die Beschäftigung mit diesem Thema nicht immer gleich zur innerlichen Verkrampfung führen muss; die Grundstimmung dieses Romans ist nämlich trotz der weit reichenden Thematik so entspannt, dass man mit Freuden darin eintauchen kann.

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