Lueg, Lars Peter / Keller / Wilson / Smith / Fowler / Masterton – Necrophobia 3

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Bereits zum dritten Mal haben sich Hörbuchproduzent Lars Peter Lueg sein Musikfachmann Andy Matern zusammengetan, um dem geneigten Hörer eine Horroranthologie zu präsentieren. Wieder einmal hat Lueg fünf Gruselgeschichten ausgesucht, vorgetragen von Sprechern der A-Riege, die in Deutschland wohl hauptsächlich durch ihre Synchronarbeit bekannt sind.

Leider werden die hohen Erwartungen, die der Hörer an „Necrophobia“ stellt, von der ersten Geschichte zunächst enttäuscht. David H. Kellers „Da unten ist nichts“ („The Ting in the Cellar“, 1952) ist zu banal und vorhersehbar, um mehr als ein müdes Lächeln hervorzurufen: Klein Tommy fürchtet sich vor der Kellertür, schreit und wimmert, sobald jemand die Tür auch nur angelehnt lässt. Als der Kleine in die Schule kommt, beschließt sein Vater, es sei genug mit dem kindischen Verhalten, und schleppt den Jungen zu einem Arzt. Dieser gibt den eher unprofessionellen Rat, Tommy bei geöffneter Kellertür allein im Zimmer zu lassen. Doch man ahnt schon, dass diese Rosskur dem armen Tommy eher schaden als nützen wird.

„Da unten ist nichts“ ist eine Geschichte ohne Überraschungen oder Twists. Sie spielt die alte Mär vom Monster im Keller von vorn bis hinten durch, ohne mit ihr zu spielen. Der Autor versucht sich damit zu retten, dass er nie aufklärt, was (oder ob überhaupt) sich nun in diesem ominösen Keller befindet, doch auch dieser Kniff kann den Hörer kaum dauerhaft fesseln. Zu schwer wiegt die Tatsache, dass die Charaktere absolut blass und schablonenhaft bleiben und damit ihre Wirkung beim Hörer verfehlen.

Nun trifft es sich, dass David H. Keller (1880-1966) Psychiater war. Wahrscheinlich soll man seine Geschichte als ein Lehrstück dafür lesen, wie man seine Kinder nicht erziehen sollte. Nur ist diese Erkenntnis weder neu noch ihre Ausführung gruselig. Auch der Sprecher Joachim Udo Schenk lässt wenig Begeisterung für sein Thema erkennen. Er liefert ein solides Ergebnis ab, doch kann auch er der Vorlage nicht mehr Tiefe verleihen.

Besser ausgewählt ist da schon F. Paul Wilsons Geschichte „Zart wie Babyhaut“ („Foet“, 1991). Hier geht es um die moralischen Abgründe, die sich auftun, wenn eine Gesellschaft einfach alles hat. Wenn man alles kaufen kann, zu welchem Mittel muss man dann greifen, um doch noch irgendwie besonders zu wirken? Mann kennt das ja: Frauen sind verrückt nach Handtaschen. Und so ist es nur natürlich, dass der Protagonistin beim Wiedersehen mit einer alten Freundin sofort deren absolut außergewöhnliche Tasche auffällt. So eine muss sie auch haben, das wird ihr sofort klar. Und da bereiten ihr der Preis und die moralischen Gewissensbisse ob der Herkunft des Leders auch nur kurzfristig Kopfzerbrechen. Es geht hier schließlich um ein „mutiges Fashion Statement“, da kann man sich nicht von Kleingeistigkeit beeindrucken lassen.

Wilsons (Jahrgang 1946) Geschichte erinnert in der starken Fetischisierung von Mode und Marke ein wenig an [„American Psycho“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=764. Man (oder frau) muss sich abheben, muss teuer gekleidet sein, muss geschmackvoll sein, muss besonders sein, muss „was Besseres“ sein. Doch schlussendlich rückt dieses Ziel in immer weitere Ferne, je schneller man ihm nachzueilen versucht.

Bei „Zart wie Babyhaut“ braucht es keine Monster oder Dämonen. Der Schrecken hier ist subtiler, naheliegender. Er ergibt sich aus der Frage, wo moralische Grenzen verlaufen und wie fließend sie vielleicht sind – oder interpretiert werden können. Sprecherin Marie Bierstedt kennt man in Deutschland als die Stimme von Kirsten Dunst. Als shoppingwütige Amerikanerin macht sie ihre Sache durchaus gut.

Die dritte Geschichte, „Necropolis – Das Reich der Toten“ von Clark Ashton Smith („The Empire of the Necromancers“, 1932) ist die älteste im Bunde. Man merkt ihr die zusätzlichen Jahre an, und das ist in diesem Fall positiv zu bewerten. Mit „Necropolis“ ist somit auch die klassische Gruselerzählung vertreten, komplett mit fernen Ländern, untoten Mumien und zwei unmoralischen Nekromanten.

Es überrascht nicht, dass Smith (1893-1961) mit H. P. Lovecraft befreundet war, dringt dessen Geist doch aus jeder Pore dieser Erzählung. Smith schafft es geschickt, zwei klassische Themen des Genres zu verbinden: Mumien und Zombies. Er lässt zwei Nekromanten eine ganze Mumienstadt wiedererwecken, damit sie ihnen zu Diensten sind. Das geht zunächst auch gut. Den Untoten fehlt ein wacher Geist, eine Erkenntnis ihrer Existenz, und so dienen sie ohne Wehklagen und huldigen den beiden Nekromanten. Doch letztendlich bekommen die beiden genau das, was sie verdient haben. Am Schluss ist der Gerechtigkeit Genüge getan, auch wenn der Hörer mit einem unguten Bauchgefühl zurückbleibt. Reinhard Kunert lässt der Geschichte den nötigen Respekt angedeihen. Seiner Darstellung zu lauschen ist eine wahre Freude.

Ein Titel wie „Die langweiligste Frau der Welt“ („The Most Boring Woman in the World“, 1995 von Christopher Fowler) lässt nichts Gutes erahnen. Doch weit gefehlt! Es handelt sich um die beste Geschichte der Anthologie, was wohl auch der exzellenten Interpretation durch Arianne Borbach zu verdanken ist.

Fowler widmet sich hier dem Wahnsinn des ganz alltäglichen Vorstadtlebens. Sie, Hausfrau, verheiratet, hat zwei Kinder und einen Hund. Ihre Tage laufen immer gleich ab, wie das eben so ist bei Hausfrauen. Doch da gibt es ein paar Kleinigkeiten. Die Schnapsflasche unter der Spüle. Die Kippe, die sie sich anzündet, wenn die Kinder in der Schule sind. Der Tag, an dem sie zum ersten Mal Koks probiert und die Lasagne anbrennen lässt.

Über weite Strecken ist die Geschichte damit nicht gruselig, aber doch beunruhigend. Immer hat man das Gefühl, dass die Handlung unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuert. Am Schluss, wenn die Katastrophe dann eingetreten ist, wird die Erwartungshaltung des Hörers sowohl bestätigt als auch enttäuscht und man bleibt verstört zurück. Marianne Borbach als Ich-Erzählerin lotet gekonnt die Tiefen der nicht ganz wahnsinnigen, aber auch nicht ganz normalen Protagonistin aus. Manchmal klingt sie gelangweilt, manchmal resigniert, manchmal überschlägt sich ihre Stimme. Einfach ein echter Ohrenschmaus!

Die letzte Geschichte im Bunde ist „Die graue Madonna“ („The grey Madonna“, 1995) von Graham Masterton. Eine Frau wird ermordet aufgefunden und ihr Mann ist am Boden zerstört. Es finden sich weder ein Mörder noch ein Motiv. Die Polizei hat nichts weiter als einen Zeugen, der gesehen haben will, wie die Frau kurz vor ihrem Tod mit einer Nonne in grauer Tracht sprach. Nur lässt sich diese Nonne nicht auffinden. Und überhaupt, es gibt gar keine Nonnen in grauem Habit.

„Die graue Madonna“ ist eine Geschichte über Schuld und Selbstzweifel. Sie lebt vom psychologischen Horror, den der Autor verbreitet. Und so bleibt es letztlich dem Hörer überlassen zu entscheiden, ob es sich hier um ein übernatürliches Phänomen handelt oder um einen Mann, der Extremes tut, weil seine Schuldgefühle ihn zerfressen.

Die dritte „Necrophobia“-Anthologie schwächelt zunächst etwas, kann sich dann aber doch noch auf gewohnt hohem Niveau einpendeln. Grusel entsteht diesmal hauptsächlich im Kopf, da wirklich Übernatürliches in den ausgewählten Geschichten eher in der Unterzahl ist. Die Erzählungen psychologisieren oder halten den Finger schmerzhaft auf Wunden unserer Gesellschaft. Nur „Necropolis“ ist eine Gruselgeschichte im klassischen Sinne.

Doch bekanntermaßen kann Horror ja aus den banalsten Situationen entstehen. Und so muss der geneigte Hörer wohl selbst herausfinden, welche der fünf ausgewählten Geschichten ihm den wohligsten Schauer über den Rücken laufen lässt.

|144 Minuten auf 2 CD|
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