MacBride, Stuart – Knochensplitter (Logan McRae 7)

_|Logan McRae|:_

01 [„Die dunklen Wasser von Aberdeen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2917
02 [„Dying light“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6758
= [„Die Stunde des Mörders“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3739
03 [„Der erste Tropfen Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4940
04 [„Flesh House“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6760
= [„Blut und Knochen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5792
05 „Blinde Zeugen“
06 [„Dunkles Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7164
07 [„Shatter the Bones“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8190
= _“Knochensplitter“_

_Das geschieht:_

Der ohnehin hektische Alltag der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen hat sich zum permanenten Ausnahmezustand gesteigert, seit vor sechs Tagen Alison McGregor und ihre sechsjährige Tochter Jenny entführt wurden. Sie hatten als Gesangsduo an der Fernseh-Casting-Show „Britain’s Next Big Star“ teilgenommen und die Zuschauer zu Tränen gerührt.

Die Kidnapper haben Mutter und Tochter aus ihrem Haus entführt. Sie stellen keine Lösegeldforderung, sondern fordern die Fans der Alisons auf, Geld zu sammeln, das sie nach Ablauf einer nicht genannten Frist einfordern werden. Sollte die Summe zu gering ausfallen, werden Alison und Jenny umgebracht. Um zu zeigen, dass es ihnen Ernst ist, schicken die Entführer der Polizei einen abgeschnittenen Kinderzeh.

Auch Detective Sergeant Logan McRae ist in die Fahndung eingespannt, obwohl ihm mindestens ein ungelöster Fall zusätzlich zu schaffen macht: Eine drogensüchtige Frau wurde wahrscheinlich von Gangstern entführt, die eine Geldschuld eintreiben wollen, und schwebt in Lebensgefahr. Ihr Lebensgefährte macht McRae dafür verantwortlich und droht mit gewaltsamen Konsequenzen.

Im Büro stößt McRae nicht nur die üblichen Kollegen vor die Köpfe. Der arrogante Superintendent Green von der „Serious Organized Crime Agency“ mischt sich in die Ermittlungen ein. Während McRaes unkonventionelle Vorgesetzte Roberta Steel dessen ‚Vorschläge‘ zu ignorieren weiß, tritt McRae in jedes mögliche Fettnäpfchen. Daheim fordert Freundin Samantha mehr Anwesenheit, die McRae nicht bieten kann, da sich umso stärker in den Fall McGregor verbeißt, je länger die Entführung dauert. Obwohl die Täter keinerlei verräterischen Indizien hinterlassen haben, kommt ihnen der zähe Beamte allmählich auf die Schliche. Allerdings vernachlässigt McRae dabei seine Deckung auf anderen Kriegsschauplätzen und muss bitter dafür büßen …

_Kollektiver & kommerzieller Irrwitz_

Über das Phänomen der TV-Casting-Shows haben sich Mahner ebenso wie Spötter in den vergangenen Jahren mehr als ausgiebig und oft sogar klug geäußert. Diese Veranstaltungen haben ihren Titel längst zur Travestie verkommen lassen, da die Teilnehmer nur vorgeblich gecastet, sondern in erster Linie vorgeführt und ausgebeutet werden.

Das Seltsame und Beunruhigende ist die krude Kumpanei, die zwischen den Teilnehmern, den Ausrichtern besagter Shows und deren Publikum existiert: Sie wissen alle um die Verlogenheit dieser Programme. Nach Jahren des immer gleichen Getöses haben auch die Dümmsten begriffen, dass die Teilnahme an oder gar der Sieg in einer solchen Show keineswegs mit dem Startschuss zu einer Märchenkarriere gleichzusetzen ist. Seit dem Zeitalter der römischen Arena-Kämpfe ist das Publikum keineswegs reifer geworden. Weiterhin giert es nach neuen Sensationen bzw. neuen Köpfen, auf wenn diese heute nicht mehr (oder noch nicht wieder) abgeschlagen werden. Kandidaten werden dennoch wie Gladiatoren verheizt; kaum hat man ihnen den Siegeslorbeer aufgesetzt, hetzt man sie in den nächsten Kampf. Ist der letzte Tropfen Blut aus ihnen herausgepresst, lässt man sie fallen.

Wie gesagt haben dies auch die Kandidaten selbst begriffen, was sie nicht abhält, sich in die sinnlose Schlacht zu stürzen. Stuart MacBride geht nun einen Schritt weiter – oder zurück, indem er das Vorbild der antiken Spiele nutzt, um abermals Blut fließen zu lassen. Dies geschieht unter einer simplen Fragestellung: Wie weit gehst du als Kandidat, um dem Teufelskreis zu entrinnen? MacBride findet eine konsequente, drastische und sehr unbehagliche Antwort.

|Alltäglicher Jammer im Glanz der Übertreibung|

Die Logan-McRae-Romane boten dem Leser schon immer harten Stoff. Ohnehin brutale Verbrechen werden bizarr bis zur Schmerzgrenze (und gern darüber hinaus) gesteigert. MacBrides Kritiker werfen ihm Zynismus auf der Suche nach dem grellsten Effekt vor. Sie übersehen – oder wollen übersehen -, dass die Intensität der Darstellung sehr wohl einen Zweck verfolgt: Den (Zeige-) Finger in die Wunde zu legen oder ihn gar predigend zu erheben, hat selten zur Besserung eines Missstandes geführt. Der Mensch ist durchaus willens zu helfen, doch er hasst es, belehrt oder gezwungen zu werden.

Seit jeher bietet Unterhaltung eine Möglichkeit, Nachdenklichkeit dort zu erzeugen, wo Eifer und Didaktik ins Leere laufen. MacBride mag auf einem selbst angefachten Vulkan tanzen, doch man gibt ihm Recht, wenn er konstatiert, dass die moderne Gesellschaft aus dem Lot geraten ist. In früheren Romanen hat er skrupelarme Politiker, profitfixierte Konzerne oder das organisierte Verbrechen karikiert und dennoch in ihrer alltäglichen Erbärmlichkeit offenbart. Dieses Mal nimmt MacBride gezielt die Medien bzw. die Mediengeilheit einer ihnen hörigen Gesellschaft aufs Korn, ohne dabei die üblichen Feindbilder zu vernachlässigen.

Denn das Verbrechen gedeiht deshalb so prächtig (und nicht nur in Aberdeen), weil die Mächtigen und Skrupellosen dieser Welt miteinander vernetzt sind. Eine Hand wäscht die andere. Den Letzten in dieser Kette beißen die Hunde, weshalb jede/r tunlichst bemüht ist, einen noch Schwächeren zu finden, den man dorthin schubsen kann. In „Knochensplitter“ ist die Reihe dieser Trittbrettfahrer besonders lang.

|Die Festungsmauern bröckeln|

Auf zunehmend einsamerem Posten steht das Gesetz oder besser: die Polizei, die in McRaes Welt des alltäglichen Wahnsinns dazu verurteilt ist, ihm Geltung zu verschaffen. In diesem Punkt folgt MacBride dem Beispiel des US-Kollegen Joseph Wambaugh, der vor allem in den 1970er und 80er Jahren in seinen Cop-Krimis sehr präzise nachgezeichnet hat, wie grundsätzlich und ursprünglich engagierte Männer und Frauen verrohen, zynisch werden und schließlich ausbrennen, wenn sie an sämtlichen Fronten unter Feuer genommen werden.

„Fort Apache“ nennen die Beamten ihr Polizeirevier in Heywood Goulds Cop-Krimi-Klassiker „The Bronx“ (1984), denn sie wähnen sich mitten im Feindesland. In Aberdeen ist man ähnlich isoliert. Längst hat der Feind jedoch auch im Inneren der Festung Fuß gefasst. Die Polizisten kämpfen nicht nur gegen eine Kriminalität, die sie allein in der Quantität der begangenen Taten überfordert. Immer wieder schwelgt MacBride in Szenen, die seine Polizisten im Kampf mit den Tücken einer Ausrüstung zeigen, die veraltet oder defekt ist oder gänzlich fehlt.

Der Verfall greift auf eine zunehmend abgestumpfte Gesellschaft über: |“Logan … schaute aus dem Fenster … Drei Stockwerke tiefer, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, pinkelte jemand in das offene Verdeck eines falsch parkenden Porsche – direkt vor dem Präsidium der Grampion Police. Ein solches Ausmaß an Dummheit konnte man nur bewundern.“| (S. 435) „Knochensplitter“ ist eine Fundgrube entsprechender Szenen: In Kleinigkeiten spiegelt sich der Vormarsch einer längst nicht mehr schleichenden Apokalypse wider.

Zum effektiven Helfershelfer wird die Bürokratie. „Rationalisierung“ wird beschönigend genannt, was realiter als Verteilung immer neuer Pflichten auf immer weniger Beamte umgesetzt wird. Der Papierkram nimmt auch im angeblich digitalen Zeitalter stetig zu, denn hungrige Anwälte und die Medien warten auf den kleinsten Fehler, um daraus Kapital zu schlagen. Dieses Mal sitzen McRae und seine (zu) wenigen Mitstreiter in einem ‚Büro‘, dessen unverputzte Wände mit Plastikfolien abgedeckt werden und deren Inventar die Beamten aus dem Sperrmüll ziehen müssen.

|Der Krug & der Brunnen|

Im siebten Band steigert sich das Trommelfeuer auf Logan McRae noch einmal. Er wird u. a. von einem Rottweiler angefallen und gleich mehrfach niedergeschlagen, man brennt seine Wohnung nieder, ständig regnet es, und jeder Vorgesetzte sitzt ihm nicht nur im Nacken, sondern an der Kehle. Zwar reagiert McRae lange mit der üblichen Mischung aus Resignation und mühsam verschleierter Unbotmäßigkeit, doch sein Panzer bekommt dieses Mal nicht nur Risse. Die ungerechte Welt dringt buchstäblich zu seinem ungeschützten Inneren vor. Das hat Folgen: McRae verbündet sich mit einem Gangsterboss, um einen Verdächtigen zu schnappen, dessen die Polizei nicht habhaft wird, um Selbstjustiz zu üben. Hier bleibt der Humor vollständig ausgeblendet.

Dies betrifft auch jene Szenen, in denen MacBride das erlittene Martyrium aus der Sicht der entführten Jenny beschreibt. Ohne Rücksicht auf ein Unbehagen, das die Misshandlung ’nur‘ eines fiktiven Kindes auskommen lässt, dokumentiert der Autor ein grausames Verbrechen, dessen düstere Wirkung durch eine Auflösung gesteigert wird, die Täter und Opfer zu Komplizen macht.

Wenn Polizisten im Buch oder Film ausgelaugt sind, kommt garantiert der Moment, indem sie den Bettel hinwerfen wollen. Dann muss der müde Krieger wieder aufgebaut werden. Außerdem ist er ohnehin ein Ritter, der ohne den Dienst für die Gerechtigkeit gar nicht leben könnte. Im Finale ist die Krise überwunden, der nächste Fall kann kommen. Wie es mit Logan McRae weitergeht, ist offen. Zumindest persönlich verlassen wir Leser ihn am absoluten Tiefpunkt seines Lebens. Der nächste Band ist bereits geschrieben. Es geht also weiter, aber ob oder besser: wie und mit einem (gegen alle Wahrscheinlichkeit sogar beförderten) McRae, bleibt spannungssteigernd ungewiss.

_Autor_

Stuart MacBride wurde im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen.

|Gebunden: 510 Seiten
Originaltitel: Shatter the Bones (London : HarperCollinsPublishers 2011)
Übersetzung: Andreas Jäger
ISBN-13: 978-3-442-54699-2
Als eBook: 718 KB
ISBN-13: 978-3-641-09437-9|
http://www.stuartmacbride.com
http://www.manhattan-verlag.de

|Als (ungekürztes) Hörbuch (gelesen von Detlef Bierstedt): 914 min.
ISBN-13: 978-3-8445-0876-5|
http://www.randomhouse.de/Hoerbuch-Download

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