Mankell, Henning – Pyramide, Die

_Gefährliche Pyramidenbesteigung: spannend gelesen _

Die Aufklärung eines mysteriösen Flugzeugabsturzes in Schonen, Südschweden, führt Wallander in die schwedische Drogenszene. Dass der Mord an zwei biederen Schwestern in ihrem Kurzwarenladen damit zusammenhängt, erkennt er erst spät. Denn er muss seinen eigenen Vater aus dem Gefängnis holen, weil er versucht hat, in Ägypten auf eine Pyramide zu klettern. Es bleibt Wallander nichts anderes übrig, als selbst nach Kairo zu fliegen, nicht ahnend, dass ihn die Rettung seines Vaters auf eine entscheidende Beobachtung für die aktuelle Ermittlung führt … (Verlagsinfo)

|Der Autor|

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Moçambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

„Die Pyramide“ erschien 2002 in dem Erzählband „Wallanders erster Fall“.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. 1994 wurde er mit dem „Bambi“ ausgezeichnet. Er hat schon zahlreiche Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. Am bekanntesten ist er wohl für seine Mitwirkung an der POE-Hörspiel-Reihe des Lübbe-Audio-Verlags.

Regie führte Margrit Osterwold, den Ton steuerte Fabian Küttner. Pleitgen liest eine gekürzte Fassung, die aber immer noch dreimal so lang ist wie jene Hörspielversion, die der |Hörverlag| anbietet.

_Handlung_

Dezember 1989: Ein Flugzeugabsturz an der Küste von Südschweden – es ist ein Rätsel: Was machten die Piloten des Sportflugzeugs in dieser Gegend, warum tauchte die Maschine nicht auf dem Radar auf, und warum stürzte sie ab? Vor allem: Woher kamen sie mitten in der Nacht?

Kriminalkommissar Kurt Wallander, mittlerweile 42 Jahre alt, erzählt in der Ich-Form von seiner kürzlich zurückliegenden Scheidung von Mona, die mit seiner Tochter Linda nach Malmö gezogen ist. Im Verlauf der Handlung taucht Linda allerdings mehrmals bei ihrem Vater auf, frustriert von Monas Kontrollfanatismus. Wallander hat jetzt die Krankenschwester Emma Lundin zur Freundin.

An der Absturzstelle des Flugzeugs in Mossby erfährt Wallander, dass es sehr tief geflogen sein muss, denn es war nicht auf dem Radarschirm aufgetaucht. Wahrscheinlich war es ein Drogenkurier, der seine Fracht abwarf. Auf dem Revier verhört Wallander vergeblich einen aalglatten Drogenhändler namens Holm, der Südschweden mit Heroin versorgt. Sein Haus liegt in der Nähe der Absturzstelle. Dort wurden starke Scheinwerfer bemerkt, die nun aber verschwunden sind: die Abwurfstelle?

Etwas mehr Erfolg hat Wallanders Order, in dem explodierten Haus der Ystader Schwestern Eberhardsson notfalls bis in den Keller zu graben. Heureka! Die Experten finden nicht nur die zwei verkohlten Leichen der Schwestern, sondern auch einen versteckten Safe, in dem sage und schreibe fünf Millionen schwedische Kronen deponiert sind. Diese enorme Summe haben die beiden sicher nicht mit ihrem Strickwarenladen verdient. Jemand hatte etwas gegen ihren Reichtum: Sie wurden per Genickschuss hingerichtet. War es Holm? Er ist untergetaucht. Wallander kommt nicht weiter.

Unterdessen fliegt Wallanders alter Vater nach Ägypten, um die Pyramiden von Gizeh zu besuchen. Diesen Vorsatz nimmt er ein wenig zu wörtlich, denn die Polizei buchtet ihn wegen verbotenen Besteigens der Cheops-Pyramide ein. Sie verlangen per Telegramm 10.000 Kronen Buße von Wallander, sonst muss sein Vater zwei Jahre lang in ägyptischen Gefängnissen schmachten. Wallander fliegt hin und überzeugt den Alten, dass der es zwei Jahre lang ohne Malen nicht im Knast aushalten würde. Auch Wallander bewundert die nachts angestrahlten Weltwunder.

Und dieser Anblick bringt ihn auf die zündende Idee: Wer konnte denn die starken Scheinwerfer besorgen, um dem Drogenkurierflugzeug die Abwurfstelle zu markieren?

_Mein Eindruck_

„Die Pyramide“ ist ein ziemlich geradliniger Kriminalfall und wäre schon relativ früh vorhersehbar, wenn nicht Wallanders Ermittlungen mit Episoden aus seinem Privatleben variiert würden. Und auf dieser Seite seines Lebens hat er ja sozusagen die „Erleuchtung“, um in dem festgefahrenen Fall die richtige, die wichtigste Frage zu finden. Denn die Pyramide ist auch der schematische Aufbau des Falles. Wallander hat drei Ecken des Falls, aber ihm fehlt sozusagen die Spitze der Pyramide, der gemeinsame Nenner, um die richtige Lösung zu finden.

Wallander teilt uns auch seine Erkenntnis mit, dass sein Abmühen in dem Polizeijob ebenfalls einer Pyramide gleichkommt. Er und seine Kollegen mühen sich an zahlreichen kriminalistischen Fronten ab, doch die Spitze der Pyramide erreichen sie in den seltensten Fällen. So auch in diesem Fall. Wer waren die Geldgeber und Drahtzieher der Drogengeschäfte in Südschweden? Wallander wird es nie herausfinden, es sei denn, ihm kommt Kommissar Zufall zu Hilfe.

Am Ende der Geschichte gibt es einen erbitterten Schusswechsel, in dem der Kommissar ins Kreuzfeuer gerät, und später einen toten Hauptzeugen. Dumm gelaufen, Herr Kommissar.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen vermag den einzelnen Figuren jeweils eine charakteristische Ausdrucksweise zu verleihen und diese Zuordnung auch fehlerlos einzuhalten. So klingt Wallander als Kommissar energisch, doch als Sohn etwas kleinlaut und leise. Seine Vater hat eine tiefe, raue Stimme und drückt sich oftmals recht kurz angebunden aus.

Der alte Kollege Rudberg (sprich: rüdberg) stöhnt manchmal wegen seines Rheumas und klingt etwas kurzatmig, aber das darf nicht täuschen: Er liefert immer die richtigen Hinweise, ist clever und zudem humorvoll. Die anderen Kollegen wie Nyberg oder die Sekretärin Ebba sind ebenfalls leicht zu identifizieren. Linda, Wallanders Tochter, verleiht der Sprecher eine hohe Tonlage (so weit es ihm möglich ist) und einen stets heiteren Tonfall. Dem steht der alte Fluglotse Blomell gegenüber. Er klingt nachdenklich und drückt sich überlegt aus.

Pleitgen spricht die schwedischen Namen einwandfrei aus, so dass sie (vielleicht) genauso klingen wie aus dem Munde eines Einheimischen, aber natürlich ganz anders, als man sie auf gedrucktem Papier vorfinden würde. Lund wird „lünd“ ausgesprochen und Sjöström „schöström“. Das ist schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber ich verlasse mich darauf, dass das seine Richtigkeit hat, denn auch in den Liza-Marklund-Hörbüchern spricht Judy Winter auf diese Weise.

_Unterm Strich_

Die Spannung ergibt sich schon aus dem Prolog, in dem das Drogenkurierflugzeug abstürzt – allerdings nicht so spektakulär und mit Soundspezialeffekten wie im Hörspiel, versteht sich. Dann steht Wallander vor dem Rätsel, ob dieser Flieger wohl etwas mit dem Drogenhandel in Südschweden zu tun hat. Und als dann auch noch der Doppelmord an den Ladenbesitzerinnen hinzukommt, hat Wallander kaum noch eine ruhige Minute.

Die geradlinige Kriminalhandlung um Drogenhandel wird durch mehrere Ereignisse in Wallanders Privatleben – vor allem die Verhaftung seines übereifrigen Vaters in Kairo – variiert. Ich finde es sehr interessant, dass die Erleuchtung, die Wallander zur Aufklärung des Falls verhilft, gerade aus dieser Nebenhandlung abgeleitet ist. Aber so arbeitet eben unser Gehirn manchmal: Per Assoziation kommen in unseren Träumen die seltsamsten und verblüffendsten Verbindungen zustande.

Im Mankellschen Werk nimmt diese Erzählung sicher nur einen Platz auf den unteren Rängen ein, doch sie gewährt uns einen Einblick in die mittleren Jahre des Meisterkommissars. Für Einsteiger liefert sie genaue Profile zur Hauptfigur, seinem Vater und seiner Tochter – allesamt Figuren, die im späteren Werk laufend auftauchen.

|Originaltitel: Pyramiden, 1999
Aus dem Schwedischen übersetzt von Wolfgang Butt
286 Minuten auf 4 CDs|

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