Mann, Thomas – Tod in Venedig, Der

_Kunst oder Leben: Venedig sehen und draufgehen_

In dem deutschen Schriftsteller Gustav Aschenbuch erwacht eines Tages Reiselust und Fernweh. Vielleicht kann er in Venedig seine Schaffenskrise überwinden. Omen machen ihn allerdings misstrauisch. Im Hotel erregt eine polnische Familie sein Interesse. Er verliebt sich quasi in den 14-jährigen Jungen Tadzio, das Inbild des Eros. Obwohl angeblich die Cholera in der Stadt ausgebrochen ist und die Polen schon bald wieder abreisen, kann sich Aschenbach nicht dazu aufraffen, die Stadt zu verlassen und stirbt in seinem Stuhl am Lido.

Das Hörbuch bietet die ungekürzte Lesung des gesamten Textes.

_Der Autor_

Paul Thomas Mann wurde am 6.6.1875 in Lübeck als zweiter Sohn des Kaufmanns Johann Heinrich Mann und dessen Frau Julia (geb. da Silva-Bruhns) geboren. Der Vater starb bereits 1891 und hinterließ ein Vermögen. Thomas verließ 1894 sein Lübecker Gymnasium und folgte der bereits übergesiedelten Familie nach München, wo er zunächst in einer Versicherung arbeitete und ein Jahr später an der TH studierte. Beides sagte dem finanziell Unabhängigen nicht zu und mit Beginn seiner Volljährigkeit beschloss er, Schriftsteller zu werden.

Er debütierte mit der Kurznovelle „Gefallen“. In Italien begann er seinen Roman „Die Buddenbrooks“ zu schreiben, der 1901 erschien. Das Buch begründete seinen Ruhm, der sich 1929 auch in der Verleihung des Literaturnobelpreises manifestierte. 1905 heiratete er Katia Pringsheim, mit der er in den folgenden 14 Jahren drei Söhne und drei Töchter bekam. Das Zerwürfnis mit seinem Bruder Heinrich, einem entschiedenen Kriegsgegner, dauerte bis Anfang der 20er Jahre. Mann setzte sich endgültig und öffentlich für die Republik und die Demokratie ein. 1924 erschien sein Roman „Der Zauberberg“, der mit seinem Erfolg Manns Stimme Gewicht verlieh.

Ab 1933 begaben sich die Manns auf Vortragsreisen, von denen sie nach der Machtübernahme der Nazis nicht nach Deutschland zurückkehrten. 1936 erteilte er dem Regime eine öffentliche Absage, woraufhin ihm die Regierung die Staatsbürgerschaft entzog. 1938 ging die Familie nach Amerika, wo Mann in Princeton eine Gastprofessur erhielt. Er engagierte sich stark gegen Hitler und hielt von 1940 bis 1945 etwa 60 Radioansprachen, die die BBC sendete.

Weil er nach dem Krieg die These von der Kollektivschuld der Deutschen vertrat, wurden seine Worte in der Heimat sehr kritisch aufgenommen (ähnlich wie Marlene Dietrich). Weil er aber 1952 in den USA als „kommunistischer Sympathisant“ diffamiert wurde, wanderte er in die Schweiz aus. Nach hohen Ehrungen starb er mit 80 Jahren am 12.8.1955 in Zürcher Kantonsspital.

Die Novelle „Der Tod in Venedig“ entstand 1911 und wurde verfilmt (1970), zu einer Oper (1973) und zu einem Ballett (2003) umgeformt. Laut Mann handelt es sich um die kritisch-prosaische Umsetzung von Hölderlins Liebesgedicht „Sokrates und Alkibiades“, ein Verweis auf die deutsche Klassik. Diese spielt in der Novelle auf vielen Ebenen eine wichtige Rolle.

_Der Sprecher_

Gerd Wameling, geboren 1948 in Paderborn, ging 1974 an die Schaubühne in Berlin, deren Ensemble er fast 20 Jahre lang angehörte. Seit 1992 ist er freier Schauspieler und Sprecher und spielte in diversen TV-Filmen und –Serien mit sowie u. a. in Wim Wenders’ Kinofilm „In weiter Ferne so nah“. Wameling ist nach Verlagsangaben einer der bekanntesten deutschen Rundfunk- und Hörbuch-Sprecher. Er liest die ungekürzte Textfassung.

Regie führte Torsten Feuerstein, Tonmeister war Patrick Ehrlich, für das umfangreiche Booklet zeichnet Henning Bartels verantwortlich.

_Handlung_

Gustav Aschenbach hat seine besten Tage als Schriftsteller bereits hinter sich. Inzwischen genießen seine Werke internationale Anerkennung – Romane, theoretische Schriften, Gedichte usw. – und seine Sachen werden sogar für Schulbücher ausgesucht, das Adelsprädikat war das i-Tüpfelchen. Höher geht’s nimmer.

Er ist verheiratet, hat eine Tochter und ist doch unzufrieden. Dies rührt von seiner Schaffenskrise als Künstler her. Seine Produktion ist in Formelhaftigkeit erstarrt, etwas Neues ist nicht in Sicht. Als ihm auf einem Friedhof die Grabsteine mit ihren Memento-moris auffallen, ahnt er, dass es Zeit ist, auszubrechen. Ein unbekannter Wanderer mit Basthut gemahnt ihn an den Sommer. Aschenbuch sucht Befreiung, Tagedieberei. Kurzum: eine Reise. Aber alleine.

Statt wie sonst im Sommer in die Berge auf seinen Landsitz zu fahren, bucht er diesmal eine Reise an die Adria. Nach einem wenig zufrieden stellenden Aufenthalt in Triest, wo er unter lauter Österreichern landet, beschließt er, nach Venedig weiterzuziehen. Er bucht auf dem klapprigen Dampfer eine Erste-Klasse-Kabine. Die Gesellschaft an Bord ist bunt gemischt. Besonders negativ und kurios fällt ihm ein schon etwas älterer Herr auf, der sich aber als Jüngling geschminkt und herausgeputzt hat. Dieser wird freundlich-neckisch behandelt, keineswegs herablassend.

Diese Überfahrt führt in einen Zustand der Zeitlosigkeit, und die Stadt der Kanäle taucht nicht als strahlende Serenissima, sondern gespenstisch in einer trüben, trägen Atmosphäre auf. Der verjüngte Alte ist inzwischen hackedicht und völlig enthemmt, in Aschenbachs Augen gibt er eine lächerliche Jammergestalt ab. Der Mann verabschiedet sich auch noch wie ein Clown, ohne jedwede Würde. Selbst sein angeklebtes Bärtchen fällt ab. Grotesk! Aschenbach, obwohl auch nicht mehr der Jüngste, möchte nie so wie dieser Schrat werden.

Das Schwarz der Gondel erinnert an Tod und Leichenbegängnis. Gustav ist dem Gondoliere ausgeliefert, und als auch noch „musikalische Wegelagerer“ auftauchen, muss er auch diesen einen Obolus entrichten. Er kommt sich vor wie auf dem Styx, mit dem Gondoliere als Totenfährmann Charon. Gustav kennt sich mit sämtlichen antiken Autoren aus, die deutsche Klassik – Goethe, Schiller, Hölderlin – ist ihm zweite Natur. Ständig fallen ihm Vergleich aus der Antike ein.

Daher fällt ihm sofort ein etwa vierzehn Jahre alter polnischer Junge auf, als er sein Abendessen im Hotel am Lido einnehmen will. Der Junge sieht aus wie ein junger Eros, und anders als seine streng an der Kandare gehaltenen drei Schwestern lässt ihm die Gouvernante völlig freie Hand, als ob es völlig in Ordnung sei, ihn zu verwöhnen und zu verzärteln. Dunkle Locken umrahmen eine weiße Haut in einem Gesicht von klassischer Schönheit. Gustav ist hingerissen und findet nachts nur unruhigen Schlaf. Der Junge hat ihn bemerkt.

Am nächsten Tag herrscht trübes Wetter, und ein übler Wind bläst den Gestank der Lagune über Hotel und Strand. Gustav denkt bereits an die Abreise, doch das späte Auftauchen des Jungen versetzt ihn erneut ihn stille Begeisterung. Also beschließt er, noch einen Tag zu bleiben und am Strand die relative Nacktheit der Badenden zu genießen. Gustav liebt die Vollkommenheit des Meeres, des großen Nichts.

Am Strand erweist sich der Junge Tadzio – man ruft ihn zärtlich „tadschú“ – als ein stolzer und eigenwilliger Jüngling. Gustav ist erheitert über die Art, wie ein Junge namens Jaschu ihn bewundert und umwirbt, ja sogar küsst. Dazu fällt Gustav lediglich ein Zitat über den Teufel (diabolus) ein. Ihn suchen mystische Vorstellungen über die Entstehung der Götter und den Ursprung von Formen heim. Er beschließt zu bleiben, denn Tadzios Schönheit bindet ihn wie einen Vater, der seinen Sprössling zu lieben gelernt hat.

Gerüchte über den Ausbruch der Cholera in der Stadt kommen Aschenbach zu Ohren, doch die Dementis von allen Seiten folgen den Meldungen auf dem Fuß. Aber wenn er die polnische Familie Tadzios unauffällig (aber nicht unbemerkt) durch die Stadt verfolgt, kommt er nicht umhin, den Gestank zu registrieren und eine Epidemie für möglich zu halten. Doch die Gestalt des bewunderten und geliebten Eros am Strand fesselt ihn an den Lido, so lange, bis es für ein Entkommen zu spät ist …

(VORSICHT SPOILER)

Wie schon bei einem früheren Besuch in Venedig, den Aschenbach aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, macht ihm auch diesmal die Wetterlage derart zu schaffen, dass er nach einem Schwächeanfall beschließt abzureisen. Die falsche Aufgabe seines Gepäcks am Bahnhof nutzt er jedoch als Vorwand, um trotzdem in Venedig – und damit auch bei Tadzio – bleiben zu können.

Nun genügt es ihm aber nicht mehr, den Knaben aus diskreter Distanz zu betrachten, er sucht mehr und mehr die Nähe des Jungen, versucht dann und wann sogar, einen Blickkontakt herzustellen. Eines Abends, als der Jüngling ihm endlich zulächelt, muss sich Aschenbach seine Liebe zu Tadzio eingestehen.

Währenddessen leeren sich die Stadt und das Lido-Hotel, immer mehr Touristen reisen ab. Aschenbach kommt zu Ohren, dass die Cholera in der Stadt ausgebrochen sei. Dennoch bringt es weder übers Herz, selbst abzureisen, noch die polnische Familie Tadzios vor der Gefahr zu warnen. Stattdessen färbt er sich die Haare und gibt sich betont jugendlich (ganz wie jener ältliche Geck auf dem Dampfer bei der Anreise).

Eines Morgens wacht er kränklich auf und erfährt, dass Tadzio und seine Familie abreisen werden. Noch ein letztes Mal begibt er sich an den Lido, um den jungen Eros zu bewundern. Tadzio wird von dem Jungen namens Jaschu mit dem Gesicht in den Sand gedrückt und fast erstickt, doch er kann sich befreien. Er geht stolz von dannen, auf eine flache Sandbank. Und während es Gustav scheint, als lächle ihm der schöne Knabe ein letztes Mal zu und zeige in die Sonne, verstirbt der berühmte Dichter in seinem Strandstuhl, mit einem Lächeln auf den Lippen.

Die Welt nimmt die Nachricht von seinem Ableben gebührend erschüttert zur Kenntnis.

(SPOILER ENDE)

_Mein Eindruck_

Seit Manns Tod 1956 ist es den Zeitgenossen nicht verborgen geblieben, dass er homoerotische Neigungen hegte. Tadzios Vorbild war ein elfjähriger Junge. Vieles an dieser geglückten Novelle hat autobiographische Züge, insbesondere die Hauptfigur: Beruf, früher Ruhm, erfolgreiche Laufbahn, Herkunft, Charakterzüge, Gewohnheiten und innere Konflikte lassen sich alle auch bei Thomas Mann nachweisen.

Er selbst schrieb, dass viele Ereignisse und Figuren aus seinen eigenen Erlebnissen in Italien in den Text Eingang fanden. Der sterbende Künstler von Weltruhm – damals lag auch der bekannte Komponist Gustav Mahler im Sterben. (Der Visconti-Film führt beides zusammen: Die rund zehn Minuten lange Eingangssequenz, als der Dampfer Venedig ansteuert, ist mit dem langsamen Satz „Adagietto“ aus Mahlers 5. Symphonie unterlegt – mit die schönste Musik, die ich kenne.)

Wie schon oben erwähnt, verweisen zahlreiche Erwähnungen aus der klassischen Antike auf das Grundthema Kunst vs. Leidenschaft. In einer ausgetüftelten Technik verknüpft der Autor durch seine von Wagner entliehene Leitmotivtechnik vermeintlich realistische Details mit einer zweiten, diesmal jedoch metaphysischen Ebene. Nichts ist jemals eindeutig, sondern hat stets auch eine zweite Bedeutung. Die fünf Kapitel der Novelle entsprechen exakt dem Aufbau und dem Verlauf der klassischen Tragödie.

Das Grundthema Kunst vs. Leidenschaft spiegelt Nietzsches Widerstreit zwischen dem so genannten Apollinischen, das Ordnung und Maß anstrebt, mit dem Dionysischen, welches Rausch und Chaos erheischt. Von vornherein ist klar, welchem Bereich Aschenbach selbst angehört: dem Apollinischen. Nach einem zeitlosen Übergang durch das Limbo der Anreise stößt er in dem anziehenden Jungen Tadzio auf das Dionysische. Zunächst bekämpft er die Leidenschaft, dann sucht er den Ausgleich, doch wiederum vergebens. Zerrissen von den innerlichen Gegensätzen bleibt Gustav nur der Tod in einer Art Moment der Erlösung im Transzendenten.

Die Symbolik, die der Autor für diesen Verlauf bemüht, ist für den Kenner beinahe schon aufdringlich zu nennen. Der unbekannte Wanderer im Englischen Garten stellt Hermes/Merkur dar, den Götterboten. Der Gondoliere mutet Aschenbach, wie gesagt, wie der Fährmann Charon an, der die Toten über den Unterweltfluss Styx bringt. Mehrere mittelalterliche Todesdarstellungen (Skelett, Schädel, Zähne, Grimassen usw.) folgen. Venedig ist durch die Epidemie zu einem Totenreich verkommen, und der ältliche Geck scheint einen grotesken Totentanz aufzuführen – genau wie später Gustav. (Ich denke an Poes „Masque of the Red Death“, wo „masque“ sowohl Maske als auch Maskenball bedeutet.)

Was aber erörtert Mann mit Hilfe seines Protagonisten und zu welchem Schluss gelangt er? Vieles davon findet sich in dem schönen vierten Kapitel wieder, als Gustav wieder in sein Lido-Hotel zurückgekehrt ist und erneut der Muße frönen kann: „Feste der Sonne“, das ist es, was er genießt. Er genießt andächtig die Lebensfreude, Anmut und Schönheit, die Tadzio verkörpert. „Welche Macht schuf den Jüngling?“ Dieses Standbild der Perfektion – ist die Form Ausdruck des Gottesgedanken, wie es Goethe wohl gesagt hätte. Sollten wir ihn demzufolge nicht als Abglanz des göttlichen Willens anbeten?

Gustav kommt der sokratische Dialog „Phaidros“ in den Sinn, wo der alte Philosoph sich fragt, ob wohl Schönheit der Weg zum Göttlichen sein können, jedoch nicht das Göttliche selbst. Im Sonnenaufgang genießt Gustav den Erscheinung gewordenen Mythos der rosenfingrigen Eos, wie Homer sie beschrieb. Apoll steigt empor, und die Glorie des Schauspiels durchdringt Gustavs Geist. Er fühlt sich selig, denn dies ist das Element seines Gemüts: apollinisch. Tadzio ist das Gegenteil: ein schöner, selbstsicherer, vielleicht sogar todgeweihter Hyakinthos, der Gustav betört und in ihm Sehnsucht weckt. Die Ironie ist tragisch: Es ist Gustav, der eben dadurch todgeweiht ist, nicht der Jüngling. Dies wird im 5. Akt deutlich.

Nun ergibt sich Gustav dem Bann des Dionysischen: Er vergisst in seiner Leidenschaft alle Würde und ergibt sich dem Dämon der „Passion“ (einem doppeldeutigen Begriff). Halb trunken, halb von den giftigen Dämpfen der Kanäle betäubt, taumelt er hinter Tadzio drein. Er entschuldigt seine trunkene, ja heilige Liebe (vgl. Hölderlin) mit antiken Vorbildern und seinen Ahnen. Im Hotel nötigt er diejenigen, die über die Epidemie Bescheid wissen, zur Lüge und Beschönigung. Nur, damit Tadzios Familie nicht abreist.

Als Bettelmusikanten – die „musikalischen Wegelagerer“ – erneut auftreten, um die Hotelgäste mit Vulgärkunst zu unterhalten, hat Gustav nichts dagegen, denn die Nähe von Tadzio macht ihn selig. Als er erfährt, dass man versucht hat, Tadzio aus Gustavs Nähe fernzuhalten – man hat sein Verhalten bemerkt – ist Gustav entsetzt und beleidigt. Dass der Bänkelsänger nach desinfizierendem Karbol stinkt, findet Gustav verdächtig, und sein Lachen erscheint ihm wie Hohngelächter. Das lachen allein ist ansteckend, und schließlich lacht das gesamte Hotel wie bewahnt. Nur Gustav und Tadzio bleiben ernst. Bevor der Bänkelsänger abgeht, streckt er noch die Zunge heraus. Merke: Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Er ist die Verkörperung der Pest und des anderen apokalyptischen Reiters: des Todes.

Das Ende naht, als Gustav vom Nahen des fremden, des großen Gottes Pan / Dionysos träumt. Unter betörendem Flötenspiel (Syrinx) und Geheul nahen Satyrn und Mänaden, Knaben und Böcke. Die süßen Flötenklänge betören den Träumer und verdecken den kranken Geruch, der sie begleitet. Eine hölzernes Symbol (Kreuz) mit blutenden Wunden wird enthüllt, doch hält die Wilde Jagd des Pan / Dionysos nicht auf, Tieropfer zu bringen, Unzucht zu treiben und sich allgemein in die Raserei des Untergangs zu stürzen: der Sieg des Dionysischen Prinzips. Was den Träumer besonders erschreckt: Er ist ein Teil davon! Und als er erwacht, fühlt er sich als hilfloses Opfer des Dämons Leidenschaft.

Trotz Selbstekel und Scham putzt er sich heraus, um Tadzio zu gefallen. Der Coiffeur salbadert ihm Worte der Rechtfertigung und Selbsttäuschung ins Ohr, während er Gustavs Haare von grau zu dunkelbraun färbt. Makeup sorgt natürlich für bessere Haut usw. Das Ergebnis ist ein Jüngling, „bereit für die Liebe“. Wenn es nicht so makaber wäre, müsste man kotzen. Ein letztes Hinterherhetzen führt Gustav nur in die Irre und mitten hinein in den Infektionsherd.

Da kommt ihm wieder Sokrates in den Sinn, der zu Phaidros sagt, dass der Weg zum Göttlichen über die Schönheit nur ein Irrweg sei. Dichter allein würden von Eros zur Schönheit geleitet: über Leidenschaft und Lust. Doch da ist keine Würde zu finden, sondern nur Abenteuer. Es sei die Richtung zum Abgrund, der die Dichter anziehe. Die Erkenntnis sei der Abgrund. Daher liege Rettung nur weg von ihr, hin zu schöner Form und Strenge. Durch Ausschweifung würden jedoch auch sie zum Abgrund führen. (Rettung liegt also nur im rechten Maß, in der Mäßigung.)

Gustav hat das Gefühl der Ausweglosigkeit. Als Tadzio auf der Sandbank steht und lächelnd „ins Ungeheure“ weist, will Gustav folgen, sinkt aber zusammen. Die Kraft hat ihn verlassen. Weder das Apollinische noch das Dionysische konnte ihn retten. Als Exponent seiner feinen Fin-de-siècle-Kultur ist er gescheitert: an mangelnder Willenskraft vielleicht, auch an unerfüllter Liebe, aber auch an seinen eigenen inneren Widersprüchen. Die Cholera, die ihn dahinrafft, kommt übrigens aus Indien, dem britischen Kolonialreich – ein Wink mit dem Zaunpfahl?

_Der Sprecher_

Gerd Wameling ist ein ähnliches Stimmwunder wie Rufus Beck und Philipp Schepmann, aber seine Interpretation von Frauenstimmen ist doch etwas gewöhnungsbedürftig. Sie klingen meist so affektiert, wie Charleys Tante sie sprechen würde, also ein wenig unecht. Typisches Beispiel dafür ist der Coiffeur, der Aschenbach die Haare färbt und ihm Makeup auflegt. Ebenfalls in hoher Stimmlage lässt Wameling den ältlichen Geck auf dem Dampfer auftreten, ihn dann aber mit krächzender Stimme quäken.

Die normale Stimmlage jedoch hat mich gefesselt durch die disziplinierte Präzision, mit der der Sprecher sie einsetzt. Jeder Satz wird als das Kunstwerk erkennbar, das er ist. Und manche Sätze sind ganz schön lang, weshalb es wichtig ist, ihre Konstruktion frühzeitig deutlich zu machen. Beides gelingt, und so sollte das Verständnis des Textes eigentlich kein Problem sein. Eigentlich. Doch er verlangt natürlich auch Geduld und Aufnahmebereitschaft. Weil es aber absolut keine Handlung im üblichen Sinne gibt, fällt es mitunter schwer, diese Aufmerksamkeit aufzubringen. Spannung jedenfalls ist rein psychologisch vorhanden.

_Das Booklet, die 4 CDs_

Jede CD ist einzeln in einer Papierhülle verpackt: drei normale CDs, eine MP3-CD. Diese habe ich gleich auf meinen Player transferiert und mir das Hörbuch unterwegs gegönnt. Das Booklet von 20 Seiten stabilem Papier stellt nacheinander den Autor, den Sprecher und den gerafften Inhalt des Textes vor. Danach schließt sich ein Essay über Werk und Wirkung der Novelle an, der ich einige Anregungen für meine obigen Ausführungen entnehmen konnte – aber beileibe nicht alle, denn dafür ist die Analyse viel zu seicht. (Literaturstudenten können damit also keinesfalls vor dem Dozenten glänzen.) Mehrere vierfarbig wiedergegebene Gemälde runden das Booklet ab.

_Unterm Strich_

„Der Tod in Venedig“ ist neben „Tonio Kröger“, „Mario und der Zauberer“ sowie „Felix Krull“ einer der erträglicheren Texte von Thomas Mann, vielleicht besonders wegen seiner Kürze. Das bedeutet aber nicht, dass die Novelle weniger tief wäre oder weniger vielschichtig. Ganz im Gegenteil: Mann hat jede Menge kulturkritische Aspekte hineingepackt, eine Kritik am Künstler in einer Endzeit, von der der Autor suggeriert, dass sie keinen Bestand habe, wenn ihr die Willenskraft oder die Zielstrebigkeit fehlt, sich gegen die Verlockung des Verfalls (dionysisches Prinzip) zu wehren. 1911 konzipiert und wohl auch verfasst, nimmt die Erzählung den wenig später nachfolgenden Untergang des Abendlandes vorweg.

Der Sprecher Gerd Wameling ermöglicht dem Zuhörer ebenso wie die Informationen des Booklets, den Text in seiner Vielschichtigkeit zu verstehen. Wameling erlaubt sich auch, ein wenig Vergnügen an verschiedenen Figuren in der Handlung zu finden und dies zu vermitteln. Um weitere Bedeutungen je nach geistigem Blickwinkel aufzuspüren, empfiehlt es sich, die Novelle mehrmals anzuhören.

Ich selbst fand, dass mein Vergnügen durchwachsen war, aber ich bin ja auch mehr ein Freund von Action und äußeren Konfliktlösungen. Die Konflikte, die Aschenbach zu bewältigen hat, sind allesamt innerlich, also wenig reizvoll. Es hilft aber auch, den Film von Visconti zu sehen, nur um mal eine der möglichen Interpretationen zu genießen. Und Viscontis Film ist in der Tat von der ersten Minute an ein Genuss, in dem man schwelgen kann.

|3 CDs plus MP3-Version
214 Minuten|

Schreibe einen Kommentar