Marillier, Juliet – Herrscher von Fortriu, Die (Unter dem Nordstern 2)

Band 1: [„Die Königskinder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2001

Natürlich war Ana schon immer klar, dass sie als Prinzessin aus königlichem Geblüt irgendwann eine politische Heirat würde schließen müssen. Dass es jedoch so plötzlich passieren würde, und ohne, dass der für sie vorgesehene Mann – von dem kaum etwas bekannt ist, außer, dass er mit den Gälen sympathisiert – überhaupt nur Interesse an ihr bekundet hat, das verunsichert sie nun doch zutiefst. Aber Ana ist eine pflichtbewußte junge Frau und fügt sich. Eine Eskorte von zehn Mann unter der Leitung von Brideis Leibwächter Faolan soll sie nach Dornwald zu Fürst Alpin bringen.

Ana und Faolan sind zunächst nicht gut aufeinander zu sprechen. Als eine Flutwelle jedoch ihre gesamte Eskorte wegreißt, sind sie gezwungen, sich zusammenzuraufen. Und diese Notwendigkeit wird noch dringlicher, als sie Alpins Regierungssitz erreichen. Denn weder Alpins Verhalten noch sein verschreckter, einsilbiger Haushalt, dessen Angehörige Anas Fragen ständig ausweichen, scheinen Wert darauf zu legen, das Vertrauen ihrer Gäste zu gewinnen. Als Ana ein streng gehütetes Geheimnis entdeckt, bringt sie damit nicht nur sich selbst und Faolan in Gefahr, sondern auch Drustan, Alpins Bruder …

|Charakterentwicklungen|

Ana hat mich überrascht. Das sanftmütige Lämmchen, das im ersten Band noch ganz im Gedanken an Pflichterfüllung, Ehe und Kinder aufzugehen schien, hatte wider Erwarten durchaus eigene Vorstellungen davon, wie ihr künftiger Gemahl sein sollte. Nicht, dass sie eine Liebesheirat erwartet hätte, dafür war sie wiederum zu vernünftig. Trotzdem wehrt sie sich gegen Alpins Beleidigungen, und das durchaus geschickt. Ana ist weder dumm noch hilflos, im Gegenteil! Unter der weichen, nachgiebigen Oberfläche liegt ein starker Kern mit einer sehr genauen Vorstellung von Richtig und Falsch und dem absoluten Unwillen, sich mit dem Falschen abzufinden. Die Kämpfe, die sie auszufechten hat, schleifen die Oberfläche ab und lassen eine selbstbewusste Frau zurück, die niemand mehr gegen ihren Willen benutzen kann.

Auch Faolan wird abgeschliffen, wenn auch auf andere Art. Hier sind es nicht nur die Umstände, sondern vor allem Ana mit ihrer sanften Unnachgiebigkeit. Der Mann ohne Vergangenheit, von dem die Leute sagen, er wäre unfähig, irgendetwas zu empfinden, muss mit Entsetzen feststellen, dass dieser Auftrag ihn kopfüber in etwas hineinstürzt, gegen das er sich nicht wehren kann und das seine Handlungsfähigkeit massiv beeinträchtigt. Sein Perfektionismus wütet gegen diesen Makel, kämpft darum, den Auftrag erfolgreich zu Ende zu führen, während seine uneingestandene Loyalität zu Bridei in Konflikt gerät mit einer neuen Loyalität, die er weder unterdrücken noch leugnen kann. Am Ende ist er auf der Flucht.

Alpin ist ein ziemlicher Trampel, und das nicht nur seiner Statur nach. Mit ein wenig Anstrengung hätte er vielleicht Anas Widerwillen gegen ihn überwinden können, denn immerhin hatte sie wegen des Verlusts seiner ersten Frau und seines Kindes anfangs auch so etwas wie Mitleid für ihn. Schon bald stellt sich jedoch heraus, dass der bauernschlaue Anführer sich ebenso wenig für ihren Widerwillen interessiert wie für den Vertrag mit Bridei. Der unduldsame Mann scheint nur auf zwei Dinge Wert zu legen: seine Macht zu vergrößern, ganz gleich auf welche Weise, und darauf, dass niemand auch nur einen Gedanken daran wagt, ihm seine Autorität streitig zu machen. Der Konflikt mit Anas unerschütterlichem Rechtsempfinden ist vorprogrammiert!

Drustan ist das ganze Gegenteil des herrischen Fürsten: Er ist ein ansehnlicher Mann, freundlich und intelligent, gleichzeitig aber auch verstört, unsicher und verzweifelt. Etwas Mystisches, Fremdartiges haftet ihm an, das ihn seit seiner Kindheit von allen anderen Menschen absondert, und mit dem er nur schwer zurecht kommt. Alpin bezeichnet Drustan als wahnsinnig, was Ana ihm nicht glaubt, nicht einmal, als Drustan es selbst zugibt …

|Handlungsverlauf|

Nachdem sich die Handlung im Vorgängerband „Die Königskinder“ über mehrere Jahre erstreckte, spielen sich die Ereignisse in „Die Herrscher von Fortriu“ innerhalb weniger Monate ab. Während Ana sich durch die Wildnis bis nach Dornwald kämpft und sich dort mit Alpin herumschlägt, ist Bridei massiv mit Kriegsvorbereitungen beschäftigt, um endlich die Gälen aus dem Gebiet der Priteni zu vertreiben. Die eigentlichen Kriegsvorbereitungen geben nicht allzu viel her. Deshalb hat die Autorin diesen Strang um die Geschehnisse am Hof ganz allgemein erweitert. So zeigt Brideis und Tualas Sohn Derelei massive magische Begabungen. Broichan ist schwerkrank und kann nur mit Mühe dazu gebracht werden, Hilfe anzunehmen. Ferada indes, die Tochter Talorgens, hat von Fola die Zustimmung erhalten, in Banmerren eine eigene Schule für höhere Töchter einzurichten. Der Hauptteil der Handlung beschäftigt sich jedoch mit Ana und den Ereignissen in Dornwald.

Obwohl die Handlung in diesem zweiten Teil des Zyklus mehr Bewegung bot als im ersten, gab es auch hier wieder Stellen, an denen sich der Ablauf etwas zog. Die Ereignisse am Hof mögen vorbereitend für den dritten Teil gedacht sein, da sie jedoch einerseits für bloße Andeutungen zu stark ausgearbeitet sind und andererseits noch keine Konsequenzen zeigen, wirken sie irgendwie unerheblich, hängen unfertig in der Luft. Der Handlungsstrang um Ana hatte seine Schwächen hauptsächlich in Dornwald selbst, was vor allem daran lag, dass die Auflösung von vornherein absehbar war. Immerhin boten der Weg dorthin und die Flucht zurück zur Weißen Feste etwas Abwechslung, wobei auch das Ende ihrer Flucht ein wenig zu glatt lief.

|Insgesamt|

Unschlagbar ist Juliet Marillier nach wie vor im Bereich der Charakterzeichnung. Die Entwicklung ihrer Personen ist wie immer gekonnt und glaubhaft dargestellt, angefangen bei Ana über Drustan und Alpin bis hin zu Orna, Alpins Haushälterin. Ihr Meisterstück ist in diesem Fall Faolan. Äußerst feinfühlig und frei von jeglichem Kitsch beschreibt die Autorin, wie ein Mann, der sich selbst durch einen Kraftakt reinen Willens auf fehlerloses Funktionieren reduziert hat, zur Menschlichkeit zurückfindet. Das tröstet selbst darüber hinweg, dass Drustan und Alpin bei aller gelungenen Ausarbeitung vom Entwurf her doch ein wenig ins Klischeehafte abzurutschen drohten.

Bleibt zu sagen, dass dieser zweite Band von der Spannung her nicht ganz so stark angezogen hat, wie ich es erhofft hatte. Wer es eher spannend oder martialisch mag, ist hier flasch. Die Sensibilität jedoch, welche die Autorin ihren Protagonisten entgegenbringt, und die eher behutsam daherkommende Magie machen das Buch interessant für alle, die es gern romantisch oder mystisch mögen. Und wenn der dritte Band sich noch einmal ein wenig mehr strafft, dann dürfte er durchaus recht gut zu lesen sein.

Der dritte Band des Zyklus |The Bridei Chronicles| unter dem Titel „The Well of Shades“ ist gerade in Australien erschienen und befasst sich hauptsächlich mit Faolans Mission in Irland. Wann das Buch auf Deutsch erscheint, steht noch nicht fest.

Außer den |The Bridei Chronicles| und der |Sevenwaters|-Trilogie hat Juliet Marillier auch die |Saga of the Light Isles| sowie mehrere Fantasy-Kurzgeschichten geschrieben. Außerdem hat die Autorin unter dem Titel „Wildwood Dancing“ ihr erstes Jugendbuch veröffentlicht, das auf Deutsch ebenfalls noch nicht erhältlich ist. Juliet Marillier war lange als Dozentin für Musikgeschichte, Gesangslehrerin und Chorleiterin tätig, ehe sie sich 2002 zurückzog, um sich der Schriftstellerei zu widmen. Sie lebt in Neuseeland, in der Nähe von Perth.

http://www.julietmarillier.com/
http://www.heyne.de

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