13 klassische Kurzgeschichten eines Altmeisters der Phantastik erkunden die “Twilight Zone”, jenen magischen Ort, an dem sich die Realität mit dem Übernatürlichen mischt. Im Vordergrund steht für den Verfasser dabei das menschliche Verhalten in der Krise; er kommt dabei zu keinem günstigen Urteil, was er ebenso unterhaltsam wie sarkastisch zu begründen weiß:

– |Das Wesen| (Being): In der heißen Wüste von Arizona hat ein schiffbrüchiger Außerirdischer eine ausgeklügelte Menschenfalle aufgebaut; er pflegt pünktlich zu speisen, sonst wird er äußerst ungemütlich!

– |Rezept zum Überleben| (Pattern for Survival): Nachdem die Welt im atomaren Feuer untergegangen ist, erweist sich die Feder auf wundersame Weise stärker als das Schwert.

– |Steel| (Steel): Die Boxkämpfe der Zukunft werden von Robot-Kämpfern ausgetragen. Das anspruchsvolle Publikum verlangt Einsatz und Perfektion; schlechte Zeiten für Manager und Mechaniker, die nur ein Auslauf-Modell ihr Eigen nennen.

– |Die Prüfung| (The Test): Ab dem 65. Lebensjahr muss sich jeder Bürger regelmäßig einem Test unterziehen, ob er oder sie noch nützlich für die Gesellschaft dieser schönen neuen Welt ist – wer durchfällt, wird eingeschläfert.

– |Eine unmögliche Geschichte| (Clothes Make the Man): Kleider machen wirklich Leute, und wenn sie nur lange genug warten, benötigen sie nicht einmal mehr einen Menschen, der sie füllt!

– |Der Vampir| (Blood Son): Der junge Jules hasst seine Mitmenschen, die ihn als Sonderling fürchten, verachten und auslachen. Als Vampir will er sich an ihnen rächen, doch es ist schwierig, ein solcher zu werden …

– |Der Fehltritt| (Trespas): Sechs Monate war David auf Geschäftsreise. Bei seiner Rückkehr empfängt ihn Gattin Ann mit der Neuigkeiten, schwanger zu sein, ohne dass sie wisse, wie dies geschehen sei. David nimmt diese Auskunft verständlicherweise skeptisch auf, aber als die Monate verstreichen, muss er entsetzt feststellen, dass Anns unbefleckte Empfängnis offenbar nicht von dieser Welt war …

– |Der Tag ist aus| (When Day Is Dun): Atomkrieg und Poesie, die zweite; allerdings fällt die Wirkung Letzterer dieses Mal deutlich tödlicher aus.

– |Das neugierige Kind| (The Curious Child): Ein Mann steht auf der Straße und verliert bei vollem Bewusstsein seinen Verstand – oder wie sonst soll er sich erklären, dass ihn plötzlich Visionen eines fremden Lebens überkommen?

– |Die Totenfeier| (The Funeral): Geschäft ist Geschäft, auch im Bestattungswesen, und so nimmt Morton Silkline die Sonderwünsche seiner ungewöhnlichen Kunden – Vampire, Zombies und schließlich Außerirdische – mit einem schönen Scheck gern entgegen.

– |Kleines Mädchen verschwunden| (Little Girl Lost): Was tun ratlose Eltern, wenn sich im Kinderzimmer ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auftut und die kleine Tochter verschluckt?

– |Die Puppe, die alles kann| (The Doll That Does Everything): Der ideale Spielkamerad für ihren hyperaktiven Sprössling scheint für Ruthlen und Athene Beauson ein robuster Roboter im Kleinkind-Format zu sein. Aber Beauson jr. schafft sogar dieses Wunderwerk der Technik. Allerdings kontern die geplanten Eltern mit einer mehr als unerwarteten Reaktion …

– |Der letzte Tag| (The Last Day): Und ein drittes Mal geht die Welt unter. Auch wenn dieses Mal ein Riesenmeteor aus dem All das Ende bringt, wird es erneut von den bekannten tragischen und dramatischen Menschenschicksalen begleitet.

Diese Sammlung von 13 Kurzgeschichten ist fast ein halbes Jahrhundert alt sind, was man ihr teilweise auch anmerkt, während es andererseits die Wirkung der Storys überhaupt nicht beeinträchtigt. Denn der Autor ist Richard (Burton) Matheson, ein Altmeister der Phantastik, der sich hier in der konzentrierten Form als derselbe fabelhafte Geschichtenerzähler erweist, als den ihn auch die jüngeren Leser als Verfasser der Vorlagen für berühmte Filme wie “I Am Legend” (1954; dt. “Ich, der letzte Mensch” bzw. “Ich bin Legende”; eine neue Verfilmung mit Will Smith in der Hauptrolle ist in der Vorbereitung) und “The Incredible Shrinking Man” (1956; dt. ["Die seltsame Geschichte des Mr. C")]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1203 kennen gelernt haben.

Die 1950er Jahre waren eindeutig Mathesons große Zeit. “Der letzte Tag” fördert die Bewunderung, die man einem Mann zollt, der in den Jahren vor und nach seinem dreißigsten Geburtstag scheinbar mühelos phantastische Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher schuf, die nicht nur jederzeit unterhalten, sondern durch ihren psychologischen Tiefgang beeindrucken.

“Der letzte Tag” belegt darüber hinaus die mühelose Verquickung von Science-Fiction und Horror, die ein Markenzeichen Mathesons geworden ist. Die Plots selbst sind quasi von nebensächlicher Bedeutung. Sie greifen auf und spielen durch, was nicht nur in der Phantastik die Menschen (primär US-amerikanischer Provenienz) in der Ära des Kalten Krieges beschäftigte. Mit “Rezept zum Überleben”, “Der Tag ist aus” und “Der letzte Tag” beschäftigt sich Matheson gleich dreimal mit der drohenden Präsenz der Atombombe (auch wenn sie in der Titelgeschichte als Naturkatastrophe auftritt). Die technische Seite ist ihm dabei völlig gleichgültig; mit “Hard Science Fiction” hatte Matheson niemals etwas am Hut. Stattdessen steht der Mensch im Mittelpunkt. Anders als viele seiner noch heute gerühmten Schriftsteller-Kollegen meistert Matheson die schwierige Aufgabe, Figuren zu schaffen, die in einer imaginären Welt nicht nur funktionieren, sondern jederzeit überzeugen, so dass man Anteil an ihrem Schicksal nimmt.

Diese besondere Qualität sichert Mathesons Geschichten ihre Wirkung auch dort, wo sie von der Zeit inzwischen definitiv eingeholt wurden. “Steel” beschreibt beispielsweise eine Zukunft, die in allen Aspekten bereits Vergangenheit ist. Sie überlebt jedoch als intensive Studie eines Mannes, der in einer Traumwelt lebt und bereit ist, dafür buchstäblich sein Leben einzusetzen. Ebenso geht es dem sozial geächteten Vampir-Novizen Jules in “Der Vampir”. Schließlich ist auch “Das neugierige Kind” Realhorror pur; die Brillanz, mit der Matheson hier beschreibt, wie sich der menschliche Verstand Stück für Stück auflösen kann, entschuldigt sogar das völlig missglückte Ende, das offenbar einer Geschichte angeklebt wurde, das sonst die geistig Armen unter den Lesern überfordert hätte.

Wohl die beste Erzählung dieser Sammlung ist “Die Prüfung”, eine Geschichte, für die man sich nicht scheuen sollte, das verpönte Adjektiv “ergreifend” zu verwenden. Ohne Sentimentalität, aber auch grimmig und ohne den Leser zu schonen, macht Matheson klar, dass Unmenschlichkeit nicht unbedingt als offene Gewalt auftreten muss, sondern sich auch darin manifestiert, wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die “überflüssig”, weil alt geworden sind. Matheson stellt Fragen, die heute womöglich noch aktueller als 1957 sind, und er stellt sie offen und lässt bei der Antwort keine Ausflüchte zu!

Aber diese Kollektion gibt ihrem Publikum ohnehin oft Gelegenheit, sich darüber zu wundern, was Phantastik schon immer sein und leisten konnte, wenn sich Autoren mit Talent und nicht nur Schreibautomaten dem Genre widmeten. “Die Puppe, die alles kann” ist beispielsweise nur scheinbar eine parodistische Parabel auf die trotz aller Hightech-Wunder sehr vertraute Welt der Zukunft. Im letzten Satz nimmt die Geschichte völlig unerwartet eine Wendung ins Tiefschwarze, die man einem Autoren der bleiern-zwangsidyllischen Eisenhower-Epoche nicht zugetraut hätte.

“Das Wesen” und “Kleines Mädchen verschwunden” sind routinierte, aber spannende Geschichten, wie sie schon eher in die 50er Jahre passen. Sie stützen sich auf eine Idee, weniger auf ihre Figuren, und bieten einfach “nur” gute Unterhaltung! (Hat Steven Spielberg sich an “Kleines Mädchen verschwunden” erinnert, als er “Poltergeist” kreierte?) “Eine unmögliche Geschichte” und “Die Totenfeier” sind dagegen formal wie inhaltlich tüchtig angestaubt und wirken wie nie realisierte, da zu aufwändige Episoden des TV-Klassikers “Twilight Zone”, für den Matheson tatsächlich schrieb.

Angesichts der in “Der letzte Tag” unter Beweis gestellten Qualitäten ist es kaum verwunderlich, dass Mathesons Werke aus einer nun schon fünfzig Jahre währenden Karriere immer wieder gern aufgegriffen bzw. verfilmt wurden; nicht selten sogar mehrfach. Leider war der Schriftsteller Richard Matheson nie so produktiv wie der Autor für Film und Fernsehen. Vielleicht ist das der Grund, dass man ihn im angelsächsischen Kulturraum schätzt und in Ehren hält, während er in Deutschland kaum bekannt ist. Hier hatten die Freunde des Unheimlichen in den vergangenen Jahren nur zufällig das Glück, des einen oder anderen Matheson-Titels habhaft zu werden: “A Stir of Echoes” (1958; dt. ["Echoes - Stimmen aus der Zwischenwelt")]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=505 und “What Dreams May Come” (1978; dt. “Hinter dem Horizont”) wurden z. B. nur als “Bücher zum Film” auch hierzulande (endlich) veröffentlicht. Ansonsten gilt es, viel antiquarische Sucharbeit zu leisten, möchte man die wenigen älteren deutschen Ausgaben ergattern. Der Lektüregenuss lohnt den Aufwand.

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