McCollum, Michael – Größere Unendlichkeit

Duncan MacElroy hat nicht gerade das Glückslos gezogen: Als einziger Student darf er in den Semesterferien das Wohnheim hüten, alle anderen sind verreist. Zu allem Überfluss findet gerade jetzt auch noch eine Science-Fiction-Convention statt und das Bier geht mitten im Streitgespräch der UFO-Beobachter aus.

Duncan wird kurzerhand zusammen mit der gänzlich unattraktiven Jane Dugway zum Bierholen geschickt!

Dass ihn dabei ein Neandertaler mit einem hochmodernen Blaster unter Beschuss nimmt und Jane dem Angreifer mit einer absonderlich leuchtenden Waffe mit Glaslauf ein kreisrundes Loch durch die Brust brennt, hält er zuerst für einen Traum. Als sie ihm dann erklärt, ein Dalgiri oder Quasimensch hätte sie angegriffen und sie hätte dem Toten eine Bakterienkultur in den After injiziert, um ihn innerhalb weniger Stunden restlos aufzulösen, ist er zutiefst erschüttert. Da aber alle Bierflaschen noch im Kasten sind und er vollkommen nüchtern ist, akzeptiert er das Unglaubliche und hilft Jane …

Jane Dugway entpuppt sich als Agentin der Zeitwache. Als Jana Dougwaix aus der Talador-Zeitlinie der Erde ist sie alles andere als unattraktiv und weiht ihn in die Geheimnisse der Parazeit-Portale ein. Die Zeitwache ist eine Mischung aus Armee und Geheimdienst einer 32 Zeitlinien umfassenden Konföderation, die in ständigen Konflikt mit dem Dalgiri-Imperium steht, das ebenfalls zahlreiche Zeitlinien beherrscht. Allerdings sind die Dalgiri Neandertaler-Abkömmlinge, während die Zeitwache sich aus Nachkommen der Cro-Magnon-Menschen rekrutiert. Durch dauerhaft stabile oder sich nur temporär öffende Parazeit-Portale kann man zwischen verschiedenen Zeitlinien der Erde reisen.

Gewöhnlicherweise sind diese anderen Zeitlinien der eigenen sehr ähnlich, je entfernter und exotischer die Entwicklung dieser Zeitlinie von der eigenen verlaufen ist, desto seltener sind stabile oder auch nur temporäre Portale. Das Neandertaler-Imperium der Dalgiri erobert rücksichtslos Zeitlinien der Menschen, aber auch die Zeitwache geht nicht gerade zimperlich vor, wenn es darum geht, sich die Erkenntnisse einer anderen Zeitlinie oder gar die gesamte Welt dieser Zeit anzueignen.

Das „Europo-Amerika“ Duncan MacElroys, unsere Welt, nimmt eine Schlüsselrolle in diesem Konflikt ein: Trotz aller Hochtechnologie hat die Zeitwache keine interplanetare Raumfahrt entwickelt! Warum auch, denn alles, was man benötigt, findet sich schließlich in anderen Zeitlinien der Erde – wozu zu den Sternen reisen? Das Apollo-Programm stellt für die Zeitwache eine große Hoffnung dar, denn die Dalgiri haben einen gewaltigen Vorsprung in der Raumfahrt und greifen vom Mond aus Ziele in sicher geglaubten Zeitlinien an!

_Willkommen in der Parazeit_

Der 1946 in Phoenix, Arizona, geborene Michael McCollum dürfte deutschen Lesern vor allem durch den kürzlich neu aufgelegten Sammelband der Antares-Trilogie, [„Der Antares-Krieg“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=601 bekannt sein. Während seiner Berufslaufbahn arbeitete der Ingenieur McCollum an Teilen des Space Shuttle, der ISS sowie an Fernlenkraketen und an zahllosen Flugzeugtypen.

Seine Liebe zum Detail hinsichtlich physikalischer und technologischer Fakten merkt man ihm in diesem Frühwerk („A greater Infinity“ erschien bereits 1982) allerdings nicht so sehr an wie in den später erschienenen Antares-Romanen (1986, 1987 und 2003). Freche Details wie ein wie Leonid Breschnjew grinsender Neandertaler oder attraktive Zeitwache-Agentinnen mit wohlgerundeten Po-Backen, die explizit darauf hinweisen, dass für die Zeitwache kein Zölibat gilt, fielen wohl einer gewissen Routine zum Opfer.

Im Gegensatz zum Antares-Krieg ist diese Geschichte auch bedeutend kürzer, 220 recht groß gedruckte Seiten im Gegensatz zu knapp 1.000, allerdings wirkt sich das auf die Handlung positiv aus: Es geht rasant und abwechslungsreich zur Sache, von der Erde zur Zeitwache bis in eine mittelalterliche Zeitlinie, Kämpfe mit den Dalgiri auf Erde und Mond sowie zahlreiche Affären MacElroys mit Schönheiten aus anderen Zeitlinien werden geboten.

McCollum schöpft hier aus dem Vollen; gewisse Ähnlichkeiten zum späteren Antares-Krieg sind zu erkennen, zum Beispiel der unversöhnliche Kampf zweier Spezies, an dessen Ende eine mögliche friedliche Koexistenz steht. Ebenso der Hinweis auf die unbekannte Zivilisation X, die andere Zeitlinien beherrscht, am Ende des Romans – der gemeinsame Gegner, dem sich Dalgiri- und Normalmenschen stellen müssen?

Die sehr gut gelungene Übersetzung von Dirk van den Boom hebt das Lesevergnügen, so wirkt das Frühwerk McCollums in der deutschen Fassung seltsamerweise sprachlich versierter als der spätere Antares-Krieg! Einige Wermutstropfen gibt es dennoch: Die Geschichte ist sehr kurz und das Ende eher offen, kein wirklicher Abschluss. Für wirklich tiefer gehende Charakterisierungen bleibt keine Zeit, allerdings stellten diese nie wirklich eine Stärke McCollums dar, so dass man das wohl verschmerzen kann.

Problematischer ist die These McCollums: Die Möglichkeit von Parallelzeiten und Zeitreisen soll tatsächlich das Interesse an der Raumfahrt zum Erliegen bringen? Kurioserweise aber gerade nicht in der Zeitlinie MacElroys. Leider zeigt sich auch, dass dieser Roman eher eine Ideensammlung ist, zugegebenermaßen faszinierender Ideen, aber der Plot wirkt zusammengestückelt und ist nicht wirklich durchdacht oder originell.

Dafür allerdings kurzweilig und unterhaltsam, mit dem nötigen Pep, der späteren umfangreicheren Werken McCollums gut getan hätte! Lobenswert ist auch das Titelbild: Der Zeichner hat sich die Mühe gemacht, eine wirklich im Roman vorkommende Szene darzustellen. Eine echte Seltenheit, nicht nur in der Science-Fiction. Wer ideenreiche Science-Fiction liebt, wird von Michael McCollum nicht enttäuscht werden.

http://www.atlantis-verlag.de/

Schreibe einen Kommentar