McDermid, Val / Stricker, Sven – Lied der Sirenen, Das (Hörspiel)

_Neues Ermittlergespann für Britenkrimi: der verhängnisvolle Gesang der Sirene_

Vier Männer werden in Bradfield tot aufgefunden, alle vor ihrer Ermordung auf das Grausamste gefoltert und verstümmelt. Als der Profiler Tony Hill zum Ermittlungsteam von DCI Carol Jordan hinzugezogen wird, gerät er plötzlich selbst ins Visier des Wahnsinnigen und muss ein ganzes psychologisches Können aufbieten, um sein Leben zu retten.

Der Krimi gewann den Gold Dagger Award für den besten Kriminalroman des Jahres 1995.

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association. (Verlagsinfo)

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[„Echo einer Winternacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703 (Hörbuch)
[„Der Erfinder des Todes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602 (Hörbuch)
[„Das Lied der Sirenen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498 (Buchausgabe)

_Die Rollen und ihre Sprecher_

Erzähler: Heikko Deutschmann
Erzählerin: Leslie Malton
Tony Hill: Boris Aljinovic
Carol Jordan: Florentine Lahme
John Brandon: Felix von Manteuffel
Tom Cross: Peter Kaempfe
Don Merrick: Bjarne Mädel
Kevin Matthews: Andreas Fröhlich
Angelica: Marie-Lou Sellem
Penny Burgess: Anna Carlsson
Stevie McConnell: Stephan Szasz
Ian: Sebastian Kuschmann
Fraser Duncan: Gerd Grasse

Regie führte Sven Stricker, Jan-Peter Pflug lieferte die Musik, die Technik steuerte Kay Poppe im Studio Basis Berlin der On Air Studios, Berlin.

_Handlung_

Detective Inspector Carol Jordan steht neben Detective Sergeant Don Merrick im Regen und starrt auf die grausam verstümmelte Leiche eines Kollegen: Sie weiß es noch nicht, aber es handelt sich um Damian Connolly. Dies ist schon die vierte derart verstümmelte Männerleiche in Bradfield, und immer am Montag taucht alle acht Wochen so eine auf. Connolly wurde zwischen Müllcontainern hinter der Schwulenbar „Queen of Hearts“ gefunden. Gegenüber liegen Künstlerateliers. Hat keiner was gesehen?

Jordans Ermittlergruppe wird zum Versuchskaninchen für die Anwendung der Theorien von Profiler Tony Hill gemacht. Das schmeckt nicht jedem, aber Jordan ist bereit, es mit Hills Serientätertheorien zu versuchen. Vielleicht kommen sie ja damit weiter. Tom Cross hingegen hält nichts von Hills Methode, und das wird zu tragischen Konsequenzen führen.

Während Jordan und Hill die vier Fälle durchgehen, kommen sie einander näher, denn beide sind ledig. Als sie ihn einmal besucht und eine Frau mit einer verführerischen Stimme auf seinen Anrufbeantworter spricht, ist sie peinlich berührt und will gehen, weil sie nicht in sein Privatleben eindringen will. Er wehrt ab, denn bei der Frau, mit der er Telefonsex hat, handle es sich um ein wissenschaftliches Projekt. Er sagt nicht, dass es für ihn auch eine Therapie seiner Erektionsprobleme darstellt. Das sagt er ihr erst, als alles vorüber ist.

Als Don Merrick in einer Sadomaso-Bar einen Typen ablehnt und von einem anderen angesprochen wird, wird dies zu einem Durchbruch. Fitnesstudiobetreiber Stevie behauptet, er habe alle vier Opfer gekannt; da sie alle nicht schwul waren, halte er die Morde für „Betriebsunfälle“. Na, so was. Ist er vielleicht der Schwulenkiller, den die Sensationspresse „Handy Andy“ getauft hat? Kaum hat Don mit Stevie das Lokal verlassen, um ihn aufs Revier zu nehmen, wird er jedoch von hinten niedergeschlagen.

Zum Glück sind Kollegen ganz in der Nähe, die sowohl den Angreifer als auch Stevie festnehmen. In der Vernehmung sieht es immer schlechter aus für Stevie, und die Durchsuchung seiner Wohnung fördert noch mehr belastendes Material zutage. Dabei wollte er der Polizei doch bloß helfen. Assistant Chief Constable Brandon lässt ihn frei, weil die Beweise nicht ausreichen.

Tom Cross ist schwer frustriert und wird sogar suspendiert. Er ist sicher, „Handy Andy“ erwischt zu haben, und sagt dies auch gegenüber einer Sensationsreporterin: Eine Herausforderung an den wahren Killer, falls es ihn gibt. Nach einem Fluchtversuch kommt Stevie in U-Haft und wird dort vergewaltigt.

Eine fünfte Leiche taucht auf, die sich als Werk eines Trittbrettfahrers erweist. Die Lage in Bradfield gerät offenbar außer Kontrolle. Unterdessen sieht Stevie McConnell nur noch einen Ausweg, Jordan erzielt einen Durchbruch und Tony Hill erhält überraschenden Besuch von der verführerischen Frau am Telefon: Angelica will jetzt mehr als nur mit ihm reden …

_Mein Eindruck_

In diesem Krimi führt die bekannte britische Autorin das Gespann Carol Jordan und Tony Hill erstmals zusammen. Und die beiden erweisen sich als äußerst effektiv in ihrer Zusammenarbeit. Zudem kommen sie sich auch privat recht nahe, doch Tony Hill ist kein einfacher Charakter, er verbirgt etwas vor ihr. Nicht nur wird er als empfindsamer Mensch (wie wir alle) dargestellt, sondern auch noch mit einer verhängnisvollen Neigung: Telefonsex. Er ist keineswegs süchtig, doch was die Dame Angelica ihm bietet, ist zu gut, um es ablehnen zu können. Dass er bereits auf ihr „Lied der Sirenen“ hereingefallen ist, bemerkt er leider zu spät. Mehr darf nicht verraten werden.

Carol hat von ihm den Tipp bekommen, dass der wahre Täter – und nicht etwa Stevie McConnell – etwas mit Computern und Kommunikationselektronik zu tun haben könnte. Zum Glück ist Carols Bruder Michael einschlägig vorbelastet und vermittelt entsprechende Kontakte. Es geht um ein interessantes Spiel namens „3D Discovery“, bei dem der Spieler die Köpfe der Figuren durch Fotos von realen Personen ersetzen kann. Cool, nicht wahr? Doch wenn diese Personen bereits getötete Opfer sind, erhält das Spiel seinen ganz eigenen, makaberen Charakter.

Die Autorin zeichnet sich durch ein besonders tiefes Verständnis für die Polizeiarbeit aus, wie sie schon mehrfach bewiesen hat. Diesmal zeigt sie, wie sich bestimmte Polizisten so in eine falsche Annahme verrennen und auf einen falschen Verdächtigen festlegen können, dass nicht nur die Arbeit der Cops behindert wird, sondern auch ein Unschuldiger zu Tode kommt. Die (sehr realistisch dargestellten) Schreie des vergewaltigten Stevie McConnell hätten verhindert werden können, wenn gewisse Cops nicht so stur gewesen wären – oder wenn der Druck der Öffentlichkeit geringer wäre.

Hier spielen die Medien eine ganz besondere Rolle. In ihrer Jagd nach einer heißen Story übt die Reporterin Penny Burgess nicht nur Druck auf die Polizeiführung aus, sondern interviewt auch die Leute mit der falschen Meinung. Sie scheut sich auch nicht, mit Cops ins Bett zu gehen. Dabei erfährt sie dann auch noch, wie die Polizeiführung die Presse an der Nase herumführt. Prächtig! Dass Penny Burgess davon nicht entzückt ist, kann man sich denken. Leider ist ihre Arbeit alles andere als konstruktiv bei der Auffindung des wahren Täters. Ja, perfiderweise gibt sie auch noch einem Trittbrettfahrer den nötigen Vorwand, um einen Mord einem anderen in die Schuhe zu schieben.

Die Handlung gipfelt in einer packenden Szene, in der Tony Hill alle seine kunstvolle Psychologie aufbieten muss, um seinen Hals zu retten. Denn Angelica ist eine Sirene, die wie in Homers Odyssee auf einer Insel lebt, die mit Knochen bedeckt ist …

|Der Sprecher|

Die Sprecher gehören teils zur vordersten Riege der deutschen Synchronsprecher und haben sich vielfach bereits als Hörbuchsprecher hervorgetan. Dazu gehören Boris Aljinovic, Andreas Fröhlich, Heikko Deutschmann und Felix von Manteuffel. Ich habe auf ihre Biografien aus Platzgründen verzichtet, aber der Interessierte findet diese im eingehefteten Booklets des Hörbuchs. Florentine Lahme ist für mich ein unbeschriebenes Blatt, sie spielte aber in der TV-Serie „GSG9 – Die Eliteeinheit“, in „Keinohrhasen“ und steht offenbar vor ihrem internationalen Durchbruch. Leslie Malton ist hingegen eine bekannte Schauspielerin.

Während die zwei Erzähler – ein ungewöhnliches Doppelgespann – sich auf möglichst sachliche Szenenübergänge beschränken, müssen die Sprecher die Szenen tragen. Besonders im Gedächtnis blieben mir Andreas Fröhlich als der heimtückische Cop Kevin Matthews, der Ermittlungserfolge und -taktik an die Sensationsreporterin Penny Burgess verrät, und natürlich der Sprecher des Tony Hill, Boris Aljinovic. Letzterer hat sowohl die offiziöse Seite des Profilers darzustellen als auch die private Seite eines Mannes mit Erektionsproblemen und einer Zuneigung zu starken Frauen wie Carol Jordan.

Die Stimme der Sprecherin von Carol Jordan, Florentine Lahme, fand ich für diese Rolle zu hoch, aber das ist reine Geschmackssache. Schließlich besagt die Figurenbeschreibung ausdrücklich, dass Carol Jordan (in Tony Hills Augen) sowohl schön als auch intelligent und durchsetzungsfähig sei.

|Geräusche|

Die meisten Geräusche sind realistisch, so etwa der häufige Regen, die zahlreichen Türen und Handys sowie die Kneipengeräusche. Entsprechend der Räumlichkeit verändert sich auch der Hall der Stimmen. In einer Zelle klingen Stimmen anders als in einem Konferenzraum oder einer Kneipe. Dieses Feature findet man nicht oft so professionell gehandhabt wie hier.

|Musik|

Die Musik untermalt die wichtigsten Szenen lediglich, sie hat also keine Funktion, in der Pause zwischen Szenen aufzulockern. Nein, sie ist so unaufdringlich, dass man sie kaum registriert. Und doch ist sie kein einfacher Hollywood-Score mit Geigenschmalz oder abgewandelte Jazzmusik, sondern völlig modern in Instrumentierung und Rhythmus. Einem Genre kann ich sie nicht zuordnen, so eigenständig hat Jan-Peter Pflug sie komponiert.

_Unterm Strich_

Die Handlungsbeschreibung klingt nicht so, als ginge es hier um etwas Weltbewegendes, doch der Eindruck täuscht. Es geht um eine Art Justizirrtum, dem ein Unschuldiger zum Opfer fällt. Die Ermittlungen in der Randgruppe der Homosexuellen und Sadomasos fordert die Cops ganz besonders heraus, auch im physischen Einsatz. Mit einem sehr ungewöhnlichen Täter führt die Autorin nicht nur die Cops lange an der Nase herum.

Und in diesem Krimi führt die Autorin erstmals das erfolgreiche Ermittlergespann Tony Hill, seines Zeichens Profiler, und Carol Jordan, die taffe und aufstrebende Polizistin, zusammen, nicht nur beruflich, sondern auch privat. „Tony Hill“ bekam im britischen Fernsehen mit „Die Methode Hill“ eine eigene Fernsehserie, die auch bei uns erfolgreich im ZDF lief.

|Das Hörspiel|

Das Hörspiel ist von Profis inszeniert worden, mit realistischen Geräuschen und einer unaufdringlichen Musik unterlegt und von erfahrenen Sprechern vorgetragen. Besonders Andreas Fröhlich und Boris Aljinovic haben mich beeindruckt. Als Angelica ist mir auch Marie-Lou Sellem im Gedächtnis geblieben. Sie hat eine verführerische Stimme, die aber auch gefährlich klingen kann.

Eigentlich sollte klar sein, dass bei einem gut zweistündigen Hörspiel jede Menge Originaltext unter den Tisch gefallen sein muss. So etwa sind die Ermittlungsergebnisse stark komprimiert und meist nur eine einzige Zeile wert. Das könnte als Hauruck-Methode interpretiert werden, aber in Wahrheit kann man einen Krimi nicht so lange auswalzen wie etwa ein Historiendrama. Und wem dies zu kurz ist, der kann ja zur Lesung greifen.

Fazit: ein Volltreffer.

|Originaltitel: The Mermaids Singing, 1995
Aus dem Englischen übersetzt von Manes H. Grünwald
129 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 978-3-86717-261-5|
http://www.val-mcdermid.de
http://www.valmcdermid.com
http://www.hoerverlag.de

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