McGowan, Kathleen – Magdalena-Evangelium, Das

_Bibelrevision reloaded: Pilatus war ein Ehrenmann!_

Wer war Maria Magdalena, die angebliche Sünderin? Diese Frage stellt sich Maureen Paschal, eine junge amerikanische Journalistin, die sich offenbar durch nichts erschüttern lässt. Bis zu dem Tag, als ihr eine verschleierte Frau erscheint und sie über den Abgrund der Zeit hinweg um Hilfe bittet. In ihrer Faszination rührt Maureen an ein altes Geheimnis. Ein Vermächtnis, für das tausende Menschen gestorben sind. Und getötet haben. Das Vermächtnis ist ein in den Pyrenäen verborgener, einzigartiger Schatz. Und nur eine ganz besondere Person kann ihn heben. Ist Maureen die Verheißene?

_Die Autorin_

Kathleen McGowan, geboren in Hollywood, Kalifornien, wurde bereits als Teenager für ihre journalistischen Arbeiten ausgezeichnet. Mit 21 Jahren ging sie als Reporterin nach Nordirland. In den folgenden Jahren bereiste sie Europa und den Nahen Osten und studierte die Mythologie und Folklore der Alten Welt. Nach ihrer Rückkehr in die USA arbeitete sie für die „Irish News and Entertainment“ und später für die Walt Disney Corporation. Über ihre Reisen drehte sie – wie ihre Figur Tamara Wisdom – eine Dokumentarreihe. Sie ist mit dem irischen Folksänger Peter McGowan verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.

_Die Sprecherin_

Ursprünglich sollte Franziska Pigulla als Sprecherin vorlesen. (So steht’s in der Programmvorschau für den Herbst 2006.) Sie sprang jedoch ab und Eva Mattes für sie ein. Mattes, Jahrgang 1954, steht seit 1965 vor der Kamera, seit 30 Jahren auf der Bühne. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder prägte ihre Karriere. Für ihre Leistungen wurde sie mit dem Filmband in Gold, dem Bayerischen Filmpreis sowie der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet. Ihre erste Filmrolle spielte sie als Zehnjährige in »Dr. med. Hiob Prätorius«, 1970 folgte die erste Hauptrolle im Antikriegsfilm »o.k.«. Weitere wichtige Filme sind u.a. »Woyzeck« (1979, W. Herzog), »Céleste« (1981), »Das Versprechen« (1994) und »Schrei der Liebe« (1997). Seit 2001 spielt sie die Tatort-Kommissarin Klara Blum.

Sie liest eine von Dr. Arno Hoven gekürzte Romanfassung. Regie im Live-Live Studio, Berlin, führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme erfolgte durch Horst-Günter Hank, der zusammen mit Dennis Kassel auch die Musik lieferte. Die Produktion oblag Marc Sieper.

_Handlung_

PROLOG. Man schreibt das Jahr des Herrn 72, und im Süden Galliens macht sich eine alte Frau daran, ihre Erinnerungen an die gute Zeit niederzuschreiben, als sie noch mit ihrem Mann Isa in Galiläa lebte. Doch inzwischen sind die meisten der Auserwählten, die Jeschua, dem Nazarener, nachfolgten, tot. Ihr Isa starb auf Golgatha, Petrus und Paulus wurden nach Rom verschleppt. Schon seit 40 Jahren, seit ihrer Flucht aus Jerusalem, lebt die alte Frau in dieser Höhle in den Pyrenäen. Sie wartet auf ihre Tochter Sara Tamar, denn ihre beiden Söhne sind schon längst fort, um ihrer eigenen Wege zu gehen. Nachdem sie sich entschieden hat, ob sie in Aramäisch, Isas Sprache, oder Griechisch formulieren soll, beginnt die alte Frau zu schreiben, von Judas, dem treuesten der zwölf Apostel, von Petros und all den anderen. Es ist „Das Buch der Jünger“. Danach wird sie das „Buch der dunklen Zeit“ beginnen.

PROLOG 2. Im Marseille des Jahres 1997 blickt Roger Bernard Gélis dem Tod ins Auge. Der Hüter eines Schatzes und Hirte einer geheimen Gemeinde aus dem südfranzösischen Languedoc findet ein grausames Ende. Männer, die sich „die Gerechten“ nennen, schlagen ihm den Kopf ab und rufen „Necate omnes – tötet sie alle!“ Genau wie ihre Ordensbrüder vor fast 800 Jahren in Bézieres, als sie die Katharer vernichteten.

|Haupthandlung.|

Im Herbst des gleichen Jahres wandelt Maureen Paschal, eine junge amerikanische Journalistin aus Louisiana, in Jerusalem an den Stationen des Kreuzweges, der Via Dolorosa, entlang. Doch an der achten Station verirrt sie sich (hier wandte sich Jesus an die Frauen) und fragt einen einheimischen Händler, der gerade seinen Antiquitätenladen öffnet, nach dem rechten Weg. Mahmud tut sogar noch mehr: Er schenkt ihr einen uralten Ring, der Maureen wie angegossen passt. Auf dem Ring sind neun kleine Kreise eingraviert.

Zurück auf der Via Dolorosa, wird ihr jedoch schwindelig und sie setzt sich auf eine Bank. Eine Art Verschiebung ihrer Wahrnehmung findet statt, so dass sie glaubt, das, was sie nun sieht, sei eine Vision: Sie erblickt eine rothaarige Frau mit haselnussbraunem Haar, die aus dem Mob des Kreuzweges wie eine Königin herausragt, doch ihr Gesicht ist von Schmerz verzerrt: „Du musst mir helfen!“ ruft sie. An ihrer Seite laufen zwei ihrer Kinder, das dritte wartet bereits in ihrem Schoß.

Maureen erwacht mit einem Ruck. Wer war die schöne Frau? Und warum folgte sie Jesus auf seinem letzten Gang, nach Golgatha, der Schädelstätte?

In der Grabeskirche zieht ein kleiner Mann Maureen beiseite, um ihr ein Bild an der Wand zu zeigen. Dies sei Maria Magdalena, sagt er, und genau wie sie, Maureen, trage sie den Ring mit den neun Kreisen. Maureen ist verwirrt und vertraut sich ihrem Cousin Peter Healey an, einem Jesuitenpater, den sie in Irland kennen gelernt hat. Seit ihr Vater sich das Leben genommen hat, ist Peter ihr größter Beschützer in dieser gewalttätigen Welt.

Als ihre Visionen nicht enden, sondern wiederkehren, muss sie sich mit diesem seltsamen Schicksal auseinander setzen. Sie schreibt über Maria Magdalena ein Buch, das zu einem Bestseller wird: „HERstory“ (statt „HIStory“). Darin enthüllt sie die Geschichtsfälschungen um die negativsten Frauengestalten, darunter Jeanne d’Arc und Maria Magdalena, die „reuige Sünderin“. Doch Magdalena (von hebräisch migdal eda: der Turm der Herde) wurde von einem Papst diffamiert, um seine politischen Ziele zu fördern. Wer war sie in Wirklichkeit? So wie Jeschua, der Nazarener, aus dem Hause König Davids stammte, so war auch sie eine Prinzessin – sie kam aus dem Hause des Königs Saul. Sie waren miteinander verlobt, doch etwas Schlimmes muss geschehen sein …

Unterdessen findet ihr Buch seinen Weg auch nach Südfrankreich. Dort entgeht den scharfen Augen von Beranger Sinclair und Roland Gélis, dem Sohn des anno 1997 Ermordeten, nicht, dass die Amerikanerin auf dem Foto einen heiligen Ring trägt. Es ist das Erkennungsmerkmal der Nachfolgerin Maria Magdalenas, von der Sinclair seine eigene Abstammung herleitet. Ist also Maureen Paschal die verheißene Hirtin des Schatzes, den die echte Maria Magdalena in den Bergen des Languedoc versteckt hat: ihr eigenes Evangelium und dasjenige, das Jesus selbst schrieb? Er beschließt, sie für die Sommersonnenwende 2006 nach Paris und auf seinen Stammsitz im Languedoc einzuladen.

„Necate omnes!“ lautet der Schlachtruf und das Motto des „Ordens der Gerechten“, der Johanniter, geschworene Feinde der Diener jener „Hure“, die als Maria Magdalena bekannt wurde. Schon einmal zogen sie im 13. Jahrhundert gegen die Hurenjünger, die Katharer, und metzelten sie in Hekatomben nieder. Doch nun reckt die alte Schlange wieder ihr Haupt empor. Diese Maureen Paschal trägt den verfluchten Ring der Metze!

John Simon Cromwell, das derzeitige Oberhaupt der „Gerechten“, sendet zwei Kundschafter aus, um die Chancen zu erkunden, wie die neue Verschwörung im Keim zu ersticken sei. Doch wenn die Amerikanerin ihn zum „Buch der Liebe“, dem Jesus-Evangelium, führen kann, umso besser. Danach ist sie nutzlos. Das Buch möge verbrannt werden, zusammen mit ihr …

_Mein Eindruck_

Die Frauen schlagen zurück, und wer könnte es ihnen verübeln. Dan Browns Bestseller [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1897 öffnete alle Schleusen für die Magdalena-Jünger, die fest davon überzeugt sind, dass Maria Magdalena nicht nur die rechtmäßig angetraute Gattin Jeschuas war, sondern obendrein auch die erste unter den zwölf Aposteln. Im Neuen Testament gehört sie zu den Frauen, die Jeschuas Leichnam nach seinem Kreuzestod ins Grab legten und salbten.

Was liegt näher als anzunehmen, dass sie selbst über jene kritischen Ereignisse in Jerusalem schrieb, als Pilatus seine Hände in Unschuld wusch, als er den nazarenischen Prediger den rachedurstigen Hohepriestern um Kaiphas und Jonathan Hannas übergab? Folglich schrieb sie das Evangelium nach Magdalena. Und bei McGowan hat es zwei Bücher: „Das Buch der großen Zeit“ (Das Buch der Jünger) und „Das Buch der dunklen Zeit“. Hier rückt die Autorin die titelgebende Frau an den Platz zurück, der ihr nach ihrer Meinung gebührt: als rechtmäßige Verwalterin von Jesu geistigem Erbe.

So wie sich Dan Brown auf den Bestseller „Der Heilige Gral und seine Erben“ stützte, so kann auch McGowan auf Quellenforschung zurückgreifen. Manche dieser Quellen hat der |Lübbe|-Verlag bereits veröffentlicht, andere Bücher sollen noch folgen. Diese Bücher braucht man aber nicht zu kennen, denn viele der relevanten Theorien und Erkenntnisse werden bereits im vorliegenden Roman dargelegt und erörtert. Das ist die Stärke, aber auch die Schwäche des Buches.

|Drei Ebenen|

Das Werk hat mindestens drei Ebenen. Da war einmal die oben skizzierte äußere Handlung, die Maureen Paschal von A nach B und noch viel weiter führt. Dieser Weg gleicht einem spirituellen Pilgerweg. Sie weiß es zwar nicht, doch der Weg – und das ist wörtlich gemeint – soll sie zur Entdeckung des Magdalena-Evangeliums in der Nähe von Arc führen.

Alle Diskussionen, Zweifel, Verwicklungen, Erörterungen und Offenbarungen, die Maureens Weg begleiten, lassen sich als zweite, als eine Meta-Ebene zusammenfassen. Sie dient dazu, Maureen als die Verheißene in ein konfliktreiches soziales und spirituelles Umfeld einzubetten. Schließlich passiert es einer Frau nicht jeden Tag, zur Hohepriesterin einer Jahrtausende alten Sekte gekürt zu werden.

Die Ebene Nummer drei finde ich persönlich am interessantesten: Sie wird durch das Magdalena-Evangelium selbst gebildet. Der Jesuit Peter Healey, Maureens Cousin, hat die beiden von ihr gefundenen Schriftrollen in nächtelanger harter Arbeit aus dem Griechischen übersetzt und sie einem erstaunten und erschütterten Publikum vorgetragen. Endlich wird die zentrale Rolle, die Magdalena spielte, sichtbar. Und über das, was sie über Jeschuas letzte Tage berichtet, herrscht fortan nicht der geringste Zweifel.

Ihre Behauptung, Judas Ischariot sei der treueste Apostel gewesen, als er Jeschua „verriet“, wird nun endlich verständlich. Noch erstaunlicher sind ihre Mitteilungen über die Hintergründe der Verschwörung der Hohepriester und der Johannes-Anhänger, um Jeschua ans Kreuz zu bringen. Statthalter Pontius Pilatus, dessen Frau Claudia Procula, eine bekehrte Christin, für Jeschua eintrat, wird zu einer historischen Gestalt von tragischer Größe. Egal, was er gewählt hätte – Freilassung Jeschuas oder seine Kreuzigung –, er wäre so oder so durch die Intrige Herodes Antipas’ gegen ihn zugrunde gegangen.

|Jeschua der Nazarener|

Was mir jedoch Bauchschmerzen bereitet, ist die Lichtgestalt, zu der Jeschua der Nazarener stilisiert wird. Schon klar: Er befand sich in einem spirituellen Wettstreit mit Johannes dem Täufer, dem „Lehrer der Gerechtigkeit“, und ist so als politische Figur erkennbar, doch leider behielten seine Gegner, die Essener des Johannes und die Hohepriester um Kaiphas, die Oberhand. Und da die Sieger immer die Geschichte nach ihrem Standpunkt schreiben, wurde sein Bildnis in ihren Schriften verfälscht. Da Johannes ein richtiggehender Frauenfeind war, lag seinen Anhängern auch viel daran, die Rolle der Frauen in der Nazarener-Bewegung Jeschuas zu diffamieren und in Misskredit zu bringen. So wurde aus Magdalena die „reuige Sünderin“, als die sie überall porträtiert wurde, und aus Salome, der Tochter des Herodes, ein „sündige Dirne“, die mit einem „Tanz der sieben Schleier“ (der von Magdalena legitimiert wird) lüstern ihren Vater bezirzte. Reiner Humbug!

Jeschua ist für mich zu schön, um wahr zu sein: Er die Lichtgestalt, zu der Magdalena, seine Frau nach dem Tode ihres ersten Gatten Johannes, aufblickt, und die sie wiederholt verklärt. Seine Lehre ist im Gegensatz zu der von Johannes eine der Liebe, Vergebung und Güte. Als Beleg dienen seine Heilungen, die er selbst bei den Besatzern, den Römern, vornahm. Ein besonders bewegendes Beispiel ist seine Heilung der Tochter des Hohepriesters Jairus von dem todesähnlichen Schlaf, in den sie gefallen war. Jeschuas Schicksal auf der Schädelstätte Golgatha ist natürlich an Dramatik nicht zu überbieten. Taschentücher bereithalten!

In der Gegenwart des Jahres 2006 ist die Reaktion auf die abweichlerischen Mitteilungen der Magdalena geteilt, wie man sich leicht denken kann. Und es erhöht die Spannung ganz beträchtlich, als Peter Healey eines Morgens sang- und klanglos mit den heiligen Schriftrollen verschwindet, um sie nach Paris zu seinen geheimen Auftraggebern zu bringen …

_Die Sprecherin_

Eva Mattes trägt die Geschichte mit angemessener Ausdrucksweise vor, doch etwas Merkwürdiges fiel mir auf: Dadurch, dass sie die arme Maureen, die von allen herumgeschubst und nur von einem Häuflein Aufrechter unterstützt wird, mit einer naiven Unschuldsstimme ausstattete, tritt Maureens hauptsächliche und recht bescheidene Rolle als Stichwortgeberin deutlich zutage. Will heißen: Sie spielt die Rolle des ahnungslosen Unschuldslammes, eine Novizin, die nun – stellvertretend für die Leserin bzw. Hörerin – in die höheren und ein wenig düsteren Mysterien um ihre Namenspatronin eingeführt wird. Ihre stets männlichen Mentoren (Tamara Wisdom hintergeht ja Maureen) reagieren prompt auf ihre vielen Stichwörter und beantworten alle ihre Fragen mit stets freundlicher Bereitwilligkeit. Offenbar wollen sie alle etwas von ihr – was könnte es wohl sein, fragt sich die Leserin bzw. Hörerin.

Zu den Enthüllungen der Mysterien, die zu den höheren Weihen führen, gehören im Text zahlreiche Zitate aus den beiden Büchern des Magdalena-Evangeliums. Alle diese Zitate sind mit einem leichten Halleffekt unterlegt, so dass sie leicht vom restlichen Text zu unterscheiden sind. Der Eindruck einer nicht nur stimmlichen, sondern auch zeitlichen Tiefe finde ich passend.

_Unterm Strich_

Wer Dan Browns „Sakrileg“ und den Schmöker „Die Erben des Heiligen Grals“ gelesen hat, wird sich in „Das Magdalena-Evangelium“ wie zu Hause fühlen. Sogar die Rosenlinie taucht hier wieder auf, führt durch die Pariser Kirche St. Sulpice (jetzt ein Wallfahrtsort amerikanischer Touristen, die den Da-Vinci-Code entschlüsseln wollen) und kreuzt – wer hätte das gedacht? – stracks durch das Dorf Arc, wo das Evangelium darauf wartet, entdeckt zu werden. Es verwundert nicht, dass die Rosenlinie nicht so bezeichnet, sondern – du ahnst es kaum – „Magdalenen-Linie“ genannt wird.

Weil die Autorin alle diese Ort so genau beschreibt, entsteht der Eindruck, dass sie sie alle persönlich besucht hat. Dass dies nicht unbedingt den Tatsachen entspricht, zeigt ein winziges, aber verräterisches Detail. Sie lässt Maureen die Alarmanlage ihres schlossähnlichen Domizils Château des Pommes Bleues deaktivieren. Da Maureen mit Magdalena den 22. März als Geburtstag teilt, kommt ihr als erstes dieses Datum in den Sinn. Sie schreibt es als Amerikanerin zuerst mit dem Monat und dann erst mit dem Tag, also: 322. Nur dass derjenige, der diese Alarmanlage einrichtete, höchstwahrscheinlich kein Ami war, sondern entweder Franzose oder Brite und das Datum folglich 223 geschrieben hätte. Hier überträgt die Autorin ihre eigene Kultur und hofft, dass die Franzosen schon so weit amerikanisiert sind, dass die Übertragung hinhaut. Jeder Franzose dürfte sich entrüstet abwenden. Bei den Briten bin ich mir inzwischen nicht mehr so sicher …

|Die Seelenreise der Pilgerin|

Der Mangel an äußerer Handlung und Action ist der wahren Natur des Buches geschuldet: Es handelt sich im Grunde um ein uraltes Genre, dem der spirituellen Entwicklung eines Pilgers. Dies konnte beispielsweise ein reuiger Sünder sein wie in John Bunyans „The Pilgrim’s Progress from this World, to that Which is to Come“ bzw. „Die Pilgerreise“, der 1678 erschien und sofort ein Bestseller wurde. Allerdings ist dieses Buch eine Seelenallegorie und für uns ziemlich unerträglich geschrieben. Was aber bestimmend übrig blieb, sind die vielen Erläuterungen, Belehrungen und sogar Verführungen. Auch physische Auseinandersetzungen kommen vor, genau wie bei McGowan.

John Bunyan mischt Heils-, Kirchen- und Seelengeschichte. Und wenn das Magdalena-Evangelium mit seinen Offenbarungen nicht das Heil der Christenheit – insbesondere ihres weiblichen Teils – verheißt, was dann? Magdalena wertet zahlreiche Geschichtsverfälschungen auf, genau wie Maureen es in „HERstory“ tut. Das Evangelium nach Magdalena lässt sich nur noch durch das Evangelium nach Jesus toppen. Es wird als „Das Buch der Liebe“ erwähnt. Vermutlich handelt es sich um den größten Schatz der Magdalenen-Jünger bzw. der Katharer, die es 1244 vor den Papsttruppen in Sicherheit bringen konnten – so die Legende.

|Fortsetzung folgt|

Dem Leser bzw. Hörer schwant es schon: „Das Magdalena-Evangelium“ ist nur der erste Band eines Zyklus. Der O-Titel stützt diese Befürchtung: „The Expected One“ ist lediglich „Book I of the Magdalene Line“. Das dicke Ende kommt also noch.

|Ob’s gefällt?|

Ich selbst kann mit mystisch-historischen Reiseberichten à la John Bunyan wenig anfangen, nicht so sehr wegen der beliebig herbeizitierten Beweise für Magdalenas und Maureens Rolle, als vielmehr wegen der fehlenden äußeren Aktion. Entwicklung findet in erster Linie im inneren Raum statt, und für Verräter und Spione kann das schon mal ins Auge gehen (Tamara und ihr Lover Derek). Aber das Château des Pommes Bleues zu einem Camelot des neuen Glaubens hochzustilisieren, finde ich schlicht lächerlich.

Letzten Endes entscheidet über das Buch nicht etwa der literarische Geschmack, sondern der Glaube der Leserin. Will sie diesen Schmarren akzeptieren oder nicht, ist keine Frage ihrer Vernunft, sondern ihrer mystischen Gläubigkeit. Dass Maureen in Graf Sinclair, diesem Gralsritter der Magdalena, nicht nur einen geistig-spirituellen Führer, sondern auch einen Liebhaber findet, dürfte romantische Frauenherzen schmachtend schmelzen lassen – und die Kasse der Autorin ins Nonstop-Klingeln versetzen.

|Originaltitel: The Expected One. Book I of the Magdalene Line, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rainer Schumacher & Barbara Först
463 Minuten auf 6 CDs|
http://www.luebbe-audio.de

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