Der Hexenfluch (Gruselkabinett 21)

Fluch oder nicht Fluch, das ist die Frage

Rhode Island, USA, 1962.

Der Rachedurst des Geistes der auf dem Scheiterhaufen verbrannten Hexe Katrina van Kampen ist auch nahezu dreihundert Jahre später noch nicht gestillt. In einer schaurigen Halloween-Nacht sehen sich die beiden letzten Nachkommen des damaligen Hexenjägers, zwei pensionierte Lehrerinnen, im beschaulichen Städtchen Newport einer tödlichen Gefahr gegenüber …

Der Autor

Über den Autor Per McGraup liefert auch sas Booklet keine Angaben. Aber es könnte sich um ein Pseudonym von Marc Gruppe handeln. McGraup ist demnach ein Anagramm.

Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Emily Harper: Edith Schneider (u. a. dt. Stimme von Doris Day, Ava Gardner, Maggie Smith, Tippi Hedren in „Die Vögel“)
Abigail Harper: Marianne Wischmann (Olivia de Havilland, ‚Miss Piggy‘, ‚Raquel Ochmonek‘ in „Alf“ und ‚Sylvia Fine‘ in „Die Nanny“)
Katrina van Kampen: Cathlen Gawlich (Jennie Garth, Amy ‚Fred‘ Acker in „Angel“)
Georgia Garrett: Anja Stadlober (Paris Hilton, Samaire Armstrong)
Junker Harper: Uli Krohm (Omar Sharif als ‚Monsieur Abrahim‘, Ghassan ‚Saladin‘ Massoud in „Königreich der Himmel“)
Junkerin Harper: Marianne Gross (Anjelica Houston, Cher, Meryl Streep)
Charlotte Andrews: Friedel Morgenstern (Abigail ‚Olive‘ Breslin in „Little Miss Sunshine)
Frederick Andrews: Daniel Werner
Liza Andrews: Melanie Hinze (Jennifer Love Hewitt, Rose McGowan in „Planet Terror“ & „Death Proof“)
Chronist: Klaus-Dieter Klebsch (Alec Baldwin, Gabriel Byrne, Peter Stormare)
Autofahrer: Lutz Riedel (Timothy Dalton)
Larry: Dennis Schmidt-Foß (Chris Evans, Freddie Prinze jr.)
Kind: Aljoscha Fritzsche (Malcolm David Kelley als ‚Walt Lloyd‘ in „Lost“)
Polizist: Uwe Büschken (Hugh Grant, Matthew Broderick)

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand bei Rotor Musikproduktion und bei Kazuya statt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

Handlung

PROLOG.

Im Jahre 1662 wird auf dem Marktplatz von Newport, Rhode Island, die als Hexe gebrandmarkte Katrina van Kampen auf den Scheiterhaufen gebunden, um daselbst verbrannt zu werden. Junker Harper hat sie als Hexe überführt, und das Volk der kleinen Kolonie ist begierig, die Teufelsanbeterin brennen zu sehen und sich an ihren Schreien zu delektieren. Junker Harper hält eine sehr hübsche Anklagerede, doch die solchermaßen Beschuldigte lacht ihn nur aus und bespuckt ihn sogar. Sie zeiht ihn, dies alles nur aus verschmähter Liebe getan zu haben, und verflucht ihn und alle seine Nachkommen. Sie werde alljährlich zu Halloween wiederkehren, um Rache zu nehmen. Als sie brennt, schreit sie nicht. Das Volk ist schwer enttäuscht.

Neun Tage später geht Junker Harper während eines schweren Sturms in den Stall seines Bauernhofs, um nach dem Rechten zu sehen. Ein teuflisches Lachen ist zu vernehmen und eine körperlose Stimme fragt ihn, ob er bereue. Als keine Antwort erfolgt, schließen sich die Riegel des Stalls und ein Feuer wird entfacht. Harper stirbt mit einem Schrei auf den Lippen, doch dies ist erst der Beginn einer langen Reihe von „Unglücksfällen“ …

Das Jahr 1962, morgen ist Halloween, wie die Radioansagerin Georgia Garrett verkündet, und wie jeder in Newport weiß, ist das der Tag, an dem der Hexenfluch zuzuschlagen pflegt. Georgia bedankt sich bei den beiden Schwestern Emily und Abigail Harper für dieses wundervolle Hörspiel (das wir im PROLOG gehört haben). Die beiden sind sich keineswegs einig, ob sie an den Hexenfluch glauben. Emily, die Ängstliche, fürchtet ihn, doch Abigail, der vernünftig denkende Familienchronistin, lacht nur darüber. Ihr wird das Lachen aber noch vergehen …

An Halloween haben die zwei alten Schwestern, die ständig ihr Einkommen aufbessern müssen, den Babysitterjob bei der Familie Andrews übernommen. Die Andrews gehen auf eine Halloween-Kostümparty, und jemand soll auf ihre Tochter Charlotte aufpassen. Als sie eintreffen, begrüßt „Lotti“ sie im Kostüm einer „Killerbiene vom Jupiter“, und Mrs. Andrews ist als Hexe verkleidet.

Nach dem Abschied der Eltern liest Abigail ihrem Schützling aus dem [„Zauberer von Oz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=214 die Stelle vor, als die Böse Hexe des Westens ihr verdientes Ende findet und Dorothy gerettet ist. Kaum ist Lotti um Punkt neun zu Bett gebracht, beginnt es im Haus unheimlich zu werden. Anonyme Anrufe, ein Türklopfen ohne Besucher, Geräusche im Keller, das Licht geht aus, weil der Blitz irgendwo eingeschlagen ist, doch Abi holt sofort Kerzen. Draußen tobt ein Gewitter.

Da dröhnt ein unheimliches Krachen aus dem Keller, und ein teuflisches Lachen ist zu hören. Abi schickt Emily, um nachzusehen. Gleich darauf ruft Lotti um Hilfe …

Mein Eindruck

Die Handlung überbrückt also mit dem kleinen Trick des Prologs, der fürs Radio inszeniert wurde, genau drei Jahrhunderte. Die Eine-Million-Dollar-Frage lautet natürlich, ob es einen Hexenfluch wirklich gibt und dieser immer noch wirksam ist. Aber obwohl hin und wieder das teuflische Lachen der Hexe zu vernehmen ist, sollte sich der Hörer nicht ohne Widerstand auf die positive Beantwortung dieser Frage festlegen. Es könnte sich nämlich auch ganz anders verhalten.

Ob nämlich Junker Harper dem Eingreifen der „Hexe“ zum Opfer fiel, kann kein einziger Zeuge belegen. Und wenn man es richtig bedenkt, hat es auch gar keine „Hexe“ gegeben, war doch Katrina im Jahr 1662 möglicherweise lediglich das Opfer männlicher Willkür. Es wird deutlich erwähnt, dass sie das erste Opfer einer Hexenverbrennung in Rhode Island wurde. (Ich habe die Authentizität dieser Behauptung nicht nachgeschlagen, denn für die Geschichte ist das nicht ausschlaggebend.) Frauen, die sich den (meist verheirateten) Männern verweigerten, konnten damals leicht angeschwärzt und dämonisiert werden. Frauen hatten kaum Rechte und waren jedem Mann, egal ob angeheiratet oder verwandt, ausgeliefert. (In Salem nahe Boston wird bis heute der Hexenprozesse des 17. Jahrhundert mit Feiern und allerlei Halloween-Bräuchen gedacht.)

300 Jahre später soll also der Fluch erneut zuschlagen, wenn es nach den Erwartungen der Radiomoderatorin geht. Und die introvertierte Emily Harper scheint sich wirklich vor dem Wirken der Hexe zu fürchten. Ihre Schwester Abigail lehnt den Fluch als Humbug ab und scheut sich nicht, an Halloween, dem verfluchten Tag, an dem die Toten laut keltischem Glauben wiederkehren könnten, aus dem Haus zu gehen. Wahrscheinlich handle es sich bloß um eine selbsterfüllende Prophezeiung. Und nervös und unachtsam, wie sie ist, wird Emily um ein Haar von einem Auto überfahren. Das Wirken des Fluches?

VORSICHT, SPOILER!

Zunächst sieht es so aus, als würde Emily im Keller des Andrews-Hauses der Hexe zum Opfer fallen. Doch dann, als das Telefon wieder funktioniert, ruft Abigail eine gewisse Luisa an. Diese jedoch liegt im Krankenhaus mit einem entzündeten Blinddarm. Was war die Aufgabe Luisas, die sie offenbar im Keller erledigen sollte? Dreimal dürfen wir raten und erhalten als des Rätsels Lösung Mord!

Da aber keine Luisa präsent und Emily trotzdem tot ist, muss ja wohl die Hexe schuld sein, oder? Nein, es könnte ja auch sein, dass sich die arme Emily einfach beim Sturz von der Kellertreppe auf tödliche Weise etwas gebrochen hat, beispielsweise das Genick. Das kann Abigail aber nicht wissen, denn diese eilt hinauf in Lottis Zimmer, von wo sie einen Hilferuf hörte.

Hinterher findet man sie mit zerkratztem Gesicht in einem Zimmer voller Blut. Ebenfalls das Wirken des Fluches? Oder hat sie sich lediglich wegen des von ihr verursachten Todes ihrer Schwester in geistiger Umnachtung das Leben genommen? Das klingt zwar angesichts Abigails vernünftiger Geisteshaltung etwas abwegig, ist aber nicht auszuschließen. Vielleicht verfiel sie ebenfalls dem Wirken der selbsterfüllenden Prophezeiung. Dann bestünde der Hexenfluch vielmehr in dem schlechten Gewissen der Harpers, und wegen ihres Mordversuchs an Emily vollziehen sich die schlimmsten Folgen der selbsterfüllenden Prophezeiung an Abigail.

Glaubt man hingegen an den Fluch, der auf den Harpers liegt, so hat es Abigail wegen des Mordversuchs an ihrer Schwester verdient, wie einst Junker Harper für die böse Tat zu büßen und mit ihrem Leben zu bezahlen. Die ganze Sache funktioniert aber auch ohne Zutun einer Hexe, egal ob eingebildet oder existent. Und genauso funktioniert ja auch Halloween: durch Autosuggestion.

SPOILER ENDE

Die Sprecher / Die Inszenierung

Dies ist nicht nur Kino für die Ohren, sondern auch noch Hollywoodkino. Denn hier sprechen nicht irgendwelche Sprecher, sondern die deutschen Stimmen bekannter Stars der Filmgeschichte – siehe oben. Dass diese Profis eine solide Performance abliefern, versteht sich fast von selbst, und der Hörer kann entsprechend zufrieden sein.

Die Stimmen von Doris Day, Ava Gardner, Maggie Smith, Tippi Hedren, Olivia de Havilland, Omar Sharif, Meryl Streep, Timothy Dalton und Hugh Grant und viele weitere belegen nicht nur die hohe Qualität dieser Sprecherriege, sondern auch, welchen Aufwand das Studio und die Produzenten treiben, um eine wirklich gelungene Hörspielproduktion zu erzielen. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen. Zwar könnte aufgrund der zwei betagten Hauptfiguren der Eindruck entstehen, es mit einem Hörspiel für Senioren zu tun zu haben; dazu ist allerdings zu sagen, dass Abigails Sprecherin mehr Power an den Tag legt als so manche Nachwuchsschauspielerin.

Solche geübten und prestigeträchtigen Sprecher und Sprecherinnen einzusetzen, gehört zum Marketing von Marc Gruppe bzw. Titania Medien. Hinzu kommen jeweils traditionsreiche Schauergeschichten, die den nötigen emotionalen Rahmen für die Entfaltung solcher Stimmtalente liefern. Zu Anfang waren es eher unbekannte Geschichten wie etwa Launs „Totenbraut“, doch mittlerweile wagt sich Marc Gruppe an solche Klassiker wie „Dracula“ oder „Frankenstein“ heran.

Geräusche

Die Geräusche sind genau die gleichen, wie man sie in einem realistischen Spielfilm erwarten würde, und die Geräuschkulisse wird in manchen Szenen dicht und realistisch aufgebaut. Besonders die Prologszene hat mir gefallen, denn sie ist sehr melodramatisch, besteht nur aus einem Dialog und mündet in der absehbaren Konsequenz von Harpers Tod, so dass die Szene einen befriedigenden „Pay-off“ hat (das ist Skriptautorjargon). Nun fehlt allerdings noch der Pay-off für den Hexenfluch: Der besteht im Finale des Hörspiels.

Und wie bei Harpers Tod grollt auch diesmal der Donner, die Blitze setzen den Strom außer Gefecht, jenen Garanten des modernen Komforts, den wir für selbstverständlich halten. Während sich Donner in praktisch jedem Gruselhörspiel einsetzen lässt, trifft dies für Motoren, Telefone und Standuhren nicht unbedingt zu. Hier bemüht sich das Hörspiel halbwegs um Aktualität, aber mit einer Einschränkung: Da die Geschichte im Jahr 1962 spielt, gibt es weder Handys noch piepsende Digitaluhren – ein Hauch von viktorianischer Nostalgie durchzieht auch diesen Schauplatz.

Etwas übertrieben häufig wird das Leitmotiv des Hexenlachens eingesetzt. Jedes Mal wenn sich der Fluch bemerkbar macht oder machen sollte, ist dieses Lachen zu hören, mal laut, mal leise. Und natürlich gebührt dem Lachen der Hexe das letzte Wort. Die Übertreibung macht dieses Stück zu einer Parodie oder zumindest Pastiche und macht es fast unmöglich, den Schrecken, der da evoziert wird, ernst zu nehmen.

Interessant fand ich auch den Einsatz von Hall und Fading, um die Dimension großer Räumlichkeiten anzudeuten. Gut geeignet ist beispielsweise ein Raum wie die Eingangshalle des Hauses der Familie Andrews, auch ein Keller eignet sich gut für den Einsatz von Hall. Um anzudeuten, dass sich Emily von Abigail entfernt, dreht man einfach die Lautstärke herunter, in der Emily aufgenommen wird. Das wurde beim Radio seit jeher so gemacht, also seit den 1920er Jahren.

Die Musik …

… gibt sehr genau die vorherrschende Stimmung einer Szene wieder und ist in der Prologszene mit klassischen Instrumentarium produziert, aber dann folgt als Übergang eine Art Geisterbahnmusik und schließlich überraschenderweise ein billiges Popmuzakstückchen, das auf einer Hammondorgel gespielt wurde. (Muzak = Supermarktmusik) Da weiß der Zuhörer gleich, dass er sich in der Neuzeit befindet, aber noch nicht ganz in der Jetztzeit.

Die Musik steuert nicht nur die Emotionen des Publikums auf subtile Weise, sondern bestreitet auch die Pausen zwischen den einzelnen Akten. Dann stimmt sie das Publikum auf die „Tonart“ des nächsten Aktes ein. Musik, Geräusche und Stimmen wurden so fein aufeinander abgestimmt, dass sie zu einer Einheit verschmelzen. Dabei stehen die Dialoge natürlich immer im Vordergrund, damit der Hörer jede Silbe genau hören kann. An keiner Stelle wird der Dialog irgendwie verdeckt.

Das Booklet

… enthält im Innenteil lediglich Werbung für das Programm von Titania Medien. Auf der letzten Seite finden sich die Informationen, die ich oben aufgeführt habe, also über die Sprecher und die Macher. Die Titelillustration von Firuz Akin fand ich wieder einmal sehr passend. Der Verlag empfiehlt sein Werk ab 14 Jahren.

Unterm Strich

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und Stimmen von Hollywoodstars einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Diesmal hat mir die Geschichte nicht so gut gefallen, weil sie abrupt aufhörte, ohne eine Lösung des Rätsels um den Hexenfluch zu bieten.

Na, schön, kann man sich sagen, darin besteht eben die moderne Erzählweise, dass sich der Hörer selbst einen Reim auf das Rätsel machen muss. Aber frustrierend fand ich das Ende schon. Und auf das Komplott war ich überhaupt nicht vorbereitet und hätte es um ein Haar verpasst.

Der Streit zwischen den Schwestern hätte ruhig kürzer sein dürfen, denn er nervte mich. Vor allem auch deshalb, weil er sich durch das ganze restliche Stück zieht. Wir wissen schnell, dass Emily sich fürchtet und Abigail die Dominante der beiden ist. Muss man es dann noch x-mal bestätigt bekommen?

Für Freunde von „Gaslicht“-Gruselschmökern wie „Dracula“ ist diese Geschichte vielleicht etwas zu zahm, aber sie weist eine eigene atmosphärische Stimmung auf, vor allem durch das Aufeinandertreffen von Vergangenheit (auch verkörpert durch die beiden alten Damen) und Gegenwart (Radio, Autos, Telefon usw.). Wegen dieser speziellen Verbindung zweier Zeiten eignet sich das Hörspiel möglicherweise besonders für die „Aufführung“ bzw. das Anhören zu Halloween.

Fazit: Leider nur Mittelmaß.

PS: Wann kommt endlich die Vertonung von „Sleepy Hollow“? Nur mal als Vorschlag.

60 Minuten auf 1 CD
www.titania-medien.de
www.luebbe-audio.de