Meirose, Astrid / Pruß, Volker / Bertling, Simon / Hagitte, Christian / Sieper, Marc / Ihrens, O. – Schattenreich 10: Prolog im Himmel

_Das Erbe des Echnaton_

Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt – er war fünf Jahre im Ausland – wird der junge Kulturwissenschaftler Christian Wagner in mysteriöse Todesfälle verwickelt. Als ihn eine unsichtbare Macht ins Schattenreich entführt, enthüllen sich ihm die Nachtseiten der menschlichen Natur. Hinter den Masken bürgerlicher Wohlanständigkeit treibt ein skrupelloses Netzwerk ein größenwahnsinniges Spiel.

Was geschah vor fast 100 Jahren, das zwei befreundete Familien zu Feinden werden ließ? Des Rätsels Lösung scheint in den Tiefen der Villa Scholl zu ruhen. Wagner bemerkt zu spät, dass er selbst der Hüter des Geheimnisses ist. Er gerät unter den Einfluss einer Geheimgesellschaft. Deren Mitglieder sind Anhänger eines genialen Herrscherpaares, dessen Wirken die Kultur fast für immer aus dem Gedächtnis gelöscht hätte. Nun scheint ihre Zeit des Handelns gekommen zu sein. Doch wohin wird ihr Weg sie führen?

Folge 9: Abermals kehrt Christian Wagner auf die Insel seiner Kindheit und Jugend zurück. Hier hofft er die Wurzeln seiner ungeklärten Herkunft zu ergründen. Wird ihm der Weg in die eigene Vergangenheit zum Verhängnis werden? Als eine Sturmflut aufkommt, offenbart ihm die Insel noch ein anderes Geheimnis.

Folge 10: Er ist fest entschlossen, den wahnwitzigen Vorhaben seiner Widersacher ein Ende zu bereiten. Doch wer sind seine Feinde wirklich? Und wie ist es zu erklären, dass er plötzlich mit eigenen Augen eine Szene miterlebt, die sich viele Jahre vor seiner Geburt abspielte und deren Akteure schon lange tot sein müssen?

_Die Autoren_

Als Autoren zeichnen Astrid Meirose und Volker Pruß verantwortlich. Mehr über die Serie findet man unter http://www.schattenreich.net.

Folge 1: [Die Nephilim]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2912
Folge 2: [Finstere Fluten]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2914
Folge 3: [Spur in die Tiefe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3767
Folge 4: [Nachthauch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3790
Folge 5: [Im Grab des Ketzers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4437
Folge 6: [Echnatons Vermächtnis]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4466
Folge 7: [Hinter schwarzen Spiegeln]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5047
Folge 8: [Das blinde Auge des Horus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5186
Folge 9: [Totengeläut]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5503
Folge 10: Prolog im Himmel

_Die Sprecher & Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Christian Wagner: Alexander Scheer
Tina Müller: Anna Thalbach
Alexa Voss: Anne Moll
Dr. Bruno Schwab: Volker Brandt (dt. Stimme von Michael Douglas)
Adrian Bloch: Norman Matt (Cillian Murphy, Jonathan Rhys-Meyers)
Jan-Erik Walberg: Lutz Riedel (dt. Stimme von Timothy Dalton)
Walther Zürn: Stefan Krause (Billy ‚Peregrin/Pippin‘ Boyd, Pauly Shore, Philip Seymour Hoffman in „Capote“)
Geheimnisvolle Frau/Billie Scholl: Daniela Hoffmann (dt. Stimme von Julia Roberts)
Gruftie / Gerold Gruber: Dero (|Oomph!|)

sowie Natalie Spinell und Hasso Zorn u. a.

ANNA THALBACH steht seit ihrem sechsten Lebensjahr vor der Kamera, dabei war der Weg zur Schauspielerei nicht so gerade, wie man es bei der Tochter von Katharina Thalbach annehmen könnte. Sie beginnt nach dem Abschluss der Mittleren Reife zunächst eine Hospitanz als Kostümbildnerin am Schillertheater. Doch der Hang zum Schauspiel überwiegt, und bald schon feierte sie selbst große Bühnenerfolge, so auch an der Seite ihrer Mutter in „Mutter Courage“.

DERO wurde am 16. April 1970 in Wolfsburg geboren. In der Band Oomph!, die 1989 gegründet wurde, ist er der Mann für den Gesang, die Texte, Drums, und Kompositionen. Der Weg zur Musik sah laut eigener Aussage für Dero so aus: „Auf diversen Familienfeiern in den 70ern wurde ich ‚gezwungen‘, mit meinem Vater (Gitarrist, Sänger) alle nur erdenklichen Elvis-Songs in grauenhaftem Englisch rauf und runter zu schmettern.“

Die Musik:

|Secret Discovery|: „Follow Me“
|b.o.s.c.h|: „Mehr“
|Nik Page|: „Herzschlag“
|Lola Angst|: „Am I dead?“
|Suicide Commando|: „Second Death“
|Diva Destruction|: „Rewriting History“
Berliner Filmorchester und Kammerchor

Regisseur Simon Bertling und Tonmeister Christian Hagitte von |STIL| sorgten für die gute Produktion, die Musik und die Sounds; ihnen half Cornelia Schilling. Die Produzenten sind Marc Sieper von |Lübbe Audio| sowie Oliver Ihrens von |Radar Media|, Bochum. Das interessante Booklet-Design stammt von Kai Hoffmann.

_Vorgeschichte_

Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt – er war fünf Jahre im Ausland – wird der junge Kulturwissenschaftler Christian Wagner in mysteriöse Todesfälle verwickelt. Christian ist einer von neun Spezialschülern, den „Titanen“. So nannten sich vor 15 Jahren die Mitglieder einer Gruppe von jungen Hochbegabten, die von der Scholl-Stiftung gefördert und von ihrem Lehrmeister Dr. Volker Brandt ausgebildet wurden. Die Titanen, so Bruno, waren in der antiken Sage die Kinder von Göttern und Menschenfrauen. Die Nephilim hingegen waren die Kinder von Dämonen, die sich mit Menschenfrauen paarten: negative Titanen. Treibt hier jemand ein fieses Spiel mit den letzten Titanen?

Auf der rechten Ferse jeder Leiche findet er das gleiche Tattoo, das er selbst auch trägt: das ägyptische Ankh-Symbol, ein Henkelkreuz, das „Leben“ bedeutet. Es ist kombiniert mit dem „Auge des Horus“, das, wenn geöffnet, einen Schutzzauber darstellt. Ist dieses Horus-Augen-Tattoo jedoch pupillenlos, also blind, dann handelt es sich um einen Nephilim, ein früheres, aber abtrünnig gewordenes Mitglied der „Titanen“.

Da Christian ein Waisenkind ist, das von der Industriellenfamilie Scholl aufgezogen wurde, bildet Brandt seinen Vaterersatz. Bei den Scholls lernte er Sibylle Scholl als seine Schwester kennen und machte sie zu seiner ersten Geliebten. Adrian Bloch, den er nun in seiner Heimatstadt wiedertrifft, war ebenfalls einer der „Titanen“. Die Familie Bloch ist mit den Scholls seit jeher befreundet. (Wirklich? Neueste Folgen belegen eher das Gegenteil.)

Seit seiner Rückkehr sind bereits zwei der „Titanen“ umgekommen. Beide Leichen weisen eine Tätowierung an der rechten Ferse auf: das blinde Auge des ägyptischen Sonnengottes Horus, das Zeichen der Nephilim, eines Geheimordens. In den Rollenspielen der „Titanen“ war Christian stets der Gott Osiris, Sibylle die Göttin Isis und Adrian der eifersüchtige Gott Seth, der Osiris tötete. Doch wer war Horus, der Sohn des Osiris? Adrian treibt sich immer noch in der Stadt herum, als neuer Besitzer der Villa Scholl, dem Sitz der Titanen.

Dieser ägyptisch-mythologische Hintergrund könnte etwas mit dem Schicksal des Ägyptologen Prof. Jan Erik Walberg zu tun haben, der Christian anrief und treffen wollte, aber unauffindbar ist: Wurde er entführt? Als Christian mit der Journalistin Tina Müller zu Walbergs Labor fährt, findet er dort zwar eine Botschaft, wird jedoch auch mit dem Tod bedroht: durch eine Flutwelle aus dem nahen Stausee. Hat ihn jemand im Visier? Christian fühlt sich zunehmend verfolgt.

_Handlung_

|1. Akt|

Christian sitzt in einem Theatersaal, sechs bis sieben Wochen nach den Ereignissen auf der Insel und dem Leuchtturm. Seitdem weiß er, dass Dr. Bruno Schwab und Sylvia Scholl seine Eltern sind, und dass Tassilo Bloch der Vater von Adrian und Sibylle Bloch ist. Eine Weissagung besagt, er selbst werde „die Dinge in Ordnung bringen“. Aber hat keine Vorstellung davon, auf welche Weise. Und was soll der Chip in seinem Hirn bewirken?

Der Vorhang hebt sich, das ägyptische Senetspiel, das Chris zur Genüge kennt, wird sichtbar. Zwei Schauspieler treten als Nathanael Bloch und Sigmund Scholl auf. Nathanael beansprucht die Mumie Pharao Echnatons für sich, doch Sigmund widerspricht ihm, denn er habe ja schließlich die Expedition finanziert. Dass die Zuschauer an dieser Stelle in Gelächter ausbrechen, wundert Christian.

Doch dann treten zwei Mönche in Kutten auf, die des einen weiß, die des anderen schwarz. Auf einem Tisch spielen sie das Senetspiel. Sigmund liest deklamierend die Weissagung zur Mumie Echnatons vor. Der reinkarnierte Erbe des Pharao werde dereinst hervortreten. Doch bis dahin dürfen die Entdecker nur je einen Sohn als Erben haben. Nathanael und Sigmund rätseln darüber, wer der Vater dieses Gesalbten sein wird. Ist es eine Wette oder Spiel, ein Test? Der Wetteinsatz ist das gleiche wie der Preis, nämlich der Gesalbte und die Wiedergeburt Echnatons.

|2. Akt|

Auf der Straße lässt sich Christian, der immer noch eine alte Armeepistole bei sich trägt, von einer Prostituierten abschleppen, die sich als Alexa Voss entpuppt. In der Dampfsauna ihrer Absteige liegt ein Freier, den Christian wiedererkennt: Kommissar Max Lohmann. Was tut der denn hier? Er zwingt den Cop zu dem Geständnis, dass die mysteriösen Nephilim eine Geheimsekte der Blochs seien. Christian selbst nehme eine Schlüsselrolle in deren Spiel ein: Er sei der Gesalbte! Mit den anderen Sektenmitgliedern experimentieren die Blochs, um wie Dr. Frankenstein den Neuen Menschen zu erschaffen. Lohmann bringt Christian zu ihrem Treffpunkt, dem Café Palm, das Adrian Bloch gehört.

|3. Akt|

Dort gibt sich die Gothic-Szene ein Stelldichein und Christians Bekannte nacheinander die Klinke in die Hand. Endlich tritt Moritz Goldmund auf, der etwas über den Ägyptologen Dr. Walberg (Episoden eins und zwei) zu berichten weiß. Walberg dachte, er habe bei Christian das Echnaton-Gen festgestellt, das zu einem großen Schädel und revolutionären Geistesleistungen wie dem Monotheismus führte. Christian ist nicht wirklich begeistert.

Auf dem Weihnachtsmarkt führt Dr. Schwab Christian zu dessen Amme. Von Madame Margarethe erfährt er, dass Christian seit frühester Jugend an epileptischen Anfällen und katatonischen Zuständen gelitten habe. Nach einem Unfall, der alles noch schlimmer machte, pflanzte Dr. Walberg Christian den Chip ins Hirn ein, und fortan besserte sich sein Zustand. Margarethe ist überzeugt, Christian sei der Gesalbte und werde die Blochs bekämpfen. Er habe sogar die Erinnerungen seiner Vorfahren geerbt. Dr. Schwab erklärt das für Blödsinn und führt Christian fort.

|4. Akt|

Christian hält sich die Pistole an den Kopf und fragt sich, ob er sich eine Kugel durch selbigen jagen soll. Dann entscheidet sich aber lieber dafür, von seinen Titanen-Geschwistern Adrian und Sibylle ein paar Antworten zu verlangen. Sie erwarten ihn bereits in der Villa Scholl. In drei Sarkophagen wartet dort ein Geheimnis darauf, gelüftet zu werden …

_Mein Eindruck_

Nach so vielen Enthüllungen über sich selbst und die Machenschaften der Blochschen Sekte der Nephilim weiß Christian Wagner endlich ungefähr, wo er steht: nämlich zwischen den Fronten. Nicht unbedingt ein gemütlicher Ort, um seinen Lebensabend hier zu verbringen. Daher ist es nun Christians Aufgabe, eine Entscheidung herbeizuführen. Allerdings braucht er dazu Verbündete, die er auf der Scholl-Seite, unter den Titanen, zu finden hofft.

Eine bis dahin rätselhafte Figur, mit der sich Christian noch nicht richtig auseinandergesetzt hat (wohl aus dramaturgischen Gründen), ist Billie Scholl, seine frühere Geliebte. Allerdings spielt sie die Rolle der Isis, deren Antlitz durch einen Schleier des Geheimnisses verhüllt ist, wie sie am Anfang jeder Folge ins Gedächtnis ruft. Wer mehr wissen will, sollte ihr Tagebuch unter schattenreich.net lesen.

|Osiris-Mythos reloaded|

In den Rollenspielen der „Titanen“ war Christian stets der Gott Osiris, Sibylle natürlich die Göttin Isis und Adrian der eifersüchtige Gott Seth, der Osiris tötete und zerhackte. Dem Mythos zufolge setzte Isis die Einzelteile Osiris‘ wieder zusammen, schlief mit dem Wiederauferstandenen und gebar ihren Sohn Horus, den Sonnengott. In der Umsetzung des Mythos stehen die Nephilim auf Seiten Seths und die Titanen auf Seiten Christians und Billies.

Die Wiederauferstehung Osiris‘ wird in Christians Wiederentdeckung seiner Herkunft realisiert. Das ist aber die Kardinalfrage: Sollte Christian auch das Echnaton-Gen geerbt haben, wovon die Nephilim überzeugt sind, dann reicht seine Bedeutung viel weiter als nur bis zu der Wiederholung des Osiris-Mythos. Die Frage ist, auf wessen Seite er sich dann schlägt. Die Nephilim tun alles dafür, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

|Ein Kulturwissenschaftler?|

Christians Hauptproblem besteht in seinem mangelnden Verständnis seiner eigenen Position. Was mich schon immer an seiner Figur gewundert hat, ist der Umstand, dass er trotz seiner Ausbildung zum Kulturwissenschaftler sein umfangreiches Wissen nicht einsetzt. Alles, was er uns von seiner Bildung verrät, kann von den Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend in der Villa Scholl herrühren.

Aber warum wendet er die Prinzipien der Kulturwissenschaft nicht auf seine Ermittlungen an? Sollte er sein Studium mit einem akademischen Grad abgeschlossen haben, so wurde er auch geprüft – und daher sollte er in der Lage sein, entsprechenden psychischen Druck auch auszuhalten. Er müsste die Erkenntnisse und Methoden seiner eigenen wissenschaftlichen Disziplin in seine eigene Ermittlung integrieren oder sie zumindest darauf anwenden.

Dass er dies unterlässt und stattdessen immer weiter durch den Irrgarten seiner zufälligen Funde stolpert, gehört zu den großen Enttäuschungen, die die Konzeption dieser Serie verursacht. Im anderen Fall würde sich der Hörer nämlich freuen, mehr von den alten Ägyptern zu erfahren. Aber dafür waren die Autoren vielleicht von der Materie überfordert, hatten nicht genug Platz (viele Songs waren unterzubringen!) oder ganz einfach ein anderes Ziel als ein Bildungsprogramm für Gothic-Fans. Möglicherweise haben sie auch bloß zu viele Filme von David Lynch gesehen.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Alexander Scheers raue Raucherstimme passt zum Möchtegerndetektiv à la Philip Marlowe, der nur per Zufall zum Kulturwissenschaftler geworden zu sein scheint. Sein Gegenteil, ein Ausbund an Disziplin und Pflichtbewusstsein, bildet die Rolle der Alexa Voss, gesprochen von Anne Moll (zuvor Sandra Speichert) Sie tritt in dieser Episode gleichberechtigt neben der kindlich-eifrigen Tina Müller, gesprochen von Anna Thalbach, auf. Tina Müller hat die Funktion des Schutzengels und darf folglich überall auftreten, wo Chris in Not ist.

Diesmal sprechen mehrere Stimmen aus dem Off, befinden sich also nicht auf der „Bühne“, sondern nur in Christians Erinnerung. Dazu gehören Bruno, Christians Mentor, sowie Sigmund Scholl, sein Ziehvater, bei dem er aufwuchs. Dass eingangs Isis alias Billie Scholl etwas über ihr eigenes Geheimnis zitiert, sollte man ebenfalls festhalten.

|Die Geräusche|

Die Geräuschkulisse des Hörspiels ist nicht allzu realistisch. Man hört nicht jede Tasse klappern, nicht jedes Auto vorbeirauschen. Vielmehr stehen die Kommunikationsmittel im Vordergrund: Handys, Telefone, Türklingeln, fehlen nur noch Türklopfer und Megafone. Diesmal spielt das Theaterstück, das Chris am Anfang besucht, eine wichtige Rolle. Der Sound der Stimmen ist bühnenähnlich, und die Schauspieler deklamieren statt sich miteinander zu unterhalten.

Danach geht Christian auf den Weihnachtsmarkt. Überlagert von Glockengeläut – hätte gut zu Folge neun gepasst – hören wir Kinderlachen und eine Drehorgel. Es ist Heiligabend. Häufig sind die Stimmen durch Hall verstärkt oder durch Effekte verzerrt, so etwa um eine Nachrichtensprecherstimme aus dem Lautsprecher nachzubilden. (Die Lautsprecher sind in Hörspielen grundsätzlich auf dem Stand der siebziger Jahre und klingen entsprechend kratzig.)

Darf man sehr tiefe Bässe noch zu den Geräuschen und Effekten zählen, oder sind sie bereits zur Musik zu rechnen? Egal, sie seien an dieser Stelle mal hervorgehoben. Sie werden in den |Schattenreich|-Hörspielen nämlich regelmäßig eingesetzt, um Angst zu erzeugen, nicht etwa bei der jeweiligen Figur, sondern im Zuhörer. Sie sind deshalb so tief, damit dieser Vorgang unbemerkt bleibt und unterschwellig wirken kann.

|Die Musik|

Spätestens nach einer halben Stunde des Anhörens verhärtet sich im Zuhörer der Verdacht, dass die ganze Handlung eigentlich nur ein Vorwand ist. Nämlich der Vorwand, um möglichst viel deutsche Neo-Gothic Musik abspielen zu können. Die oben aufgeführte Interpretenliste ist nur die Spitze des Eisbergs dessen, was den Zuhörer erwartet. Es verwundert nicht, dass in die Produktion des Hörspiels Firmen wie |Radar Media|, |STIL| (für die professionelle Soundproduktion) und das Musikmagazin |Sonic Seducer| eingebunden sind.

Letzteres hat sich mit einem Aufkleber auf der Hülle verewigt. |Radar Media| ist im Booklet mit einer ganzen Seite Werbung vertreten. |Radar| hat das Copyright und die Markenrechte für „Schattenreich“ inne, folglich war die Firma auch an der Produktion beteiligt. Und da es in ihrem Interesse liegt, die Bands wie |Rammstein|, |Oomph!| usw. zu vermarkten, packte sie natürlich so viel Musik wie möglich auf die Silberscheibe.

Diese Dinge sollte man wissen, wenn man die Musikeinlagen des Hörspiels bewertet. Plötzlich wird aus der Handlung nicht das Hauptgericht, sondern lediglich die Beilage. Deshalb dröhnt unvermittelt der Leadsong „Follow me“ durch die Boxen, nachdem bereits ein Donnerschlag den Zuhörer aus seiner Bürgerruhe aufgescheucht hat. Es gibt anschließend kaum eine ruhige Minute, in der keine Musik erklingt. Hier hat |Radar Media| ganze Arbeit geleistet.

Immerhin ist es nicht mehr ganz so schlimm wie auf den ersten beiden CDs, denn jetzt wird der Hauptfigur mehr musiklose Zeit zum Nachdenken gegönnt. Die Lauscher stellten sich mir auf, als ein deutscher Text von einer Sängerin zu einem Piano gesungen wurde, so dass ich endlich einmal den Text verstehen konnte. (Die Neo-Gothic-Sänger scheinen einen Horror davor zu haben, ihre Stimme unverzerrt und verständlich einzusetzen, wahrscheinlich weil ihre Texte zu schlecht sind.)

_Unterm Strich_

Bald wird es überstanden sein, mag der Hörer wohl erleichtert seufzen, nachdem er diese Folge gehört hat. Christian hat endlich Heiligabend erreicht, weiß über seine Herkunft halbwegs Bescheid und muss nun nur noch eine Entscheidung zwischen Titanen und Nephilim herbeiführen. Leichter gesagt als getan. Denn in seinem Kopf steckt ein mysteriöser Chip, der möglicherweise auch seine Fernsteuerung erlaubt – wer weiß das schon genau?

Das Fest, an dem der Heiland auf die Welt kam, steht bevor. Das deckt sich genau mit Christians eigener Lage. Denn die Nephilim verehren ihn ja als den verheißenen Gesalbten, den Nachfolger des revolutionären Pharaos Echnaton. Und vielleicht spielt er nicht nur die Rolle des alten Osiris, der seinem früheren Ich entspricht, sondern auch die des Horus, des Sohnes von Isis und Osiris. Zumindest in geistig-spiritueller Hinsicht.

Sein Problem ist, dass er diese Rolle des Heilands ablehnt. Am Schluss dieser Folge verkündet ihm deshalb eine Stimme aus dem Sarkophag: „In deiner Hand ist die Welt!“ Ob dies nun Jahwe ist oder der Goethesche Erdgeist, wen kümmert’s? Christian sollte seine Kenntnisse als (angeblicher) Kulturwissenschaftler einsetzen und deren Methoden auf seine Ermittlungen anwenden. Das wäre ein Element, das die Serie erheblich aufwerten würde.

|Die Zielgruppe|

Die Reihe „Schattenreich“ wendet sich an die gleiche Zielgruppe wie die Musik-CDs, die DVDs und die TV-Produktionen (von denen ich bislang nichts gesehen habe): Gothic-Rock-Freunde, für die Musik nicht nur Unterhaltung, sondern eine Lebenshaltung und eine modische Aussage darstellt. Anstelle von Vampiren und anderem blutigem Gesocks treten aber in „Schattenreich“ nur jede Menge mystisch gestimmte Typen auf, die sich irgendwie zwielichtig aufführen. Ford Prefect würde sagen: „Weitgehend harmlos“.

Die Macher

Wie bei allem, was das Studio |STIL| produziert, ist das Produkt hinsichtlich Sound und Optik vom Feinsten. Immerhin erreichen das Studio und der |Lübbe|-Verlag eine neue Zielgruppe, die mit „Offenbarung 23“ nur unzureichend bedient wird: die Gothic-Rockfans, die auf Bands wie |Rammstein|, |Oomph!| und |IAMX| stehen. Diesbezüglich kann „Offenbarung 23“ glatt einpacken. Wer die Songs runterladen will, findet auf www.schattenreich.net den Link dorthin.

Nach dieser Doppelfolge ist mit weiteren Episoden zu rechnen, um Christians Schicksal zu besiegeln. Denn einem „PROLOG im Himmel“, wie in Goethes „Faust“, sollte auch ein EPILOG oder Schlussakt folgen.

|58 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-7857-3592-3|
http://www.schattenreich.net
http://www.luebbe-audio.de
http://www.stil.name
http://www.sonic-seducer.de
http://www.radar-net.de

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