Meister, Derek – Rungholts Sünde

Im Mittelalter waren der Glaube an Gott und das Leben nach den Gesetzen Gottes den Menschen wichtiger und für ihren Alltag unmittelbarer, als es in unserer Zeit der Fall ist. Die Menschen fürchteten das Fegefeuer und die Verdammnis, und obwohl viele von ihnen wahrlich Sünder waren, so war es ihnen doch wichtig, sich ihrer Sünden zumindest durch Ablassbriefe, Pilgerfahrten und Beichten zu entledigen. Bei vielen war dies geradezu ein Kreislauf von Sünden und immerzu gewährter Gnade von Kirchenfürsten, natürlich nach Entrichtung eines entsprechenden Geldbetrages. Andere Zeitgenossen dagegen waren eher wahre Atheisten, aber das behielt man besser für sich, denn jegliches Leugnen Gottes wurde als Frevel, Sünde, gar als Ketzerei mit Folter und dem Tode durch das reinigende Feuer bestraft. Die Umgangsformen der Inquisition dürften ja jedem Leser ausreichend bekannt sein.

Die größtenteils ungebildeten und vom Leben gezeichneten Menschen hatte nur eine vage Hoffnung in ihrem Dasein, einen wirklichen Glauben an Erlösung und ein besseres Leben im Paradies, an den man sich verzweifelt klammerte. Nach dem Tode im friedvollen Paradies fernab von Krankheit, Krieg, Hunger und Tod leben zu können, klang vielversprechender, als das wirkliche Leben sich darstellte. Die Seele sollte in eine bessere Welt übergehen und dort alles das erhalten, was dem irdischen Menschen nicht möglich war.

Den räumlichen Sitz der Seele vermuteten nicht nur einfache Menschen im Herzen, auch Mediziner und Priester ihrer Zeit waren sich darin einig. Die Wissenschaft der Anatomie eines Menschen war selbst den Medizinern ziemlich unbekannt, und es war nicht verwunderlich, dass die Scharfrichter mehr über den körperlichen Aufbau eines Menschen wussten als der Medicus.

Derek Meister, bekanntgeworden als Drehbuchautor von erfolgreichen Fernsehfilmen und zugleich Autor des historischen Kriminalromans [„Rungholts Ehre“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4460 der in der Hansestadt Lübeck spielt, lässt seinen jähzornigen, bärbeißigen Ermittler und Kaufmann wieder im späten Mittelalter auf Mördersuche gehen.

_Die Geschichte_

Lübeck, 1392. Bei Brunnenarbeiten entdecken die beiden Arbeiter und Brüder Allrich und Nantwig ein altes Kellergewölbe. Es sieht aus, als wären die Steine verbrannt, so schwarz und grau ist deren Oberfläche. Bei weiteren Grabungen finden die beiden Brunnenbauer die Leiche eines Mannes.

Der junge und auf Macht strebende Richteherr Kerking bittet Rungholt, sich den Toten einmal näher anzuschauen, denn dieser hat einen aufgerissenen oder aufgeschnittenen Brustkorb, und in diesem liegt ein faustgroßer Stein statt des Herzens. Wie kommt die Leiche des Mannes, der noch nicht lange tot ist, in das zugemauerte Kellergewölbe?

Richteherr Kerking bietet den Patrizier für seine Hilfe an, ihm den Vertrag über die Herstellung und den Verkauf von Weiß- und Rotbier in seiner eigenen Brauerei zu genehmigen. Im Grunde erklärt sich Rungholt nur widerwillig einverstanden, denn mit seiner Brauerei, die sich gerade im Aufbau befindet, hat er bereits alle Hände voll zu tun, und das Gewerbe funktioniert auch nicht so, wie er sich dies Anfangs vorstellte.

Aus Neugierde heraus und mit dem Wissen, dass sich der bürokratische Weg ein wenig einfacher gestalten lässt, folgt Rungholt dem jungen, karrieresüchtigen Richteherr, dem er nach dem Mordfall vor zwei Jahren noch immer nicht vertraut. Es hat sich viel verändert in den letzten zwei Jahren. Die Überlegung, eine Brauerei zu bauen, erweist sich fast schon als Geldgrab, sein Schwiegersohn Daniel ist erfolgreich in Europa unterwegs und vertritt Rungholt bei geschäftlichen Angelegenheiten und seine eigene Tochter Mirke erwartet ihr erstes Kind.

Die Leiche ist für den bärbeißigen „Bluthund“, wie ihn Freunde und Feinde nennen, ein Schreck. Bei genauerer Untersuchung entdeckt Rungholt in der aufgerissenen Brust des Toten ein Stück Stola! War der Tote ein Priester?

Gerade jetzt zur Passionszeit herrscht in diesen Tagen in Lübeck ohnehin eine große Anspannung und Unruhe, nicht nur wegen der Fastenzeit und der unerträglich hohen Temperaturen: Dem „Schlächter von Visby“, Conrad van der Hune, soll in Lübeck der Prozess gemacht werden. Eine Verurteilung unter Richteherr Kerkering würde diesem für die anstehende Wahl des Bürgermeisters gut zu Gesicht stehen.

Die Zeit drängt, und als ein weiterer Mord an einem Soldaten geschieht und die Leiche noch brutaler zugerichtet ist, setzt Rungholt alles daran, den Mörder zu finden. Unterstützt wird er von seinem Kapitän und Freund Marek, der frisch in Sinje verliebt ist, eine junge Heilerin, die sich in die Ermittlungen immer wieder einmischt. Rungholt ist von der frechen jungen Frau beeindruckt, auch von ihrem medizinischen Wissen.

Die junge Frau erkennt in den Morden ein Muster, und Rungholt dämmert es, dass die Morde nicht zufällig in diese Passionszeit fallen. Ein gottesfürchtiger Wahnsinniger sühnt die alten Sünden und wiegt diese mit dem Gewicht der entnommenen Herzen auf – und Rungholt selbst belasten seit zwanzig Jahren schwere Sünden, die er immer wieder verdrängt, da er nicht den Mut aufbringt, sich seiner Vergangenheit zu stellen …

_Kritik_

Derek Meister hat sich in seinem zweiten Roman mit dem charakterlichen schwerfälligen und jähzornigen Rungholt handwerklich steigern können. Gleich die ersten Kapitel zeigen dem Leser auf, dass es mehrere Handlungsstränge geben wird und die Protagonisten mehr von sich zeigen und abverlangenmüssen, allen voran Rungholt selbst.

Die Basis des Romans ist ganz sicherlich die Jagd nach dem Serienmörder, der seinen noch lebenden Opfern das Herz entnimmt, doch auch die Inhaftierung des Massenmörders Hune ist nicht weniger spannend und entwickelt sich überhaupt nicht so, wie man es doch vermuten mag. Kerking als Richteherr Lübecks muss hier über seinen Schatten springen und konsequent auftreten, was auch seiner Figur etwas von seiner anfänglichen Arroganz nimmt, ihn aber noch immer nicht sympathisch erscheinen lässt.

Schon im ersten Fall „Rungholts Ehre“ gerieten Kerking und Rungholt aneinander, und auch diesmal fehlt es nicht an Wort- und sogar Körpergefechten; die Fehde der beiden ist also ein weiterer Handlungsstrang, den es zu entwickeln gilt.

In „Rungholts Sünde“ wird der Serienmörder schon sehr früh vom Autor namentlich genannt und sein Motiv von ihm selbsterklärend detailreich geschildert. Die Offenlegung seiner Identität bricht den aufzubauenden Spannungsbogen jedoch überhaupt nicht auf. Rungholt und der Mörder wechseln sich in den einzelnen Passagen erzählerisch ab, und ein Showdown zwischen beiden muss zweifelsfrei irgendwann stattfinden.

Natürlich gibt es Figuren aus dem ersten Teil, die auch hier eine wesentliche und tragende Rolle zu spielen haben. Allen voran Marek Bolge, ein dänischer Kapitän, der für Rungholt Waren ein- und verkauft und damit die nordischen Häfen ansteuert. Dieser hilft seinem alten Freund und Patrizier gegen einen gewissen hanseatischen Betrag gerne. Seine Gefährtin Sinje dagegen ist neu dabei, tritt aber emanzipiert und resolut gegenüber unserem alten Haudegen auf, was dieser überhaupt nicht gewohnt ist.

Schon in „Rungholts Ehre“ wurde angedeutet, dass Rungholt selbst seit seinem Aufenthalt in Russland eine dunkle Vergangenheit mit sich herumträgt, die ihn tief bedrängt und nicht zur Ruhe kommen lässt. In diesem zweiten Teil wird das Rätsel um seine geliebte Irena und das Bild des roten Schnees aufgelöst. In mehreren, sehr ausführlichen Rückblenden wird geschildert, warum sie sterben musste und welche Sünde Rungholts damit einhergeht.

Winfried der Kahle, Rungholts ältester Freund und Mentor, ist natürlich auch mit von der Partie, ebenso Rungholts junge Tochter Mirke und seine Frau Alyhed, die aber in der gesamten Handlung nur wenig Platz beanspruchen. Als einen kleinen Schwachpunkt sehe ich die Figur des „Schlächters von Visby“, denn dieser Mörder ist historisch nicht belegt, eben nur fiktiv; vielleicht wäre hier ein realer Mörder der Hansestadt Lübeck, dem der Prozess gemacht wird, für das Interesse des Lesers eher von Vorteil gewesen.

„Rungholts Sünde“ ist nicht nur spannender aufgebaut als der erste Teil, sondern auch wesentlich blutiger und brutaler geschildert, ohne dies jedoch zu übermäßig ausufern zu lassen. Erneut sehr aufschluss- und lehrreich wird das späte Mittelalter geschildert, auch gerade, was die Begrifflichkeiten und Alltagsgegenstände angeht. Die Stadt Lübeck kommt ebenfalls wieder wunderbar und detailreich zur Geltung. Auch hier rundet der Autor das Gesamtbild als Anhang mit Erklärungen und einem kleinen Stadtbild von Lübeck ab.

_Fazit_

„Rungholts Sünde“ ist ein großartiger historischer Roman geworden, ein Krimi, der durch Spannung und seine Charaktere überzeugt. Mit diesem Roman hat Derek Meister anfängliche Lücken seines Erstlingswerks zur Zufriedenheit seiner Leserschaft erklären und abschließen können. Wie sich zeigt, kann der treue Leser sich im nun erschienen dritten Band „Knochenwald“ auf weitere Auseinandersetzungen zwischen Richteherr Kerking und dem Patrizier Rungholt freuen. Derek Meister verbindet in „Rungholts Sünde“ erneut den dunklen Zauber des Mittelalters als Grundlage für seinen Kriminalfall mit einem gut recherchierten historischen Umfeld.

_Derek Meister_ wurde 1973 in Hannover geboren. Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das Geschichtenerzählen und den Film. So entstanden in den 1980er Jahren mit Freunden erste Spielfilme auf Super-8 im Wald hinter dem Haus.

Die frühen Versuche verschlugen ihn 1995 an die Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam/Babelsberg. Dort studierte er Film- und Fernsehdramaturgie. Schon während des Studiums wurden erste Drehbücher unter anderem vom |ZDF| realisiert. 2003 beendete Derek Meister sein Studium zum Film- und Fernsehdramaturgen mit Diplom.

Derek Meister schreibt für diverse Produktionsfirmen und Sender, darunter das |ZDF|, |RTL|, |Sat.1| und |Pro7|. Er entwickelte die Krimiserie „Mit Herz und Handschellen“ mit, die 2003 erfolgreich auf |Sat.1| lief, und wurde mit „Weg!“ für den FirstSteps-Preis nominiert. Außerdem gewann das Spiel „Wiggles“, für das er das Drehbuch verfasste, zahlreiche Branchenpreise.

Derek Meister arbeitet seit 1999 als freier Autor in Berlin. Neben der „Rungholt“-Reihe schreibt Derek Meister zusammen mit seiner Frau die Reihe „Drachenhof Feuerfels“, die im |Loewe|-Verlag erschienen ist.

http://www.derekmeister.com
http://www.rungholt-das-buch.de
http://www.blanvalet.de
[Unser Interview mit dem Autor]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=88

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