Meyer, Kai – Göttin der Wüste

Kai Meyer gehört wohl zu den erfolgreichsten Schriftstellern Deutschlands. Seine unzähligen Veröffentlichungen bedienen sich stets der Phantastik, und so ist es auch bei „Göttin der Wüste“. Das Buch spielt im Afrika der deutschen Kolonialzeit und greift auf afrikanische Mythen zurück.

Die zweiundzwanzigjähre Bremerin Cendrine Muck ist auf dem Weg nach Südwest in Afrika, wo sie als Gouvernante für die kleinen Mädchen eines reichen deutschen Minenbesitzers arbeiten soll. Die Familie Kaskade wohnt auf einem herrlichen Anwesen, doch Cendrine fällt es schwer, sich einzugewöhnen. Zum einen macht Madelaine, die Herrin, ihr ab und an das Leben schwer, zum anderen fühlt sie sich von Adrian, dem neunzehnjährigen Sohn, der seit einer Kinderkrankheit taub ist, verfolgt. Er scheint Interesse für sie an den Tag zu legen, und er ist es auch, der ihr Antworten auf die Fragen gibt, die sich ihr stellen, als sie plötzlich wirre Träume hat. Träume, die nicht nur real wirken, sondern sich auch so anfühlen und mit der tragischen Geschichte des Gutes der Kaskades zusammenhängen. Immerhin ist der Erbauer des stolzen Gebäudes damals Amok gelaufen und hat sich und seine ganze Familie ausgelöscht. Adrian eröffnet ihr, dass sie, das kleine weiße Mädchen, die Kräfte einer Schamanin hat. Obwohl die Beweise dafür sprechen, fällt es ihr schwer, dies zu glauben. Doch die Träume kommen wieder und plötzlich sieht sie auch andere Dinge, übersinnliche Dinge, und sie verspürt einen Ruf, der sie in Richtung Henoch, der Stadt, die der Brudermörder Kain einst erbaute, zieht …

Das Szenario, das der Autor in diesem unheimlichen Roman entwirft, ist in seinen Einzelteilen nicht neu, in ihrer Kombination aber recht ungewöhnlich. Eine junge Deutsche mit einer nicht geheimnisfreien Vergangenheit reist zum Anfang des 20. Jahrhunderts nach Südwestafrika, wo sich ihr offenbart, dass sie weit mehr ist als nur die kleine Gouvernante aus Bremen. Der Anfang der Geschichte beinhaltet kaum Fantasyelemente, sondern erzählt vielmehr anschaulich und exakt wie ein historischer Roman. Doch spätestens als Cendrine ein ihr merkwürdiges Stammesritual der Eingeborenen mit Menschenopfern beobachtet und einen kleinen Jungen vor dem Tod bewahrt, wird klar, dass dieses Buch weit mehr ist als eine historische Darstellung. Allmählich und wohldosiert lässt Meyer mystische und auch religionskritische Elemente einfließen, ohne diese zu übertreiben oder in den Mittelpunkt zu rücken. Vielmehr steht Cendrine beziehungsweise die Geschichte als Ganzes im Vordergrund, wobei wichtige Nebenerzählstränge nicht vernachlässigt werden.

Cendrine Muck, die Hauptperson, ist ein angenehmer Charakter, der manchmal aber ein wenig zu sehr an ähnlich geartete Figuren anderer Bücher erinnert. Das zeigt sich vor allem dann, wenn ihr Temperament gegenüber ihrer Erziehung die Überhand gewinnt und sie ihrer Herrin patzige Antworten gibt oder wenn es darum geht, Gerechtigkeit gegenüber den Eingeborenen walten zu lassen. Trotz dieser etwas stereotypen Eigenschaften sticht Cendrine dennoch hervor, denn sie ist authentisch, wird nie als Überheldin dargestellt und ist nicht zu überzeichnet. Meyer gelingt es tatsächlich, den Leser mit seiner Protagonistin zu überraschen. Es scheint zwar so, als ob man schon alles über sie wüsste, aber trotzdem gibt es das eine oder andere Geheimnis, das der Autor aus dem Ärmel ziehen kann.

Abgesehen von der sauber gestalteten Geschichte und der sympathischen Hauptfigur ist es vor allem der Erzählstil, der dafür sorgt, dass man „Göttin der Wüste“ in einem Rutsch liest. Meyer erzählt unglaublich dicht, interessant, dabei aber auch sauber und klar. Er lässt irrelevanten Gedankengängen vonseiten Cendrines nur wenig Platz, sondern konzentriert sich darauf, die Geschichte mit seinem ausgewählten, recht nüchternen Wortschatz zu veranschaulichen. Er geht dabei sehr sorgfältig vor, und es ist sicherlich nicht übertrieben, ihn als „Erzähler“ zu bezeichnen.

Letztendlich schreibt Kai Meyer nicht, um mit einem möglichst originellen Stil zu prunken oder eine durchkonstruierte Handlung zu präsentieren, sondern er schreibt um der Geschichte willen. Er liefert ein Gesamtpaket ab, das sich aus vielen positiven Komponenten zusammensetzt, und das ist es, was es seinem Roman ermöglicht, den Leser in eine andere Welt zu entführen.

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[Interview mit Kai Meyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11
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