Mielke, Thomas R. P. – Varus-Legende, Die

Varus war ein erfahrener Stratege, ein früherer Konsul, Senator und Statthalter Roms. Auch wenn seine Familie in den Wirren des Bürgerkrieges nicht auf der Seite der Julians stand und somit geächtet wurde, konnte er sich durch Geschick und Taten positiv in der Politik des römischen Imperiums positionieren.

In der historischen Geschichtsschreibung dagegen ist seine Person umstritten. Einige Historiker hielten Varus für schwerfällig an Körper und Geist und gaben allein ihm die Schuld an der verheerenden Niederlage in der Schlacht im Teutoburger Wald, bei der 20000 Legionäre und unzählige Zivilisten ihr Leben lassen mussten. Kann ein Feldherr und Politiker wie Varus derartig unfähig gewesen sein, wenn er doch schon in der judäischen Provinz für Recht und Ordnung sorgte, und das mit starker Hand? War wirklich seine persönliche Fehleinschätzung schuld an diesem Drama, das als Varusschlacht in die Geschichte einging? Kaiser Augustus hatte tiefes Vertrauen in seinen früheren Konsul und jetzigen Statthalter. Schließlich war Varus auch Teil der Familie Augustus‘ und seine Referenzen und seine Loyalität standen zur keine Zeit in Frage.

Als Statthalter von Judäa soll Varus, wie es sich für eine solche Position ziemt, erhebliche Steuern eingenommen und einen nicht unerheblichen Teil in seine eigenen Truhen abgezweigt haben. Persönliche Bereicherung oder Amtsmissbrauch waren in Rom und in seinen entferntesten Provinzen durchaus an der Tagesordnung, denn wer konnte das riesige Konstrukt schon ausreichend kontrollieren? Gab es einen solchen Schatz? War Varus korrupt oder war das Gold vielleicht ein Pfand, eine Bestechungsmöglichkeit, um in dem stets unruhigen Land die von Rom eingesetzten Könige zu zwingen, nach Roms Willen zu agieren? Und wenn es den Schatz wirklich gab, wo war er und worin genau bestand er? Wurde Varus zusammen mit seinen Legionen im Teutoburger Wald wegen eines mysteriösen Schatzes niedergemetzelt? Was ist übrig geblieben von diesem Schatz und wo ist er jetzt?

Der deutsche Autor Thomas R. P. Mielke erzählt das Drama um die Schlacht zwischen germanischen Stämmen und drei Legionen des römischen Reiches nicht neu, gibt aber dem Hintergrund ein völlig neues Gesicht.

_Inhalt_

Varus‘ Tätigkeit als Statthalter in Judäa bewies sein starkes Durchsetzungsvermögen in Krisenregionen sowie sein diplomatisches Geschick im Umgang mit regionalen Fürsten und Herrschern, die letztlich nur als Marionetten für das römische Reich fungierten.

In Germanien bzw. zur Grenze Galliens hin gibt es immer noch Unruhen, das Gebiet gilt als nicht befriedet, sondern eher als wild und ungestüm. Kaiser Augustus überträgt Varus die Aufgabe, für Recht und Ordnung zum Wohle des Imperiums zu sorgen. Zusammen mit drei erfahrenen Legionen, die jeweils eine Stärke von 6000 Soldaten umfassen, vertritt er dort des Kaisers Interessen.

Varus ist zwar loyal zu Land und Kaiser, betreibt als erfahrener Politiker aber auch seine ganze eigene, persönliche Politik. Er führt einen Schatz mit sich, den er aus Judäa mitgebracht hat und als Pfand einsetzt, um den dortigen Herrscher Herodes zwingen zu können, Rom anzuerkennen. Doch Varus ist davon zu abgelenkt, um zu erkennen, dass Arminius, ein Fürst der Cherusker, der als Tribun dem römischen Heer dient, eine Verschwörung gegen die Besatzungsmacht in Germanien plant.

Genau 2000 Jahre später finden im Varusjahr anlässlich des Jubiläums die ersten Vorbereitungen für die Feier statt. Im Museum in Kalkriese wird ein Forscher, dessen Gebiet die Varusschlacht ist, von einem antiken Legionärsspeer ermordet. Thomas Vresting, Journalist einer Tageszeitung, verfolgt nach einem Tipp den Mord und findet Indizien einer Verschwörung und Hinweise auf einen Schatz, der es wert ist, dafür über Leichen zu gehen.

_Kritik_

„Die Varus-Legende“ von Thomas R. P. Mielke ist zwar im Genre des historischen Romans anzusiedeln, zugleich ist er aber auch ein Thriller. In zwei Zeitebenen gegliedert, erzählt der Roman die persönliche Situation des Varus in Judäa und später in Germanien. Hier hat sich der Autor recht gut an den Quellen orientiert und die Ereignisse in Varus‘ Umfeld sehr genau wiedergegeben. Aber so richtig kommt dabei keine Spannung auf, weder im historischen Teil noch in der Jetztzeit.

Thomas Vresting, ein Journalist wider Willen, ermittelt in einer nebulösen Schnitzeljagd und lässt der Story keine Zeit, sich so richtig an einem roten Faden entlangzuhangeln. Hier eine Spur, dort eine andere, verschiedene Interessen werden offenbart, und irgendwie wird alles mögliche recherchiert, aber letzten Ende doch wieder nichts. Erzählerisch eher trocken gestaltet, läuft die Suche nach dem Schatz weiter, und der Leser fragt sich wiederholt: Welcher Schatz überhaupt?

Und genau an dieser Stelle wechselt die Geschichte ins Reich der Fantasie. Recherchiert man ein wenig, so findet man keine Hinweise, noch nicht mal ein Indiz dafür, dass Varus so unvernünftig gewesen sein soll, einen Schatz quer durch unbefriedetes, feindseliges und teilweise unbekanntes Gebiet zu führen. Der Autor vermengt mir zu viel an Fakten mit noch mehr Fiktion. Für einen historischen Roman (so die Einordnung des Verlages) ist die Auslegung und Neuerzählung eine Spur zu eigen und auf Mystery-Thriller getrimmt.

_Fazit_

„Die Varus-Legende“ ist mehr fiktionaler als historischer Roman, der nicht zu überzeugen weiß, wenn man wirklich etwas von der verhängnisvollen Schlacht und den Hintergründen erfahren möchte. In keinem Kapitel ist die Story wirklich spannend zu nennen. Die Geschichte mäandert vor sich hin, es gibt keine erkennbaren Höhepunkte, weder in der Charakterisierung der Protagonisten, noch im Verlauf der Geschichte.

Dass sich der Autor im Kernthema in die Idee eines imaginären und mysteriösen Schatzes verrennt, finde ich unglücklich und bedauerlich. Sicherlich gibt es schon so manchen Roman rund um die beiden Kontrahenten der berühmten Schlacht, und natürlich kann man in der Auslegung und aus dramaturgischen Gründen ein wenig hinzufügen oder anders interpretieren. Aber die Story weist in diesem Falle so viele unpassende und unstimmige Passagen auf, dass jeder halbwegs geschichtsinteressierte Leser das Buch enttäuscht zur Seite legen wird.

|474 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-502-11043-9|
http://www.fischerverlage.de/page/scherz

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