Montanari, Richard – Crucifix

_Deadline Karfreitag: der Killer mit dem Rosenkranz-Programm_

Die Bevölkerung von Philadelphia wird mit einer Verbrechensserie konfrontiert, die sie in den Grundfesten erschüttert: Ein durchgeknallter, aber planvoll arbeitender Mörder hat es auf ihre Töchter abgesehen. Und nur auf ihre katholischen Mädchen. Bei seiner Mordserie lehnt er sich an die Passion Christi an: von der Verurteilung über die Geißelung bis zur Kreuzesaufnahme und finalen Kreuzigung. Für die beiden Beamten der Mordkommission Kevin Byrne und Jessica Balzano beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn das Osterfest steht kurz bevor. Für den Karfreitag hat sich der Killer die Krönung seiner Hinrichtungen vorbehalten. Doch er begeht einen folgenschweren Fehler …

_Der Autor_

Richard Montanari, geboren in Cleveland, Ohio, ist als Autor, Drehbuchschreiber und Essayist tätig. Seine Werke erscheinen nach Verlagsangaben in zwanzig Ländern.

_Der Sprecher_

Matthias Koeberlin, geboren 1974, absolvierte die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Im Jahr 2000 erhielt er den Günter-Strack-Fernsehpreis. Er spielte den Stephen Foxx in der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers „Das Jesus-Video“. Für seine Interpretation der [Hörbuchfassung]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=267 von Eschbachs Bestseller wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis des WDR (2003) nominiert.

Koeberlin liest eine von Guido Huß gekürzte Textfassung. Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme im Dacapo-Studio, Breckerfeld, verantwortete Christian Päschk, die Musik lieferten Dennis Kassel und Horst-Günther Hank.

_Handlung_

Am Sonntag vor Ostern betet Tessa Ann Wells, 17 Jahre jung, ohne Freude zur Muttergottes. Sie ist ein katholisches Mädchen,und kann das Avemaria gut. Doch die Freude fehlt, denn Tessa hat ihre Mutter Annie vor sechs Jahren verloren und ihr Vater Frank liegt mit Lungenkrebs danieder. Auch die Tatsache, dass sie vor zwei Tagen entführt worden ist, trägt wenig zu ihrer Lebensfreude bei. Einen Selbstmordversuch hat sie bereits hinter sich. Ihr Entführer sagt ihr, sie soll lauter beten, während er eine weitere Spritze vorbereitet …

Am Montagmorgen bringt er sie nach Cracktown, einen Slum in Nord-Philadelphia, in den Keller eines verlassenen und ausgeplünderten Hauses. Dort bindet er sie an eine Säule und drückt ihr einen nicht ganz vollständigen Rosenkranz in die Hand. Zwei der fünf Abschnitte fehlen. Als sei auf dem Boden liegt, bereitet er eine Nadel vor, und Tessa schaut apathisch, denn die Droge lähmt ihr Gehirn. Dann beginnt ein Akkubohrer zu surren …

Heute ist Jessica Balzanos erster Tag als Detective beim Morddezernat Philadelphias. Da sie von ihrem Mann Vincent getrennt lebt, lässt sie ihre dreijährige Tochter Sophie bei Paula, der Nachbarin. Dann fährt sie zum Round House in der Innenstadt. Jessica, 29, setzt eine Familientradition fort, denn schon ihr Vater war in der Polizeitruppe. Jessica hat Dienstjahre bei der Verkehrspolizei verbracht und ist froh, eine Stufe höher arbeiten zu können. Aber gleich der erste Fall, den der Abteilungsleiter Buchanan ihr und ihrem neuen Partner Kevin Byrne, 40, zuteilt, stellt sich als schwere Belastungsprobe für alle ihre Fähigkeiten heraus. In Cracktown wurde ein weißes Mädchen tot aufgefunden.

Anhand des Emblems auf der Schuluniform ist zu erkennen, dass die Tote auf die katholische Mädchenschule Nazarene Academy gegangen ist, die im gutbürgerlichen Nordosten liegt. Jessica fällt zunächst das mit blauer Kreide auf die Stirn gemalte Kreuz auf, dann die gefalteten Hände. Sie wurden zusammengeschraubt und scheinen etwas zu halten. Es handelt sich um einen Bildausschnitt: „Dante und Vergil vor dem Tor zur Hölle“ von William Blake. Der Gerichtsmediziner schockt die beiden Beamten mit dem Befund, dass Tessas Vagina zugenäht wurde. Was hat dies alles zu bedeuten?

Simon Close, Sensationsjournalist beim „The Reporter“, hat eine lange Nacht hinter sich, und obwohl es schon fast Mittag ist, fällt es ihm schwer, sich auf das Klingeln des Telefons zu konzentrieren. Es ist Andrew Chase, einer seiner Informanten. Chase ist Fahrer von Kranken- und Leichenwagen für ein Gesellschaft. „Eine katholische Schülerin wurde in Cracktown tot aufgefunden. Und rate mal, wer den Fall leitet: dein spezieller Freund Kevin Byrne.“ Simon freut sich, denn mit Byrne hat er noch eine Rechnung zu begleichen. Er verspricht Chase die üblichen 100 Dollar und macht sich auf die Socken.

Am Dienstagmorgen wird ein weiteres totes Mädchen gefunden: Nicole Taylor ging auf die katholische Reagan High School. Die Parallelen sind unübersehbar: zusammengeschraubte Hände (darin ein Lammknochen), ein Rosenkranz (nur ein Abschnitt fehlt), die zugenähte Vagina. Da sie schon vier Tage hier liegt, wird Jessica und Byrne klar, dass sie die Nummer eins war und Tessa Nummer zwei. Offenbar hat der Mörder eine Serie in Planung, aber wie lang ist diese – und wann und wie wird sie enden? Als am Mittwoch Nummer drei gefunden wird, erkennen die Beamten, dass der Täter sie vorgewarnt hat: Er spielt Katz und Maus mit ihnen. Bis zum Karfreitag.

Byrne und Jessica haben Verdächtige. An oberster Stelle steht der psychologische Berater der Nazarene Academy, der auch für die vier anderen katholischen Schulen der 1,5-Millionenstadt Philadelphia zuständig ist: Dr. Brian Parkhurst hat nicht nur Kontakt zu beiden Mädchen gehabt, sondern verfügt auch über die medizinischen Kenntnisse, um die Drogen zu verabreichen, die die Opfer außer Gefecht setzten. Und er wäre beinahe in Ohio wegen Unzucht mit einer Minderjährigen verurteilt worden. Nur die Tatsache, dass Karen Hillkirk gerade 18 wurde, bewahrte ihn vor dem Knast. Parkhurst streitet alles ab. Und er hat einen Schutzengel herbeigerufen. Terry Patchek ist der Fürsprecher der Erzdiözese und persönlich vom Erzbischof ausgesandt, um sich um Parkhurst zu kümmern. Buchanan lässt ihn laufen – vorerst. Denn die Verdachtsmomente verdichten sich.

Verdächtiger Nr. 2 ist Simon Close. Als er Jessica auf die Pelle rückt, während sie beim Joggen ist und er wie zufällig auftaucht, setzt sie ihn sofort außer Gefecht, liest ihm seine Rechte vor und hält ihm ihre Dienstwaffe an den Kopf. Das findet der Masochist Simon unheimlich erregend. Aber er hat nicht erwartet, wegen dieser Sache einen Besuch vom echten Serienmörder zu erhalten …

_Mein Eindruck_

Erst gestern habe ich wieder David Finchers Thriller „Sieben“ im TV gesehen. „Crucifix“ – ein völlig deplatzierter deutscher Titel und auch noch falsch geschrieben – gemahnte mich in Aufbau und Thematik stark an Finchers Klassiker. Da hätten wir statt der sieben Todsünden jetzt die fünf Stationen der „schmerzensreichen Mysterien“ des Rosenkranzes, angefangen von der Schuldigsprechung bis zur finalen Kreuzigung. Wie bei Fincher ist jeder Station ein Opfer zugeordnet. Und praktisch jeden Tag ist mit einer weiteren Toten zu rechnen. Und zwar so lange, bis der Karfreitag gekommen ist, der sozusagen die „Krönung“ der Serie bildet.

Doch der Täter spielt mit der Polizei Katz und Maus. Er gibt ihr vorausweisende Tipps, die er den Opfern in die gefalteten Hände steckt. Will heißen, das eigentliche Ziel der Serie sind nicht die armen Mädchen, sondern Angehörige der Polizeitruppe. Und zwar eine ganze bestimmte Person, die in die Ermittlungen involviert ist. Kein Wunder, dass sie sich schließlich nicht mehr auf der Seite der Schnüffler wiederfindet, sondern selbst als Opfer. Ebenso wie ihre kleine Tochter …

Doch die Polizistin – man kann sich denken, um wen es sich handelt – scheint von Verdächtigen umgeben zu sein, und es ist schwierig, die Schuldigen von den Unschuldigen zu trennen. Sie muss ihre Menschenkenntnis aufs Äußerste auf die Probe stellen, um die richtige Wahl zu treffen. (Es ist natürlich zunächst die falsche.) Obwohl sie sich keiner Schuld bewusst ist, belehrt sie der Täter eines Besseren. Sie trägt Schuld – und muss dafür büßen. Sie entspricht Inspektor David Mills (Brad Pitt) in „Sieben“. Und wenn sie den Zusammenhang zwischen den getöteten Mädchen früher gefunden hätte, wäre Schlimmeres verhindert worden.

Nun ist allerdings genau wie in „Sieben“ auch ein Retter vonnöten. In „Sieben“ ist es der alte Somerset (Morgan Freeman). Dieser scheint in „Crucifix“ Kevin Byrne zu sein, der Vierzigjährige mit dem schwarzen Fleck auf seinem Ruhmesblatt. Er hat angeblich, so das Verdikt, einen jungen Mann namens Morris Blanchard durch seine zudringliche Observation in den Selbstmord getrieben. Byrne hielt Blanchard für schuldig, seine Eltern getötet zu haben. Dann tauchten Beweisstücke beim Gärtner der Blanchards auf.

Dumm gelaufen für Byrne. Doch gebrochene Helden sind das beste Material für Samariter. Einen solchen braucht Jessica Balzano, als sie sich unwissentlich immer tiefer selbst in die Enge getrieben hat, bis ihr Leben und das ihrer Tochter nur noch an einem seidenen Faden hängen. Indem Byrne Jessica rettet und den Täter unschädlich macht, leistet er Wiedergutmachung. Er ist folglich bereit für den Polizistenhimmel, der für Helden reserviert ist. Ob er dort ankommt oder überlebt, verrate ich nicht.

Die Geschichte hat mich eigentlich nur wegen der unvorhersehbaren Wendungen in der Handlung interessiert: Von einem Verdächtigen nach dem anderen stellt sich heraus, dass er wohl nicht der Gesuchte sein kann – oder doch? Und ein zweiter Faktor war die ungewöhnlich tief gehende Charakterisierung der beiden Hauptfiguren Jessica Balzano und Kevin Byrne. Wir lernen praktisch ihre ganze Vergangenheit kennen, erhalten aber auch Einblick in ihre gegenwärtige Realität.

Zu den Prologen gehört eine Szene, in der Byrne einen Päderasten zur Strecke bringt. Byrnes Tochter beispielsweise ist eine Gehörlose, die aber das Leben trotz ihres Handicaps meistert. Und Jessica bewältigt den mit grausigen Anblicken gespickten Alltag eines Kriminalinspektors durch das Zusammensein mit ihrer eigenen Tochter. Auch sie ist katholisch – italienischer Abstammung. Byrne ebenso – er ist irischer Abstammung. Beiden geht die Mordserie dementsprechend an die Nieren.

Das Finale ist nach klassischem Countdown-Muster gestrickt, so dass praktisch jede Minute die Schraube der Spannung weiter angezogen wird. Das ist sehr gut gemacht. Aber während der Ermittlung hätte ich den Detectives zuschreien mögen, die sollten mal anfangen, zwei und zwei zusammenzuzählen. Dies erfolgt leider nur allzu selten, und meistens hat Jessica die nötigen Erleuchtungen. Für Splatterfreunde bietet die Story genügend Szenen, die an „Das Schweigen der Lämmer“ und „Sieben“ heranreichen. Zartbesaitete seien daher gewarnt.

_Der Sprecher_

Als ausgebildeter Schauspieler weiß Koeberlin seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Ihm gelingen ausgezeichnete Charakterisierungen. Parkhurst verleiht er durch seine Artikulation etwas trügerisch Sanftes und Aalglattes, während er einem alten Litauer durch eine tiefe Stimmlage und raue Aussprache etwas Würdiges und Vertrauenwürdiges verleiht. Dass Simon Close als ein ziemlich schmieriger Zeitgenosse erscheint, versteht sich fast von selbst.

Aber Koeberlin kennt nicht die Aussprache jedes einzelnen ausländischen Namens – wer könnte es ihm verdenken? Insbesondere Latein scheint Koeberlin unvertraut zu sein. So erkennt er das Wort „dies“ = Tag (gesprochen als „di-es“, ein Doppellaut) nicht als solches, sondern liest stattdessen das deutsche Wort „dies“ (mit einfachem, langem i). Noch etwas ulkiger wird es bei dem lateinischen Ausdruck „Rosarium Virginis Mariae“ = Rosenkranz der Jungfrau Maria. In „virginis“ spricht er das G nicht lateinisch bzw. deutsch aus, sondern englisch, nämlich [dsch]! Wie dies zu begründen ist, bleibt wohl sein Geheimnis.

_Unterm Strich_

„Crucifix“ dürfte die Freunde von blutigen und bizarren Thrillern wie „Sieben“ und „Das Schweigen der Lämmer“ ansprechen. Trotz der etwas aufgesetzt wirkenden Mysterien in der Tötungsmethode ist das Buch auch ein gut funktionierender und straff erzählter Copthriller. Er zeichnet sich durch zwei plausibel und mit Tiefe gezeichnete Hauptfiguren aus, denen man gerne eine gemeinsame Zukunft wünschen würde, wenn, ja, wenn da nicht der böse Schurke wäre, den es in einem packenden Showdown zu bezwingen gilt. Denn Jessica könnte durchaus das fünfte Opfer werden – dasjenige, das für den Karfreitag vorgesehen ist …

Der Sprecher gestaltet den Text zu einer spannenden und unterhaltsamen Lesung, indem er die vielfältigen darin auftretenden Figuren einigermaßen gut mit seinen stimmlichen Mitteln zu charakterisieren versteht. Dabei unterlaufen ihm allerdings ein paar Aussprachefehler, die sich besonders bei lateinischen Wörtern häufen. Man kann eben nicht alle Sprachen kennen. Und als Koeberlin im ostdeutschen Potsdam Schauspiel studierte, stand wohl eher Russisch auf dem Stundenplan.

|Originaltitel: The Rosary Girls, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Karin Meddekis
405 Minuten auf 6 CDs|
http://www.luebbe-audio.de

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