Mull, Brandon – Fabelheim

Die Eltern der dreizehnjährigen Kendra und des zehnjährigen Seth gehen für knapp drei Wochen auf Kreuzfahrt. In dieser Zeit sollen die Geschwister bei ihren Großeltern in Connecticut wohnen, die sie bisher nur von kurzen Besuchen kennen. Während Oma Ruth verreist ist, empfängt Großvater Stan Sorensen die Kinder sehr freundlich. Sie bekommen ein großes Dachbodenzimmer voller altmodischer, aber origineller Spielsachen und in dem riesigen Garten gibt es einen Swimmingpool.

Allerdings verbietet ihnen ihr Opa, den angrenzenden Wald zu besuchen, da dort Zeckengefahr herrsche. Seth hält sich nicht daran und entdeckt nicht nur einen wunderschönen Garten mit See und Pavillons im Innern, sondern auch eine Hütte mit einer seltsamen alten Frau. Kendra wiederum wundert sich über die vielen Kolibris und Schmetterlinge, die stets den Garten umschweben und denen Milch bereitgestellt wird.

Schließlich weiht ihr Großvater sie in sein Geheimnis ein: Der Wald ist ein geheimer Ort namens „Fabelheim“, seit Jahrhunderten eine der wenigen Zufluchtsstätten für aussterbende magische Geschöpfe wie Elfen, Satyrn und Nixen. Ihr Opa ist der Verwalter, der sie versorgt und sich darum kümmert, dass weder die gefährlichen Wesen hinaus- noch unbefugte Besucher hineinkommen.

Außerdem erfahren sie von der Organisation „Gesellschaft des Abendsterns“, die seit vielen Jahren den Ort finden will, um die Wesen für ihre bösen Zwecke zu benutzen. Kendra und Seth versprechen, niemandem etwas zu erzählen. Doch in der gefährlichen Mittsommernacht, in der alle Geschöpfe Freigang haben, bricht der neugierige Seth eine der Regeln – und am nächsten Morgen ist ihr Opa verschwunden …

Kaum hat sich die Harry-Potter-Welle ein wenig gelegt, wurde die Kinderfantasy durch die Biss-zum-Reihe aufs Neue entfacht. Phantastik für Kinder und Jugendliche genießt Hochkonjunktur, und mit „Fabelheim“ ist der Startschuss zu einer sehr vielversprechenden neuen Buchreihe gefallen, die sowohl Kinder als auch junggebliebenen Erwachsene beste Unterhaltung bringen dürfte.

|Spannende und phantasievolle Handlung|

Alles beginnt wie ein typischer Kinderroman mit zwei Geschwistern, die recht unwillig ihrem Ferienaufenthalt entgegensehen. Ihre kürzlich verstorbenen Großeltern väterlicherseits haben testamentarisch als letzten Wunsch allen erwachsenen Angehörigen eine Kreuzfahrt durch ihre Heimat Skandinavien spendiert, und für diese Zeit sind Opa und Oma Sorensen die einzig infrage kommenden Babysitter. Das beeindruckende Grundstück bietet den Geschwistern allerlei Abwechslung mit einem Baumhaus, einem Swimmingpool, einem geräumigen Dachboden mit einem zahmen Haushuhn und faszinierendem Spielzeug. Trotzdem reizt sie der verbotene Wald, und der abenteuerlustige Seth will schließlich hinter das Geheimnis kommen. Die Wahrheit ist beeindruckender, als sie es sich je hätten erträumen lassen.

Ihr Opa ist einer der Verwalter, die Generation für Generation über Fabelheim wachen. Die Milch einer Riesenkuh lässt Sterbliche die Fabelwesen erkennen, die für normale Augen ohne dieses Hilfsmittel wie gewöhnliche Schmetterlinge oder andere Tiere aussehen. Natürlich wird es jetzt erst richtig spannend, denn ihr Opa weiht die Geschwister längst nicht in alle Geheimnisse über Fabelheim ein, besonders die grausamen oder unheimlichen Details sollen sie nicht erfahren – das kommt alles später, denn unter Umständen werden sie selbst einmal die Verwaltung des Reiches übernehmen. Besonders aufregend wird es in der Mittsommernacht, in der alle Wesen frei ums Haus herumtoben und mit allen möglichen Tricks versuchen, Einlass zu erhalten, und so grauenvolle Dinge anstellen, dass jedem angeraten ist, nicht aus dem Fenster zu schauen.

Nach dem beschaulichen Beginn gibt es eine Menge dramatischer Verwicklungen – sei es, dass Seth sich gegen die Elfen versündigt, indem er einen Leichtsinnsfehler begeht, sei es, dass ihr Opa nach der Mittsommernacht verschwunden ist, oder die Frage, was es mit ihrer Oma auf sich hat, hinter deren Abwesenheit sich offenbar ein weiteres Geheimnis verbirgt. Ein großer Pluspunkt des Buches ist seine Eigenständigkeit. Obwohl es als Start für eine Reihe gedacht ist, bleiben am Ende keine wichtigen offenen Fragen und man ist nicht gezwungen, den nächsten Band zu lesen. Andererseits gibt es dezente Andeutungen dazu, was in den nächsten Bänden stärker thematisiert werden könnte, allem voran die „Gesellschaft des Abendsterns“, die ein Komplott plant, das hier nur am Rande eine Rolle spielt, sowie das geheimnisvolle, mächtige Artefakt, das irgendwo in Fabelheim verborgen liegt.

Die Bewohner Fabelheims sind gängige Wesen aus der Mythologie, aber dennoch originell aufbereitet. Interessant ist vor allem Großvaters Aussage, dass sich ihre Moral stark von derer der Menschen unterscheidet und keines der Wesen „gut“ im menschlichen Sinne ist – vielmehr seien die besten unter ihnen lediglich nicht böse. So wie die meisten Menschen gedankenlos Insekten töten, so denken sich die unsterblichen Fabelwesen nichts dabei, menschliches Leben auszulöschen, das aus ihrer Perspektive quasi wertlos ist. Die hübschen Elfen, die Kendra und Seth in der Literatur als liebevolle Wesen kennen, sind hier vor allem eitel und selbstsüchtig, immer darauf bedacht, sich in einem Spiegel zu betrachten. Die Wichtel helfen zwar tatsächlich wie in der verbreiteten Vorstellung, Ordnung im Haus zu schaffen – aber nie, um den Menschen zu helfen, sondern einfach, weil sie die Ordnung an sich lieben.

Wirklich gefährlich wird es mit den Najaden, den schönen Wasserfrauen, die sich einen Spaß daraus machen, Unschuldige zu sich hinabzuziehen, und der bösen Hexe, die in einer Hütte sitzt und nur darauf lauert, dass jemand vorbeikommt, der ihre magischen Kräfte braucht und ihr als Gegenleistung den Knoten löst, der sie dort gefangen hält. Die Regeln in Fabelheim sind nicht ganz leicht zu durchschauen – so kann man gewöhnlich nicht mit Magie bekämpft werden, solange man keinem Wesen geschadet hat, Hilfe aber kann man wiederum nicht erwarten, denn das Verhalten der Fabelwesen gleicht einer Herde, die dem Tod eines Artgenossen mehr oder weniger gleichgültig gegenübersteht. Das unberechenbare Verhalten, das Kendra und Seth verwirrt, sorgt beim Leser für Spannung, weil es ihn im Ungewissen belässt.

|Gelungene Charaktere|

Kendra und Seth sind zwar nicht besonders originell, aber als Hauptfiguren für einen in erster Linie für Kinder gedachten Roman dennoch gelungen. Seth ist ein kleiner Wildfang, immer auf Entdeckungstour und gerne mal frech und ungehorsam. Kendra übernimmt als ältere Schwester viel Verantwortung, ohne dabei ein langweiliges Mustermädchen zu sein. Ihr Großvater ist zunächst geheimnisvoll und recht schweigsam, dabei aber immer sympathisch.

Ein reizvoller und komplexer Nebencharakter ist Lena, die weit gereiste, ältere Haushälterin, deren Vergangenheit eng mit Fabelheim verbunden ist und deren weiteres Schicksal Potenzial birgt, in einem der folgenden Bände noch einmal aufgegriffen zu werden. Opas Gehilfe, der schweigsame Dale, ist ein bisschen blass geraten, interessanter ist aber sein seit seiner Verzauberung autistisch agierender Bruder, für den er auf eine Erlösung hofft, was sicher ebenfalls noch ausführlich thematisiert wird. Oma Sorensen tritt zwar erst spät in Erscheinung, ist dann aber eine sehr liebenswerte, patente Person mit Sinn für Humor. Überhaupt gibt es etliche lustige Szenen und scharfzüngige Dialoge zwischen den Geschwistern, und die ersten Erfahrungen mit den ungewohnten Wesen sorgen auch für amüsante Momente.

|Nur kleine Schwächen|

Zumindest der erste |Fabelheim|-Roman ist nicht so detailverliebt wie zum Beispiel die Harry-Potter-Bände, in denen die Dichte an wunderbaren Charakteren und immer neuen Entdeckungen kaum ein Ende nimmt. Manche der Kreaturen werden nur kurz gestreift, über ihre Hintergründe erfährt man nicht so viel, wie man es sich wünscht. Ein bisschen nervtötend ist mit der Zeit auch Seth‘ Ungehorsam. Seinen Ausflug in den Wald kann man noch nachvollziehen, die Elfen-Katastrophe vielleicht auch noch, aber sein Verhalten in der Mittsommernacht ist recht unverständlich, vor allem, da er inzwischen am eigenen Leib bereits die Gefahren Fabelheims erlebt hat und gewarnt sein müsste – selbst ein besonders neugieriger Junge dürfte nicht so naiv handeln, daher wirkt sein Verhalten stellenweise eher unrealistisch und konstruiert. Ein bisschen enttäuschend dürfte auch sein, dass man früh über den Geheimbund „Gesellschaft des Abendsterns“ informiert wird, der dann aber doch keine besondere Rolle mehr spielt, sondern erst in den nächsten Bänden ins Geschehen einsteigt.

_Als Fazit_ bleibt ein gelungener Auftakt einer mehrbändigen Fantasyreihe für Kinder und Jugendliche, der vor allem durch eine abwechslungsreiche, spannende Handlung und eine interessante Grundidee besticht. Das Buch lässt sich flüssig lesen, bietet eine ausgewogene Balance zwischen ernsten und lustigen Momenten, sympathische Charaktere und genug Potenzial für die nachfolgenden Bände, die hoffentlich bald auf Deutsch erscheinen. Abgesehen von nur kleinen Mankos ein lesenswertes Buch für Kinder ab etwa zehn Jahren.

_Der Autor_ Brandon Mull stammt aus Connecticut und lebt heute mit seiner Familie in Utah. Schon zu Schulzeiten träumte er davon, eines Tages als Schriftsteller leben zu können. Nach seinem Universitätsabschluss veröffentlichte er den ersten |Fabelheim|-Roman, der ein Bestseller wurde. In den USA sind bereits vier Bände erschienen.

|Originaltitel: Fablehaven
Originalverlag: Aladdin
Aus dem Amerikanischen von Hans Link
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3-7645-3022-8|
http://www.brandonmull.com
http://www.penhaligon.de

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