Nesbø (Nesboe), Jo – Schneemann

Jo Nesbø gehört neben Henning Mankell zu den großen Namen der skandinavischen Kriminalliteratur. Sein Ermittler, der knurrige Einzelgänger Harry Hole mit einer Vorliebe für Rockmusik und Alkohol, hat in „Schneemann“ seinen siebten Auftritt. Mitten im Winter muss der Osloer einen Serienmörder jagen, der auch ihm gefährlich werden könnte …

Vier Frauen verschwinden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie verheiratet und Mutter sind – und dass in ihren Gärten Schneemänner stehen. Harry Hole glaubt sofort an einen Serienmörder, und als er die Vermisstenfälle der letzten Jahre durchcheckt, stellt er fest, dass weitere vorliegen, die in dieses Schema passen.

Gemeinsam mit seiner neuen Kollegin, der etwas raubeinigen Katrine Bratt, beginnt er mit den Ermittlungen und findet bald eine Spur. Zwei der vier Frauen hatten Kontakt zum gleichen Arzt, dem zwielichtigen plastischen Chirurgen Idar Vetlesen. Welche Rolle er gespielt hat, wird nicht so ganz klar, denn er hält mit den Informationen hinter dem Berg. Wenig später wird er tot auf einer Curlingbahn gefunden, doch Harry findet Indizien dafür, dass es eben kein Selbstmord war. Seine Vorgesetzten wollen ihm nicht glauben. Sie haben bereits die Information an die Presse gegeben, dass der Schneemann, wie der kranke Mörder genannt wird, gefasst sei. Ohne Rückendeckung von oben sucht Harry weiter, nichtsahnend, dass auch er sich im Visier des Killers befindet …

Die größte Stärke von „Schneemann“ ist der wendungsreiche, immer wieder überraschende Plot. Jo Nesbø versteht es, das Buch von der ersten Zeile an spannend zu gestalten – keine einfache Aufgabe bei fast 500 Seiten. Harry Holes unermüdliches Ermittlungsgeschick, das allmähliche Aufdecken wichtiger Fakten und das Auslegen falscher Spuren tragen dazu bei, dass der Leser mitfiebert, aber nie weiß, wie es weitergeht.

Harry Holes Suche nach dem Täter grenzt manchmal an Versessenheit. Mehr als einmal gibt es falschen Alarm und der Hauptverdächtige stellt sich als unschuldig heraus. Bis es allerdings so weit kommt, weiß der Autor die Spannung zu steigern und dem Leser einzureden, dass der Arzt oder sogar Holes neue Kollegin die Morde begangen haben könnten. Die Verdächtigungen werden immer stichhaltiger, bis es schließlich zum großen Countdown kommt. Auch hier weiß der Autor zu überraschen, indem er relevante Details zurückbehält. Harrys Gedankengänge werden nicht sofort erklärt, sondern erst im Nachhinein, so dass mehr als einmal unvorhergesehene, aber schlüssige Dinge geschehen und für Action sorgen.

Harry Hole trägt viel dazu bei, dass das Buch ein Pageturner wird. Er ist zwar nicht unbedingt sympathisch, aber ein echtes Original mit Ecken und Kanten. Allerdings begeht Nesbø nicht den Fehler, Harry allzu sehr an das Klischee des beinharten Rockers anzulehnen. Der Protagonist muss es sich zwar gefallen lassen, in diese Ecke gedrängt zu werden, ist aber eigenständig und unabhängig genug, um in einem Atemzug mit Kurt Wallander genannt zu werden. Ähnliches gilt für die anderen Figuren, die sehr menschlich gezeichnet sind und die man sich gut vorstellen kann. Da es sehr viele Charaktere gibt, sind einige nur sehr schemenhaft gezeichnet, aber das sei dem Autor verziehen. Er konzentriert sich auf die Personen, die im Mittelpunkt stehen und ihm sehr gut gelingen.

Der Schreibstil Nesbøs verbindet Personen und Handlung sehr gut. Der Autor schreibt unaufgeregt, aber sehr sicher. Er versteift sich nicht darauf, möglichst witzig oder originell zu sein, sondern versucht, die Inhalte störungsfrei und spannend zu transportieren. Dabei kommt ein einfach zu lesender, anspruchsvoller und intelligenter Krimi heraus.

„Schneemann“ hat alles, was ein guter Krimi braucht: Spannung, Wendungen und einen originellen Ermittler. Wem Wallander zu schwermütig ist, der ist mit Hole gut beraten. Der ist zwar nicht unbedingt kein Kind von Traurigkeit, aber dafür kerniger und in seiner Rolle als Ermittler vielleicht sogar fesselnder.

|Originaltitel: Snømannen
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
489 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-550-08757-8|
http://www.ullstein.de

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[„Das fünfte Zeichen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2768
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