Nesbø/Nesboe, Jo – Erlöser, Der

_Ein Sauhaufen von einer Armee des Heils_

Gerade als Kommissar Harry Hole seine Freundin Rakel wieder für sich gewinnen will, geschieht in Oslo ein ungewöhnlich brutaler Mord. Der junge Robert Karlsen wird offener Straße regelrecht hingerichtet. Während sich die Kripo unter einem neuen Chef aufrappelt, geschieht ein weiterer Mord. Nun macht der Täter offenbar Jagd auf Roberts Bruder Jon. Robert war das falsche Ziel.

Seit Generationen gehören die Karlsens der norwegischen [Heilsarmee]http://de.wikipedia.org/wiki/Heilsarmee an und gelten dort als unbescholtene Mitglieder. Doch die makellose Fassade bekommt Risse, als Hole der Hinweis zugespielt wird, Robert Karlsen habe nicht immer die strikten Regeln der Glaubensgemeinschaft befolgt und sein Bruder Jon sei in lukrative Immobiliengeschäfte verwickelt.

Aber ist der Killer wirklich in den Reihen der Heilsarmee zu suchen? Die Spur führt zurück ins bosnische Vukovar, ins finstere Jahr 1991, als die Serben die Stadt eroberten und alle Bewohner [massakrierten.]http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker__von__Vukovar Bis auf einen …

_Der Autor_

Jo Nesbø, geboren 1960, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker (|Di Derre|, Gammleng-Preis 1996) und gilt in seiner Heimat Norwegen als das neue Multitalent. Sein erster Roman „Das Fledermausmuseum“ wurde in Norwegen 1997 mit dem Riverton-Preis als bester Krimi des Jahres ausgezeichnet. Mit „Rotkehlchen“ (norwegischer Buchhandelspreis 2000, bester norwegischer Krimi 2004: |Tidenes beste norske krim|) gelang ihm der Durchbruch und seit der Veröffentlichung von „Die Fährte“ ist er ein Bestsellerautor. Inzwischen erscheinen seine Bücher in 14 Sprachen. (Verlagsinfo)

Weitere Romane von Jo Nesbø:

[„Die Fährte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2939
[„Das fünfte Zeichen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2768 (Lesung bei |Hörbuch Hamburg|)

_Die Inszenierung_

Heikko Deutschmann war nach seinem Schauspielstudium Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne, am Hamburger Thalia-Theater, im Schauspiel Köln und Schauspielhaus Zürich. Mittlerweile ist er in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen gewesen, so etwa „Der Laden“, „Operation Rubikon“, „Der Aufstand“ oder „In Sachen Kaminski/Die Affäre Kaminski“.

Regie bei dieser gekürzten Lesung führte Gabriele Kreis. Die Aufnahme erfolgte im studio__wort, Berlin, im Juni 2007.

_Handlung_

|PROLOG.|

August 1991. Martines Vater ist der Kommandeur der norwegischen Heilsarmee, Jan Ekhoff. Er hält in der Kadettenschule eine Rede an seine Truppe, dann ist Rikard Nielsen an der Reihe, einer seiner treuesten Anhänger. Martines Herz gehört Robert Karlsen, 17, der so dunkle Haut hat. Bei seinem Anblick gerät ihr Blut in Wallung, denn er ist ein neckischer Komiker, ganz anders als sein kühl planender Bruder Jon, der stets so ernst ist. Auf dem Gut sieht sie Mats Gilstrup, den Sohn des früheren Gutsbesitzers, abseits stehen und die Szene beobachten. Als Martine später aufs WC geht, öffnet ein Mann die Tür des kleinen Häuschens und hält ihr ein Messer an die Kehle. Er droht ihr und zieht ihr den Schlüpfer herunter. Sie schweigt und hofft, dass es bald vorüber sein möge.

Am Sonntag, den 13. Dezember 2003, überwindet Kommissar Harry Hole den Absperrzaun zum Containerhafen. Es ist Nacht, und weit und breit ist keiner zu sehen. Hier fanden sie tags zuvor Per Holmén, einen Junkie, der sich angeblich den goldenen Schuss gesetzt hatte. Aber wieso starb er dann an einem Kopfschuss? Als Hole nichts findet, kehrt zum Zaun zurück. Er hört den Wachhund überhaupt nicht kommen, spürt aber plötzlich dessen Zähne im Bein. Die einzige Weise, wie er dessen Biss lösen kann, ist einen Schluck Whisky aus seinem Flachmann zu nehmen und dem Hund den beißenden Alkohol ins Gesicht zu sprühen. Es funktioniert, aber danach muss Hole erst einmal zum Arzt.

In den Mietshäusern der Heilsarmee ist Jon Karlsen, der künftige Verwaltungschef, mit Thea Nielsen, der Tochter des Stellvertretenden Kommandeurs zusammen. Sie läge viel lieber neben dessen Bruder Robert, der viel lustiger ist. Wieder fällt ihr auf, wie unheimlich ähnlich sich die beiden sehen.

|Montag, den 14.12.|

Der Killer erhält Befehl, nach Oslo weiterzufliegen. Er hat wieder von der serbischen Belagerung des bosnischen Vukovar geträumt und davon, wie sein Vater damals nach einer Amputation starb. Um Vergeltung zu üben, schlich er sich nachts in die serbischen Linien, doch er fiel in einen Bombentrichter. Bobo, der „Kapitän“, fand und unterwies ihn. Er arbeitete als Kurier und sprengte serbische Panzer. Dafür nannte ihn Bobo ihren „kleinen Erlöser“. Die Serben eroberten die Stadt dennoch und ermordeten dessen Bevölkerung. Er betrachtet das Foto seiner Zielperson.

Im Osloer Polizeipräsidium findet die feierliche Amtsübergabe statt. Kriminaloberkommissar Möller übergibt sein Amt an den gestrengen Gunnar Hagen. Beate Lönne wundert sich, dass Harry hinkt. Über die Ursache seiner Verletzung schweigt Harry lieber, aber er berichtet von Per Holmén. Beate bestätigt, dass Per keine Droge im Blut hatte, wer also hat ihn auf dem Gewissen? Er fragt einfach mal da nach, wo sich Junkies ihr Essen holen: bei der Heilsarmee. Ein hübsches Mädchen schöpft die Suppe aus. Sie stellt sich als Martine Ekhoff vor und kannte sogar Per Holmén. Schau an! Aber verraten will sie nichts.

Harry besorgt sich bei Holméns Mutter, deren Nerven völlig zerrüttet sind, ein Foto ihres Sohnes und zeigt es dem Aufseher des Containerhafens. Zum Glück ist vom Wachhund bei Tage nichts zu sehen. Der Aufseher erkennt den Mann neben per Holmén: Es ist dessen Vater, und der sei neulich hier gewesen. Als er diesen besucht, bemerkt er an dessen Arm zwei deutliche Bisswunden. Ja, diesen Hund kennt er nur zu gut. Birja Holmén behauptet, er habe seinen Sohn bloß von seinem Elend erlösen wollen.

|Dienstag, den 15.12.|

Der Killer hat tags zuvor im Skandia-Hotel eingecheckt. Nun schaut er sich um. Auf dem großen zentralen Platz kümmert sich ein hübsches Mädchen der Heilsarmee um eine Reisegruppe. Um 19:25 Uhr ruft er im Hotel International im kroatischen Zagreb an. Alles wie gehabt. Er kann weitermachen.

|Mittwoch, den 16.12.|

In Oslo herrschen eisige Temperaturen. Um 18:00 Uhr hat der Killer noch mal ruhig in einem Restaurant am Platz gegessen, um 19:00 Uhr ist er in Position. Das Konzert hat begonnen. Ein Soldat der Heilsarmee weist plötzlich ein Loch in der Stirn auf und kippt um, zum Entsetzen der Umstehenden. Schnell weg, Umziehen im Restaurant, der Zug wartet schon. Doch wohin mit der Pistole? Er steckt sie in einen Seifenspender auf dem WC.

Die Kripo ist zur Stelle: Harry und Beate zuerst, dann der neue Kriminaloberkommissar. Die Identität des Getöteten ist geklärt: Es handelt sich um Robert Karlsen, er war kein Offizier der Heilsarmee, sondern einfacher Soldat. Sein Mörder ist offenbar ein kaltblütiger Profi. Und was macht so einer? Sie müssen alle Überwachungsvideos und Pressefotos auswerten. Der Flughafen ist wegen dichten Schneetreibens dicht. Der Killer muss zurück in die Stadt.

Als Harry die Todesnachricht dem Kommandeur überbringt, ist Ekhoff zunächst bestürzt, doch dann sagt er seine Unterstützung zu, Martine, seine Tochter, ebenfalls. Doch wo ist der Bruder des getöteten, Jon? Wahrscheinlich in Thea Nielsens Wohnung. Jon kann keine Angaben zu den möglichen Motiven für den Mord angeben.

|Donnerstag, den 17.12.|

Harry erfährt, dass ein jugoslawisches Mädchen nach Robert Karlsen gefragt habe, aber er achtet nicht weiter darauf. Das erweist sich als schwerer Fehler. Der Kriminaloberkommissar ordnet an, dass seine Leute Waffen zu tragen hätten, und verteilt Antragsscheine. Harry ist ungläubig, denn er hat noch nie eine Waffe getragen. Seinen Antrag auf Aushändigung einer |Smith & Wesson| lässt er deshalb daheim liegen.

Der Killer will gerade aus dem Hotel treten, um abzureisen, als er zufällig auf die Titelseite der Zeitung blickt. Dann liest er den Artikel über den Mord vom Vortag. Der Tote wurde als Robert Karlsen identifiziert. Verdammt, er hat den Falschen erwischt! Das dürfte sein Auftraggeber gar nicht witzig finden.

Nun muss er noch einmal auf die Jagd – mitten im Scheinwerferlicht einer polizeilichen Ermittlung. Doch wer Panzer gesprengt hat, hat auch vor der Osloer Polizeitruppe keine Angst. Er holt die Pistole aus ihrem Versteck im Seifenspender des Restaurants und macht sich wieder an die Arbeit. Sein Visier sucht Jan Karlsen.

_Mein Eindruck_

Nesbøs neuer Roman ist wie schon „Das fünfte Zeichen“ sehr spannend und wartet mit einigen überraschenden Wendungen und einem furiosen Showdown auf. Die „ekligen“ Szenen voll Brutalität halten sich sehr in Grenzen, aber es bleibt kein Zweifel an der Härte der Konfrontation zwischen dem Killer, seinem Auftraggeber und der Polizeitruppe. Auf welcher Seite eigentlich Martine Ekhoff steht, in die Hole sich verliebt, bleibt spannenderweise längere Zeit ungewiss: ein hübscher Joker.

Nesbø lässt diesmal kaum ein gutes Haar an der Heilsarmee. Es ist mehr oder weniger genauso ein Sauhaufen wie jede andere Armee der Welt. Es gibt Gute und Böse, doch auf die schwarzen Schafe kommt es diesmal besonders an. Nicht nur, dass unter ihnen ein Kinderschänder ist – die Vergewaltigung der 14-jährigen Martine im Prolog belegt es – sondern es muss auch ein Verräter und korrupter Verwalter in ihren Reihen sein. Denn sonst könnte es keinen Profit aus dem Mord an einem der Karlsens geben.

Die Sache mit dem doppelten Lottchen der beiden so verschiedenen Karlsen-Zwillinge bereitet mir immer noch Kopfzerbrechen. (Leider lässt sich nichts Näheres darüber sagen, ohne die Lösung des Falls preiszugeben.) Thea Nielsen steht zwischen den beiden, ebenso das Amt des Immobilienverwalters, das beide begehren. Und dann ist da noch die Familie Gilstrup, die ehemaligen Gutsbesitzer, die ihr Gehöft an die Heilsarmee verloren und nun wieder ins Geschäft kommen wollen. Dass Ragnhild Gilstrup noch vor Thea Nielsen mit Jon Karlsen ein Verhältnis hatte, macht das Dickicht der amourösen Beziehungen nicht gerade transparenter, ganz im Gegenteil.

Nur die Hartnäckigkeit Harry Holes scheint die Lage retten zu können. Er ist ein Alkoholiker, der versucht, vom Stoff wegzukommen, doch hin und wieder kriegt er einen Rückfall. Das man ihn so menschlich und reduziert ihn auf ein durchschnittliches Maß. Außerdem begeht er durchaus den einen oder anderen Fehler, wie er jedem Kriminaler unterlaufen kann. Der schlimmste ist wohl der, als der Killer in seine Wohnung eindringt und sich mit dem ausgefüllten Antrag auf Aushändigung einer Dienstwaffe eine ebensolche besorgt.

Weil er weiß, dass er eine solche Scharte auswetzen muss, strengt sich Harry deshalb doppelt an. Er fliegt sogar persönlich nach Zagreb, erledigt einige Dinge, zu denen er gar nicht befugt ist, und muss dies seinem Chef gegenüber verteidigen. Die Mühe lohnt sich: Er schnappt die bösen Buben. Es macht seine Aufgabe sicherlich nicht einfacher, dass seine liebe Martine in die Schusslinie gerät.

|Der Sprecher|

Der Roman bietet eine große Fülle unterschiedlicher Figuren, so dass für den Sprecher die Anforderung an seine Flexibilität recht hoch ist. Heikko Deutschmann ist von Haus aus ein vielseitiger Sprecher, wie ich aus seinen beiden Antal-Szerb-Hörbüchern weiß. Er ist ein kongenialer Sprecher dieses szenenreichen Textes. Was die Flexibilität seines stimmlichen Ausdrucks angeht, kann er es ohne weiteres mit einem Rufus Beck aufnehmen. So fällt es ihm leicht, die einzelnen Figuren zu charakterisieren und unverwechselbar zu machen.

Gunnar Hagen ist die Autorität in Person, ebenso wie Kommandeur Ekhoff, aber Rikard Nielsen ist ein Schleimer, und was Jon Karlsen ist, weiß man nicht so genau. Da ist mir Harry Hole viel lieber: Seine langsame Sprechweise mit der tiefen Stimmlage passt genau zu einem Kommissar, der zu viel trinkt und zu viel Leid gesehen hat. Ich glaube, Hilmar Thate würde ihn ideal verkörpern.

Martine, Ragnhild und Thea sprechen jeweils mit einer höheren Stimme als die männlichen Figuren. Das klingt meist ziemlich verführerisch, außer wenn die fünfzehnjährige Kroatin von einem furchtbaren Geheimnis fast schon flüsternd raunt. Die Alten, besonders die Eltern von Per Holmén, sprechen rau und fast schon krächzend heiser. Aus ihnen sprechen Sorge und Leid.

Deutschmann passt seinen Vortrag und die Stimmen zudem der jeweiligen Situation an. Auch ein Harry Hole kann mal aus dem Gleichgewicht geraten und aufgeregt werden, nicht nur in der Nähe der hübschen Martine, sondern auch, wenn er den Pfad des Killers kreuzt.

Ansonsten sind kroatische und norwegische Namen und Titel meiner Ansicht nach alle korrekt ausgesprochen, so dass ich Deutschmann ohne weiteres Mehrsprachigkeit attestieren kann. Das Hörbuch verfügt weder über Geräusche noch über Musik, deshalb brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Unterm Strich_

„Der Erlöser“ ist eine spannende Verbrecherhatz mit doppeltem Finale, das für spannende Unterhaltung sorgt. Aber die Story zielt auf etwas anderes ab, und das wird schon im Titel angedeutet. Gibt es überhaupt Erlösung und folglich so etwas wie einen Erlöser? Die Armee des Heils baut ihren Glauben und ihre Arbeit darauf auf, doch man sieht ja, was daraus geworden ist: Korruption und Mord, Unzucht und Schande in den eigenen Reihen.

Der Vater von Per Holmén redet von „Erlösung“, wenn er zugibt, seinen Junkie von einem Sohn getötet zu haben. Und am Schluss wird Harry Hole sogar von seiner Kollegin Beate Lönne verdächtigt, sich als Erlöser aufzuführen. Diese Rolle als ihr Erlöser lehnt sie vehement ab. Er antwortet das einzig Richtige: Er habe alles nicht für |sie| getan, sondern für seinen eigenen Seelenfrieden.

Als Fazit kann man daraus nur den Schluss ziehen, dass die Leute lieber mehr an sich selbst arbeiten sollten, statt anderen ihre Vorstellung von Heil und Erlösung aufzuzwingen. Im Kontext ist damit natürlich vor allem die Heilsarmee gemeint, aber auch gewisse Exponenten in Politik und bei den Gesetzeshütern. Wir sind allzumal nur Menschlein, scheint der Autor dem Leser zuzurufen, und dementsprechend sollte man nicht andere missionieren oder über sie voreilig den Stab brechen.

|Das Hörbuch|

Heikko Deutschmann gestaltet den komplexen Text mit ruhiger Souveränität, so dass zu keiner Zeit Verwirrung aufkommen sollte. Wer aber wie ich dennoch die beiden Zwillinge verwechselt hat, sollte das Hörbuch nochmals anhören. Über einen Mangel an Tempo kann man sich jedenfalls nicht beklagen, alles geht flott vonstatten. Man muss sich ranhalten, um alles richtig mitzubekommen, besonders im Finale.

Über die Gestaltung der Stimmen macht Deutschmann die Figuren unterscheidbar und erweckt sie einigermaßen zum Leben. Weil es aber so viele sind, wäre eine Liste im Booklet sehr willkommen gewesen. So aber bleiben sie ein wenig diffus. Hier wäre mehr Information nötig gewesen. Als Hörspiel, das noch kürzer wäre, kann ich mir das Hörbuch beim besten Willen nicht vorstellen, aber diese Weiterverarbeitung dürfte unvermeidlich sein.

|Originaltitel: Frelseren, 2005
Aus dem Norwegischen übersetzt von Günther Frauenlob
428 Minuten auf 6 CDs|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

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