Nesser, Håkan/Hakan – Frau mit dem Muttermal, Die

_Van Veeteren muss die Rächerin stoppen_

Zwei Männer sind getötet worden. Auf ganz ähnliche Weise erschossen. Doch welche Verbindung besteht zwischen ihnen? Hauptkommissar Van Veeteren von der Kripo in Maardam entdeckt eine heiße Spur, die in die Vergangenheit und zu einer schönen Frau führt. Wird er die nächsten Morde verhindern können?

_Der Autor_

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden verfilmt. Auf Deutsch sind u. a. erschienen: „Das vierte Opfer“, „Der unglückliche Mörder“, „Münsters Fall“ und „Der Kommissar und das Schweigen“ (Auswahl). Zuletzt erschienen die Romane „Die Katze, die Schwalbe, die Rose und der Tod“, „Der Schatten und der Regen“ sowie „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ sowie „Sein letzter Fall“.

Håkan Nesser auf |Buchwurm.info|:

[„Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=422 (Hörbuch)
[„Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=448
[„Sein letzter Fall“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=592
[„Der unglückliche Mörder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1182
[„Die Fliege und die Ewigkeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3013 (Hörbuch)

_Handlung_

Kurz vor ihrem Tod hat ihre Mutter sie aufgefordert, nicht mehr bloß auf das Glück zu warten, sondern zu handeln. Als die Mutter dann ins Grab gesenkt wurde, beschloss sie nach Tagen des Herumsitzens zu handeln. Von ihrer Erbschaft kauft sie sich eine Pistole und legt eine Liste an, dann zieht sie nach Maardam.

In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar dringt eine Frau in das Haus von Ryszard Malik ein, einem Kaufmann, und erschießt ihn mit vier Schüssen: zwei in die Brust, dann noch zwei aus nächster Nähe in den Unterleib. Als Mardiks Frau Ilse ihn nach ihrem Theaterbesuch in der Diele findet, bricht sie ohnmächtig zusammen. Im Krankenhaus verdrängt sie die unaussprechliche Wahrheit. Erst nach Tagen erfahren die Kripobeamten, dass es vor dem Mord anonyme Anrufe gegeben habe. Es sei aber immer nur ein altes Popstück zu hören gewesen, mit dem sie, Ilse, nichts anzufangen weiß.

Zwei Wochen vergehen, bis auch Rikard Maasleitner auf ähnliche Weise niedergeschossen wird: zwei Schüsse in die Brust, danach zwei in den Unterleib. Keine Zeugen, keine Spuren, nichts. Die Bekannten sind ratlos und können sich das nicht erklärt. Die Presse hat ihnen nichts von den Schüssen in den Unterleib berichtet, sonst würden sie nun vielleicht in Panik ausbrechen. Kommissar Reinharts Freundin Winnifred Lynch ahnt, dass dies nur eine gekränkte Frau getan haben kann, der Unrecht angetan wurde. Wegen der Schüsse ins Geschlecht.

Heinemann findet die Verbindung: Beide waren 1965 im Abschlussjahrgang der Militärstabsschule Maardam, das heißt sie waren wie 31 andere Männer Stabsunteroffiziere. Hauptkommissar Van Veeteren veranlasst, dass jeder der acht Kripobeamten sich je vier der Teilnehmer an diesem Abschlussjahrgang, die Heinemann auf einem Foto gefunden hat, vornimmt. Die Befragungen sind langwierig, bringen aber wenig.

Deshalb ist es nicht wirkliche eine Überraschung, als Karel Innings in seiner Wohnung erschossen aufgefunden wird. Seltsamerweise am helllichten Tag und von jemandem, den er selbst eingelassen hat. Es stellt sich heraus, dass sich am Freitag zuvor Innings mit einem Mann getroffen hat, der ebenfalls zur Offiziersgruppe gehört. Dieser Mann hat nicht vor, sich als nächster für diese Sache damals hinrichten zu lassen. Vielmehr stellt er der Mörderin eine Falle.

Nur sieben Wochen nach dem Beginn der Hinrichtungen finden sich der vierte Mann und sein Racheengel. Van Veeteren ist mit Reinhart bereits unterwegs, um das Schlimmste zu verhüten.

_Mein Eindruck_

Ich haben den spannenden, geradlinig erzählten Krimi ruckzuck ausgelesen. Die Schrift ist groß gedruckt, und zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es stets leere Seiten. Auch wegen der einfach formulierten, kurzen Sätze kommt man sehr flott voran.

Doch diese Leichtigkeit soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um ein brutales Verbrechen geht, dessen Sühne ausgerechnet am Internationalen Frauentag, dem 8. März, vollendet wird. Wie Reinharts Freundin geahnt hat, geht es um eine Vergewaltigung, und dreimal darf man raten, wer aus dieser Zeugung hervorgegangen ist: die Mörderin natürlich. In einem Abschiedsbrief an Van Veeteren legt sie ihre Gründe dar und beschreibt, was ihrem Leben und dem ihrer Mutter 1965 zugefügt wurde. Es ist ein erschütterndes Dokument. Welches Ende die Mörderin nimmt, sei hier nicht verraten.

Van Veeteren hat schon immer einen Hang zur Philosophie, und er fragt sich auch diesmal, ob alles so hat kommen müssen. Ob dieser Rachefeldzug das pure Böse ist oder nur ausgleichende Gerechtigkeit. Kein einziges Mal fragt er nach dem Gewaltmonopol des Staates, demgemäß er jeden verfolgen und bestrafen muss, der derart über andere richtet. Er fragt nach der Existenz des Guten, doch ihm fallen nur irrationale Glaubensgrundsätze aus der Jugend ein – Metaphysik. Genauso gut kann man an die Existenz des Zufalls glauben oder auch nicht.

Er wird vielmehr selbst Opfer sinnloser Gewalt, begangen von betrunkenen Jugendlichen, die ihn treten, als er schon am Boden liegt. Er hat sich natürlich gewehrt, aber sie sind in der Überzahl. Als er einen von ihnen nach seinen Gründen für seine Gewaltanwendung fragt, weiß der es nicht zu sagen. Es ist eine traurige Parallele zur Vergewaltigung, der die Mutter der Mörderin anno 1965 zum Opfer fällt. Aber kann aus Sinnlosigkeit denn Sinn entstehen, fragt sich der Leser. Die Mörderin schreibt in ihrem Brief, dass durch die Rache ihr Leben erstmals einen Sinn bekommen hat. Sie fühlte sie nach dem ersten Mord sofort wunderbar lebendig. Dass sie auch den Sinn ihres Todes selbst bestimmt, ergibt sich daraus.

Lange habe ich mich über das fruchtlose Vorgehen der Kripo gewundert, die einfach nicht nach dem vierten Mann gesucht hat. Auch der dritte Mann, Innings, wurde von ihr nicht überwacht. Die Gründe nennt Van Veeteren selbst: nicht genug Personal für die Überwachung von Nr. 3, und das Einzugsgebiet war zu klein, als dass sie Nr. 4 auf Anhieb hätte finden können. Doch das kann auch ein Trick des Autors sein, der seinen Mann Nr. 4 in einen Showdown gegen die Mörderin schicken will, um auf diese Weise Spannung zu erzeugen. Das gelingt ihm auch vollauf.

Dass Reinhart am Schluss beschließt, mit seiner Freundin ein Kind zu zeugen, sieht zunächst wie ein makaberer Zufall aus – eine zynische Absurdität. Aber das ist es nicht. Vielmehr wird so die Sinnlosigkeit der Existenz des Hurenkindes ausgeglichen, jener Frucht der Vergewaltigung anno 1965. Reinhart will per Kindeszeugung mit voller, guter Absicht wieder Sinn in einer absurd gewordenen Welt stiften. Und das kann nicht schlecht sein. Auch wenn das metaphysisch ist.

Innerhalb der Van-Veeteren-Reihe ist der Roman insofern wichtig, als hier der Hauptkommissar seine spätere Freundin Ulrike Fremdli kennenlernt. Sie ist die „Witwe“ von Opfer Nr. 3.

_Unterm Strich_

Verglichen mit so komplexen Werken „Sein letzter Fall“ und „Die Katze, die Schwalbe, die Rose und der Tod“ wirkt „Die Frau mit dem Muttermal“ außergewöhnlich geradlinig. Natürlich dreht Nesser den Ausgang des Falls ein wenig auf unerwartete Weise, aber die meiste Zeit ist die Geschichte recht vorhersehbar. Das macht das Buch aber noch längst nicht zum Wegwerfkrimi. Selbst wenn die Polizeibeamten kaum charakterisiert werden, so entsteht doch ein Mitgefühl mit ihnen auf einer sehr allgemeinen menschlichen Ebene. Dort bewegen sich die Strafverfolger auf der gleichen Ebene wie die Täter und die Opfer. Das lässt die philosophische Verarbeitung und Betrachtung der blutigen Geschehnisse zu.

Eine Zeit lang dachte ich, hier würde das Militär angeklagt, aber so weit traut sich der Autor nicht vor. Es geht um Gewalt gegen Frauen, und eine dieser Frauen schlägt zurück – erbarmungslos und konsequent. Darf sie deswegen triumphieren? Nein, denn auch sie ist todgeweiht. Dennoch: Ohne die Frauenbewegung und die sozialkritischen Krimis der Schweden Sjöwall/Wahlöö wäre dieser Roman nicht möglich gewesen.

Fazit: ein Volltreffer.

|Originaltitel: Kvinna med födelsemärke, 1997
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
288 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-72280-2|
http://www.hakan-nesser.de
http://www.btb-verlag.de

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