Lia Norden – Vier Wahrheiten und ein Todesfall

Inhalt

„Rette mich!“ Nur diese beiden Worte und Adresse samt Datum ein kurzer Brief, leicht pathetisch, und doch bringt er vier Frauen dazu, alles stehen- und liegen zu lassen, um so schnell wie möglich zu der kleinen norwegischen Insel zu reisen, auf der der Verfasser jetzt lebt. Matthis hat in allen vier Leben vor unterschiedlich langer Zeit eine bestimmte Rolle gespielt, eine wichtige Rolle.

Die toughe Karrierefrau Susanna fragt sich zwar den ganzen Weg über, warum sie sich das antut, aber sie kehrt nicht um. Die leicht verwahrloste, leidenschaftliche Kate bricht gern zur Rettungsaktion auf, weil sie hofft, auch sich selbst zu retten. Judith, graue Maus und wohlerzogene Familienmutti, schwebt zwar in tausend Ängsten und Zweifeln, hält aber eisern an ihrem Vorhaben fest. Und die rätselhafte Agnes scheint von ihnen allen den ausgefeiltesten Plan zu haben.

Auf der Reise kreuzen sich die Wege der vier so unterschiedlichen Frauen, und ohne zu ahnen, dass sie dasselbe Ziel haben, setzen sie Reise erst einmal gemeinsam fort. Es gibt jede Menge Krisenpotential in diesem zusammengewürfelten Quartett, Streit, miese Laune und fast verschwörerische Momente wechseln einander ab. Hier, fern von allem, was daheim normal ist und den Menschen in der Realität verankert, werden Motive hinterfragt und Lebenslügen durchgegangen, offen und im Geheimen.

Wer ist dieser Matthis, der in all diesen Frauen eine bestimmte Saite gerührt und zum Klingen gebracht hat, sodass sie sich selbst entwurzeln, um zu ihm zu eilen? Und was geschieht, wenn das Ende der Reise naht und den Weggenossinnen aufgeht, dass sie ein und dasselbe Ziel haben? Und was um alles in der Welt steckt hinter diesem rätselhaften vierfachen Brief vom Ende der Welt? Unter der Mitternachtssonne bewegen sich vier Geschichten einem atemberaubenden Finale entgegen.

Kritik

Es sind vier Geschichten, die dem Leser hier geboten werden. Viermal die Ich-Perspektive, und das gleich von vier verschiedenen Autorinnen: Hinter dem Pseudonym Lia Norden verbergen sich die Schriftstellerinnen Cornelia Franz, Sylvia Heinlein, Katja Reider und Hilke Rosenboom. Jede lieh einer der Heldinnen ihre Stimme, und so sind die erzählenden Charaktere so erfrischend unterschiedlich geworden, wie es eine Autorin allein vielleicht nicht hinbekommen hätte.

Die Ängste und Sehnsüchte der Frauen, die sich alle irgendwie auf Matthis projizieren, sind sehr gut dargestellt und treffen unmittelbar. Nur das Geschilderte und nichts anderes konnte es sein, was die jeweilige Frau dazu veranlasste, nach Norwegen zu reisen.

Die Interaktion zwischen den Vieren ist ebenfalls großartig wiedergegeben: Sie steckt voller Witz und Elan, auch wenn Wut, Ungeduld und Unverständnis beschrieben werden.
Die stilistischen Unterschiede in den Denk- und Redeweisen der Heldinnen reiben sich aneinander und erzeugen ein Feuerwerk aus Funken, die die Dunkelheit ihres Unwissens um ihre Verbindung durchsprühen.

„Vier Wahrheiten und ein Todesfall“ ist ein besonderes kleines Stück Genialität. Das Buch liest sich in einem Rutsch weg, aber nicht nur, weil es einen eher geringen Umfang hat, sondern weil es psychologisch glaubwürdig konstruiert und verflixt spannend geschrieben ist.

Normalerweise neigt man dazu, sich mit der Figur des Ich-Erzählers zu identifizieren: Das wird hier relativ schwierig, da wir die Fahrt von allen Heldinnen geschildert bekommen. Das ist einer der zahlreichen Reize, die dieses Buch ausmachen.

Fazit

Lebensbeichten, Psychogramme, Liebes- und Leidensgeschichten – all das versteckt sich in der Reise, die die vier Autorinnen unter dem Alias Lia Norden nachgezeichnet haben.
„Vier Wahrheiten und ein Todesfall“ ist ein temporeicher, zum Nachdenken, Schmunzeln und Traurigsein anregender Roman, der ab und zu erschreckt und dann doch schnell wieder versöhnt. Und er ist ein Paradebeispiel dafür, dass ein Buch nicht unbedingt 500 Seiten haben muss, um gut zu sein. Wenn es so ein Schatzkästchen ist wie dieser Roman, reichen 220 Seiten völlig aus. Lesen! Es macht wirklich Spaß und lohnt sich auf jeden Fall!

Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN-13: 9783499255243
www.rowohlt.de

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