O’Brian, Patrick – Manöver um Feuerland (Master & Commander)

Im Kielwasser des Kinofilms und des letztes Jahr stattgefundenen DVD-Releases, erfreute sich nun auch die literarische Vorlage von „Master & Commander“ steigender Verkaufszahlen. Ein recht später Ruhm. Das Buch ist erstmals 1984 veröffentlicht worden und hat somit immerhin schon über 20 Jahre auf dem Buckel, dennoch überschlugen sich Anno 2004 die Lizenz-Verlage (etwa |Club Bertelsmann| und |Weltbild|), möglichst auf der Welle mitzuschwimmen, und verpassten dem Reprint gleich ein neues Cover – meist passend zum Film.

Der eingedeutschte Titel „Manöver um Feuerland“ alleine reichte augenscheinlich wohl nicht aus, um zu verdeutlichen, dass es sich um die Romanfassung der Verfilmung handelt. (Bei der angloamerikanischen Originalfassung ist dies nicht nötig, da Buch- und Filmtitel „The Far Side Of The World“ identisch sind.) Das Schaffen des im Jahr 2000 verstorbenen Autors Patrick O’Brian rund um die Hauptfiguren Kapitän Aubrey und Doktor Maturin auf der britischen Fregatte HMS „Surprise“ umfasst insgesamt 20 Bände, das hier vorgestellte Buch ist als Band 10 (international) bzw. als Band 11 (in Deutschland) erschienen.

_Zur Story_

Mittelmeer. Wir schreiben das Jahr 1812. Kapitän Jack Aubrey hat die Befürchtung, dass er demnächst als Arbeitsloser auf „Halbsold“ gesetzt wird – und das bei seiner prekären finanziellen Lage. Im Laufe der Zeit hat der wackere und wagemutige Kapitän privat einen Stapel Schulden angehäuft. Es sieht jedoch so aus, als würde sein treues Schiff „Surprise“ demnächst aus Altersgründen abgewrackt werden und sich die aufeinander eingeschworene Mannschaft in alle Winde zerstreuen. Die großen Seekriege der Epoche sind längst vorüber und Aubrey hat dementsprechend nach halbwegs erfolgreicher Ausführung seines letzen, mehr diplomatischen Auftrags immer noch kein neues Kommando zugesprochen bekommen.

So befindet sich die „Surprise“ auf ihrer vermeintlich letzten Fahrt nach Gibraltar, wo Aubrey Rapport beim Admiral erstatten soll, um dann ihn und das Schiff nach England in eine ungewisse Zukunft zu überführen. Doch das Schicksal will es anders. Aubrey erhält unerwartet noch einmal Aufschub für sich, Schiff und Mannschaft in Form eines neuen Marschbefehls. England befindet sich derzeit im Clinch mit den Amerikanern, die sich von Europa und somit von der Kolonialmacht unabhängig machen. Dazu gehört auch, dass die USA Kaperfregatten entsenden, um die britischen Walfänger und Handelsschiffe aufzubringen.

Eins dieser Schiffe ist die im Gegensatz zur „Surprise“ recht moderne „Norfolk“, welche Aubrey mit günstigem Wind noch im Atlantik schätzungsweise vor der Küste Brasiliens abfangen könnte. Zumindest theoretisch und wenn die Geheimdienstinformationen stimmen. Der Auftrag der „Surprise“ ist es, die amerikanische Fregatte aufzuspüren und nach Möglichkeit zu verhindern, dass die „Norfolk“ um Feuerland / Kap Horn herum in den Pazifik entschlüpft, um dort die britischen Schiffe aufzumischen. Dieses Primärziel der Engländer schlägt fehl. Die „Surprise“ wird bei einem Sturm vor Südamerika stark beschädigt, sodass sie die gesichtete „Norfolk“ erst einmal ziehen lassen müssen. Nach der Reparatur jedoch nimmt Aubrey die Verfolgung auf – wie der (deutsche) Buchtitel verrät, um Feuerland herum in den Pazifik.

_Meinung_

Wie man anhand der kurzen Inhaltsangabe bereits ersehen kann, bestehen schon einmal frappante Unterschiede zur Storyline des Films. Hier sind es Amerikaner und keine Franzosen, die gejagt werden. Zudem ist der Film natürlich um einiges eingekürzt worden, viele Handlungsstränge und Charakterisierungen aus dem Buch sind dabei entweder massiv abgeändert worden oder komplett entfallen. Der Roman ist selbstverständlich wesentlich akribischer in seiner Personenbildung, was deren Beschreibung, deren Background und ihre Funktion an Bord angeht. Schiffsarzt Dr. Stephen Maturin ist nicht nur der beste Freund des 100-Kilo-Kolosses Aubrey, sondern gleichzeitig auch noch Geheimdienstagent seiner Majestät und … latent drogensüchtig.

Mehr als einmal spricht er dem „Laudanum“ (einem Opiat) zu, welches er sonst für gewöhnlich bei den häufig fälligen (Not-)Operationen an Bord seinen Patienten als Betäubungsmittel einflößt. Seine Figur ist neben der Aubreys natürlich am detailliertesten ausgeführt, wobei es sich O’Brian – politisch korrekt – nicht verkneifen kann, ihm Selbstzweifel über seinen Drogenmissbrauch anzudichten. Gemeinhin wird angenommen, dass O’Brian mit Maturin so etwas wie ein Alter-Ego in der Geschichte geschaffen habe; inwieweit das zutrifft kann man nicht mit Sicherheit sagen, fragen kann man ihn ob seines toten Zustands auch nur noch schwerlich.

Maturin als gelehrter Wissenschaftstyp ist jedenfalls in diesem Duo der Gegenpol zum etwas raubeinigen Aubrey, der zwar ein waschechter Kapitän der britischen Marine, aber kein Leuteschinder ist. Vielmehr ein brillanter Taktiker, doch alles andere als eine Leuchte in Sachen Allgemeinwissen, dafür aber mit dem Herz am rechten Fleck, dem das Wohlergehen des Schiffes und seiner Besatzung über alles geht. Von den gelegentlichen Saufgelagen und dem Musizieren in der Offiziersmesse mal abgesehen. Ein ehrgeiziger, ziemlich schrulliger Kauz, dieser Aubrey – und vermutlich deshalb so sympathisch, weil er als Offizier nicht aus dem Adel, sondern aus dem Volk stammt. Er beachtet natürlich die Regeln und den Kodex der britischen Kriegsmarine, beugt sie aber gelegentlich und lässt auch mal Fünfe gerade sein.

Im Vorwort weist Patrick O’Brian darauf hin, dass Kenner der Materie Parallelen zu einer realen, historisch belegten Verfolgungsjagd wieder erkennen werden: HMS „Phoebe“ versus USN „Essex“. Aus der Luft gegriffen ist der Stoff also nicht. Das gilt auch für einige der Begebenheiten an Bord, die auf zeitgenössischen Schilderungen beruhen, allenfalls die Figuren und die Zusammenhänge sind fiktiv. Zum Teil hat sich O’Brian auch Versatzstücke aus anderen Logbüchern und Reiseberichten aus der entsprechenden Zeitperiode zusammengesucht und sie hier mit eingeflochten. Das hat er so geschickt gemacht, dass man kein Flickwerk argwöhnt, sondern die Handlung fast für eine historisch korrekte Überlieferung halten könnte.

_Fazit_

Wer den Film schon für zu detailreich und langatmig empfand, den wird das Buch lehren, was Detailtreue wirklich bedeutet. Im positiven Sinne ist O’Brian hier höchst akkurat bei seiner spannenden Verfolgungsjagd auf See. Insbesondere maritim interessierte Leser werden den Roman ob seiner exakten Darstellung der alten Windjammer-Zeit in ihr Herz schließen und verschlingen. Weniger Genre-Beschlagenen wird der Konsum erschwert, da sie ständig in den Appendices oder der Schemazeichnung des Schiffes nachblättern müssen, was beim Klaubautermann all die ihnen unbekannten Begriffe bedeuten. Das bremst speziell diese Leserschaft aus. Wenn man sich darauf aber einlässt, lernt man eine Menge darüber, Was-Wer-Wie-und-Warum an Bord eines Schiffes dieser Ära funktioniert. Nautisch, technisch sowie soziologisch.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Far Side Of The World“
Ersterscheinungsjahr: 1984, Harper Collins
Deutsche Übersetzung: Andrea Kern
Erschienen: 2002 Econ Ullstein List / München
420 Seiten Hardcover, Vorsatz illustriert, ISBN: 3-5482-5837-9
478 Seiten Taschenbuch, broschiert, ISBN: 3-5482-5443-8

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