Olden, Marc – Te

_Kriminell & exotisch: Lustbader für Arme_

Man schreibt das Jahr 1990: Manila, Taiwan, Hongkong und New York City sind die Operationsbasen der blutrünstigen chinesischen Triad-Banden. Kopf der weitverzweigten Drogen- und Schmugglerorganisation ist der „Schwarze General“ Lin Pao, der „Drachenkopf“ und Chef der Triaden. Wer ihm im Wege steht, muss sterben. Aber er hat auch erbitterte Feinde: Benji Lok Nein, ein rachedurstiger junger Kämpfer, und Frank DiPalma, ein abgebrühter Ex-Cop und Polizeireporter, der von New York aus den Kampf gegen Lin Pao aufnimmt.

Der Schwarze General ist stinksauer: Sein Priester hat ihm geweissagt, dass er nur noch 21 Tage zu leben habe. Natürlich hat er den Priester gleich ins Jenseits befördert, aber eine kleine nagende Angst bleibt. Und sie trägt keineswegs dazu bei, Lin Paos Nerven zu beruhigen …

_Hinweise: _

|“Te“| ist laut Autor „der chinesische Begriff für das Zusammenwirken von YIN und YANG oder den wechselseitigen Einfluss der positiven und negativen Lebenskräfte aufeinander. Manchmal auch die Bezeichnung für: die Macht. Der Begriff wird im Plot des Romans in seinen verschiedenen Manifestationen veranschaulicht.

|Bushi|: Laut Autor meint der Begriff japanische Krieger, die dem Codex des „Bushido“ folgen, der Ehre, Treue, Pflichtgefühl und Gehorsam verlangt. Bushi sind bei uns besser unter dem Begriff „Samurai“ bekannt. „Ninja“ hingegen folgen nicht dem Codex, wurden aber trotzdem von Samurai für ihre Zwecke eingesetzt. „Ronin“ sind herrenlose, umherziehende Samurai.

|Die Triaden| sind weltweit operierende, organisierte, kriminelle chinesische Gruppen. Nach verschiedenen Schätzungen gibt es zurzeit mindestens 50 verschiedene Triaden mit 100.000 – 300.000 Mitgliedern. Sie sind eine der ältesten Verbrecherorganisationen. Sie entstanden im China des 2. Jahrhunderts nach Christus aus Geheimbünden.
Zu Beginn waren sie eine Art Zufluchtsstätte für Unterdrückte des herrschenden Systems. Sie wandelten sich bis zu unserem Jahrhundert in eine Verbrecherorganisation. In ihren Strukturen ähneln sie der italienischen Mafia.
Ihre Hochburgen sind Shanghai und Hongkong, des weiteren chinesische Viertel in den USA (New York, San Francisco), Kanada (Vancouver), England (London), Niederlande (Amsterdam). Ab den 1990er Jahren treten sie auch in Deutschland in Erscheinung, unter anderem im Bereich der Schutzgelderpressung von Besitzern von China-Restaurants. Ihre Hauptbetätigungsfelder sind unerlaubtes Glücksspiel, (Schutzgeld-)Erpressungen, Rauschgift/Opium-Handel, Menschenhandel / Prostitution. (zitiert nach www.aufenthaltstitel.de )

Die Wikipedia definiert |Triaden| als „kriminelle Vereinigungen in der Volksrepublik China/Hongkong/Macau/Taiwan, die in mehrere kleine Banden gegliedert sind“. Es gebe über 5.000 Triaden in China, welche oft miteinander Bündnisse schließen. „Zu den Triadenorganisationen in Hongkong gehören : Vereinigte Wo (40 000 Mitglieder, 10 Klans), 14K (25 000 Mitglieder, 30 Klans) und Sun Yee On (50 000 Mitglieder)“. Im Roman treten lediglich die „Hunderetschrittvipern“ auf, die wahrscheinlich fiktiv sind, aber sie arbeiten eng mit dem taiwanesischen Geheimdienst (den „Acht Rittern des Nordens“) zusammen.

_Der Autor_

Der amerikanische Autor Marc Olden schreibt packende Fernost-Thriller in der Manier von Eric Van Lustbaders Nicholas-Linnear-Serie, die 1980 mit dem Bestseller „The Ninja“ begann.

Zu Oldens ins Deutsche übersetzten Romanen zählen neben „Te“ auch „Giri“, „Do-Jo“, „Gaijin“, „Dai-Sho“ und „Oni“.

http://www.marcolden.com/

_Handlung_

Lin Pao ist der grausam herrschende Chef der chinesischen Triaden, der sein Drogenimperium auf die ganze Welt ausgedehnt hat. Was noch kaum jemand weiß: Seine illegalen Einkünfte steckt er in das Industrieimperium des Amerikaners Nelson Berlin, der ihm seit einem Vorfall im Jahr 1944 Gehorsam schuldet. Damals tötete Berlin seine Schwester, doch dank Lin Paos Eingreifen verurteilte die Kuomintang-Regierung in Tschungking nicht Berlin, sondern den Verlobten seiner Schwester, einen amerikanischen Missionar und Arzt. Berlin wäscht Lin Paos Drogengeld und schleust es wieder zurück, damit Der schwarze General es in legale Geschäfte investieren kann.

Auch eine Computerchipfabrik in Manila gehört Berlins Unterfirma Taaltex. Als die Arbeiterin Angela Ramos es wagt, Rechte für die Arbeiterinnen einzufordern, schickt Lin Paos philippinischer Unterchef Charlie Snake alias Chung Sui einen Brandstifter. Bei dem Feuer kommen Angela und 45 weitere Frauen ums Leben. Allerdings begeht der Feuerteufel einen schweren Fehler: Er vergisst am Tatort eine teure Armbanduhr, die leicht zu identifizieren ist. Aus Angst um die ausländischen Investoren vertuschen die Polizeibehörden den Vorfall und finden jede Menge Ausflüchte. Verhaftet wird niemand.

Doch dies kann Angela Ramos’ Patenonkel Martin Mackie nicht blenden. Er weiß, dass Lin Paos Mann dahintersteckt. Da er Angela versprochen hatte, sie immer zu beschützen, ist er nun zu Rache verpflichtet. Doch er allein ist nicht der Mann, der in der Lage wäre, es mit Lin Pao aufzunehmen. Dieser Mann ist vielmehr sein alter Freund Frank DiPalma, den er kennt, seit beide in Hongkong Polizisten waren. Mackie macht sich auf den Weg nach New York, die teure Armbanduhr im Gepäck.

DiPalma ist nach seiner Pensionierung ins Journalismusgeschäft eingestiegen und inzwischen ein bekannter Fernsehreporter. Leider ist der Hauptaktionär seiner Fernsehgesellschaft ausgerechnet Nelson Berlin. Daher braucht DiPalma wasserdichte Beweise, um seinem Freund helfen zu können. Dass er Berlin aufs Korn nehmen muss, wird ihm spätestens klar, als Berlins Leute DiPalmas Frau Jan, eine Künstleragentin, illegal abhören lassen. Berlins Sohn George van Rooten liefert DiPalma wichtige Hinweise, spielt aber sein eigenes schmutziges Spiel.

DiPalma trifft Mackie in Chinatown. Hier regieren die Triaden mit grausamer Hand. Aber hier hat auch DiPalmas Sohn Todd etwas zu sagen. Die Jugendorganisation der Triade sind die Jadeadler. Deren Kopf ist eigentlich Benji Lok Nein, doch dieser hört wiederum auf das, was Todd ihm sagt. Denn Todd ist ein ganz besonderer Junge. Er ist besessen.

In Todds Albträumen weiß er, dass er ein japanischer Samurai namens Benkai ist, der im 16. Jahrhundert lebte und von einem Mann namens Kiichi verraten wurde. Eine Sklavin opferte sich für Benkai, ebenso ein Freund namens Asaro. Doch es gibt etwas Schlimmeres in Todds Seele als einen alten Samurai: Es ist der dämonische Erd- und Feuergeist Iki-ryo. Sobald dieser Dämon Todds Geist erfüllt, ist der Junge absolut unschlagbar. Seinem Vater und seiner Mutter ist Todd schon ein wenig unheimlich, aber sie lieben ihn trotzdem. Solange Todd kein Schwert trägt, ist er ungefährlich.

Ein alter Priester hat Lin Pao prophezeit, er werde binnen 21 Tagen sterben. Er solle einen Jungen fürchten, der sowohl im Westen (= USA) als auch im Reich der Mitte zu Hause sei. Lin Pao lässt die Jadeadler jagen, doch genau dieser Befehl bringt Todd und Benji gegen ihn auf. Als Frank DiPalma schließlich nach Manila fliegt, um dort Beweise gegen Nelson Berlin entgegenzunehmen, fliegen daher Todd und Benji mit, begleitet von der jungen Joan. Sie ist die wiedergeborene Sklavin Benkais. In Manila werde sich ihr Karma erfüllen und alle Sünden abwaschen, verspricht ihr Todd.

Kaum sind die Amerikaner in Manila angekommen, weiß Lin Paos Mann Charlie Snake bereits Bescheid und schickt seine Schergen aus, um sie auszuschalten. Doch der Ausgang der philippinischen Auseinandersetzungen hält eine unangenehme Überraschung für ihn bereit.

_Mein Eindruck_

Inhaltlich spricht der Roman Leser an, die sich zunächst einmal nur für Action und Exotik, vielleicht sogar für deftigen Sex mit dem Asiatentouch versprechen. Sie werden zu ihrer vollen Zufriedenheit bedient. Doch verglichen mit Lustbaders „Ninja“ (in der Originalfassung, die deutsche wurde beschnitten) ist der hier zu findende Sex nicht mal ein laues Lüftchen, denn der Sex wird nicht gezeigt, sondern nur erwähnt. Ein reichlich schwacher Ersatz.

Als der Roman 1990 erschien, befanden sich die Leser hauptsächlich in den USA, vor allem in den pazifisch orientierten Staaten der Westküste. Seit zehn Jahren wurden die Leser durch so genannte Fernost-Thriller unterhalten, doch nur Eric Lustbader, Olden und wenige andere konnten das Sujet glaubwürdig verarbeiten. Während es jede Menge Romantic Thriller gab, die ihre exotischen Schauplätze nach Singapur und Hongkong verlegten, waren nur wenige Autoren in der Lage, das kriminelle Gesicht des Fernen Ostens hinter dem bezaubernden Lächeln seiner Frauen zu enthüllen.

Das liegt bis heute daran, dass es nicht einfach ist, die kriminellen Strukturen des Ostens mit seiner Kulturen zu verknüpfen und beides einem Westler verständlich zu machen. In San Francisco und Vancouver gibt es große Chinesengemeinden, in denen die Triaden (siehe die Hinweise oben) eine feste Operationsbasis haben, um ihre illegalen Geschäfte abzuwickeln. Marc Olden geht in „Te“ das Problem der Ausbreitung der Triaden nach dem 2. Weltkrieg an, insbesondere in den USA:

Nach der Vertreibung der korrupten Kuomintang-Regierung unter Tschiang Kai-schek nach Taiwan errichteten die Kommunisten unter Mao ein System, das die Jahrhunderte alte Korruption ausmerzen sollte. Zunächst waren sie darin erfolgreich, doch viele Triaden flohen einfach aus Schanghai nach Hongkong und Taipeh, die Hauptstadt Taiwans. Hier ließen sich 1946 die Kuomintang nieder, hier hat der fiktive Lin Pao sein Hauptquartier als Kopf der Triaden. Natürlich musste er zunächst Nachfolgekriege ausfechten, und einer davon wird vom Autor genüsslich mit allen grässlichen Details garniert, die man von einem Mafiafilm erwarten würden.

Automatisch fragt sich der Leser, ob er sich solche chinesischen Verhältnisse in seiner amerikanischen Heimatstadt wünschen würde. Die Antwort dürfte wohl negativ ausfallen. Folglich stellt sich der Leser auf die Seite von Frank und Todd DiPalma, wenn sie Lin Paos Hauptquartier stürmen. Und ebenso stellt man sich gegen korrupte Helfershelfer wie Nelson Berlin, die den Triaden Tür und Tor öffnen.

Doch schon bald dürfte sich der Leser wundern, was es mit diesem Schwertkämpfer Todd auf sich hat. Wie kann es sein, dass er von einem Dämon und einem 400 Jahre toten japanischen Samurai besessen ist? In der christlich-jüdischen Kultur des Westens kommen Besessene und Dämonen nur in Abwesenheit eines festen Glaubens vor und gehören ins zwielichtige Reich der moralischen Verderbnis (= mangelnder Glaube bzw. Erlösung) oder des Verbrechens (= fehlende Moral), manchmal aber auch ins Reich der Fantasy. In der fernöstlichen Glaubenslehre jedoch befindet sich die Seele gemäß ihrem Karma automatisch als Geist in der Weiterexistenz, bis sie wieder einen neuen Körper findet. Das ist der Grund, warum in Fernost ein für uns erstaunlicher Ahnenkult gepflegt wird. Den Toten werden ganze Häuser errichtet und ihnen Essen gebracht. Das wird in der Friedhofszene in Manila ganz deutlich.

Da die Vergangenheit also nie tot ist, hat auch der Samuraigeist Benkai ein Recht auf ein Nachleben. Für Todd, der in Hongkong aufwuchs, ist das völlig einsichtig, für seine chinesischen Freunde sowieso. Seinen chinesischen Feinden hingegen ist er dadurch unheimlich, weil sie nur seine Westlerseite sehen wollen. Umso überraschter sind sie von seinen kriegerischen Fähigkeiten. Natürlich überkommt ihn der Berserkerwahnsinn nur in Momenten, wo dieser auch erwartet wird.

Ins Reich der Fantasy gehören eindeutig Todds Fähigkeiten der Vorhersehung, der Telekinese und eventuell auch der Telepathie. Diese übernatürlichen Fähigkeiten kann man einerseits dem Dämon zuschreiben, andererseits sind sie aber traditionell Attribute des Helden in den Fernost-Thrillern, die diese wohl dem reichhaltigen Sagen- und Legenschatz der Chinesen und Japaner zu verdanken haben. In dieser Hinsicht ist Olden keinen Deut besser oder schlechter als Lustbader, doch wo Lustbader eine breite Schicht faktischer und fantasierter Vergangenheit aufbaut, gelingt dies Olden nur stellenweise. Die Benkai-Episode wird auf wenigen Seiten abgehandelt – noch dazu in Kursivschrift – und später nur noch selten erwähnt. Das ist ein eindeutiges Manko: Todds Verhalten wirkt weder verständlich noch sympathisch. Er wirkt wie ein Joker im Spiel. Von der Tiefe des Ninjas in Lustbaders Bestseller ist hier keine Spur zu finden.

Das ist einer der Gründe, warum ich die Lektüre so frustrierend und öde fand. Der Roman funktioniert streckenweise wie ein ganz normaler Cop-Thriller, nur dass zufällig die Gegner diesmal Chinesen statt Italiener sind. Wenn Todd – ein Nachfolger Michael Corleones – kein Samuraischwert, sondern einen Revolver benutzen würde, würde der Zauber des Fernen Ostens völlig verfliegen.

|Die Übersetzung|

Wie bei |Heyne| früher üblich, finden sich immer mal wieder Druckfehler. Aber einen richtig kapitalen Bock schoss der Korrektor auf Seite 191 mit der Schreibung von „Verfielfachung“. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

_Unterm Strich_

Schon nachdem ich Oldens Roman „Giri“ gelesen hatte, beschlich mich der Verdacht, dass er sozusagen der „Lustbader für Arme“ sei. Das hat sich mit der Lektüre von „Te“ bestätigt. Die Gründe habe ich oben dargelegt. Trotzdem bin ich geneigt, weitere Olden-Thriller zu lesen, weil sie nämlich ausgezeichnetes Lesefutter für unterwegs darstellen: spannend, exotisch, sinnlich, actionreich. Die Tschungking-Episode 1944 fand ich ganz besonders aufschlussreich.

Dass Lustbader weit mehr Tiefgang aufweist, macht sich leider auch in dem Seitenumfang seiner Romane bemerkbar: unter 600 Seiten ist da kaum was zu erwarten. Bei Olden kommt man mit 440 bis 540 Seiten vergleichsweise günstig weg. Der mangelnde Tiefgang hat also auch seine Vorteile.

|Originaltitel: Te, 1989
394 Seiten
Aus dem US-Englischen von Peter Pfaffinger|

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