Orr, Wendy – Wie versteckt man eine Insel?

_Auf der Insel der Abenteuer: Helden und Freunde_

Nim und ihr Vater leben auf einer tropischen Insel mitten im weiten blauen Ozean. Nim liebt die Insel und möchte nirgendwo anders sein. Außer an der Seite von Alex Rover. Doch der abgebrühte Abenteuerheld existiert leider nur in Büchern – und natürlich in Nims Fantasie. Als Nims Vater auf einer Exkursion verschwindet, benötigt das Mädchen, das sich verletzt hat, dringend Hilfe. Und wer meldet sich per E-Mail? Alex Rover! Dass sich hinter dem Pseudonym die neurotische Schriftstellerin Alexandra verbirgt, ahnt Nim nicht. Als Alexandra zu Nims Insel reist, hält das Zusammentreffen zahlreiche Überraschungen bereit.

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab sieben Jahren. Das Buch wurde unter dem Titel „Die Insel der Abenteuer“ verfilmt und der Film kam im Juni 2008 in unsere Kinos.

Nim Rusoe: Abigail Breslin („Little Miss Sunshine“)
Alexandra: Jodie Foster („Panic Room“, „Contact“, „Maverick“, „Das Schweigen der Lämmer“)
Alex Rover/Jack Rusoe: Gerard Butler („300“)

_Die Autorin_

Wendy Orr, 1953 in Kanada geboren, studierte in England und lebt heute mit ihrer Familie in Australien. Bevor sie sich hauptberuflich dem Schreiben zuwandte, arbeitete sie als Ergotherapeutin. Orr verfasst Romane, Kinder- und Jugendbücher, Kurzgeschichten und Gedichte.

_Die Sprecherin_

Ulrike Grote spielte nach ihrer Schauspielausbildung an renommierten Theatern und war in verschiedenen Film- und Fernsehrollen zu sehen. Seit 2003 ist sie international auch als Regisseurin erfolgreich und erhielt eine OSCAR-Nominierung für ihren Kurzfilm „Die Ausreißer“. Für |Hörbuch Hamburg / Silberfisch| hat sie bereits „Bis(s) zum Morgengrauen“ und [„Bis(s) zur Mittagsstunde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4647 von Stephenie Meyer gelesen. Ulrike Grote liest die ungekürzte Fassung.

Regie führte Dörte Foede, die Aufnahme erfolgte im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg.

_Handlung_

Die etwa sieben oder acht Jahre alte Nim steht auf einer Palme und schaut zu, wie ihr Vater Jack Russo mit einem Segelboot die von einem Riff geschützte Lagune verlässt. Drei Tage lang wird sie jetzt allein auf der Insel mitten im großen blauen Ozean sein, denn ihre Mutter ist schon lange verschwunden, verschluckt von einem Wal, den ein Touristenschiff verjagte, wie ihr Jack erzählt hat. Seitdem hasst und fürchtet sie die Touristenschiffe, obwohl sie noch nie eines gesehen hat. Mutter war wie ihr Vater eine Wissenschaftlerin, die bloß die Tiere ihrer Umgebung erforschen wollte.

Und ganz allein ist Nim ebenfalls nicht, denn Selkie, die Seelöwin, beschützt sie wie ihr eigenes Kind, und Fred, der Leguan, setzt sich zu gern auf ihre Schultern. Galileo, der Fregattvogel, schwebt über den Strand, und Chica, die Seeschildkröte, kommt nachts an Land, um im Sand ihre Eier abzulegen. Man kann wirklich nicht sagen, dass Nim alleine sei.

Und dann hat sie ja noch Handy und Laptop, deren Akkus und Satschüssel ein Sonnenkollektor mit Strom versorgt. Und sie hat ihre Bücher. Ihr Lieblingsbuch, das sie gerade liest, ist „Höhenkoller“, in dem ihr Held Alex Rover die unglaublichsten Abenteuer besteht. Sie wünschte, sie selbst könnte einmal solche Abenteuer bestehen. Aber sie hat noch nie den Vulkanberg bestiegen, und sie ist noch nie auf den großen Ozean hinausgesegelt. Warum auch? Selkie trägt sie auf ihrem breiten Rücken überallhin.

Nach einem Sturm kann Nim ihren Vater nicht per Telefon erreichen. Wenn sie wüsste, dass Jack bewusstlos auf seinem Boot liegt und sein Steuerruder gebrochen ist, würde sie sich wirklich Sorgen machen. Aber so geht sie ihrer täglichen Routine nach, backt Brot, holt Gemüse und Früchte aus dem Garten und Wasser aus dem Pool am Rande des Graslandes. Und sie beantwortet E-Mails, denn ihr Vater verfasst und verkauft Fachartikel über seine Forschung. Sie soll bloß aufpassen, die Position der Insel nicht zu verraten, hat Paps ihr eingeschärft. Geht klar. Sie will echt keine Tropen-Trip-Touristen hier haben.

In einem Zeitungsausschnitt findet sie die Mailadresse von Alex Rover. Zu ihrer Verblüffung bekommt sie sofort eine Antwort. Und Alex Rover sagt, er sei gar kein Held. Na, sowas! Und er nennt sich sogar „Alexandra“. Wie, der Schöpfer ihres Helden ist eine Frau? Und Alex glaubt nicht, dass Nim allein auf einer einsamen Insel lebt. Frechheit! Alex bittet Nim um ein Experiment: Ist es möglich, aus Kokosnüssen ein Floß zu bauen? Könnte ihr Held Alex Rover sowas bauen und dann damit die Insel verlassen? Nim findet es heraus und baut zwei Flöße, die sich später als sehr wichtig erweisen.

Als Jack schon zwei Tage überfällig ist, beginnt Nim, sich Sorgen zu machen. Sie besteigt mit Fred den Vulkanberg, doch statt Jacks Segelboot sieht sie bloß den leeren Ozean. Als ein Beben den Berg erzittern und Lava spucken lässt, rennt Nim in Panik den Hang hinunter und verletzt sich am Knie. Ohne es zu ahnen, bekommt sie nach wenigen Tagen eine Blutvergiftung und fühlt Fieber aufsteigen. Sie braucht dringend Hilfe und mailt an Alex: Was würde Alex Rover tun, wenn er ein eiterndes Knie und komische rote Linien im Bein hätte?

Alexandra, die Schriftstellerin, die allein im 41. Stockwerk eines Wolkenkratzers wohnt, bekommt Panik: Ist Nim etwa wirklich ganz allein auf dieser Insel?! Sie rät Nim, wie sie das Knie behandeln soll und beschließt, selbst auf die Insel zu fliegen. Jetzt. Dabei hat sie sogar Angst davor, vor die Tür zu gehen, geschweige denn, ein Flugzeug oder ein Boot zu besteigen.

_Mein Eindruck_

Man fragt sich bestimmt, was dies alles mit dem seltsamen Titel zu tun hat. Nim will ihre Insel so lange wie möglich vor den „Tropen-Trip-Touristen“ verborgen halten, damit sie weiter in ihrem Paradies der Unschuld leben kann. Und da, wie sie von ihrem Vater weiß, die Touristen ihr die Mutter weggenommen haben, sollen die ihr nicht auch noch die Insel, ihre einzige Heimat, wegnehmen. Natürlich tauchen die Touristen eines Tages trotzdem auf.

Jetzt ist guter Rat teuer. Was liegt näher, als den Helden zu fragen? Alex Rover antwortet umgehend (Alexandra scheint rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen): Die Insel muss schrecklich und abweisend aussehen. Gesagt, getan: Nim spannt ihre sämtlichen Freunde ein. Dass es sich dabei um Tiere handelt, macht ja nichts, denn sie lebt mit ihnen in paradiesischer Eintracht, und die Tiere verstehen fast jedes Wort, das Nim zu ihnen sagt. Dies ist eine der besten und lustigsten Szenen der Geschichte. An dieser Stelle erweist sich die Geschichte als Märchen oder vielmehr Fabel, die eine Lehre vermitteln möchte. Aber für Siebenjährige sieht die ganze Welt ein wenig aus als für Erwachsene.

Im Grunde geht es in der Geschichte um etwas, was auch Erwachsene umtreibt: das Aufeinanderprallen von Welt und Vorstellung, von Helden und echten Menschen. Der Konflikt mit ihrer Vorstellung eines Helden wie Alex Rover beginnt für Nim damit, dass sich erst die Autorin als weiblicher Hasenfuß bezeichnet und sich dann herausstellt, dass Alex Rover nur eine Erfindung von ihr ist. Fies! Nim schreibt ihr einen bösen Brief, den sie aber gleich wieder den Flammen des Lagerfeuers überantwortet. Schließlich weiß sie, was sich gehört. Und ihre E-Mail klingt denn auch ganz anders. Als Alex endlich eintrifft, ist sie denn auch nicht schrecklich enttäuscht.

Aber auch Alex muss eine Entwicklung durchmachen. Auch sie lebt auf einer Insel, die sie selbst gewählt hat, die sie aber wegen ihrer Ängste anlegen musste. Nun muss sie aufgrund von Nims Hilferufe endlich ihre Auster verlassen – und siehe da: Es ist, als hätte die Welt nur auf sie gewartet. Mit Hilfe ihres großen Erzähltalents ist sie in der Lage, die Vorstellung der Touristenführer von der Insel, wohin sie segelt, entsprechend zu verbiegen, sodass die Jungs keinen Wunsch verspüren, mit ihr zu segeln. Geschichten sind Werkzeuge, um Gedanken zu manipulieren. Die Lektion lautet: Man sollte sie nur mit großem Verantwortungsbewusstsein anwenden.

Dass sie ihren eigenen Geschichten zu sehr vertraut hat, findet Alex zu ihrem Leidwesen schnell heraus: Ihr Boot gerät in einen Sturm und säuft ab! Ihre Vorstellungen stimmen mit der Realität eines solchen Sturms in keiner Weise überein. Symbolisch für ihr Angekettetsein an alte Illusionen steht der selbstgeknüpfte Knoten, den sie nicht aufbekommt. Gefesselt an ihr Boot, droht sie nun zu ertrinken. Wie gut, dass sie von Nim und Selkie gefunden wird.

Die Metapher der Perle, die Nim in einer Kokosnuss findet (ähnlich wie eine in einer Auster) weist den Leser subtil daraufhin, dass sowohl Nim als auch Jack und Alex jeweils in ihrer Muschelwelt leben. Sie haben sich gegen die Welt abgeschottet, doch dieser Zustand lässt sich nur um einen höher werdenden Preis aufrechterhalten. Nim gefährdet ihre eigene Gesundheit, weil sie allein ist. Jack wird auf seinem Boot, das er allein steuert, ein leichtes Opfer für Unfälle und Stürme. Alex ist ein Opfer ihrer neurotischen Ängste und braucht jemanden, dem sie sich anvertrauen kann und der ihr hilft, keine Angst mehr zu haben. Kurzum: Alle brauchen eine Familie. Und die besteht aus allem anderen als Helden, sondern aus Freunden.

_Die Sprecherin_

Weil das Hörbuch für Siebenjährige gedacht ist, darf sich die Sprecherin einige Freiheiten im Ausdruck nehmen. Damit spricht sie ihr junges Publikum viel besser an als mit erzählerischer Zurückhaltung. So verblüfft sie uns zunächst, indem sie das Bellen eines Seelöwen nachmacht, und zwar täuschend echt. Und weil dies eine Insel der Abenteuer ist, darf Nim auch Pirat spielen und rufen: „Achtung, Jungs!“

Wenn die Gase des Vulkans stinken, darf Nim husten, und wenn der Berg bebt, muss sie ganz SCHNELL und HASTIG den Hang hinuntereilen, bevor sie wieder Atem holen kann. Doch es geht in der Geschichte nicht nur um Nim. Jack singt an einer Stelle, als die Tropen-Trip-Touristen in Sicht kommen – und den Schiffbrüchigen glatt übersehen. Und Alexandra jammert und seufzt in einem fort, weil sie vor Angst in der großen weiten Welt kaum zu Atem kommt. Selbst wenn die Stewardess entzückt die weltberühmte Schriftstellerin verhätschelt und der Pilot ihr sogar das Cockpit zeigt – Alex bleibt ein bibberndes Etwas, das sich in seinen Sitz presst.

Sie ist erst wieder in ihrem Element, als sie der Crew der Tropen-Trip-Tour-Firma ihre Geschichte erzählt. Die Geschichte handelt eigentlich von Nims Insel, und sie ist dazu gedacht, diese Leute davon abzuhalten, Nims Insel zu suchen. Also erschreckt sie die Touristenführer, indem sie schreckliche Dinge erfindet, wie etwa stinkende Lavaberge und hungrige Drachen aus dem Meer. Dabei sinkt die Stimme der Sprecherin zu einem gespannten Flüstern herab, dass es die Crew schaudert.

Erst als Alex es auf die Insel geschafft hat und auch Jack wieder da ist, beginnt Nim über ihre Zukunft nachzudenken. Hier beginnt die Sprecherin ein wenig zu viel zu jammern, um zu vermitteln, dass Nim Angst vor der Welt da draußen hat und am liebsten auf ihrer Insel bleiben würde, zusammen mit Alex und Jack. Ob ihr Wunsch wohl erfüllt wird?

Etwas Musik und Geräusche hätten der Lesung wirklich gutgetan. Das Seelöwenbellen wenigstens trägt die Sprecherin selbst bei, und das ist auch richtig lustig. Nicht mal einen Jingle zur |Silberfisch|-Reihe gibt es. |Lübbe| bietet diesen zu seiner |Wellenreiter|-Reihe an.

_Unterm Strich_

Wie gut, dass heute niemand eine Insel mehr sein muss. E-Mail gibt es auch auf der einsamsten Insel, wenn man Wendy Orrs Geschichte von Nims Insel glauben möchte. Doch die Inseln bestehen in den Köpfen, und es ist ein schwieriges Aufeinanderzugehen nötig, bevor die Perle in der, ähem, Kokosnuss zum Vorschein kommt. Dass die Begegnung schon von Beginn an lebensrettend wirkt, zeigt Nims Geschichte ebenfalls. Aber das ist natürlich alles ein Märchen, oder? Wer aber will, der findet auch darin, wie in vielen Märchen, eine ganze Reihe wertvoller Lehren.

Lustig fand ich besonders Nims Abwehrkampf gegen die bösen, bösen Tropentriptouristen, die sie als Schurken bezeichnet. Jetzt weiß bestimmt ein Held wie Alex Rover Rat! Wie sich herausstellt, ist Nim selbst eine Heldin, doch ohne ihre Freunde Selkie, Fred und Chica würde sie den Kampf verlieren. Was ist also der Unterschied zwischen einem Helden und einem Freund, scheint die Autorin zu fragen, und braucht man Helden überhaupt, wenn sie sich doch irgendwann als Erfindung entpuppen? Das sind pädagogisch wertvolle Fragen, finde ich, und man kann anhand der Geschichte ganz unbefangen mit dem kindlichen Hörer darüber sprechen. (Oder wäre das schon wieder Heldentum?)

Ulrike Grote gestaltet das Hörbuch möglichst lebhaft und abwechslungsreich. Ein paar Hintergrundgeräusche und etwas Musik hätten ihr aber in den Ohren eines Kindes wertvolle Hilfestellung gegeben, um die Fantasie eines Kindes anzuregen. Dann hätte sich wohl der günstige Preis von knapp zehn Euronen nicht halten lassen können.

|Originaltitel: Nim’s Island, 1999
Aus dem Australischen Englischen übersetzt von Sabine Ludwig
149 Minuten auf 2 CDs|
http://www.hoerbuch-hamburg.com

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