Ortese, Anna Maria – Iguana

_Die Echsen des Paradieses – ein Märchen?_

Der Roman der Italienerin Ortense ist als „Romantisches Märchen“ untertitelt, doch wer nun an Elfenzauber denkt, liegt falsch. Vielmehr ist dieses schmale Buch von 200 Seiten eine aktuelle Parabel über die Unmenschlich- und Unnatürlichkeit unserer modernen Welt, der kein Retter mehr helfen kann – die Welt nach der Vertreibung aus dem Paradies.

_Handlung_

Den jungen Mailänder Grafen Aleardo verschlägt es bei seiner Suche nach Ländereien, die zum Verkauf stehen, auf eine gottverlassene Insel im Atlantischen Ozean, die nicht einmal in den Karten verzeichnet ist: eine Insel des Bösen, wie sein braver Matrose meint. Tatsächlich tragen sich seltsame Dinge auf Ocana zu: Drei Brüder, Sprösslinge eines heruntergekommenen portugiesischen Adelsgeschlechts, halten sich als Dienstmädchen ein Geschöpf, das halb Echse, halb Mensch ist, halb geduckte Kreatur, halb verwunschene Prinzessin. Und der jüngste der Brüder, ein junger Mann von engelhaftem Aussehen, umschattet vom Wahnsinn, verändert seine Physiognomie je nach Tageszeit.

Aleardo versucht, das Geheimnis der Insel zu ergründen, und verfällt doch immer mehr in einen Zustand, bei dem das Wachsein dem Traum gleicht und der Traum der Wirklichkeit. Er halluziniert sogar Gerichtsszenen, in denen sich Iguana, das Dienstmädchen, und er verantworten müssen. Er verliebt sich in das unglückliche Tierwesen, will es retten und damit das Böse, die Finsternis erlösen. Aleardo scheitert in seinem Bemühen, die Erfüllung seiner Zuneigung zu erreichen, doch wird diese durch die dazwischentretenden Mitglieder der menschlichen Gesellschaft vereitelt. Er stirbt im Wahn. Denn es kann keine Erlösung für die Iguana geben, die Verbannung von Mensch und Tier aus dem Paradies ist nicht mehr rückgängig zu machen. Und die unmenschliche Welt geht ihren alten Gang.

_Fazit_

Natürlich erinnert Ocana, die einsame, unbekannte Insel, an Shakespeares „Sturm“, aber auch an die Schatzinsel Stevensons – der Ort, an dem wir aus der Realität hinausgetragen werden. Einst war es der Garten Eden, war die Trennung zwischen Mensch und Tier noch nicht vollzogen, und die kleine Echse liebte und wurde wiedergeliebt. Gewiss ist die Iguana, das Kompositum aus Mensch und Tier, ein Sinnbild der unterdrückten Kreatur, der Natur an sich, die vom Menschen aufgegeben und der die Seele abgesprochen wurde.

Die Erzählung beeindruckt vor allem durch die Schönheit ihrer Sprache und die Tiefe der Einsichten, die die Autorin vermittelt.

|Ein Zitat|

„Er [Aleardo] fühlte außerdem, dass diese Reisen Träume und die Echsen Mahnungen sind. Dass es keine Echsen gibt, sondern nur Verkleidungen, die der Mensch ersinnt, um seinesgleichen zu unterdrücken, und die von einer schrecklichen Gesellschaft aufrechterhalten werden. Diese Gesellschaft hatte er verkörpert, aber jetzt trat er aus ihr heraus. Und darüber war er froh.“

|Die Autorin|

Anna Maria Ortese, geboren 1914 in Rom, lebte in Libyen, Neapel, Venedig, Mailand, Genua und Rom und ist seit 1978 in Rapallo ansässig. Ihr erstes Buch erschien 1937, zahlreiche Romane und Erzählungsbände folgten. „Iguana“ wurde in Italien erstmals 1965 publiziert.

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