Oth, René (Hg.) – Zeit der Frauen

_Die Zukunft der Frau kommt nicht aus Deutschland_

Frau zu sein in SF und Fantasy ist schwer, denn bisher war diese Literaturgattung eine Männerdomäne. Doch eine neue Generation von Schriftstellerinnen beschleunigt den Niedergang der weiblichen Archetypen, die von der SF übernommen wurden. Sie entwerfen neue Rollen für die Frau, zeichnen radikale Veränderungen in der Struktur der Familie vor und beschreiben bisher undenkbare Gesellschaftsformen und Kulturen, sie trennen Geschlecht und soziale Rolle, und auch Frauen tauchen als Außerirdische auf. (aus der Verlagsinfo)

_Der Herausgeber_

René Oth, geboren 1945, lebt in Luxemburg. In der Reihe Sammlung Luchterhand gab er eine Reihe von SF- und Fantasy-Bänden heraus, so etwa den Vorgänger dieser Sammlung, der den Titel „Als alles anders wurde. Phantastische Geschichten über die Zukunft der Frau von Science-Fiction- und Fantasy-Autorinnen“ (1985, SL 530) trägt.

_Die Erzählungen_

|1. Sektion: GESELLSCHAFT|

_1) Sonya Dorman: „Lebensende“ (The living end)_

Hochschwanger kommt sie in die Klinik und findet den Weg zur Abteilung für Vorsorge und Seelische Ausgewogenheit. Die Wehen haben schon eingesetzt, und das Baby versetzt ihr Tritt um tritt, doch die ältliche Dame an der Rezeption will erst ihre Daten aufnehmen. Sie fürchtet, sie muss das Baby hier auf dem Stuhl zur Welt bringen. Von Kreißsaal weit und breit nichts zu sehen.

Nachdem mehrere Gliedmaßen registriert worden sind, bequemt sich die Rezeptionistin endlich dazu, das Hologramm einzuschalten. Endlich! Da sind sie, die Ärzte, die sich um sie kümmern, und sie holen auch den kleinen Jungen zur Welt. Mit flachem Bauch kann sie endlich wieder gehen, die Schwangerschaftspillen in der Hand. Vielleicht bis zum nächsten Monat …

|Mein Eindruck|

Da nichts erklärt wird, muss sich der Leser seinen eigenen Reim auf diese rätselhafte Szene machen. Ist die Ich-Erzählerin wirklich schwanger, wie sie es erlebt? Von einer geplatzten Fruchtblase ebenso wenig die Rede wie von Fruchtwasser, und die Erzählerin ist in der Lage, trotz der putativen Wehenschmerzen alles, was um sie herum vorgeht, ganz genau zu beobachten.

Da die ganze Entbindung schon mit dem Abspielen eines Holofilms erledigt ist, liegt der Verdacht nahe, dass alles nur Einbildung ist. Die Entbindungsphantasie scheint ein Bedürfnis zu erfüllen, eines, das sie schon nächsten Monat wieder befriedigen muss. Aber welches? Offenbar werden in dieser Gesellschaft keine Kinder geboren, sondern vielmehr großer Wert auf Ersatzgliedmaßen gelegt. Ist die Gesellschaft also in Wahrheit überaltert und kinderlos?

Eine andere Lesart bietet sich wie folgt an. Die Entbindung findet tatsächlich statt: „Ein Junge, entbunden in acht Minuten“, protokolliert die Assistentin. Und die Patientin darf die nächsten fünf Jahre Kinder gebären, wenn sie will, um dafür Vergünstigungen zu bekommen. Aber das Kind darf sie nicht nach Hause nehmen. Woher kämen sonst die Ersatzorgane her?

_2) Kate Wilhelm: „Das Begräbnis“ (1976)_

Die junge Clara ist eine Nichtbürgerin, die im Mädcheninternat der Madam Westfall erzogen und zur Lehrerin ausgebildet wird. Die Bürger leben drunten in der Stadt und kommen manchmal vorbei, um sie zu begutachten, insbesondere ihren jungen, frischen Körper. Clara muss täglich wie die anderen Schülerinnen, die in Grau gewandet sind, am gläsernen Sarkophag der Gründerin wachen.

Die Rektorin Madam Trudeau will, dass Clara ein Tagebuch führt, in dem sie vermerkt, was die Gründerin zu ihr gesagt hat, als sie mit ihr zusammen war. Nun erinnert sich Clara in ihrer Zelle, wie die Gründerin von einem Krieg erzählte und dass „nur wenige von der Miliz verschont“ wurden. Doch wer und von wem? Danach kam dann die Seuche, die nur wenige übrig ließ. Und die Gründerin erwähnte etwas, dass die Bürger wollten, dass sie etwas nach deren Ebenbilde erschuf und erzog – die Schülerinnen? Einige Lehrfilme Madam Trudeaus sorgen dafür, dass Clara alle Ambitionen, eine Dame zu werden, einstellt.

Die Bestattungsfeierlichkeiten für die 120-jährige Gründerin der landesweit verbreiteten Schulen für Männer und Mädchen werden in deren Elternhaus, das nun ein Nationaldenkmal ist, fortgesetzt. Die 14 Mädchen werden in zwei Zimmern untergebracht. Als die zehnjährige Lisa Clara beichtet, dass sie ihr Notizbuch vollgekritzelt hat, statt es mit Zitaten der Gründerin zu füllen, ordnet Madam Trudeau an, dass Clara die Sünderin auspeitschen muss. Erstmals verspürt Clara dabei Hass, und Madam Trudeau triumphiert.

Doch wenig später wird Clara selbst verpetzt und soll zur Strafe Lisa täglich auspeitschen. Sie weigert sich, denn sie hat einen Ausweg gefunden: jene „Höhle“, nach der Madam Trudeau seit über einem Jahr sucht. Es handelt sich um ein Zimmerchen im Zwischenstock, und dort sind jene Amateurfunkgeräte deponiert, die Steve Westfall erfand und die die Regierung dringend haben will.

Hier finden Clara und Lisa ihr Versteck, ein letztes Stückchen Freiheit und Unschuld, aus dem es kein Entrinnen gibt …

|Mein Eindruck|

Wie man sieht, geht es in der Geschichte um zwei Beerdigungen, die der Gründerin und die von Clara und Lisa, die in ihrem Versteck verdursten. Erschreckenderweise sind sie die Opfer einer Gesellschaft, die auf Hass aufbaut. Die Bürger hassen die Nichtbürger, also unfreien Leibeigenen, und freuen sich, wenn diese den Hass übernehmen und an ihren Schicksalsgenossen auslassen.

Das Rätsel besteht darin, wie es zu dieser Art von repressiver, pseudoviktorianischer Gesellschaft kommen konnte, die die Autorin schildert. Denn es war ja die 120-jährige Gründerin selbst, die einst das Opfer von Krieg und Repression wurde. Warum also errichtete ihrerseits ein Schulsystem, das Repression und Hass fördert? Erst spät wird das Geheimnis gelüftet: Miss Westfall wurde ohne Erinnerung gefunden. Nun versucht Madam Trudeau, ihre mutmaßliche Nachfolgerin, Westfalls Äußerungen gegenüber den Schülerinnen zusammenzusetzen, um herauszufinden, was Westfall vor ihrem Auffinden tat – oder versteckte.

Zweimal wird angedeutet, dass es jenseits der engen Grenzen der Nation Wilde gibt. Bei der Bestattung ist ein wildes, höhnisches Gelächter zu hören. Und als Clara stirbt, vermeint sie, dieses Gelächter erneut zu hören. Denn es ist das Gelächter der Freiheit.

_3) Hilary Bailey: „Schwestern“ (1976)_

Angela Bude ist die Vorstandsvorsitzende einer Ingenieursfirma und als solche verfügt sie sowohl über Macht als auch Freunde. Das dachte sie zumindest bis zu diesem Morgen, als sie Lady Flora Goodman, die Frau ihres Ko-Vorsitzenden und Geliebten Frederick Goodman aus ihrem, Angelas, Büro kommen sieht. Was hatte Flora dort zu suchen? Als kurz danach der Aktienkurs der Firma unerklärlicherweise zu klettern beginnt, lässt Angela Fingerabdrücke nehmen – doch Floras Büro ist verschlossen.

Es ist Februar 2015 und Wochenende , als Angela ihre Schwester Judith Briggs anruft. Diese lebt draußen auf dem Lande und erwartet ihr fünftes Kind. Angela stellt sich mit Schaudern vor, wie Judith wie ein Pferd schuftet, um ihre Kleinen und die senile Mutter durchzubringen. Judith erzählt von Kranken und sogar Toten im Dorf. Angela will mal vorbeischauen, nicht zuletzt deshalb, weil in der Nähe eine Forschungsanlage ihrer Firma liegt.

In einer Teestube am Ort hört Angela davon, dass eine unbekannte Krankheit ausgebrochen sei, die weder der Tier- noch der Menschenarzt zuordnen können. Sie überlegt es sich anders, betritt die Forschungsanlage und macht Druck. Zu ihrer Bestürzung erfährt sie von dem kriecherischen Leiter, der schon vor Monaten hat abgelöst werden wollen, dass hier ein tödliches Virus für den Export in afrikanischen Konfliktstaaten produziert – und an der eigenen Dorfbevölkerung getestet worden ist. Angela verständigt das Verteidigungsministerium.

Was wird sie bei Judith vorfinden, fragt sie sich bang. Falls sie im Schneetreiben überhaupt zu Judiths Bauernhof gelangt.

|Mein Eindruck|

Zwei sehr unterschiedliche Frauen werden hier porträtiert, zwei Frauenlebensentwürfe, die auch heute, 35 Jahre später, noch von unglaublicher Aktualität und Relevanz sind. Angela ist die Karrierefrau, die Kinder ablehnt und sich auf Macht, Annehmlichkeit und Freunde verlässt, um zu überleben. Sie ist, kurz gesagt, ein Mann in Frauenkleider, der Traum jeder Feministin – und der ihrer Mutter.

Judith ist eine Frau, mit der gebärenden Macht einer Frau, und hat sich bewusst für dieses Leben entschieden. Denn wenn die Angelas gewinnen, dann wird die Bevölkerung, wie für 2015 vorausgesagt, zur Hälfte aus arbeitslosen Senioren bestehen (es gibt dazu eine Szene im East End von London), die alle Rente beziehen wollen – und zur anderen Hälfte aus Männern und Frauen, die sich dafür abrackern müssen. Aber wer soll für den Nachwuchs sorgen? Am Schluss wird es nur noch zwei Angelas geben, mutmaßt Judith, die sich auf ihren goldenen Thronen überlegen, wie sie die andere am besten aufs Kreuz legen.

Dieses Horrorszenario namens „demographische Entwicklung“ war bis vor wenigen Jahren dicht davor, Wirklichkeit zu werden. Die Story thematisiert die Problematik zwar etwas schablonenhaft, aber nur, um Pro und Kontra deutlich abzugrenzen. Die Ironie der Sache liegt darin, dass der Feminismus, verkörpert in der senilen Mutter der Schwestern, Erfolg gehabt hat: Frauen sind endlich Männern gleichgestellt – und sind nun ebenso wie diese am Export von Killerviren beteiligt.

Hilary Bailey, die lange Jahre die Gattin von Michael Moorcock, einem der wichgsten britischen SF-Autoren und -Herausgeber, war, erzählt ein in menschlicher Hinsicht glaubwürdiges Szenario, das aber thematisch überspitzt ist, um Durchschlagskraft zu entwickeln.

|2. Sektion: POLITIK|

_4) Katia Alexandre: „Zeit der Masken“ (1976)_

Im Jahr 2092 haben die Frauen einen Staat errichtet, in dem sie dominant sind. Die Überwindung der selbstmörderischen Männerherrschaft ist durch die Psychologie des Gath gelungen, die alle Frauen zu Sprechpartnern oder Gnadenpartnern macht. Doch heute tritt die Präsidentin einen Bußgang in den Tempel der Gnade an, denn sie hat ihr stellvertretenden Chefin der Staatssicherheit den Auftrag gegeben, ihren Geliebten, den Komponisten Rylsen, zu liquidieren.

Voller Selbstzweifel sucht die im Tempel maskierte Präsidentin, die sich hier „Jane [Eyre]“ nennt, das Gespräch der Beichte. Doch sie trifft auf die Chefpsychologin Bab-Mary Way. Diese weiß viel zu viel über sie. Als die Präsidentin herumdruckst, wird klar, dass es mit einer Beichte nichts wird. Und hinterher gilt es einen weiteren Liquidierungsauftrag zu erteilen …

|Mein Eindruck|

Der Herausgeber nennt diese Geschichte auf frauenfeindliche Weise feministisch. Der Grund liegt darin, dass hier die inzwischen überholte und widerlegte Psychologie Sigmund Freuds zugrundegelgt wird, um die Herrschaft, die die Frauen mit Hilfe der Gath- = Freud-Psychologie errichtet haben, zu desavouieren. Denn auch Frauen, hier vertrete durch die Präsidentin, sehen sich gezwungen, ihre Macht zu zementieren, indem sie Mitwisser eliminieren, genau wie einst die Männer. Und wenn Männer liquidiert werden, so kann frau nicht damit leben, sondern muss beichten, um Buße zu erlangen.

Wie auch immer man dieser verschwurbelten Geschichte gegenüberstehen mag, so ist sie doch extrem langweilig zu lesen, denn es passiert rein gar nichts.

_5) Marianne Leconte: „Dreimal J“ (1976)_

Judith, Jane und Julie liegen am Strand der Karibik beim Sonnenbaden, als Jane auf einmal einen Rappel bekommt und zetert, die anderen beiden würden sich wie Nutten oder Mätressen von den Männern aushalten lassen. Jeder Protest gegen diese Anweürfe erweist sich als zwecklos, und Jane stapft als Rebellin von dannen. Na, das kann ja was werden, fürchten die beiden anderen.

Später zeigt Jane ihrer Freundin Julie das Manuskript eines Romans, in dem sie den Entwurf einer Frauenrepublik darstellt. Junge Mädchen werden auf Gynecea zu liebevollen Sklavinnen erzogen, die auf alle Welten exportiert werden, wo starke Männer sie haben wollen. In einer lustbetonten Szene jedoch erleidet die Liebeskatze eine schmerzhafte Halluzination, in der die Vegetation um sie herum sie auspeitscht, um sie dafür zu bestrafen, dass sie sich als Frau zum Objekt machen lässt. Jane berichtet, dass sie mit Judith gebrochen habe, seitdem diese den Präsidenten der Welt geheiratet habe.

Der Präsident der Welt kehrt von einem stressigen Arbeitstag zu Judith nach Hause zurück, die ihn erst verwöhnt, dann ausfragt. Er bittet sie um einen beruflichen Gefallen, den sie allerdings hinterfragt. Offenbar hat ihr Göttergatte vor, die Bevölkerung eines neu entdeckten Planeten namens Terra II, auf dem viele Energiequellen auf ihre Ausbeutung zu warten, übers Ohr zu hauen. Sie gibt erst klein bei, um dann dafür zu sorgen, dass solche Praktiken von Rechts wegen untersagt werden.

In der letzten Szene ist Jane, die Rebellin gefangen worden und wird nun dem Tribunal der Frauen vorgeführt. Sie soll ihr urteil empfangen. Es besteht darin, dass sie von den Telepathinnen selbst zu einer Telepathin gemacht wird. Bringt sie das endlich zu dankbarer Einsicht? Mitnichten! Vielmehr will sie ihre Gabe sowohl Frauen und Männern schenken. Wie töricht sie doch ist, denkt Judith. So etwas kann sie nie und nimmer zulassen, denn sonst würden die Frauen ihre verborgene Macht verlieren, mit denen sie die Männer manipulieren. Jane erleidet das traurigste und endgültigste Schicksal …

|Mein Eindruck|

Ähnlich wie in „Die Zeit der Masken“ verfügen also in Wahrheit die Frauen über die Macht in der Gesellschaft, und jeder Versuch, diese Macht zu untergraben, wird mit einem Todesurteil sanktioniert. Der Unterschied in der Machtausübung liegt lediglich in dem Grad der Offenheit. Beide Präsidentinnen, Jane wie Judith, benutzen die Männer wie ihre Schoßhündchen. Judith ist dabei wesentlich verschlagener, denn sie lässt ihren Mann im Glauben, er übe die Macht aus und sie kusche lieber.

Diese interessant formulierte Erzählung bietet viel Abwechslung, überraschende Wendungen, einen lustbetonten, erotischen zweiten Akt und ein dramatisches Finale. Auf diese Weise unterhält sie den aufgeschlossenen Leser, der mit ungewöhnlichem Stil etwas anfangen kann, auf nachdenklich machende Weise.

|3. Sektion: SEXUALITÄT UND MYTHOS|

_6) Kit Reed: „Die Mastfarm“ („The Food Farm“, 1966)_

Nelly liebt es zu essen. Viel zu essen. Besonders dann, wenn sie ihrem Lieblingssänger Tommy Fango zuhört – wenn sie wie alle anderen „eingestöpselt“ ist. Tommy liebt beleibte Frauen. Und so gibt sich Nelly Fressorgien hin, heimlich allerdings, denn ihre Eltern sind entsetzt über ihren wachsenden Leibesumfang. Bis sie eines Tages so weit gehen, die Polizei zu holen und Nelly einweisen zu lassen – in die Schlankheitsklinik.

Hier lernt sie Ramona kennen, die das gleiche Problem hat. Aber indem sie einander helfen und Nelly sogar ausbricht, gelingt es Nelly ihr Problem mit anderen Augen zu sehen. Für Tommy Fango ist sie selbst zwar inzwischen zu mager, doch das muss ja nicht für andere Mädels gelten. Fortan übernimmt sie das Kommando in der Schlankheitsklinik und funktioniert diese zur titelgebenden Mastfarm um. Irgendwann wird eines ihrer Mädchen dem Schönheitsideal von Tommy Fango entsprechen …

|Mein Eindruck|

Die Ironie der „Bekehrung“ der Hauptfigur dürfte keiner Leserin entgehen. Es ist eine doppelte: Erst wollte Nell selbst dem Ideal ihres männlichen Idols gefallen, doch als dieser sie ablehnte, konvertiert sie ihre Geschlechtsgenossinnen, bis dieser Glücksfall eintritt – sozusagen stellvertretender Erfolg für Nell.

Bezeichnend ist, dass in beiden Fällen ein Mann das Ideal vorgibt, dem die Frauen willig folgen. Sie opfern dafür erst den Frieden mit ihrer Umwelt (Elternhaus), dann ihre Gesundheit und schließlich die ihrer Geschlechtsgenossinnen. Bemerkenswert ist hier, dass anders als in Piers Anthony Story „In the Barn“ (Heyne Story-Reader 3) nicht Männer das Mästen und Ausbeuten besorgen, sondern Frauen an ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen.

Die Autorin hat diese Mechanismen fein säuberlich versteckt und sie als Erlebnisse und Ansichten ihrer Ich-Erzählerin Nell ausgegeben. Deshalb stehen Gefühle wie Lust und Unlust dominant im Vordergrund, ebenso die Hingabe an das Ideal ihrer Träume. Unklar bleibt lediglich, welche Rolle das „Eingestöpseltsein“ spielt: Es scheint sich um eine Dauerberieslung mit Schnulzenmusik zu handeln. Nells Lieblingslied heißt „When a Widow“, und offenbar geht es um eine Leerstelle, die die Hörerin füllen könnte – raffiniert.

_7) Carol Emshwiller: „Abscheulich“ (1980)_

Eine Expedition von Politikern hat sich ins Hochland begeben, um die mystischen Frauen zu suchen und einzufangen. Sie haben sich als Marinesoldaten verkleidet, denn das soll die gesuchten Weibchen anlocken. Außerdem verfügen sie und besonders ihr forscher Kommandant über Fotos, um die gesuchten Wesen identifizieren zu können, sollten sie auf sie stoßen. Man beachte die Brüste, die ausladenden Hüften und das, äh, Unaussprechliche. Glasperlen und ausgelegte Bananen dienen als Lockmittel, um das flüchtige Wild anzulocken. Mann ja nie wissen, was funktioniert.

Da, auf dem Hügelkamm! Da steht eine auf einem Bein, wie es scheint. Vielleicht ist aber auch nur ein Bär. Im Gegenlicht der grellen Sonne ist das schwer auszumachen. Schon ist sie fort. Wie schade. Die Suche geht weiter. Gerüchteweise haben sich die Frauen ein unterirdisches Reich geschaffen, in dem sie backen, kochen und aus tiefgefrorenen Samen Kinder aufziehen, so dass sie permanent schwanger sind.

Der Psychoanalytiker hat eine Skizze geliefert (im Text abgedruckt), wie sich das scheue Wild möglicherweise anlocken und fangen ließe. Man müsste auf schlaue Weise eine Art Ersatzziel vorgaukeln, indem ihr Id sich mit vom männlichen Superego ablenken und einem neuen Ziel zuweisen lässt. Schlau ausgedacht, doch leider scheint es nicht zu klappen. Die Bananen, die mann in der Nacht auslegte, sind alle weg.

Schließlich wird die Pirsch ergebnislos abgebrochen. Sowohl die zugemessene zeit als auch das Budget sind erschöpft. Unser Chronist hinterlässt einer gewissen „Grace“ eine Botschaft aus möglichst einfachen Zeichnungen, wie etwa einem Herzen, Frage- und Ausrufezeichen und dergleichen. Wer weiß, auf welchem Intelligenzniveau sich die Weibchen befinden? Zusammen mit dem Psychanalytiker macht er sich enttäuscht auf den Rückweg in die Zivilisation …

|Mein Eindruck|

Die Autorin stützt sich auf Traditionen der phantastischen Literatur, insbesondere auf die Suche nach dem „abscheulichen Schneemenschen“ (auch Yeti oder Bigfoot genannt). Andererseits gemahnt die Prämisse der Geschichte an Philip Wylies Roman „Das große Verschwinden“ aus dem Jahr 1951, in dem alle Frauen verschwinden.

Die Erzählung lässt sich wie so viele SF-Erzählungen auf zwei Ebenen lesen. Was tatsächlich geschieht, ist die Suche nach jenen legendär-mystischen Wesen. Gerüchte über ihre Existenz, ihre Einstellungen, ihr Aussehen und ihre Lebensweise und Werte kursieren unter den Männern des Suchtrupps wie Geschichten über den sagenhaften Yeti.

Auf der metaphorischen Ebene behandelt die Story die Art und Weise, auf die Männer in ihrer sexuellen Verwirrung (anno 1980), kulturellen Ignoranz und in ihren Identitätskrisen unfähig sind, Frauen und deren Bedürfnisse – etwa Zornesausbrüche und Ärger – zu verstehen. Beide Geschichtsebenen werden in einer einfachen, aber beschwörenden Sprache erzählt. Erkenntnis schleicht sich auf indirektem Wege ein – durch in Klammern gesetzte Einschübe.

_Die Übersetzung _

Helga Abret (Frz.) und Michael Nagula (Engl.) haben sich große Mühe gegeben, das Original in verständliches Deutsch zu übertragen. Doch Helga Abret ist nicht immer gelungen. So findet sich in „Dreimal J“ das Wort „machinal“, das wohl „maschinenhaft“ bedeutet. Man hätte es auch durchaus so stehen lassen können.

Auch die Art und Weise, wie in den beiden französischen Erzählungen Dialog dargeboten wird, ist gewöhnungsbedürftig: nämlich nicht mit Spitzkommata >>, sondern mit einfachem Gedankenstrich: -. Hingegen sind die Gedanken des inneren Monologs in Spitzkommata und kursiv gesetzt, so dass sich leicht Verwirrung einstellen kann. In den Texten aus dem Englischen treten solche Besonderheiten nicht auf.

Auf Seite 112 taucht das Wort „Konservation“ auf. Es müsste eigentlich „Konversation“ lauten, um an dieser Stelle einen Sinn zu ergeben. „The living end“, der Titel von Sonya Dormans Erzählung, bedeutet auch das unter Strom stehende Ende eines Kabels („live wire“).

In einem ANHANG listet der Herausgeber Oth die bibliografischen Biografien der Autorinnen auf und nennt ihre wichtigsten Werke. Allein die von Kate Wilhelm, der 1928 geborenen Veteranin, umfasst zwei Seiten (!).

_Unterm Strich_

An den sieben Erzählungen fällt besonders bei den französischen auf, dass sie sehr überholt wirken – was doch ein Vierteljahrhundert für einen Unterschied machen kann. Die Machtansprüche der Frauen, die von den Französinnen so vehement erhoben werden, haben sich mittlerweile in einer Politik der Gleichberechtigung niedergeschlagen, die allerdings nur seh zäh vorankommt, ganz besonders hierzulande.

Dass nur Frauen über telepathische Kräfte verfügen sollen, war allerdings schon immer ihr Wunschtraum. Und dieser manifestierte sich nicht nur in der Erzählung von Marianne Leconte, sondern dutzendweise bei Marion Zimmer Bradley (Darkover-Serie), Diana L. Paxson (ihrer Mitautorin) und Jo Clayton (Diadem-Serie etc.). Es sind Wunscherfüllungsphantasien, in denen die Frau endlich ihren Mann stehen kann, allerdings mit den ihr eigentümlichen Kräften, wie Einfühlungsvermögen, Telepathie, Hellseherei und dergleichen.

Davon sind die hier vertretenen Amerikanerinnen weit entfernt. Carol Emshwiller beklagt satirisch das Verschwinden der Frauen, während Kate Wilhelm die Unterdrückung junger Frauen durch hasserfüllte „Gründerinnen“ einer neoviktorianischen Repressionsgesellschaft anprangert. Kit Reed haut auf völlig andere Weise in die gleiche Kerbe.

Sonya Dorman warnt vor der Reduktion der Frau auf ihre Gebärfähigkeit, Hilary Bailey tut dies ebenfalls, stellt die Gebärfähigkeit aber positiv der Vermännlichung der Frau gegenüber, die in einer unmoralischen Machtausübung zu resultieren droht. Durchgehend sind die Warnungen vor der Verdinglichung und Vermännlichung der Frau nicht zu übersehen.

Der Herausgeber hat diskussionswürdige Entwürfe zusammengetragen und sie mit biobibliografischen Daten unterfüttert. Merkwürdig ist aber schon, dass es keine einzige deutsche Autorin in diese Auswahl geschafft hat, gerade so, als fände hierzulande keine SF-mäßige Beschäftigung mit Emanzipation und gesellschaftlicher Zukunft statt – was keineswegs der Fall ist, wie viele Anthologien gezeigt haben, etwa aus dem Wurdack-Verlag (siehe meine Berichte zu „Die Audienz“ und „Molekular-Musik“).

Fazit: vier von fünf Sternen.

|Taschenbuch: 169 Seiten
Info: Originalanthologie
Aus dem US-Englischen und Französischen von Helga Abret und Michael Nagula
ISBN-13: 978-3472616337|
http://www.randomhouse.de/luchterhand

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